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Gesellschaft

Das "neue Lernen": Mehr klicken, weniger denken?

1945 1960 1980 2000 2020

Computer-Fieber in Österreichs Schulen: Welche Erwartungen sollen Laptop und Internet erfüllen? Dazu Kritisches von Heinz Zangerle, Kinderpsychologe in Innsbruck, (Seite 13) und eine Reportage aus einer Wiener "Laptop-Klasse" (Seite 14) Kurt Scholz, Präsident des Wiener Stadtschulrates: "Computer ersparen weder Fleiß noch Begabung" (Seite 16)3 Erwachsenenbildung & Wissensgesellschaft (Seite 17)

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Computer-Fieber in Österreichs Schulen: Welche Erwartungen sollen Laptop und Internet erfüllen? Dazu Kritisches von Heinz Zangerle, Kinderpsychologe in Innsbruck, (Seite 13) und eine Reportage aus einer Wiener "Laptop-Klasse" (Seite 14) Kurt Scholz, Präsident des Wiener Stadtschulrates: "Computer ersparen weder Fleiß noch Begabung" (Seite 16)3 Erwachsenenbildung & Wissensgesellschaft (Seite 17)

Alles neu! Die "Neue Wissensgesellschaft" kommt, das "Neue Lernen"! Fast schon alt dagegen die abgedroschenen Modesprüche, die verbalen Stereotypien und gigantischen Versprechungen ihrer Verkünder: Kein bildungspolitisches Statement, ohne dem verunsicherten Bürger permanent die Worthülsen von der "Halbwertszeit des Wissens", von der "Computerliteralität als vierter Kulturtechnik" in die Ohren blasen, ohne ihn geradezu flehentlich auf die absolute Priorität von "Medienkompetenz" und "Schlüsseltechnologie" hinzuweisen. Und allerorten gehen die digitalen Einpeitscher um: "Alle Schulen ans Netz!" "Laptop statt Schulranzen!"

Aus allen Pädagogenstuben schallt es uniform nach Multimedia-learning, elektronischem Klassenzimmer, Homelearning, interaktiver Lernumgebung, net-meeting, online-learning, teleteaching ... Die pädagogische Welt ist voll von Internet-Aposteln und E-Euphorikern. Kaum ein neumodisches Schul-Ranking, in dem nicht schon das bloße Vorhandensein von PC und Internet als pädagogisches Fünf-Sterne-Kriterium gilt. Kein Schulkollegium, das nicht vor dem Kult der digitalen Revolution in die Knie geht wie vor einem Naturereignis. Der Präsident des deutschen Lehrerverbandes sieht schon die Vision einer "Pflanzschule für aufgescheuchte pädagogische Multimedia-Freaks" aufziehen. Weh dem, der sich den gloriosen Verheißungen und Kommandotönen der schnittigen Modernisierungsrhetorik verweigert! Oder der gar wagt, Skepsis am pädagogischen Nutzen der neuen Medien zu äußern! Schnell wird er als Ewiggestriger, als Innovationsverweigerer, Technikfeind oder Kulturpessimist denunziert. Denn am digitalen Horizont dämmert schon die schöne neue Wissensgesellschaft: Kein Schulmief mehr, kein Pauker! Die Kapazitäten aus Wissenschaft und Forschung werden uns gleichsam höchstpersönlich am Bildschirm die Welt erklären. Kinder werden in der halben Zeit und bei einem Drittel weniger Kosten um 30 Prozent mehr lernen!

Kleine IQ-Bestien Die virtuelle Computerwelt ist dabei, eine Heerschar kleiner Einsteins und IQ-Bestien zu gebären und aus lustlosen Schülern werden neugierige Forscher! Nach Flops beim Programmierten Lernen, bei Schulfernsehen und Sprachlabor scheint der Nürnburger Trichter endlich beim elektronischen Lernen gefunden. Auffallend ist bei alldem, wie die Pädagogik das Feld nahezu gänzlich der Politik, Werbestrategen der Technologiebranche sowie selbsternannten Medien-Gurus überlässt. Vorbei die Zeiten, als es für derartig umfassende Veränderungen in der Schule noch Begründungen, pädagogische Konzepte, Versuche und aufwendige Evaluation brauchte.

Bill Gates & Co haben derartigen Usancen ganz offensichtlich den Garaus gemacht. Neupädagogischem Edutainment stehen - Chip sei (Un)dank - derlei Hürden nicht mehr entgegen. Man vernetzt einfach. Und was tun die Schüler dann im World Wide Web? Englischsprachige Zeitungsartikel suchen, um sie mittels digitalem Wörterbuch zu übersetzen? In elektronischen Informationsabgründen zeitintensiv nach Wissen fischen, obwohl man das meiste auch in einem guten Schulbuch, Lexikon oder schlicht und einfach in einer Zeitung lesen kann? E-Mails senden, Fahrpläne studieren, Musik und Lernspiele herunterladen, Homepages erstellen (Motto: Volksschule Hintertupfing stellt sich im www vor)?

