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Gesellschaft

Das Märchen vom geretteten Prinzen

1945 1960 1980 2000 2020

Während Queer-Theoretiker(innen) das Zweigeschlechtersystem zertrümmern wollen, findet in den meisten Kinderzimmern ein rosa-hellblauer Backlash statt. Über Kunst und Elend der geschlechtssensiblen Pädagogik -und die Macht des Gendermarketings.

1945 1960 1980 2000 2020

Während Queer-Theoretiker(innen) das Zweigeschlechtersystem zertrümmern wollen, findet in den meisten Kinderzimmern ein rosa-hellblauer Backlash statt. Über Kunst und Elend der geschlechtssensiblen Pädagogik -und die Macht des Gendermarketings.

Es war einmal eine Prinzessin: pompöses Kleid, aufwändige Haarpracht, alles, wie es sich gehört. Bis eines Tages ein böser Drache in ihr Schlösschen kam. Er verbrannte mit seinem feurigen Atem alle ihre Kleider und verschleppte auch noch ihren Prinzen Ronald, mit dem sie sich vermählen sollte. Die Prinzessin hätte gut und gern in Ohnmacht fallen können, doch stattdessen schlüpfte sie in einen alten Papiersack und jagte dem Drachen nach, um Ronald zu befreien. Es sollte ihr gelingen.

"Die Tütenprinzessin" heißt das Buch, das Stephan Schulz an diesem Vormittag aus dem Regal gezogen hat. Umringt von einer Handvoll Kinder sitzt er in der blauen Gruppe des Kindergartens "fun &care" im 15. Wiener Gemeindebezirk und liest. Der ziemlich deutsche Titel der Geschichte ist für die Kinder kein Problem, noch weniger der ungewöhnliche Plot. Eigenmächtige Prinzessinnen sind sie hier gewohnt, genauso wie Männer, die als Kindergartenassistenten putzen, trösten und vorlesen.

Puppenvater oder Mechatroniker? Beides!

Es war 1999, als "fun &care" als erster "gendersensibler Kindergarten Wiens" gegründet wurde. Um das Ziel der Chancengleichheit von Mädchen und Buben sowie ihre bestmögliche Entfaltung zu erreichen, sollen Geschlechterstereotype hier von Anfang an bewusst hinterfragt werden. Das beginnt mit männlichen Vorbildern und umfasst auch das Raumkonzept: Statt "Bubenecken" mit Bausteinen und "Mächenecken" mit Puppenküchen werden die Spielmaterialien in mobile Rollcontainer verfrachtet. Puppen beiderlei Geschlechts liegen hier neben Bauklötzen und Autos, alles darf und soll vermischt werden. "So kann ein guter Puppenvater nebenbei auch Mechatroniker sein", erklärt die Leiterin des Privaten Kindergartens, Sandra Haas. Auch fixe Farbzuschreibungen findet man hier nicht. "Natürlich gibt es auch bei uns rosa und hellblau", ergänzt die Elementarpädagogin. "Wir wollen auch überhaupt nichts verbieten, und wenn ein Mädchen ein rosa Tüllkleid anziehen will, darf es das selbstverständlich tun. Aber zugleich soll es wissen, dass es in ihrem Outfit auch einen Baum hinaufkraxeln darf und nicht darauf achten muss, dass das Rockerl nicht schmutzig wird." Eine echte Prinzessin muss also nicht zwingend auf der Erbse liegen, sie darf auch auf einem Ast sitzen, wenn es ihr beliebt.

Viele Mädchen machen das freilich nicht von selbst, auch nicht im "gendersensiblen Kindergarten" in der Wiener Brunhildengasse. Stundenlang könnten manche Mädchen still vor sich hinzeichnen, während die Buben durch Gruppenraum oder Garten tobten, berichtet die Leiterin. Warum das so ist?"Mädchen werden sehr schnell dazu angehalten, auf kleinerem Raum zu spielen", meint Haas. Die Folgen seien mitunter grobmotorische Schwächen bei den Mädchen - und feinmotorische bei den Buben. Umso mehr will man Kinder motivieren, auch anderes zu probieren: Pedalos und Hüpfball statt Zeichnen etwa -oder umgekehrt.

