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Gesellschaft

Das ist doch immer MÖGLICH

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

"Nicht-Amerikaner, Nicht-Weiße, Nicht-Christen, Nicht-Männer, Nicht-Arbeitende Erst wird über Ausschlüsse gesprochen -und schon sind sie da und heißen: Konzentrationslager."

Dieser Präsident ist vor allem ein genialer Schauspieler. Doch noch wichtiger ist "seine ungewöhnliche Fähigkeit, echt erregt zu sein durch seine Zuhörer und mit ihnen und sie durch ihn und mit ihm." Abgesehen davon, ist er aber ein ziemlicher Durchschnittsmensch. "Oh, er war durchschnittlich genug. Er besaß jeden Nachteil und jedes Verlangen eines jeden amerikanischen Durchschnittsbürgers. [ ] Er hielt den Genuss von Austern und Kaviar, Spazierstöcke, Titel, Teetrinken und alle Dichtung, die sich nicht für Tageszeitungen eignete, sowie alle Ausländer, die Engländer vielleicht ausgenommen, für degeneriert." Doch er ist eben kein normaler Durchschnittsmensch, denn er ist "zwanzigfach vergrößert durch sein Publikum. Es erblickte ihn, während er nicht einen Deut mehr sagte, als ein jeder von ihnen auch hätte sagen können und darum begreifen konnte, wie einen Turm hoch über sich und hob die Hände in Verehrung zu ihm auf."

Die Presse? Lügt und verleumdet, sagt der Präsident. Er kämpft für die "Vergessenen Männer", schürt die Wut auf Intellektuelle und Eliten und verkündet lauthals, dass er dafür sorgen werde, dass das Geld im Land bleibt und die USA unabhängig von Importen werden. Auf die übrige Welt könne man pfeifen. Eine Stunde nach seinen Reden wissen Zuhörer zwar nicht mehr, was er eigentlich gesagt hat, trotzdem oder deswegen hat er die Wahl gewonnen. Der Fehler seiner Gegner? Anstand und Vernunft zu repräsentieren, "in einem Jahr, da das Wahlvolk etwas fürs Herz verlangte, nach den gepfefferten Sensationen hungerte, [] und all diese primitiven Sensationen genossen sie", wenn er "seinen Mund auftat und brüllte."

Nein, die Rede ist hier nicht von Donald Trump, sondern von einer 1935 erfundenen Romanfigur namens Buzz Windrip. Ähnlichkeiten mit dem gegenwärtigen Präsidenten der USA sind rein zufällig -oder eben auch nicht. Denn der Nährboden für populistische Agitation und rechtes Ausschlussdenken, die politische Situation der 1930er-Jahre und der Gegenwart ähneln einander auf gespenstische Weise.

Sinclair Lewis -übrigens der erste amerikanische Literaturnobelpreisträger - hat seinen Roman "It can't happen here" ("Das ist bei uns nicht möglich") bereits 1935 geschrieben. Dass dieses Buch 80 Jahre später zur Zeit jenes Wahlkampfs, den Trump schließlich für sich gewinnen konnte, in den USA so oft zitiert und auf die Bühne gebracht wurde, verwundert nicht. Die Parallelen der Figur des Präsidenten (inklusive des "satanischen Sekretärs" und ehemaligen Chefredakteurs, der im Hintergrund die Fäden zieht) und der Themen (etwa dass das Großkapital, gegen das der Präsident als Kandidat ausgezogen war, nun "seine große Zeit erlebt") sind unheimlich. Bedeutsamer aber scheint für die Lektüre in der Gegenwart, wie präzise Sinclair Lewis in seinem Roman die Mechanismen beschreibt, wie rasch Demokratie ausgehebelt werden kann.

Freiwillige Helfer

Kaum ist nämlich Buzz Windrip an der Macht, werden liberale Mitglieder des Obersten Gerichtshofs ersetzt durch enge Freunde. Windrip wünscht, Legislative und Exekutive in der Hand des Präsidenten zu vereinen, "der Oberste Gerichtshof darf nichts als verfassungswidrig erklären, was dem Präsidenten zu tun beliebt". Weil dieser Forderung nicht nachgekommen wird, erklärt der Präsident für die Dauer "der gegenwärtigen Krise" den Kriegszustand und lässt "über hundert Kongressmitglieder durch Minuten-Männer verhaften", durch Männer also aus jener Armee der Freiwilligen, die nun helfen, das Terrorregime zu verwirklichen.

