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Gesellschaft

Das Leben als große Zurichtung

1945 1960 1980 2000 2020

Genmanipulierte Babys, dressierte Kinder, vermessene Schüler und ein optimiertes Ich: Die moderne Welt ist von Machbarkeit geprägt. In seinem neuen Buch analysiert der Soziologe Hartmut Rosa dieses Phänomen -und setzt die Unverfügbarkeit dagegen.

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Genmanipulierte Babys, dressierte Kinder, vermessene Schüler und ein optimiertes Ich: Die moderne Welt ist von Machbarkeit geprägt. In seinem neuen Buch analysiert der Soziologe Hartmut Rosa dieses Phänomen -und setzt die Unverfügbarkeit dagegen.

Es war im vergangenen November, als der chinesische Genetiker He Jiankui weltweit für Entsetzen sorgte: Via YouTube verkündete er, die Embryonen zweier Zwillingsmädchen mit der Genschere "Crispr/Cas9" manipuliert zu haben, um sie gegen den Aidserreger HIV resistent zu machen. Die betroffenen Zwillinge "Lulu" und "Nana" seien bereits gesund geboren worden.

Die Empörung in der Fachwelt war groß. "Die Büchse der Pandora wurde geöffnet", hieß es in einem öffentlichen Brief, den vor allem chinesische Wissenschafter unterzeichnet hatten. Der Einsatz dieses Gentechnikverfahrens am menschlichen Erbgut sei gefährlich und nicht zu begründen, hieß es. Kurz vor Weihnachten gab auch die Österreichische Akademie der Wissenschaften eine Stellungnahme ab: Die Gelehrtengesellschaft distanziere sich von jeder Art der genetischen Verbesserung des Menschen ("Human Enhancement"). Zugleich jedoch begrüße man eine verantwortungsbewusste Forschung zu dieser Technologie, um schwerwiegende genetische Erkrankungen heilen zu können. Eine öffentliche Debatte über diese neue Methode sei jedenfalls "dringend erforderlich".

Was soll der Mensch, was darf der Mensch, was muss der Mensch? Diese ethischen Fragen stellen sich seit jeher, wenn etwas fundamental Neues in Reichweite gerät. Zugriffsmöglichkeiten auszubauen, das Leben immer besser beherrschen, kontrollieren und optimieren zu können: Das war und ist das Bestreben der Moderne. Neben ethischen Dilemmata tauchen dabei aber auch ganz andere, grundsätzliche Fragen auf: Was macht die neue Machbarkeit und Verfügbarkeit eigentlich mit uns? Wie sehr prägt sie unsere zwischenmenschlichen Beziehungen und unser Weltverhältnis?

Resonanz als Essenz des Menschseins

Hartmut Rosa, Professor für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt, hat darüber lange nachgedacht. Zwei Jahre ist es her, dass er in einem Aufsehen erregenden Buch das Phänomen der "Resonanz" beschrieb. Diese "Essenz" des menschlichen Daseins und lebendiger Beziehungen könne laut Rosa erst dann entstehen, wenn drei Momente zusammenkämen: Berührung (Affizierung), Selbstwirksamkeit (Antwort), Anverwandlung (Transformation).

Dem vierten Moment, der "Unverfügbarkeit", hat Rosa nun ein weiterführendes Buch gewidmet. Sich auf Fremdes, Irritierendes, Unplanbares einzulassen, das sei konstitutiv für eine lebendige, "klingende" Begegnung mit der Welt. Ob sich tatsächlich eine solche Resonanz einstelle -und wie lange sie dauere -, lasse sich freilich nie vorhersagen: am Heiligen Abend ebenso wenig wie bei einem Candlelight-Dinner. "Resonanz ist konstitutiv unverfügbar, und es geht uns mit ihr wie mit dem Einschlafen: Je intensiver wir es wollen, umso weniger gelingt es uns", meint der Soziologe.