Doch warum kommt es überhaupt dazu, dass Mädchen und Buben häufig anders spielen? Liegt es daran, dass ihnen Umwelt und Medien deutlich vor Augen führen, was es heißt, ein "richtiger Bub oder ein richtiges Mädchen" zu sein -und sie ihr Verhalten dem gewünschten anpassen? Oder sind ihre Verhaltensweisen und Interessen angeboren? Wie schwierig eine Antwort darauf ist, zeigt eine Studie der beiden Verhaltensforscherinnen Gerianne M. Alexander und Melissa Hines von der University of California aus dem Jahr 2002. Sie haben männlichen und weiblichen Meerkatzenjungen drei Sorten von Spielmaterial zur Verfügung gestellt: bubentypisches, mädchentypisches und neutrales. Dass jedes Geschlecht sich besonders für das "typische" interessierte, war für die Forscherinnen ein Beleg für die evolutionsbiologische Prägung dieser Präferenz.

Kritikerinnen und Kritiker bemängelten freilich das Setting der Studie. Dass etwa eine Küchenpuppenbratpfanne als typisches Mädchenspielzeug definiert wurde, sei nicht wirklich plausibel. Die Wiener Humanethologin Elisabeth Oberzaucher hält das Studienergebnis hingegen für plausibel. Der "Sexualdemorphismus", wie sie geschlechtsspezifische Unterschiede nennt, sei womöglich auch damit zu erklären, dass Mädchen im Puppenspiel das Fürsorgeverhalten gegenüber dem Säugling einübten. Doch wie stark diese biologische Komponente sei - und wie stark ihre kulturelle Überformung -, könne man kaum beantworten. "Es ist insgesamt sehr schwer, Kultur und Biologie auseinanderzudröseln," sagt Oberzaucher. "Und selbst wenn etwas biologisch angelegt ist, heißt das nicht, dass man dem hilflos ausgeliefert ist."

Rosa-hellblaue Paralleluniversen

Die aktuellen Entwicklungen in der Spielzeugindustrie machen die Hilflosigkeit freilich nicht kleiner. Während sich die Politik im Rahmen des "Gender Mainstreamings" dazu verpflichten musste, Kinder unabhängig von ihrem Geschlecht gleichberechtigt zu behandeln, fand in den Kinderzimmern ein rosa-hellblauer Backlash statt. Vom Schnuller bis zur Schultasche haben sich zwei sauber getrennte Universen aufgetan: eines mit pastellfarbenen Pferden, Feen und Barbypuppen; und eines mit Piraten, Monstern und Science-Fiction-Kämpfern. "Gendermarketing": So nennt sich diese zunehmende Zweiteilung. Man reagiere damit nur auf die "natürlichen Grundbedürfnisse" der Buben und Mädchen, argumentieren die Marketingstrategen. Ob das zutrifft, ist wie gesagt umstritten. Klar ist indes nur, dass diese Strategie den Umsatz erhöht.

Der Backlash ist umso verblüffender, als sich gleichzeitig neuere gendertheoretische Positionen wie die "Queertheorie" darum bemühen, das binäre Geschlechtersystem an sich zu zertrümmern. "Wir wollen unseren Kindern nicht zwei Alternativen anbieten, sondern tausend", heißt es etwa im Buch "Die Rosa-Hellblau-Falle". Warum das so wichtig ist?"Weil in diesem Zweigeschlechtlichkeitssystem viele Kinder etwas verlieren", ergänzt Claudia Schneider, Expertin für gendersensible Pädagogik und Mitinitiatorin des Kindergartens "fun &care". Buben müssten etwa bestimmte emotionale Aspekte abspalten, Mädchen raumgreifendes Verhalten oder Abenteuerlust. Mit "Umerziehen" habe das gar nichts zu tun, betont Schneider. "Es geht auch nicht darum, dass alle Buben im Kindergarten Nagellack tragen müssen. Aber sie sollen es probieren können, ohne gemobbt zu werden."

"Wird mein Bub da nicht schwul?"

In der Praxis ist das freilich nicht so leicht, vor allem nicht für Eltern. "Wenn Mädchen stärker sind, freut das viele. Aber wenn Buben Schwäche zeigen, ist das für manche heikel", weiß Kindergartenleiterin Sandra Haas. "Wird der da nicht schwul?", lautet die (unausgesprochene) Angst. Den Eltern zu erklären, dass es hier keinen Zusammenhang gebe, gehört ebenso zu ihren Aufgaben wie der Hinweis, dass in der Brunhildengasse auch Männer wickeln und ein Generalverdacht (Pädophilie!) nicht akzeptabel sei.

Solche Diskurse haben freilich Folgen - ebenso wie geringe Bezahlung und das Image des Berufs: Nur 0,8 Prozent der Mitarbeitenden im Elementarbereich sind Männer. Auch bei "fun &Care" gibt es es neben 19 Frauen nur zwei Herren. Doch Stephan Schulz ficht das nicht an: Der ehemalige Cutter sitzt im Kreis der Kinder und finalisiert die "Tütenprinzessin". Elisabeth hat ihren Ronald gerettet - doch dem fällt als Antwort nur Folgendes ein: "Igittigitt, wie siehst du denn aus! Du stinkst nach Asche, dein Haar ist struppig und dann trägst du eine dreckige alte Papiertüte. Komm wieder, wenn du wie eine richtige Prinzessin aussiehst."