Das große Aussortieren beginnt: Nicht-Amerikaner, Nicht-Weiße, Nicht-Christen, Nicht-Männer, Nicht-Arbeitende ... Das Prinzip Verachtung funktioniert, denn: "Jedermann ist ein König, solange er noch einen unter sich hat." Da merkt man auch nicht gleich, dass man selbst gerade ausgebeutet wird. Lewis erzählt, wie aus Worten und Kampfrhetorik -also durchaus angekündigt, wenn man nur hören wollte - Taten werden. Erst wird über Ausschlüsse gesprochen -und schon sind sie da und heißen: Konzentrationslager.

Während Hitler seine ersten Konzentrationslager errichtete und noch bevor er Massenermordungen anordnete, schrieb Sinclair Lewis diesen hellsichtigen Roman. Die wirtschaftliche Depression und eine Arbeitslosenquote von 25 Prozent boten radikalen Ideologien auch in den USA ideale Nährböden. Lewis wusste aber auch über das, was in Deutschland und Europa vor sich ging, gut Bescheid. Seine Ehefrau Dorothy Thompson leitete das Berliner Büro der New York Evening Post. 1932 erschien ihr Buch "I Say Hitler", sie beschrieb Hitler als theatralisches und medienwirksames Talent, traute ihm aber nicht zu, an die Macht zu gelangen.

Sinclair Lewis hingegen spielte literarisch durch, was passieren könnte, nahm einiges vorweg, was dann in Deutschland wirklich geschah. Vorbild für Sinclair Lewis waren aber nicht nur die Vorgänge in Europa, sondern auch der populistische demokratische Senator Huey Long, den Thompson in Washington interviewte, wobei sie merkte, dass er Fakten verdrehte, wie es ihm gerade gefiel.

Nicht immer ist der Text einfach zu lesen -die deutsche Übersetzung ist jene des 1938 emigrierten Schriftstellers Hans Meisel, 1936 in einem Amsterdamer Exilverlag erschienen, im Deutschen Reich verboten und erst 1984 wieder aufgelegt -, die Lektüre lohnt. Und Lewis belohnt mit viel satirischer Bissigkeit. "Noch nie in der Geschichte der Vereinigten Staaten hatte es so zufriedene Anhänger eines Präsidenten gegeben; sie erhielten nicht nur alle Posten, die es gab, sondern mindestens genau so viele, die es nicht gab."

Im Mittelpunkt des Romans steht der liberale Zeitungsherausgeber Doremus Jessup, wohnhaft in einer Kleinstadt in Vermont. Er schreibt zwar in seinen Leitartikeln gegen die Regierung, aber nicht sonderlich scharf. Denn er kann nicht glauben, dass "diese komische Tyrannei" Bestand haben wird, auch weil der Diktator gar keine Ähnlichkeit "mit den hitzigen Hitlers und fuchtelnden Faschisten" zu haben scheint.

Scheitern der Intellektuellen

Lewis erzählt, wie Anpassung passiert, wie sich Misstrauen einschleicht, er thematisiert aber vor allem mit der Figur des Doremus Jessup das Scheitern der Intellektuellen, die sich entweder dem Neuen sogar zuwenden oder aber nicht deutlich genug dagegen vorgehen, weil sie die Sache nicht ernst nehmen, womöglich sogar jene, die sie ernst nehmen, als hysterisch bezeichnen. "Das ist bei uns nicht möglich" - mit diesem Satz beruhigt sich der gebildete Bürger, obwohl er merkt, dass gerade etwas vor sich geht, was gefährlich werden könnte.

"Das Thema des Buches ist weniger Machtmissbrauch oder Revolution als vielmehr die Krise des Liberalismus, die Hilflosigkeit eines sich als aufgeklärt, gebildet und gut informiert verstehenden Bürgertums angesichts einer sich stetig steigernden und immer aggressiver auftretenden allgemeinen Idiotie der Massen", schreibt Jan Brandt in seinem Nachwort zur deutschen Neuauflage. Jessup merkt -als politischer Gefangener, also zu spät -, dass die Tyrannei dieser Diktatur nicht so sehr das Werk des Großkapitals oder der Demagogen ist, sondern auch sein eigenes. Ein Werk all "der gewissenhaften, ehrbaren, nachsichtigen Doremus Jessups, die den Demagogen das Tor geöffnet haben, weil sie sich nicht heftig genug widersetzten."

"Freiwillig geben sie ihre Freiheit auf und überantworten sie der Staatsgewalt", schrieb Dorothy Thompson, bevor sie 1934 Deutschland verlassen musste, über die Geschehnisse in Europa an ihren Mann. Entmutigt hatte sie nicht nur die "Hilflosigkeit der Liberalen, sondern vielmehr ihre Fügsamkeit".