Der Versuch spätmoderner Subjekte, die Welt und sich selbst immer mehr zu kontrollieren und zu optimieren sowie das "Schicksal" tunlichst auszuschalten, muss folglich auch für ihre (Welt-)Beziehungen Folgen haben. Wie sie konkret aussehen, und wie sehr der Grundkonflikt zwischen Verfügbarmachen und Geschehenlassen das moderne Leben prägt, skizziert Rosa anhand von sechs Lebensstationen. Es beginnt mit der Geburt -bzw. noch davor. Waren Zeugung und Schwangerschaft früher in hohem Maße unverfügbar, so sind sie heute in den Bereich des Planbaren und damit des Berechenbaren gerückt -wenn auch mit Schwachstellen an beiden Enden: "Erstens können Kinder immer noch ungewollt gezeugt werden, bevor sie geplant sind, und zweitens werden Frauen eben häufig nicht schwanger, wenn sie und ihre Partner sich dies wünschen", schreibt Rosa. Zum Entstehen neuen Lebens gehöre also noch immer spürbare Unverfügbarkeit, doch mit der modernen Reproduktionsmedizin -vom "Social Freezing" bis zur Leihmutterschaft - sei man der Planbarkeit hartnäckig auf den Fersen. Eine moralische Bewertung dieser Dynamik verbietet sich Rosa. Dass hier "etwas existenziell Bedeutsames" in den Bereich des Verfügbaren gewandert sei, müsse man aber konstatieren.

Planbarkeit und Behinderung

Auch auf einen zweiten Aspekt des Lebensanfangs trifft das zu, nämlich auf den eingangs beschriebenen Umgang mit Erkrankung oder Behinderung. Was macht es mit Menschen, wenn nicht nur die Zeugung ihres Kindes planbar wird, sondern auch der Grad einer Behinderung, den sie bereit sind, zuzulassen?"Wenn es in meiner und der Ärzte Gewalt liegt, ob und welche Kinder ich bekomme -ändert sich dann nicht meine Beziehung zum Leben überhaupt?", fragt Rosa in seinem Buch. Ein Soziologe müsse nicht wissen, was die richtige Antwort auf diese Frage sei, ergänzt er; aber er müsse diese Frage eben stellen (dürfen).

Womit wir bei der zweiten Lebensphase wären, in der es laut Rosa immer mehr Interventionsmöglichkeiten in ehedem "naturwüchsige" Prozesse gibt: Erziehung und Bildung. Unzählige Parameter würden heute erhoben, um "altersgemäße Entwicklung" festzustellen oder "Früherkennung" behandlungsbedürftiger Krankheiten zu erlauben. Doch wie schon bei der Geburt scheint auch hier mit der Steuerbarkeit vieler Prozesse die Angst nicht ab-, sondern zuzunehmen: Sie zeige sich etwa "in der Sorge der Eltern, bei jedem Unwohlsein, bei jedem Kratzer, bei jeder Auffälligkeit im Wachstum, im Sprechen, im Bewegen oder Kommunizieren des Kindes ärztlichen Rat suchen zu müssen", meint Rosa. Diese Form der Abhängigkeit von Apparaten und Experten untergrabe freilich die Selbstwirksamkeit der Eltern. "Es sind nicht sie selbst, die auf die Bedürfnisse des Kindes hören und dann (in Resonanz mit diesem selbst) eine Antwort darauf suchen und finden, sondern es sind die Ärzte und Experten, die auf der Grundlage sicherer Daten handeln."

Der Wunsch, die Entwicklungsprozesse des Kindes zu steuern, geht jedoch noch weit über gesundheitliche Aspekte hinaus. "Er offenbart sich als Optimierungsdruck auf nahezu alle Lebensäußerungen des Kindes", schreibt Rosa. Ob optimale Ernährung, ausreichend Bewegung, gesunder Schlaf oder Intelligenz: Alle Dimensionen würden inzwischen in der einen oder anderen Form "parametrisiert", also quantitativ messbar und vergleichbar gemacht. "Ironischerweise empfehlen dann die meisten Ratgeber und Förderprogramme, auf das Kind und seine Bedürfnisse zu hören", bemerkt Rosa.