Sie haben dann doch nicht geheiratet.

Es war einmal eine Prinzessin: pompöses Kleid, aufwändige Haarpracht, alles, wie es sich gehört. Bis eines Tages ein böser Drache in ihr Schlösschen kam. Er verbrannte mit seinem feurigen Atem alle ihre Kleider und verschleppte auch noch ihren Prinzen Ronald, mit dem sie sich vermählen sollte. Die Prinzessin hätte gut und gern in Ohnmacht fallen können, doch stattdessen schlüpfte sie in einen alten Papiersack und jagte dem Drachen nach, um Ronald zu befreien. Es sollte ihr gelingen.

"Die Tütenprinzessin" heißt das Buch, das Stephan Schulz an diesem Vormittag aus dem Regal gezogen hat. Umringt von einer Handvoll Kinder sitzt er in der blauen Gruppe des Kindergartens "fun &care" im 15. Wiener Gemeindebezirk und liest. Der ziemlich deutsche Titel der Geschichte ist für die Kinder kein Problem, noch weniger der ungewöhnliche Plot. Eigenmächtige Prinzessinnen sind sie hier gewohnt, genauso wie Männer, die als Kindergartenassistenten putzen, trösten und vorlesen.

Puppenvater oder Mechatroniker? Beides!

Es war 1999, als "fun &care" als erster "gendersensibler Kindergarten Wiens" gegründet wurde. Um das Ziel der Chancengleichheit von Mädchen und Buben sowie ihre bestmögliche Entfaltung zu erreichen, sollen Geschlechterstereotype hier von Anfang an bewusst hinterfragt werden. Das beginnt mit männlichen Vorbildern und umfasst auch das Raumkonzept: Statt "Bubenecken" mit Bausteinen und "Mächenecken" mit Puppenküchen werden die Spielmaterialien in mobile Rollcontainer verfrachtet. Puppen beiderlei Geschlechts liegen hier neben Bauklötzen und Autos, alles darf und soll vermischt werden. "So kann ein guter Puppenvater nebenbei auch Mechatroniker sein", erklärt die Leiterin des Privaten Kindergartens, Sandra Haas. Auch fixe Farbzuschreibungen findet man hier nicht. "Natürlich gibt es auch bei uns rosa und hellblau", ergänzt die Elementarpädagogin. "Wir wollen auch überhaupt nichts verbieten, und wenn ein Mädchen ein rosa Tüllkleid anziehen will, darf es das selbstverständlich tun. Aber zugleich soll es wissen, dass es in ihrem Outfit auch einen Baum hinaufkraxeln darf und nicht darauf achten muss, dass das Rockerl nicht schmutzig wird." Eine echte Prinzessin muss also nicht zwingend auf der Erbse liegen, sie darf auch auf einem Ast sitzen, wenn es ihr beliebt.

Viele Mädchen machen das freilich nicht von selbst, auch nicht im "gendersensiblen Kindergarten" in der Wiener Brunhildengasse. Stundenlang könnten manche Mädchen still vor sich hinzeichnen, während die Buben durch Gruppenraum oder Garten tobten, berichtet die Leiterin. Warum das so ist?"Mädchen werden sehr schnell dazu angehalten, auf kleinerem Raum zu spielen", meint Haas. Die Folgen seien mitunter grobmotorische Schwächen bei den Mädchen - und feinmotorische bei den Buben. Umso mehr will man Kinder motivieren, auch anderes zu probieren: Pedalos und Hüpfball statt Zeichnen etwa -oder umgekehrt.

Doch warum kommt es überhaupt dazu, dass Mädchen und Buben häufig anders spielen? Liegt es daran, dass ihnen Umwelt und Medien deutlich vor Augen führen, was es heißt, ein "richtiger Bub oder ein richtiges Mädchen" zu sein -und sie ihr Verhalten dem gewünschten anpassen? Oder sind ihre Verhaltensweisen und Interessen angeboren? Wie schwierig eine Antwort darauf ist, zeigt eine Studie der beiden Verhaltensforscherinnen Gerianne M. Alexander und Melissa Hines von der University of California aus dem Jahr 2002. Sie haben männlichen und weiblichen Meerkatzenjungen drei Sorten von Spielmaterial zur Verfügung gestellt: bubentypisches, mädchentypisches und neutrales. Dass jedes Geschlecht sich besonders für das "typische" interessierte, war für die Forscherinnen ein Beleg für die evolutionsbiologische Prägung dieser Präferenz.

