Digital In Arbeit

"Das ist doch philisterhaft!"

Der türkische Blockbuster "Im Tal der Wölfe - Irak" hat in den Feuilletons für Entsetzen gesorgt. Zu Unrecht, meint "Standard"-Filmkritiker Claus Philipp, der Nit S irvan ekici - in der Türkei geborene Wiener VP-Politikerin - über den umstrittenen Film diskutiert.

Die Furche: Amerikanische Rambos, die im Nordirak türkische Offiziere demütigen; Kurden und jüdische Ärzte, die mit den Amerikanern kollaborieren: "Im Tal der Wölfe - Irak" hat mit seinen nationalistischen, antiamerikanischen Tönen für Empörung gesorgt. Sie, Herr Philipp, haben kürzlich jene kritisiert, die "Hilfe, Propaganda" rufen. Warum?

Claus Philipp: Weil ich es extrem philisterhaft finde, in diesem Fall von Propaganda zu reden und gleichzeitig jeden zweiten amerikanischen oder französischen Spielfilm, der ähnliche Gut-Böse-Muster bedient, zu übergehen. Es scheint mir auch im Gefolge des "Karikaturenstreits" problematisch, gleich wieder Profit aus einer möglichen Bedrohung der westlichen Gesellschaft zu schlagen, indem man Feuilletonisten in die Multiplex-Kinos schickt und sie sagen lässt: Ich habe Angst vor Überfremdung, weil hier überall Türken sind! In diesen Kinos werden seit Jahren türkische Produktionen gezeigt! Und es ist auch kein Wunder, dass man in den Außenbezirken diese Filme zeigt, weil man dort auch die einschlägigen Communitys antrifft. Was ich fast als Pointe empfinde, ist, dass sich dieser Film, dem man Antiamerikanismus unterstellt, selbst amerikanischer Erzählmuster bedient. Er versucht also, mit amerikanischen Bildern die Bilder der Bösewichte einfach umzudrehen - und das geht natürlich schief.

Sirvan Ekici: Den großen An-drang des türkischen Publikums kann man sich dadurch erklären, dass dieser Film einen Vorgänger in Form einer sehr populären gleichnamigen Serie hat, die vom Kampf gegen die Mafia in der türkischen Gesellschaft handelt. Ich glaube also nicht, dass die Leute alle ins Kino gestürmt sind, weil dort ein antiamerikanischer Film gezeigt wird, sondern weil sie schon den Hauptdarsteller kennen. Zweitens beruht der Film natürlich auf einer wahren Begebenheit (im Juli 2003 haben US-Soldaten elf türkische Offiziere im Nordirak verhaftet und mit Säcken über den Köpfen abgeführt; Anm. d. Red.) - und das hat wohl auch viele Leute interessiert.

Die Furche: Diesen Vorfall haben viele Türkinnen und Türken als Erniedrigung empfunden. Auch jene in Österreich?

Ekici: Wenn Sie auf dem Brunnenmarkt fragen, wird sich wohl kaum jemand daran erinnern können. Vielleicht hat der Regisseur die Intention gehabt, mit diesem Film die verlorene türkische Ehre wiederherzustellen, aber in den Köpfen der Bevölkerung war das kein Thema. Auch in den USA nicht, wo ich gerade drei Wochen lang gewesen bin. Dort geht es noch immer um den Karikaturenstreit. Man sollte diesen Film also nicht überbewerten. Sonst entspricht man eher dem Wunsch gewisser Kräfte, endlich sagen zu können: "So sind sie also, die Muslime!"

Philipp: Ich könnte es sogar verstehen, wenn auf der Leserbriefseite der Krone besorgte Vorstadt-Bewohner sagen: "Wir leiden in den Multiplex-Kinos unter Überfremdung." Aber ich kann nicht akzeptieren, wenn ich Ähnliches in so genannten Qualitätszeitungen lese. Ich glaube, dass Leute wie Frank Schirrmacher in Deutschland (FAZ-Herausgeber; Anm.) oder Michael Fleischhacker in Wien ("Presse"-Chefredakteur; Anm.) das als gute Gelegenheit empfunden haben, noch einmal nachzulegen. Dunkle Augen, die bedrohlich aus einer Zeitung herausschauen, machen sich eben immer besser als Chuck Norris (amerikanischer Action-Schauspieler; Anm.) oder sonst jemand, der denselben Schwachsinn wie die türkischen Helden von "Tal der Wölfe" macht.

Die Furche: Aber kann man nicht der Ansicht sein, dass sich der vielbeschworene "Clash of Civilizations" in solchen Filmen manifestiert?

Philipp: Hier geht es nicht darum, einen Konflikt wegzudiskutieren. Über komplexe Probleme wie Stadtgestaltung, Bildungssystem oder mehrsprachige Gesellschaften kann man hervorragend diskutieren. Die Diskussionen über "Tal der Wölfe" lenken aber eher von der Hauptproblematik ab. Bei diesem Film geht es einfach darum, dass eine breite Masse offenkundig sehr leicht mit gewissen holzschnittartigen Erzählmustern zu bedienen ist: Ob ich ihr jetzt einen türkischen Helden vorsetze oder stattdessen Bruce Willis in "Die Hard 4", ist ziemlich egal.

Die Furche: Wobei es laut FAZ bei manchen Berliner Vorführungen zu "Allah ist groß"-Rufen gekommen sein soll...