Das bringt sicher ein Plus an anschaulich "Spielerischem", aber bei allem "easy-learning" bleibt am Ende doch, was Susanne Gaschke in der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit" beschreibt: Das harte Substrat eines Faches, das gelernt werden muss; ein letztlich immer anstrengender Akt, den kein Bildchen und keine Toneinspielung dem Einzelnen je abnehmen kann.

Obwohl in den meisten Berufen überhaupt keine großen Computer-kenntnisse notwendig sind, ist der Druck von Eltern auf die Schule groß. Im grassierenden Internet-Fieber fürchten sie, ihre Kinder könnten das Rennen um gute Jobs verlieren. Aber nicht einmal der Pilot eines großen Flugzeuges muss Computerexperte sein, um den Autopiloten zu "pro-grammieren", sagt Joseph Weizenbaum, Computerpionier vom Massa-chusetts Institute of Technology. "Alles, was man außerhalb der Wissen-schaft und den Ingeniersberufen braucht, lernen Kinder von selbst oder es ist in kürzester Zeit nachzulernen."

Eine Verschwendung Zudem wird die Bedienung von PCs in wenigen Jahren um vieles einfacher sein. Für den bekannten Medienkritiker Neil Postman ist die Vernetzung der Schulen gar "komplette Verschwendung". Die psychischen Folgekosten des digitalisierten Kinderalltags sind noch nicht absehbar. Die Verkabelung der Klassenzimmer wird unsere Kinder ganz und gar nicht glücklich machen, prophezeit der Astrophysiker Clifford Stoll und kritisiert die neue PC-Schulkultur: "Klick! Arbeite nicht, denke nicht, klick einfach auf etwas anderes. Wenn du nicht magst, was du siehst, klick dich woanders hin" - das Web als hervorragende Methode, das Denken zu vermeiden. Und der schon genannte Joseph Weizenbaum warnt davor, "die Kreativität der Kinder in einen Käfig zu sperren und sie zu fantasielosen Befehlsempfängen zu erziehen."

Als "Musterschüler im Vergessen" bezeichnet der Leiter des Beethoven-Gymnasiums in Berlin die "Generation @". Seine Diagnose: Die Mehrheit verfügt über wenig Neugierde, kann sich schlecht konzentrieren, ist kaum körperliche Anstrengung gewohnt und sucht den unmittelbaren Erfolg und eine schnelle Abfolge von Reizen.

Die neuen Medientechnologien werden die übertrieben euphorischen Erwartungen von einer Revolution des Lernens nicht erfüllen. Statt sie zu globalen pädagogischen Erlösungsmaschinen hochzustilisieren sollte man sie deshalb ganz nüchtern als Werkzeuge schätzen.

Für Kinder und Schule ist zu hoffen, dass sich nach dem Rausch hektischer Digitalisierung schon bald Ernüchterung breitmacht: Damit sich die Schule wieder von der Rolle einer im Netz zappelnden Fliege befreit.

Alles neu! Die "Neue Wissensgesellschaft" kommt, das "Neue Lernen"! Fast schon alt dagegen die abgedroschenen Modesprüche, die verbalen Stereotypien und gigantischen Versprechungen ihrer Verkünder: Kein bildungspolitisches Statement, ohne dem verunsicherten Bürger permanent die Worthülsen von der "Halbwertszeit des Wissens", von der "Computerliteralität als vierter Kulturtechnik" in die Ohren blasen, ohne ihn geradezu flehentlich auf die absolute Priorität von "Medienkompetenz" und "Schlüsseltechnologie" hinzuweisen. Und allerorten gehen die digitalen Einpeitscher um: "Alle Schulen ans Netz!" "Laptop statt Schulranzen!"

Aus allen Pädagogenstuben schallt es uniform nach Multimedia-learning, elektronischem Klassenzimmer, Homelearning, interaktiver Lernumgebung, net-meeting, online-learning, teleteaching ... Die pädagogische Welt ist voll von Internet-Aposteln und E-Euphorikern. Kaum ein neumodisches Schul-Ranking, in dem nicht schon das bloße Vorhandensein von PC und Internet als pädagogisches Fünf-Sterne-Kriterium gilt. Kein Schulkollegium, das nicht vor dem Kult der digitalen Revolution in die Knie geht wie vor einem Naturereignis. Der Präsident des deutschen Lehrerverbandes sieht schon die Vision einer "Pflanzschule für aufgescheuchte pädagogische Multimedia-Freaks" aufziehen. Weh dem, der sich den gloriosen Verheißungen und Kommandotönen der schnittigen Modernisierungsrhetorik verweigert! Oder der gar wagt, Skepsis am pädagogischen Nutzen der neuen Medien zu äußern! Schnell wird er als Ewiggestriger, als Innovationsverweigerer, Technikfeind oder Kulturpessimist denunziert. Denn am digitalen Horizont dämmert schon die schöne neue Wissensgesellschaft: Kein Schulmief mehr, kein Pauker! Die Kapazitäten aus Wissenschaft und Forschung werden uns gleichsam höchstpersönlich am Bildschirm die Welt erklären. Kinder werden in der halben Zeit und bei einem Drittel weniger Kosten um 30 Prozent mehr lernen!