"Nicht-Amerikaner, Nicht-Weiße, Nicht-Christen, Nicht-Männer, Nicht-Arbeitende Erst wird über Ausschlüsse gesprochen -und schon sind sie da und heißen: Konzentrationslager."

Dieser Präsident ist vor allem ein genialer Schauspieler. Doch noch wichtiger ist "seine ungewöhnliche Fähigkeit, echt erregt zu sein durch seine Zuhörer und mit ihnen und sie durch ihn und mit ihm." Abgesehen davon, ist er aber ein ziemlicher Durchschnittsmensch. "Oh, er war durchschnittlich genug. Er besaß jeden Nachteil und jedes Verlangen eines jeden amerikanischen Durchschnittsbürgers. [ ] Er hielt den Genuss von Austern und Kaviar, Spazierstöcke, Titel, Teetrinken und alle Dichtung, die sich nicht für Tageszeitungen eignete, sowie alle Ausländer, die Engländer vielleicht ausgenommen, für degeneriert." Doch er ist eben kein normaler Durchschnittsmensch, denn er ist "zwanzigfach vergrößert durch sein Publikum. Es erblickte ihn, während er nicht einen Deut mehr sagte, als ein jeder von ihnen auch hätte sagen können und darum begreifen konnte, wie einen Turm hoch über sich und hob die Hände in Verehrung zu ihm auf."

Die Presse? Lügt und verleumdet, sagt der Präsident. Er kämpft für die "Vergessenen Männer", schürt die Wut auf Intellektuelle und Eliten und verkündet lauthals, dass er dafür sorgen werde, dass das Geld im Land bleibt und die USA unabhängig von Importen werden. Auf die übrige Welt könne man pfeifen. Eine Stunde nach seinen Reden wissen Zuhörer zwar nicht mehr, was er eigentlich gesagt hat, trotzdem oder deswegen hat er die Wahl gewonnen. Der Fehler seiner Gegner? Anstand und Vernunft zu repräsentieren, "in einem Jahr, da das Wahlvolk etwas fürs Herz verlangte, nach den gepfefferten Sensationen hungerte, [] und all diese primitiven Sensationen genossen sie", wenn er "seinen Mund auftat und brüllte."

Nein, die Rede ist hier nicht von Donald Trump, sondern von einer 1935 erfundenen Romanfigur namens Buzz Windrip. Ähnlichkeiten mit dem gegenwärtigen Präsidenten der USA sind rein zufällig -oder eben auch nicht. Denn der Nährboden für populistische Agitation und rechtes Ausschlussdenken, die politische Situation der 1930er-Jahre und der Gegenwart ähneln einander auf gespenstische Weise.

Sinclair Lewis -übrigens der erste amerikanische Literaturnobelpreisträger - hat seinen Roman "It can't happen here" ("Das ist bei uns nicht möglich") bereits 1935 geschrieben. Dass dieses Buch 80 Jahre später zur Zeit jenes Wahlkampfs, den Trump schließlich für sich gewinnen konnte, in den USA so oft zitiert und auf die Bühne gebracht wurde, verwundert nicht. Die Parallelen der Figur des Präsidenten (inklusive des "satanischen Sekretärs" und ehemaligen Chefredakteurs, der im Hintergrund die Fäden zieht) und der Themen (etwa dass das Großkapital, gegen das der Präsident als Kandidat ausgezogen war, nun "seine große Zeit erlebt") sind unheimlich. Bedeutsamer aber scheint für die Lektüre in der Gegenwart, wie präzise Sinclair Lewis in seinem Roman die Mechanismen beschreibt, wie rasch Demokratie ausgehebelt werden kann.

Freiwillige Helfer

Kaum ist nämlich Buzz Windrip an der Macht, werden liberale Mitglieder des Obersten Gerichtshofs ersetzt durch enge Freunde. Windrip wünscht, Legislative und Exekutive in der Hand des Präsidenten zu vereinen, "der Oberste Gerichtshof darf nichts als verfassungswidrig erklären, was dem Präsidenten zu tun beliebt". Weil dieser Forderung nicht nachgekommen wird, erklärt der Präsident für die Dauer "der gegenwärtigen Krise" den Kriegszustand und lässt "über hundert Kongressmitglieder durch Minuten-Männer verhaften", durch Männer also aus jener Armee der Freiwilligen, die nun helfen, das Terrorregime zu verwirklichen.

