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Das Land braucht integration

Ängste, Missverständnisse und Instrumentalisierung kennzeichnen die Diskussion um Zuwanderung. Doch gerade Österreich würde durch sie gewinnen.

Die Rückschau schärft den Blick: Als der Portugiese Armando Rodrigues de Sa am 10. September 1964 in Köln aus dem Zug stieg, standen Politik, Wirtschaft, Medien und eine Musikkapelle bereit. Mit Trara feierte Deutschland damals seinen einmillionsten Gastarbeiter. Ein unverzichtbarer Helfer und Held in Zeiten des Wirtschaftswunders - auch in Österreich.

Wie sich die Welt verändert hat: Längst wurde die Dankbarkeit von Scheu und Ablehnung abgelöst. Genährt durch eine permanente, unterschwellige Vermengung aller Begrifflichkeiten: Flüchtlinge, Asylanten, Arbeitsmigranten - alle fremd. Und aufgeheizt durch ein Arsenal an Feindbildern: Islam-Angst und Kriminalisierung, Sozialschmarotzertum und "Verlust des Abendlandes", Parallelgesellschaft und Überfremdung, Rückkehr überwunden geglaubter Religiosität und "Multikulti". Die Stimmungslage auf den Punkt gebracht: Ja zur Mobilität und Globalisierung - aber Nein zur Migration. Dass beides zwei Seiten einer Medaille sind - wer sagt es dem Bürger?

Die Angst vor dem Fremden

Das Unfassbare des 11. September 2001 hat alles Fremde noch brisanter gemacht. Die Wissenschaft sagt: "2010 ist eine signifikante Zunahme antidemokratischer und rassistischer Einstellungen zu verzeichnen." Immer mehr Menschen halten unser Land für überfremdet und Rechtsextremes findet bis zur Mitte der Gesellschaft. Warum jetzt, zehn Jahre nach 9/11 - und ohne erkennbare Ursache? Hat die Politik ihre Aufgaben einfach zu lange nicht oder falsch erledigt - nach innen und außen?

Wir Österreicher haben dafür im Stakkato Beweise bekommen: die Wahlkämpfe in der Steiermark und Wien. Die Abschiebungen samt Haft für Kinder - und peinlichen Rückholaktionen. Der sinnlose Streit um hier unbekannte Ganzkörper-Verschleierungen. Der Umbau des "Kardinal-König-Integrationshauses" in eine Familien-Abschiebehaftanstalt. Der Sündenkatalog des türkischen Botschafters. Die brisanten PISA-Details: Bildung wird "vererbt" und Migranten haben dabei die schlechtesten Karten. Dazu der Wind von außen: Sarrazin-Debatte, Streit um Koran-Verbrennungen usw. usw.

Mag sein, dass wir uns mit Migration schwerer tun als andere: Als "verspätete Nation", die nie eine Ethnie war, reagieren wir Österreicher scheu auf Übernationales. "Selbstaufwertung durch Fremdabwertung" nennt es die Soziologie.

Auch aus der Europäisierung waren wenig hilfreiche Impulse spürbar. Über Jahrzehnte hat die EU ihre Asyl- und Migrationsprobleme nicht auf einen Nenner gebracht. War außerstande, Lasten fair zu verteilen und Quotenregelungen für Zuwanderer zu koordinieren. Einig fühlte sich Europa in der Abwehr: Während die Innengrenzen fielen, wuchsen die Außenmauern. Traurig: EU-Entwicklungsgelder erhält die Dritte Welt, wenn sie den Europäern die "Illegalen" wieder abnimmt.

Etwas mehr Rationalität im Bleiberecht

Den Takt in der Einwanderungspolitik hat Frankreichs Nicolas Sarkozy, Sohn ungarischer Immigranten, vorgegeben - nach US-Beispiel: Europa brauche "selbstgewählte", nicht "ertragene" Einwanderung. Auf diesen Kurs schwenken Regierungen ein: Aus der "Green Card" (USA) wurde die "Blue Card" (EU) und die "Rot-Weiß-Rot-Card" (ab 1. 7. 2011). Ein Schritt hin zu Rationalität im Bleiberecht. Den - oft menschenverachtenden - politischen Ermessens-Spielraum für Asylsuchende berührt die Regelung nicht.

An der Jahreswende bleibt trotz Reformen und Aktionen offenkundig: Weder konnten die Ursachen für Migration - Armut, Hunger und Krieg - eingedämmt oder erkennbar bekämpft werden; noch wurden in Österreich geglückte Schritte zum Abbau von Spannungen, Ausgrenzung und interkulturellen Ängsten geleistet.

Noch trägt die Letztverantwortung für Integration jenes Ressort (Inneres), das - selbst bei gutem Willen - seine Kernkompetenz ("Sicherheit") als schwere Last über Migrationsfragen legt. Diese falsche Zuständigkeit umgibt Zuwanderung mit einem Schatten der Bedrohung. Und sie verdeckt das Kernproblem: die soziale Frage. Wo Familien verarmen und arbeitslose Jugendliche ihre Chancenlosigkeit spüren - bei Alteingesessenen wie auch bei Migranten - wächst Frust als sozialer Sprengstoff.

Noch immer herrscht ein tiefer Bruch zwischen zwei Zielvorstellungen von Integration: Vermutlich eine Mehrheit versteht darunter eine möglichst rasche, geräuschlose Assimilierung von Minderheiten - eine Haltung, die sich auch hinter Polit-Kürzeln wie "Leitkultur" und "gemeinsamer Wertekanon" versteckt. Eine Minderheit dagegen rechnet mit dauerhafter ethnischer Vielfalt: Migranten sind fester Bestandteil unserer Gesellschaft und werden es auch bleiben. Dass jedes unbegrenzte "Multikulti" den inneren Frieden bedroht, ist heute freilich unbestritten.

Noch immer fehlen aber Bewusstsein und politische Unterstützung für wichtige Grundfragen jeder erfolgreichen Migration: etwa einer konsequenten Beschäftigung mit der zweiten Generation sowie einer bewussten Wertschätzung migrantischer Kulturen und ihrer Beiträge zur heimischen Kulturgeschichte, die wir heute ungeniert als "die unsere" verteidigen.

Noch immer bleibt unerwähnt und unbedankt, wie sehr uns Migranten auf vergessene - oder in Vergessenheit geratende - Grundwerte verweisen: Familie, Religion, soziale Solidarität ...

Und noch immer zeigen die Zurufe der Zukunftsforscher keine Wirkung: Dass Integration die reichen, geburtenarmen und hoch sozialisierten Nationen weit mehr stärkt als schwächt.

Ohne Zuwanderung - so kontrolliert wie nötig, so human wie möglich - würde Österreich schrumpfen, überaltern, sozial zurückfallen und an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Zugegeben, eine unbequeme Botschaft. Aber: Die Wahrheit ist den Bürgern zumutbar. Nicht irgendwann, sondern jetzt.

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