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"Das ist ein Blick ins Paradies“

Jahrelang war Christine Holubek bei der Wiener Polizei, doch mit ihrer Schwangerschaft veränderte sich ihre Sicht der Welt. Heute begleitet sie als Montessori-Pädagogin Kinder in ihrer Entwicklung - und kämpft gegen Missbrauch, wie sie selbst ihn erlitten hat.

Da liegen sie: 24 Engel mit roten Backen und tröstenden Schnullern, mit Schmusehasen und Schmusepferden. Kurz davor noch haben sie Reis mit Brokkoli verschlungen. Nun, mit vollen Mägen, halten die Ein- bis Vierjährigen ihren Mittagsschlaf. Mit angehaltenem Atem öffnet Christine Holubek die Tür in den weitläufigen Raum. Es sind Momente wie dieser, in denen sich das unendliche Glück, aber auch die große Verantwortung ihres Berufes auf einen Blick offenbaren.

Die 52-Jährige hat eine Vision: von glücklichen, selbstbewussten Kindern, die in einem anregenden Umfeld lustvoll lernen; von jungen Menschen, die nicht geformt werden, sondern denen es ermöglicht wird, ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Was Maria Montessori mit dem Satz "Hilf mir, mir selbst zu helfen“ formuliert hat, ist ihr erzieherisches Leitmotiv.

Gemeinsam mir ihrer 22-jährigen Tochter, der ehedem jüngsten Montessori-Pädagogin Österreichs, und ihrem Schwiegersohn - ebenfalls ein Pädagoge - leitet Holubek das Kinderhaus "Athenas“ nahe Schloss Schönbrunn. Erst im September 2010 hat sie den Standort der Betreuungseinrichtung von Perchtoldsdorf nach Wien verlegt: In Niederösterreich waren die Fördermittel zu gering geworden, um - neben dem monatlichen Elternbeitrag von 200 Euro - eine Kindergruppe führen zu können. Doch nun gestaltet sich auch der Neustart in der Bundeshauptstadt schwierig: Weil sich die Renovierungsarbeiten verzögern, bietet das Haus nicht fünf, sondern vorerst nur zwei Kindergruppen Platz. Aber Christine Holubek hat einen langen Atem. Sie weiß, worauf es ankommt - und sie hat gelernt, was kämpfen heißt.

Ihr Kampf beginnt schon in frühester Kindheit: Als sie ein Mädchen wird, obwohl sich ihre Mutter sehnsüchtigst einen Buben wünscht; als sie mit sieben Jahren in den Ferien von ihren "Ersatzgroßeltern“ sexuell missbraucht wird - und mit der Drohung zum Schweigen gebracht wird, widrigenfalls im Heim zu landen. Mit zwölf Jahren beschließt sie, sich einfach selbst zu helfen und Sigmund Freud zu lesen. Und mit 16 Jahren geht sie zur Wiener Polizei. "Mein Ziel war es immer, Menschen zu unterstützen“, erzählt die dunkelhaarige Frau mit ernstem Blick, "wahrscheinlich deshalb, weil ich selbst keine Hilfe bekommen habe - weder in der Familie noch sonst irgendwo.“

"Funktionierende“ Karrierefrau

Auf dem harten Pflaster der Bundespolizeidirektion Wien macht die ehrgeizige, junge Frau alsbald Karriere: Sie avanciert vom Sekretariat in die Kriminalbeamtenschulung, legt in kürzester Zeit die Dienstprüfung ab, macht nebenbei die Matura, studiert Jus und wird mit 26 Jahren im damaligen Verkehrsamt in der Wiener Roßauer Kaserne leitende Beamtin im Bereich Führerscheinentzug. Hier hat die mittlerweile verheiratete Frau mit Menschen zu tun, deren Leben aus den Fugen geraten ist: mit Alkoholikern, Psychotikern, Männern und Frauen mit familiären oder sonstigen Problemen. Doch auch ihr eigenes Leben droht zu entgleiten: Sie ist wegen Personalmangels zeitweise für drei Referate zuständig, schleppt kiloweise Akten und läuft in der Mittagspause auf die Uni - auch dann noch, als sie schwanger wird. Erst eine beinahe eingetretene Fehlgeburt im dritten Monat zwingt die 31-Jährige zum Innehalten: "Ich habe immer funktioniert. Aber plötzlich musste ich auch für jemand anderen Verantwortung übernehmen“, erzählt Holubek. "Und da habe ich mich gefragt: Was will ich in diesem Leben eigentlich?“

Sie will zu sich kommen, eine gute Mutter sein, Verantwortung übernehmen. Doch dazu muss sie sich jetzt, endlich, ihrem Trauma stellen, um eine Übertragung auf ihr Kind zu vermeiden. Die junge Mutter beginnt also eine Gesprächstherapie und findet in der Bewegungsarbeit den für sie passenden Weg, um das Erlebte zu bewältigen. Als ihr hochbegabtes Kind drei Jahre alt ist, will sie zurück zur Polizei, findet aber keinen Kindergartenplatz. Also verlängert sie die Karenz und knüpft Kontakte zu einer Montessori-Gruppe. Drei Jahre später beginnt sie die Diplomausbildung im Wiener Montessori-Zentrum, übernimmt als Tagesmutter eine kleine Gruppe - und kehrt für einen Tag zur Polizei zurück. "Ich wollte einfach wissen, was ich aufgebe“, sagt sie heute über diese Stunden anno 1995, als sie im blauen Kostüm in der Fremdenpolizei in der Wasagasse sitzt und langsam realisiert, dass sie hier Schubhaft verhängen und Familien zerstören müsste. Schon in der Mittagspause geht sie ins Personalbüro und tritt nach 20 Jahren aus dem Staatsdienst aus.

Bis heute hat sie es nie bereut. Hier, in den weitläufigen Räumen des Kinderhauses "Athenas“, will sie mit ihrer Tochter, deren Partner und drei weiteren Montessori-Pädagoginnen sowie ihrer Zusatzkompetenz als Bewegungs-Pädagogin mit Schwerpunkt Sucht-, Gewalt- und Missbrauchsprävention Kinder in ihrer Entwicklung begleiten. "Wenn man sieht, wie sie sich konzentrieren und welche Entwicklungsschritte sie machen“, sagt die 52-Jährige mit glänzenden Augen, "dann ist das ein Blick ins Paradies.“

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