Das große Aussortieren beginnt: Nicht-Amerikaner, Nicht-Weiße, Nicht-Christen, Nicht-Männer, Nicht-Arbeitende ... Das Prinzip Verachtung funktioniert, denn: "Jedermann ist ein König, solange er noch einen unter sich hat." Da merkt man auch nicht gleich, dass man selbst gerade ausgebeutet wird. Lewis erzählt, wie aus Worten und Kampfrhetorik -also durchaus angekündigt, wenn man nur hören wollte - Taten werden. Erst wird über Ausschlüsse gesprochen -und schon sind sie da und heißen: Konzentrationslager.

Während Hitler seine ersten Konzentrationslager errichtete und noch bevor er Massenermordungen anordnete, schrieb Sinclair Lewis diesen hellsichtigen Roman. Die wirtschaftliche Depression und eine Arbeitslosenquote von 25 Prozent boten radikalen Ideologien auch in den USA ideale Nährböden. Lewis wusste aber auch über das, was in Deutschland und Europa vor sich ging, gut Bescheid. Seine Ehefrau Dorothy Thompson leitete das Berliner Büro der New York Evening Post. 1932 erschien ihr Buch "I Say Hitler", sie beschrieb Hitler als theatralisches und medienwirksames Talent, traute ihm aber nicht zu, an die Macht zu gelangen.

Sinclair Lewis hingegen spielte literarisch durch, was passieren könnte, nahm einiges vorweg, was dann in Deutschland wirklich geschah. Vorbild für Sinclair Lewis waren aber nicht nur die Vorgänge in Europa, sondern auch der populistische demokratische Senator Huey Long, den Thompson in Washington interviewte, wobei sie merkte, dass er Fakten verdrehte, wie es ihm gerade gefiel.

Nicht immer ist der Text einfach zu lesen -die deutsche Übersetzung ist jene des 1938 emigrierten Schriftstellers Hans Meisel, 1936 in einem Amsterdamer Exilverlag erschienen, im Deutschen Reich verboten und erst 1984 wieder aufgelegt -, die Lektüre lohnt. Und Lewis belohnt mit viel satirischer Bissigkeit. "Noch nie in der Geschichte der Vereinigten Staaten hatte es so zufriedene Anhänger eines Präsidenten gegeben; sie erhielten nicht nur alle Posten, die es gab, sondern mindestens genau so viele, die es nicht gab."

Im Mittelpunkt des Romans steht der liberale Zeitungsherausgeber Doremus Jessup, wohnhaft in einer Kleinstadt in Vermont. Er schreibt zwar in seinen Leitartikeln gegen die Regierung, aber nicht sonderlich scharf. Denn er kann nicht glauben, dass "diese komische Tyrannei" Bestand haben wird, auch weil der Diktator gar keine Ähnlichkeit "mit den hitzigen Hitlers und fuchtelnden Faschisten" zu haben scheint.

Scheitern der Intellektuellen

Lewis erzählt, wie Anpassung passiert, wie sich Misstrauen einschleicht, er thematisiert aber vor allem mit der Figur des Doremus Jessup das Scheitern der Intellektuellen, die sich entweder dem Neuen sogar zuwenden oder aber nicht deutlich genug dagegen vorgehen, weil sie die Sache nicht ernst nehmen, womöglich sogar jene, die sie ernst nehmen, als hysterisch bezeichnen. "Das ist bei uns nicht möglich" - mit diesem Satz beruhigt sich der gebildete Bürger, obwohl er merkt, dass gerade etwas vor sich geht, was gefährlich werden könnte.

"Das Thema des Buches ist weniger Machtmissbrauch oder Revolution als vielmehr die Krise des Liberalismus, die Hilflosigkeit eines sich als aufgeklärt, gebildet und gut informiert verstehenden Bürgertums angesichts einer sich stetig steigernden und immer aggressiver auftretenden allgemeinen Idiotie der Massen", schreibt Jan Brandt in seinem Nachwort zur deutschen Neuauflage. Jessup merkt -als politischer Gefangener, also zu spät -, dass die Tyrannei dieser Diktatur nicht so sehr das Werk des Großkapitals oder der Demagogen ist, sondern auch sein eigenes. Ein Werk all "der gewissenhaften, ehrbaren, nachsichtigen Doremus Jessups, die den Demagogen das Tor geöffnet haben, weil sie sich nicht heftig genug widersetzten."

"Freiwillig geben sie ihre Freiheit auf und überantworten sie der Staatsgewalt", schrieb Dorothy Thompson, bevor sie 1934 Deutschland verlassen musste, über die Geschehnisse in Europa an ihren Mann. Entmutigt hatte sie nicht nur die "Hilflosigkeit der Liberalen, sondern vielmehr ihre Fügsamkeit".