Auch in der Schule habe diese Parametrisierung in Form von "evidenzbasierter" Kompetenzorientierung längst Ein-

zug gehalten. Es sei der Traum aktueller Bildungspolitik, "dass nur an bestimmten Stellschräubchen gedreht werden müsse, um die Ergebnisse zu verbessern", heißt es im Buch. Doch jede Lehrkraft wisse, dass Bildung so nicht funktioniere. Bildung ereigne sich nicht dort, wo eine bestimmte Kompetenz erworben werde, sondern dann, wenn ein gesellschaftlich relevanter Weltausschnitt "zu sprechen beginne" und sich das Kind selbstwirksam darauf einlasse, so Rosa. Solche "Entzündungsmomente" seien freilich weder verfügbar noch planbar. Sie entstünden oft unvermutet, ja nebenher.

Ähnliches gilt auch für das Leben jenseits der Schule. Ob Berufswahl oder Beziehung: Überall spielt auch der Zufall eine Rolle, es kommt zu Schleich-und Umwegen und zu unvermeidlicher Enttäuschung. "Dennoch versuchen wir auch hier alles, um die Dinge in den Griff zu kriegen", weiß Rosa. Dating-Apps wie Tinder, die angeblich täglich 26 Millionen Menschen weltweit verkuppeln, legen davon Zeugnis ab. Auch beim Verhältnis zum eigenen Körper wird nichts mehr dem Zufall überlassen: In der derzeit radikalsten Form, der Quantified Self-Bewegung, werden mehr oder minder alle Lebensäußerungen parametrisch verfügbar gemacht: vom Blutdruck über die Schrittzahl bis zu nächtlichen Tiefschlafphasen.

Ewige To-do-Liste des Quantified Self

Damit einher geht der Drang zur steten Performance-Steigerung. Laut Rosa beginnt so "ein beständiger Kampf gegen eine Todo-Liste, die niemals abzuarbeiten ist und eben deshalb zum Inbegriff einer Welt aus Aggressionspunkten geworden ist, die weder Zeit noch Raum und Atem für resonante Begegnungen lässt". Spätestens in Alter und Tod stößt der Traum von der großen Verfügbarkeit allerdings an seine Grenzen. Verfall und Endlichkeit seien "die härteste Grenze für das Reichweitenvergrößerungsprogramm der Moderne", schreibt Rosa. Auch wenn in Patientenverfügungen oder der "Sterbehilfe" versucht werde, auch hier noch die Kontrolle zu behalten.

Was all das moralisch-ethisch bedeutet, darauf lässt sich Hartmut Rosa nicht ein in seinem Buch. Für die Resonanz von Mensch und Welt könne dies freilich dramatisch sein, so seine These: Denn eine total verfügbare, zugerichtete Welt werde eine verstummte, mit der es keinen Dialog mehr gebe. Die Folgen wären Entfremdung, Weltverstummen und Weltverlust. Vielleicht könne dies auch erklären helfen, "woher all der Frust und der Zorn auf das Leben und die Gesellschaft und die Verzweiflung über eine Welt resultieren mögen, die uns doch in historisch beispiellosem Maße offen und zur Verfügung steht", schreibt Rosa. Das Phänomen Trump könne dafür ein Beispiel sein. Als paradoxe Kehrseite der verfügbaren Welt kehre zudem eine neue, ganz praktische Unverfügbarkeit zurück, die wie ein Monster den Menschen in seiner Selbstwirksamkeit torpediere. Etwa das digitale Türschloss, das man selber nicht mehr reparieren kann; oder das schwindende Gespür für den Körper, in dessen Parametern man sich verliert.

Resonanz oder Verfügbarkeit? Geschehenlassen oder eingreifen? Keimbahn-Designen oder nicht? Dies bleibt für Rosa die große Herausforderung der Moderne. Nur eines bleibe in jedem Fall jenseits jeder Verfügbarkeit: das Begehren. Roboter könnten heute Vieles schaffen, weiß der Jenaer Soziologe. Aber begehren -nein, das können sie nicht.

