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Das lange Leid der Opfer

Körper und Seele entwickeln Mechanismen, um sich vor gewaltätigen Übergriffen zu schützen. Die Folgen für die Opfer sind vielfältig, können tief sitzen und lange anhalten. Eine Therapie kann Lösungen anbieten.

Joachim Bauer ist Hirnforscher, Arzt, Psychotherapeut und Hochschullehrer am Uniklinikum Freiburg im Breisgau. Im Interview mit der FURCHE spricht er über die Konstellationen von möglicher Abhängigkeit, die sich zwischen Täter und Opfer entwickeln können und von Schutzmechanismen seitens der Opfer. Er geht zudem der Frage nach, welche Auswirkungen die Erfahrung von Gewalt auf das weitere Leben der Betroffenen haben.

FURCHE: Welche Schutzmechanismen entwickeln Körper und Seele nach gewaltvollen Übergriffen?

Joachim Bauer: Das hängt von der Situation ab. Wenn der Angreifer als bezwingbar wahrgenommen wird, wird man sich aktiv wehren und kämpfen. Ist der Angreifer eindeutig stärker, empfiehlt sich die Flucht. Wenn Flucht nicht möglich ist und Unterwerfungsangebote den Angreifer nicht beruhigen können, dann bleibt für Körper und Seele nur der Totstellreflex.

FURCHE: Wie äußert sich der Totstellreflex beim Menschen?

Bauer: Das Wort "Totstellreflex“ ist etwas missverständlich, eigentlich ist es sogar falsch. Denn wenn Menschen extreme Gewalt erleiden, ohne etwas dagegen unternehmen zu können, dann kommt es nicht etwa zu einem bewusst gesteuerten Sich-tot-Stellen, sondern zu einem völligen geistigen Sich-Entfernen aus dem "Hier und Jetzt“. Dieser Vorgang wird als "Dissoziation“ bezeichnet. Körper und Seele schützen sich in einer solchen Extremsituation sozusagen durch eine "Abschaltung des Gefühls“.

FURCHE: Inwiefern werden bei vergangenen, zurückliegenden Gewalt-erlebnissen Verdrängungsmechanismen wirksam?

Bauer: Die Seele tut alles, um sich vor Erinnerungen an Erlebnisse zu schützen, die zu schmerzhaft wären, um ertragen zu werden. Sie kann dies nur dadurch bewerkstelligen, dass sie solche Erinnerungen vom normalen Gedächtnis abspaltet und sozusagen in einer gleichsam abgetrennten Geheimkammer wegsperrt.

FURCHE: Auf welche Weise können diese verdrängten Inhalte wieder an die Oberfläche kommen?

Bauer: Durch bestimmte Reize, durch sogenannte "Hinweisreize“. "Hinweisreize“ sind Wahrnehmungen, die zur einst erlebten Gewalttat gehören, z. B. eine bestimmte Stimme, ein Geruch, ein bestimmtes Licht, eine Männergestalt, der Ton einer Uhr und vieles mehr. Alle Wahrnehmungen, die in irgendeiner Weise mit der erlittenen Gewalttat verbunden waren, können später als Hinweisreize eine Rolle spielen. Wenn solche Reize im normalen Alltag auftreten, rufen sie häufig den Totstellreflex wieder hervor. Wenn sie in einer therapeutischen Situation auftreten, können sie besprochen werden und dann für die Therapie sogar hilfreich sein.

FURCHE: Wie wirken sich zurückliegende, insbesondere nicht aufgearbeitete Gewalterfahrungen auf das Selbst- und Weltverständnis aus?

Bauer: Die Welt verliert ihren Wert als "sicheren Platz“, sie wird zu einem Ort, der überall Gefahren beinhaltet. Es gibt Gewaltopfer, welche die schwere, andauernde Ängstlichkeit, sie sie mit sich herumtragen, deutlich zeigen. Manche reagieren aber auch mit einer sogenannten Überkompensation, d. h., sie treten betont autonom und distanziert, manchmal sogar aggressiv auf.

FURCHE: Inwiefern beeinflussen schwere frühere Gewalterfahrungen aktuelle oder neue Partnerschaften?

Bauer: Meistens sehr massiv, allerdings ohne dass die beiden Beteiligten wissen, warum. Viele Gewaltopfer leiden unter einer Art andauernden "Gefühlstaubheit“, können keine Gefühle zeigen, sich nie richtig freuen. Viele können keine emotionale Nähe ertragen. Hierdurch kann es zu gegenseitigen Vorwürfen und schweren Störungen der Beziehung kommen.

FURCHE: Opfer von Gewalt verfallen, wie Sie ausführten, oft in eine Art Lähmungszustand, der ihren Widerstand gegen die Gewalt unterbindet. Kann sich daraus in späteren Beziehungen eine Abhängigkeitskonstellation ergeben?

Bauer: Da ist gut möglich. Wenn Menschen, die früher schwere Gewalterfahrungen gemacht haben, später an einen Partner geraten, der ab und zu ebenfalls gewalttätig ist, kann sich hier ein fatales Muster einspielen.

FURCHE: Wie kann man sich als Außenstehender Zugang zu einem Opfer verschaffen, das die Türen zur Außenwelt - im sprichwörtlichen Sinne - verschlossen hält? Was kann man konkret tun?

Bauer: Man sollte vor allem Respekt haben, die Würde des anderen achten und darauf verzichten, in eine solche Person voller Eifer mit massiven Fragen oder Vermutungen einzudringen. Man kann versuchen, in einem geeigneten Moment der Ruhe vorsichtig anzufragen, ob die andere Person etwas Belastendes mit sich herum trägt und ihr anbieten, darüber einmal miteinander zu sprechen. Voraussetzung für eine solche Annäherung ist aber, dass man sich eine Weile kennt und ein gewisses Vertrauen zueinander aufgebaut werden konnte. Wichtig ist, warten zu können und Geduld zu haben. Ein aktiveres Vorgehen ist nur dann angesagt, wenn eindeutige Hinweise darauf hindeuten, dass jemand nach wie vor aktuell Gewalt oder Missbrauch erleidet.

FURCHE: Wie kann es Betroffenen gelingen, sich aus der Gewaltspirale und damit oft auch aus Abhängigkeitsbeziehungen zu befreien?

Bauer: Ich werde Sie jetzt mit meiner Antwort wahrscheinlich enttäuschen, aber die einzige Antwort aus meiner Sicht lautet: Durch Therapie, am besten für beide an einer solchen Abhängigkeitsbeziehung Beteiligten.

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