Kleine IQ-Bestien Die virtuelle Computerwelt ist dabei, eine Heerschar kleiner Einsteins und IQ-Bestien zu gebären und aus lustlosen Schülern werden neugierige Forscher! Nach Flops beim Programmierten Lernen, bei Schulfernsehen und Sprachlabor scheint der Nürnburger Trichter endlich beim elektronischen Lernen gefunden. Auffallend ist bei alldem, wie die Pädagogik das Feld nahezu gänzlich der Politik, Werbestrategen der Technologiebranche sowie selbsternannten Medien-Gurus überlässt. Vorbei die Zeiten, als es für derartig umfassende Veränderungen in der Schule noch Begründungen, pädagogische Konzepte, Versuche und aufwendige Evaluation brauchte.

Bill Gates & Co haben derartigen Usancen ganz offensichtlich den Garaus gemacht. Neupädagogischem Edutainment stehen - Chip sei (Un)dank - derlei Hürden nicht mehr entgegen. Man vernetzt einfach. Und was tun die Schüler dann im World Wide Web? Englischsprachige Zeitungsartikel suchen, um sie mittels digitalem Wörterbuch zu übersetzen? In elektronischen Informationsabgründen zeitintensiv nach Wissen fischen, obwohl man das meiste auch in einem guten Schulbuch, Lexikon oder schlicht und einfach in einer Zeitung lesen kann? E-Mails senden, Fahrpläne studieren, Musik und Lernspiele herunterladen, Homepages erstellen (Motto: Volksschule Hintertupfing stellt sich im www vor)?

Das bringt sicher ein Plus an anschaulich "Spielerischem", aber bei allem "easy-learning" bleibt am Ende doch, was Susanne Gaschke in der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit" beschreibt: Das harte Substrat eines Faches, das gelernt werden muss; ein letztlich immer anstrengender Akt, den kein Bildchen und keine Toneinspielung dem Einzelnen je abnehmen kann.

Obwohl in den meisten Berufen überhaupt keine großen Computer-kenntnisse notwendig sind, ist der Druck von Eltern auf die Schule groß. Im grassierenden Internet-Fieber fürchten sie, ihre Kinder könnten das Rennen um gute Jobs verlieren. Aber nicht einmal der Pilot eines großen Flugzeuges muss Computerexperte sein, um den Autopiloten zu "pro-grammieren", sagt Joseph Weizenbaum, Computerpionier vom Massa-chusetts Institute of Technology. "Alles, was man außerhalb der Wissen-schaft und den Ingeniersberufen braucht, lernen Kinder von selbst oder es ist in kürzester Zeit nachzulernen."

Eine Verschwendung Zudem wird die Bedienung von PCs in wenigen Jahren um vieles einfacher sein. Für den bekannten Medienkritiker Neil Postman ist die Vernetzung der Schulen gar "komplette Verschwendung". Die psychischen Folgekosten des digitalisierten Kinderalltags sind noch nicht absehbar. Die Verkabelung der Klassenzimmer wird unsere Kinder ganz und gar nicht glücklich machen, prophezeit der Astrophysiker Clifford Stoll und kritisiert die neue PC-Schulkultur: "Klick! Arbeite nicht, denke nicht, klick einfach auf etwas anderes. Wenn du nicht magst, was du siehst, klick dich woanders hin" - das Web als hervorragende Methode, das Denken zu vermeiden. Und der schon genannte Joseph Weizenbaum warnt davor, "die Kreativität der Kinder in einen Käfig zu sperren und sie zu fantasielosen Befehlsempfängen zu erziehen."

Als "Musterschüler im Vergessen" bezeichnet der Leiter des Beethoven-Gymnasiums in Berlin die "Generation @". Seine Diagnose: Die Mehrheit verfügt über wenig Neugierde, kann sich schlecht konzentrieren, ist kaum körperliche Anstrengung gewohnt und sucht den unmittelbaren Erfolg und eine schnelle Abfolge von Reizen.

Die neuen Medientechnologien werden die übertrieben euphorischen Erwartungen von einer Revolution des Lernens nicht erfüllen. Statt sie zu globalen pädagogischen Erlösungsmaschinen hochzustilisieren sollte man sie deshalb ganz nüchtern als Werkzeuge schätzen.

Für Kinder und Schule ist zu hoffen, dass sich nach dem Rausch hektischer Digitalisierung schon bald Ernüchterung breitmacht: Damit sich die Schule wieder von der Rolle einer im Netz zappelnden Fliege befreit.