Unverfügbarkeit Von Hartmut Rosa Residenz Verlag 2018 136 Seiten, brosch., € 19,-

Eh alles perfekt?

"Der Wunsch der Eltern, die Entwicklungsprozesse des Kindes zu kontrollieren und zu steuern, offenbart sich als Optimierungsdruck auf nahezu alle Lebensäußerungen", schreibt Hartmut Rosa.

Es war im vergangenen November, als der chinesische Genetiker He Jiankui weltweit für Entsetzen sorgte: Via YouTube verkündete er, die Embryonen zweier Zwillingsmädchen mit der Genschere "Crispr/Cas9" manipuliert zu haben, um sie gegen den Aidserreger HIV resistent zu machen. Die betroffenen Zwillinge "Lulu" und "Nana" seien bereits gesund geboren worden.

Die Empörung in der Fachwelt war groß. "Die Büchse der Pandora wurde geöffnet", hieß es in einem öffentlichen Brief, den vor allem chinesische Wissenschafter unterzeichnet hatten. Der Einsatz dieses Gentechnikverfahrens am menschlichen Erbgut sei gefährlich und nicht zu begründen, hieß es. Kurz vor Weihnachten gab auch die Österreichische Akademie der Wissenschaften eine Stellungnahme ab: Die Gelehrtengesellschaft distanziere sich von jeder Art der genetischen Verbesserung des Menschen ("Human Enhancement"). Zugleich jedoch begrüße man eine verantwortungsbewusste Forschung zu dieser Technologie, um schwerwiegende genetische Erkrankungen heilen zu können. Eine öffentliche Debatte über diese neue Methode sei jedenfalls "dringend erforderlich".

Was soll der Mensch, was darf der Mensch, was muss der Mensch? Diese ethischen Fragen stellen sich seit jeher, wenn etwas fundamental Neues in Reichweite gerät. Zugriffsmöglichkeiten auszubauen, das Leben immer besser beherrschen, kontrollieren und optimieren zu können: Das war und ist das Bestreben der Moderne. Neben ethischen Dilemmata tauchen dabei aber auch ganz andere, grundsätzliche Fragen auf: Was macht die neue Machbarkeit und Verfügbarkeit eigentlich mit uns? Wie sehr prägt sie unsere zwischenmenschlichen Beziehungen und unser Weltverhältnis?

Resonanz als Essenz des Menschseins

Hartmut Rosa, Professor für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt, hat darüber lange nachgedacht. Zwei Jahre ist es her, dass er in einem Aufsehen erregenden Buch das Phänomen der "Resonanz" beschrieb. Diese "Essenz" des menschlichen Daseins und lebendiger Beziehungen könne laut Rosa erst dann entstehen, wenn drei Momente zusammenkämen: Berührung (Affizierung), Selbstwirksamkeit (Antwort), Anverwandlung (Transformation).

Dem vierten Moment, der "Unverfügbarkeit", hat Rosa nun ein weiterführendes Buch gewidmet. Sich auf Fremdes, Irritierendes, Unplanbares einzulassen, das sei konstitutiv für eine lebendige, "klingende" Begegnung mit der Welt. Ob sich tatsächlich eine solche Resonanz einstelle -und wie lange sie dauere -, lasse sich freilich nie vorhersagen: am Heiligen Abend ebenso wenig wie bei einem Candlelight-Dinner. "Resonanz ist konstitutiv unverfügbar, und es geht uns mit ihr wie mit dem Einschlafen: Je intensiver wir es wollen, umso weniger gelingt es uns", meint der Soziologe.

