Mit dem Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Und obwohl Österreich in vielerlei Hinsicht nicht mehr allzu religiös ist, wird auch hierzulande eifrig gefastet. DIE FURCHE sprach mit der Historikerin Gabriele Sorgo über die Geschichte der Askese – von den Anfängen in der Steinzeit bis heute .

Tiere können so elementare Bedürfnisse wie Essen und Trinken nicht unterdrücken. Homo sapiens kann das - auch wenn es ihm nicht leicht fällt. Aber seit wann leben Menschen überhaupt asketisch und warum verzichten sie auch heute noch? DIE FURCHE sprach darüber mit der Askese- und Konsum-Expertin Dr. Gabriele Sorgo.

Die Furche: Frau Sorgo, wo liegen die geschichtlichen Wurzeln der Askese?

Gabriele Sorgo: Wahrscheinlich ist die Askese mit der Bewusstwerdung des Menschen entstanden, weil Askese immer auch eine willentliche Distanznahme vom eigenen Körper bezeichnet. Plausibel ist auch die Annahme, dass Askese eng mit menschlicher Kooperation zusammenhängt: Wer Nahrung teilt, muss gleichzeitig verzichten. Viele Anthropologen gehen davon aus, dass diese Art der Selbstbeherrschung bereits in der Steinzeit für ein erfolgreiches Jagen wichtig war. Die Männer warteten, lauerten dem Wild auf und hatten in Gedanken ein klares Ziel vor sich: Beute machen. Langfristige Strategien verlangen also Askese.

Die Furche: Wann entstehen dann die ersten religiösen Askese-Rituale?

Sorgo: Mit der Sesshaftwerdung des Menschen bilden sich neue Machtstrukturen. Jene, die an der Spitze stehen – die Könige und Priester – werden so zu Spezialisten für transzendente Erfahrungen. Bereits lange vor Christi Geburt gab es im vorderasiatischen Raum asketische Strömungen, die durch schlechte Lebensbedingungen, Weltflucht und eine Hoffnung auf Erlösung geprägt sind. Ab dem 2. Jahrhundert nach Christus findet man dann erste Mönchsgruppierungen, die eine extrem asketische Elite darstellen und als Vorbild eines neuen Lebensstils dienen.

Die Furche: Jesus selbst hat vierzig lange Tage in der Wüste gefastet. Das scheint unglaublich hart.

Sorgo: Die vierzig Tage waren ein Übergangs- oder Initiationsritual. Zu welchem Zweck? Darüber gibt es nur Spekulationen. Und natürlich haben die Menschen die übermenschlichen Leistungen der damaligen Asketen sehr bewundert. Wer kein Essen und Trinken braucht, steht über der Natur und muss quasi ein Gott sein.

Die Furche: Aber wenn man neue Mitglieder für seine Religion gewinnen möchte, scheinen allzu strenge Fastengebote doch eher hinderlich.

Sorgo: Ein strenges Reglement kann durchaus Menschen anziehen. Schauen Sie doch den derzeitigen Kampf in der Kirche um eine liberale oder strenge Position an: Strenge schreckt natürlich viele ab, aber Strenge zeugt auch von Haltung. Das frühe Christentum startete bekanntlich als kleine Sekte, die ihren Glauben sehr ernsthaft betrieb. Aufgrund von mehreren Epidemien haben unzählige Menschen damals ihre Verwandten verloren. Das soziale Netzwerk der Christen funktionierte weiterhin, weil nicht die Familie, sondern die Glaubensverbindung ausschlaggebend war. So ging das Christentum aus diesen schwierigen Zeiten gestärkt hervor.

Die Furche: Das Christentum wuchs und wurde bis zum Mittelalter die dominierende Religion in Europa. Weiß man, wie genau sich die einfache Bevölkerung an die Fastenregeln hielt?