Kritikerinnen und Kritiker bemängelten freilich das Setting der Studie. Dass etwa eine Küchenpuppenbratpfanne als typisches Mädchenspielzeug definiert wurde, sei nicht wirklich plausibel. Die Wiener Humanethologin Elisabeth Oberzaucher hält das Studienergebnis hingegen für plausibel. Der "Sexualdemorphismus", wie sie geschlechtsspezifische Unterschiede nennt, sei womöglich auch damit zu erklären, dass Mädchen im Puppenspiel das Fürsorgeverhalten gegenüber dem Säugling einübten. Doch wie stark diese biologische Komponente sei - und wie stark ihre kulturelle Überformung -, könne man kaum beantworten. "Es ist insgesamt sehr schwer, Kultur und Biologie auseinanderzudröseln," sagt Oberzaucher. "Und selbst wenn etwas biologisch angelegt ist, heißt das nicht, dass man dem hilflos ausgeliefert ist."

Rosa-hellblaue Paralleluniversen

Die aktuellen Entwicklungen in der Spielzeugindustrie machen die Hilflosigkeit freilich nicht kleiner. Während sich die Politik im Rahmen des "Gender Mainstreamings" dazu verpflichten musste, Kinder unabhängig von ihrem Geschlecht gleichberechtigt zu behandeln, fand in den Kinderzimmern ein rosa-hellblauer Backlash statt. Vom Schnuller bis zur Schultasche haben sich zwei sauber getrennte Universen aufgetan: eines mit pastellfarbenen Pferden, Feen und Barbypuppen; und eines mit Piraten, Monstern und Science-Fiction-Kämpfern. "Gendermarketing": So nennt sich diese zunehmende Zweiteilung. Man reagiere damit nur auf die "natürlichen Grundbedürfnisse" der Buben und Mädchen, argumentieren die Marketingstrategen. Ob das zutrifft, ist wie gesagt umstritten. Klar ist indes nur, dass diese Strategie den Umsatz erhöht.

Der Backlash ist umso verblüffender, als sich gleichzeitig neuere gendertheoretische Positionen wie die "Queertheorie" darum bemühen, das binäre Geschlechtersystem an sich zu zertrümmern. "Wir wollen unseren Kindern nicht zwei Alternativen anbieten, sondern tausend", heißt es etwa im Buch "Die Rosa-Hellblau-Falle". Warum das so wichtig ist?"Weil in diesem Zweigeschlechtlichkeitssystem viele Kinder etwas verlieren", ergänzt Claudia Schneider, Expertin für gendersensible Pädagogik und Mitinitiatorin des Kindergartens "fun &care". Buben müssten etwa bestimmte emotionale Aspekte abspalten, Mädchen raumgreifendes Verhalten oder Abenteuerlust. Mit "Umerziehen" habe das gar nichts zu tun, betont Schneider. "Es geht auch nicht darum, dass alle Buben im Kindergarten Nagellack tragen müssen. Aber sie sollen es probieren können, ohne gemobbt zu werden."

"Wird mein Bub da nicht schwul?"

In der Praxis ist das freilich nicht so leicht, vor allem nicht für Eltern. "Wenn Mädchen stärker sind, freut das viele. Aber wenn Buben Schwäche zeigen, ist das für manche heikel", weiß Kindergartenleiterin Sandra Haas. "Wird der da nicht schwul?", lautet die (unausgesprochene) Angst. Den Eltern zu erklären, dass es hier keinen Zusammenhang gebe, gehört ebenso zu ihren Aufgaben wie der Hinweis, dass in der Brunhildengasse auch Männer wickeln und ein Generalverdacht (Pädophilie!) nicht akzeptabel sei.

Solche Diskurse haben freilich Folgen - ebenso wie geringe Bezahlung und das Image des Berufs: Nur 0,8 Prozent der Mitarbeitenden im Elementarbereich sind Männer. Auch bei "fun &Care" gibt es es neben 19 Frauen nur zwei Herren. Doch Stephan Schulz ficht das nicht an: Der ehemalige Cutter sitzt im Kreis der Kinder und finalisiert die "Tütenprinzessin". Elisabeth hat ihren Ronald gerettet - doch dem fällt als Antwort nur Folgendes ein: "Igittigitt, wie siehst du denn aus! Du stinkst nach Asche, dein Haar ist struppig und dann trägst du eine dreckige alte Papiertüte. Komm wieder, wenn du wie eine richtige Prinzessin aussiehst."

Sie haben dann doch nicht geheiratet.