Der Versuch spätmoderner Subjekte, die Welt und sich selbst immer mehr zu kontrollieren und zu optimieren sowie das "Schicksal" tunlichst auszuschalten, muss folglich auch für ihre (Welt-)Beziehungen Folgen haben. Wie sie konkret aussehen, und wie sehr der Grundkonflikt zwischen Verfügbarmachen und Geschehenlassen das moderne Leben prägt, skizziert Rosa anhand von sechs Lebensstationen. Es beginnt mit der Geburt -bzw. noch davor. Waren Zeugung und Schwangerschaft früher in hohem Maße unverfügbar, so sind sie heute in den Bereich des Planbaren und damit des Berechenbaren gerückt -wenn auch mit Schwachstellen an beiden Enden: "Erstens können Kinder immer noch ungewollt gezeugt werden, bevor sie geplant sind, und zweitens werden Frauen eben häufig nicht schwanger, wenn sie und ihre Partner sich dies wünschen", schreibt Rosa. Zum Entstehen neuen Lebens gehöre also noch immer spürbare Unverfügbarkeit, doch mit der modernen Reproduktionsmedizin -vom "Social Freezing" bis zur Leihmutterschaft - sei man der Planbarkeit hartnäckig auf den Fersen. Eine moralische Bewertung dieser Dynamik verbietet sich Rosa. Dass hier "etwas existenziell Bedeutsames" in den Bereich des Verfügbaren gewandert sei, müsse man aber konstatieren.

Planbarkeit und Behinderung

Auch auf einen zweiten Aspekt des Lebensanfangs trifft das zu, nämlich auf den eingangs beschriebenen Umgang mit Erkrankung oder Behinderung. Was macht es mit Menschen, wenn nicht nur die Zeugung ihres Kindes planbar wird, sondern auch der Grad einer Behinderung, den sie bereit sind, zuzulassen?"Wenn es in meiner und der Ärzte Gewalt liegt, ob und welche Kinder ich bekomme -ändert sich dann nicht meine Beziehung zum Leben überhaupt?", fragt Rosa in seinem Buch. Ein Soziologe müsse nicht wissen, was die richtige Antwort auf diese Frage sei, ergänzt er; aber er müsse diese Frage eben stellen (dürfen).

Womit wir bei der zweiten Lebensphase wären, in der es laut Rosa immer mehr Interventionsmöglichkeiten in ehedem "naturwüchsige" Prozesse gibt: Erziehung und Bildung. Unzählige Parameter würden heute erhoben, um "altersgemäße Entwicklung" festzustellen oder "Früherkennung" behandlungsbedürftiger Krankheiten zu erlauben. Doch wie schon bei der Geburt scheint auch hier mit der Steuerbarkeit vieler Prozesse die Angst nicht ab-, sondern zuzunehmen: Sie zeige sich etwa "in der Sorge der Eltern, bei jedem Unwohlsein, bei jedem Kratzer, bei jeder Auffälligkeit im Wachstum, im Sprechen, im Bewegen oder Kommunizieren des Kindes ärztlichen Rat suchen zu müssen", meint Rosa. Diese Form der Abhängigkeit von Apparaten und Experten untergrabe freilich die Selbstwirksamkeit der Eltern. "Es sind nicht sie selbst, die auf die Bedürfnisse des Kindes hören und dann (in Resonanz mit diesem selbst) eine Antwort darauf suchen und finden, sondern es sind die Ärzte und Experten, die auf der Grundlage sicherer Daten handeln."

Der Wunsch, die Entwicklungsprozesse des Kindes zu steuern, geht jedoch noch weit über gesundheitliche Aspekte hinaus. "Er offenbart sich als Optimierungsdruck auf nahezu alle Lebensäußerungen des Kindes", schreibt Rosa. Ob optimale Ernährung, ausreichend Bewegung, gesunder Schlaf oder Intelligenz: Alle Dimensionen würden inzwischen in der einen oder anderen Form "parametrisiert", also quantitativ messbar und vergleichbar gemacht. "Ironischerweise empfehlen dann die meisten Ratgeber und Förderprogramme, auf das Kind und seine Bedürfnisse zu hören", bemerkt Rosa.