Sorgo: Sowohl die Elite in den Klöstern als auch die normale Bevölkerung hielt sich mehr oder weniger daran. Auffällig ist, dass ab dem 13. Jahrhundert Schuldgefühle immer mehr zunehmen. Der Umschwung zeigt sich auch in der Darstellung von Christus: Von einer fröhlichen Figur hin zu einem leidenden Christus mit zermartertem Körper. Bis ins Spätmittelalter entstehen so viele Reformbewegungen, die massive Formen der Selbstpeinigung akzeptieren – etwa die Geißler und Büßer. Diese Askese-Rituale sind meines Erachtens ein Zeichen dafür, dass eine ganze Gesellschaft im Umbruch war. Ein neuer urbanerer Lebensstil hat zu mehr Sünden geführt. Die häufigere Verwendung von Geld als Zahlungsmittel brachte etwa die Menschen in eine unangenehme Situation: Darf ich für die Geldleihe wirklich keinen Zins nehmen? Lande ich dann tatsächlich im Fegefeuer? Die Leidensmystiker hatten auf all diese Fragen eine Antwort: Sie erklärten den Menschen, wie man büßen kann.

Die Furche: Machen wir einen Sprung nach vorne ins 21. Jahrhundert: Heute nehmen viele Christen Glaubensangelegenheiten nicht mehr so streng. Dennoch erinnern sich viele an diesen Teil des Kirchenjahrs – und fasten. Ist das nicht überraschend?

Sorgo: Gemeinsam geht es immer leichter als allein. Außerdem leben wir in einer sehr disziplinierten Gesellschaft. Kein Wunder, in einer Konsumgesellschaft lässt sich nur mit enormer Disziplin leben. Deswegen halte ich weiteres Fasten fast schon für einen Verzicht auf Verzicht. Wenn ich nicht ins Kaufhaus gehe, erspare ich mir die Qual, hundertmal Nein sagen zu müssen, bevor ich ein Mal Ja sage.

Die Furche: Ist diese Selbstdisziplin lediglich ein Erfordernis, das sich aus dem Konsumangebot ergibt, oder handelt es sich dabei nicht auch um eine Tugend, die von der Gesellschaft für gut befunden wird.

Sorgo: Natürlich ist die Selbstdisziplin auch kulturell positiv bewertet. Wer es schafft, zehn Kilo abzunehmen, kann sich gewaltig stolz fühlen. Umgekehrt haben es dicke Menschen heute bereits bei Vorstellungsgesprächen schwer. Was zeigt, dass wir in einer extremen Leistungsgesellschaft leben, in der sich der Mensch auch wie ein Leistungssportler im Griff haben soll.

Die Furche: Unter Managern ist das Marathonlaufen eine Art Modesport geworden.

Sorgo: Die aber auch Marathon arbeiten. Das ist ein sehr asketisches Leben, bei dem auch auf soziale Beziehungen verzichtet wird. Das viele Geld, das man dafür bekommt, zeigt das Ausmaß der täglichen Selbstüberwindung und symbolisiert gleichzeitig Omnipotenz.

Die Furche: Es gibt auch andere Askese-Trends. Etwa dass man sechs Wochen den Jakobsweg geht oder sich einen Monat ins Kloster zurückzieht, vielleicht sogar nichts mehr spricht.

Sorgo: Das sind für mich elitäre Trends, die sich nicht viele Menschen leisten können. Es geht wohl vor allem darum, sich mit alten Praktiken zu regenieren, um so einem Burn-out vorzuschützen. Als spirituelle Erfahrung oder gar als Persönlichkeitsveränderung sehe ich das nicht.

Die Furche: Eine spirituelle Form der Askese sehen Sie nicht, nur mehr eine, bei der es um die Regeneration des Körpers geht?

Sorgo: Schauen Sie, was die Zeitungen schreiben. Doktor X sagt: Um wirklich gesund zu bleiben, müssen Sie zweimal die Woche Sex haben. Kein Sex ist da keine Option mehr. Das ist Askese in einem sehr wörtlichen Sinne: eine Einübung in Lebensvorschriften.

Die Furche: Wir leben also heute gar nicht in einer Spaß-Gesellschaft, sondern in einer extremen Askese-Gesellschaft?

Sorgo: Ja, und ich glaube, eine echte Form von Hedonismus würde uns guttun. Vielleicht schafft es ja die jüngere Generation –die in den 1970er und 1980er Jahren Geborenen – weniger zu arbeiten, auch weniger in den Urlaub zu fahren, dafür mehr Zeit für die Familie zu haben, auf ein Auto verzichten zu können etc. Dieses irre Askese-Prinzip sollte auf jeden Fall mehr Lebensqualität und mehr Genuss Platz machen.

G. Sorgo

ist habilitierte Historikerin und hat sich in ihren kulturwissenschaftlichen Arbeiten intensiv mit Fragen der Askese und des Konsums beschäftigt.

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