Philipp: Die meisten Vorführungen verlaufen ruhig - auch in Zürich, wie eine Kritikerin der Neuen Zürcher Zeitung geschrieben hat. Wenn es so war, wie der FAZ-Kritiker geschrieben hat, dann hat er sich diese Jugendlichen entweder hinbestellt oder war an einem dummen Tag im Kino. Was mir wesentlicher erscheint, ist eine andere Bemerkung der NZZ-Kritikerin: Sie meint, dass wir vielleicht deshalb so heftig auf diesen Film reagieren, weil wir unsere eigenen Macharten von Bildern wahrnehmen, die wir ständig über die sogenannte andere Seite anfertigen.

Ekici: Für mich geht es vor allem um Respekt. Wenn sich Menschen von diesem Film verletzt fühlen, ist das nicht in Ordnung. Wir müssen vor anderen Kulturen Respekt haben - das ist mehr als Toleranz. Ich glaube aber auch, dass der Film nicht so problematisch gewesen wäre, wenn er vor drei Monaten gezeigt worden wäre. Da spielen bestimmte Leute ihr Spiel - und wir dürfen uns nicht instrumentalisieren lassen.

Die Furche: Tatsache ist, dass "Tal der Wölfe" auch stark antisemitische Züge trägt - etwa dort, wo ein israelischer Arzt irakischen Gefangenen Organe entnimmt und sie nach Tel Aviv, London und New York verschickt. Darf man so etwas zeigen, oder muss man - wie Bayerns Ministerpräsident Stoiber - die Kinos auffordern, den Film abzusetzen?

Ekici: Ich spreche mich gegen alles aus, was einen Kulturkampf heraufbeschwört oder jemanden auf Grund seiner Kultur oder Religion verletzt. Das gilt sicher für diese Szene, aber auch für Szenen, in denen Muslime stereotyp als Terroristen dargestellt werden. Den Film abzusetzen, wie das Stoiber will, halte ich aber nicht für sinnvoll. Das ist wie beim Karikaturenstreit: Wir können nicht auf die Meinungsfreiheit als Errungenschaft der Aufklärung pochen und andererseits Filme verbieten. Außerdem würde so etwas das Interesse noch mehr steigern.

Philipp: Nur zur Klarstellung: Ich bin sicher kein Verteidiger dieses Filmes. Es spricht auch gegen den Regisseur, wenn er Anlass für potenzielle Angriffe bietet - womöglich, um die Propaganda für den Film noch weiter anzuheizen. Ich glaube ja auch, dass es sich weniger um einen nationalistischen als um einen zutiefst kapitalistischen Film handelt. Inwiefern Serdar Akar solche Bilder bewusst oder unbewusst einsetzt, kann ich nicht sagen. Von der Machart her hätte ich eher darauf geschlossen, dass er einfach hemmungslos Effekte stiehlt, wie es auch billige Telenovelas oder Action-Serien tun.

Die Furche: Wobei jene Szene, in welcher der böse Amerikaner Sam Marshall vor dem Kruzifix kniet und seine Schandtaten rechtfertigt, eine neue Dimension zu eröffnen scheint...

Philipp: Nein, das ist im Grunde eine uralte Szene! Der arme Kerl scheint sein Drehbuch durch ein amerikanisches Computerprogramm gejagt zu haben, wo auf Seite 70 steht, dass der Bösewicht irgendwann vor dem Allerheiligsten kniet und sagt: "Euch mache ich fertig!" In "Rambo 3" hätte das eben irgendein Scheich gemacht.

Ekici: Natürlich sind das keine schönen Bilder. Ich als Muslimin möchte ja auch nicht, dass Muslime als Terroristen dargestellt werden und den Koran aufschlagen, bevor sie Attentate begeht. Das ist sehr unglücklich.

Philipp: Und noch dazu wenig innovativ! Ein viel ärgeres Bild wäre ja gewesen, wenn Sam Marshall mit einem riesigen Logo einer amerikanischen Benzin-Firma herumlaufen und sagen würde: "Wir machen das alles für eine Pipeline!" Das wäre eine wirkliche Beleidigung des Systems gewesen. Und dann wäre der Film wohl gar nicht in die europäischen Kinos gekommen. Demgegenüber ist das jetzt nur eine harmlose Sonntagskirchgangsaufregung.

Die Furche: In der Türkei laufen jedenfalls die Massen ins Kino. Das Boulevardblatt "Hürriyet" schreibt: "Die Partei, die sich die Botschaft des Films zu eigen macht, wird die nächsten Parlamentswahlen haushoch gewinnen." Ein Zeichen für einen erstarkenden Nationalismus?

Ekici: Schon bei der Serie "Tal der Wölfe" hat sich Ministerpräsident Erdogan als einer der größten Fans deklariert. Aber nur deshalb, weil sich die Regierung als Kämpferin für eine saubere Politik und Mafia-Aufdeckerin inszenieren wollte...

Philipp: Man kann natürlich in der Türkei eine gewisse Verwahrlosung der Medien wahrnehmen. Und dass diese Verwahrlosung auch kleine Unreinheiten in der Gesellschaft unglaublich vergrößern kann, ist klar. Wenn also Kino, wie "Im Tal der Wölfe", mit seinen Ressentiments vorhandene Vergeltungsphantasien bedient, muss man das sicher ernst nehmen. Aber eine Verwahrlosung der Medien gibt es in vielen Ländern, in Italien, aber auch in Österreich. Insofern könnte man den Satz von Hürriyet auch abwandeln. Etwa: "Jede Partei, die sich Vera Russwurm aufs Revers heftet, wird die nächste Wahl gewinnen."

Das Gespräch moderierten Otto Friedrich und Doris Helmberger.

FURCHE-Navigator Vorschau