Auch in der Schule habe diese Parametrisierung in Form von "evidenzbasierter" Kompetenzorientierung längst Ein-

zug gehalten. Es sei der Traum aktueller Bildungspolitik, "dass nur an bestimmten Stellschräubchen gedreht werden müsse, um die Ergebnisse zu verbessern", heißt es im Buch. Doch jede Lehrkraft wisse, dass Bildung so nicht funktioniere. Bildung ereigne sich nicht dort, wo eine bestimmte Kompetenz erworben werde, sondern dann, wenn ein gesellschaftlich relevanter Weltausschnitt "zu sprechen beginne" und sich das Kind selbstwirksam darauf einlasse, so Rosa. Solche "Entzündungsmomente" seien freilich weder verfügbar noch planbar. Sie entstünden oft unvermutet, ja nebenher.

Ähnliches gilt auch für das Leben jenseits der Schule. Ob Berufswahl oder Beziehung: Überall spielt auch der Zufall eine Rolle, es kommt zu Schleich-und Umwegen und zu unvermeidlicher Enttäuschung. "Dennoch versuchen wir auch hier alles, um die Dinge in den Griff zu kriegen", weiß Rosa. Dating-Apps wie Tinder, die angeblich täglich 26 Millionen Menschen weltweit verkuppeln, legen davon Zeugnis ab. Auch beim Verhältnis zum eigenen Körper wird nichts mehr dem Zufall überlassen: In der derzeit radikalsten Form, der Quantified Self-Bewegung, werden mehr oder minder alle Lebensäußerungen parametrisch verfügbar gemacht: vom Blutdruck über die Schrittzahl bis zu nächtlichen Tiefschlafphasen.

Ewige To-do-Liste des Quantified Self

Damit einher geht der Drang zur steten Performance-Steigerung. Laut Rosa beginnt so "ein beständiger Kampf gegen eine Todo-Liste, die niemals abzuarbeiten ist und eben deshalb zum Inbegriff einer Welt aus Aggressionspunkten geworden ist, die weder Zeit noch Raum und Atem für resonante Begegnungen lässt". Spätestens in Alter und Tod stößt der Traum von der großen Verfügbarkeit allerdings an seine Grenzen. Verfall und Endlichkeit seien "die härteste Grenze für das Reichweitenvergrößerungsprogramm der Moderne", schreibt Rosa. Auch wenn in Patientenverfügungen oder der "Sterbehilfe" versucht werde, auch hier noch die Kontrolle zu behalten.

Was all das moralisch-ethisch bedeutet, darauf lässt sich Hartmut Rosa nicht ein in seinem Buch. Für die Resonanz von Mensch und Welt könne dies freilich dramatisch sein, so seine These: Denn eine total verfügbare, zugerichtete Welt werde eine verstummte, mit der es keinen Dialog mehr gebe. Die Folgen wären Entfremdung, Weltverstummen und Weltverlust. Vielleicht könne dies auch erklären helfen, "woher all der Frust und der Zorn auf das Leben und die Gesellschaft und die Verzweiflung über eine Welt resultieren mögen, die uns doch in historisch beispiellosem Maße offen und zur Verfügung steht", schreibt Rosa. Das Phänomen Trump könne dafür ein Beispiel sein. Als paradoxe Kehrseite der verfügbaren Welt kehre zudem eine neue, ganz praktische Unverfügbarkeit zurück, die wie ein Monster den Menschen in seiner Selbstwirksamkeit torpediere. Etwa das digitale Türschloss, das man selber nicht mehr reparieren kann; oder das schwindende Gespür für den Körper, in dessen Parametern man sich verliert.

Resonanz oder Verfügbarkeit? Geschehenlassen oder eingreifen? Keimbahn-Designen oder nicht? Dies bleibt für Rosa die große Herausforderung der Moderne. Nur eines bleibe in jedem Fall jenseits jeder Verfügbarkeit: das Begehren. Roboter könnten heute Vieles schaffen, weiß der Jenaer Soziologe. Aber begehren -nein, das können sie nicht.

Unverfügbarkeit Von Hartmut Rosa Residenz Verlag 2018 136 Seiten, brosch., € 19,-

Eh alles perfekt?

"Der Wunsch der Eltern, die Entwicklungsprozesse des Kindes zu kontrollieren und zu steuern, offenbart sich als Optimierungsdruck auf nahezu alle Lebensäußerungen", schreibt Hartmut Rosa.