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Das Töten perfektionieren

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In Österreich steht ein Antrag auf Zulassung der Abtreibungspille "Mifegyne" bevor. Wie es scheint, wird er Erfolg haben.

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In Österreich steht ein Antrag auf Zulassung der Abtreibungspille "Mifegyne" bevor. Wie es scheint, wird er Erfolg haben.

Nach 1993 wird ein neuer Anlauf genommen: Die Abtreibungspille, sie heißt jetzt "Mifegyne" (früher RU 486), soll in Österreich eingeführt werden. Einer Zulassung stehe nichts im Wege, meinte Gesundheitsministerin Lore Hostasch: Nur für klinischen Gebrauch, wie sie beruhigend hinzufügte.

Österreich könne das Mittel nur schwer ablehnen, wird eine Rechtsexpertin der Vereinigung pharmazeutischer Unternehmen in "Die Presse" zitiert. Schließlich sei das Mittel in einem anderen EU-Staat, nämlich in Frankreich, seit langem in Verwendung. Habe man dort keine gesundheitsrelevanten Einwände gehabt, so wäre es erstaunlich, wenn man in Österreich solche finden sollte. Im Falle einer Ablehnung könne sich der Antragsteller an die Brüsseler Kommission wenden, die voraussichtlich positiv entscheiden würde.

So scheint also der Weg für das Tötungsmittel in Österreich geebnet. Und das umso mehr, als die chemische Abtreibung als die elegantere Lösung angesehen wird: keine Vollnarkose, kein Ausräumen der Gebärmutter, keine Verletzungsgefahr, Tötung des Kindes in einer Phase, in der es angeblich noch nichts spürt ...

Alles scheint also für das Präparat zu sprechen - vorausgesetzt man befürwortet das Töten von Kindern im Mutterleib. Aber selbst dann ist die Antwort nicht so eindeutig.

Um sich ein Urteil zu bilden, ist es zweckmäßig, sich vor Augen zu führen, was tatsächlich bei der chemischen Abtreibung geschieht.

Das Präparat sollte nur bei Frauen angewendet werden, deren letzte Regelblutung nicht länger als 49 Tage zurückliegt. Der Vorgang spielt sich in mehreren Schritten ab: Am ersten Tag der Abtreibung bekommt die Schwangere drei Tabletten verabreicht.

Sie enthalten Mifeprestone, jenen Stoff, der abtreibend wirkt, weil er die Zellen so beeinflußt, daß sie die Botschaft des Schwangerschaftshormons (Progesteron) nicht mehr aufnehmen können. Letzteres hat die Aufgabe, die Gebärmutter für die Einnistung und die Ernährung des Kindes aufzubereiten. Insbesondere wird die Gebärmutterschleimhaut aufgebaut, dafür gesorgt, daß die Kontraktionstätigkeit der Gebärmuttermuskulatur abnimmt und daß der Gebärmutterhals geschlossen wird, damit das Kind nicht ausgestoßen wird.

Das Mittel verhindert all das und verwandelt es ins Gegenteil: Die Gebärmutter wird zum unwirtlichen Raum, die Schleimhaut abgebaut, die Kontraktionstätigkeit der Muskulatur erhöht und der Ausgang der Gebärmutter geöffnet.

Daher treten innerhalb von 48 Stunden nach Einnahme des Präparats bei 50 Prozent der Schwangeren Blutungen auf. Bei zwei Prozent der Betroffenen ist diese Blutung schwer und von Krämpfen begleitet. Dennoch werden bis zum dritten Tag nur etwa drei Prozent der Kinder ausgestoßen.

Daher ist am dritten Tag, also 36 bis 48 Stunden nach Einnahme des Präparates die Verabreichung eines wehenauslösenden Mittels vorgesehen. Zwei Stunden nach deren Verabreichung werden Blutungen ausgelöst, bei denen das Kind meist ausgestoßen wird. Je höher die Dosis, umso rascher findet der Abort statt. Das kann von 4,5 bis 22,5 Stunden dauern. Die Blutungen können, einer umfassenden Untersuchung zufolge, bis zu 35 Tagen dauern.

Was die "Erfolgsrate" anlangt, so liegt sie bei etwa 96 Prozent. Ein Prozent der Ungeborenen hatte in der erwähnten Untersuchung die "Behandlung" überlebt. In 0,9 Prozent der Fälle mußte das Kind wegen allzu starker Blutungen der Mutter durch Eingriff entnommen werden. In den übrigen Fällen ergaben Untersuchungen nach acht bis zwölf Tagen, daß Teile des Ungeborenen oder des Mutterkuchens noch zu entfernen waren. Damit ist offenkundig, daß das Geschehen bei weitem nicht so harmlos ist, wie behauptet. Da sind zunächst die Nebenwirkungen: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall in den ersten Stunden bei jeder dritten Frau, wenn das Mittel hochdosiert verabreicht wird. Auch Herz-Kreislaufprobleme traten auf. 1991 starb eine 31jährige Französin während der Abtreibung an einem kardiovaskulären Schock.

Dazu kommt die psychische Belastung der Frau: Sie erlebt den Todeskampf ihres Kindes bei vollem Bewußtsein mit. Sollte sie es sich im Verlaufe des Geschehens überlegen, so gibt es eigentlich kein Zurück mehr. Denn die Gefahr der Schädigung des Kindes ist groß. Zwar ist das Bild, das die Studien diesbezüglich entwerfen, nicht einheitlich. Immerhin aber berichtet eine von ihnen, daß es zu schweren Mißbildungen kam: fehlender Magen, keine Gallenblase, kein Harntrakt ... Um dem Präparat das Odium zu nehmen, ein Tötungsmittel zu sein, wird immer wieder auch darauf hingewiesen, es habe auch positive Effekte, etwa bei der Behandlung von Tumoren. In diese Richtung wurden viele Versuche unternommen, die jedoch bisher keinerlei positive Ergebnisse gebracht haben. Soweit es dafür Andeutungen gibt, sind die Stichproben zu klein, um signifikante Aussagen machen zu können.

Was ist darüber hinaus an dem Produkt zu kritisieren? Es wird durch seine scheinbar leichte Anwendung die Abtreibung noch weiter banalisieren. Das Gerede von der sanften, schonenden, frauenfreundlichen Methode verschleiert noch mehr, was eigentlich geschieht: Daß ein Kind getötet wird. Dadurch und weil die Frist für die Verwendung des Präparates mit sieben Wochen kurz bemessen ist, wird sich der Druck auf die Frauen, rasch abzutreiben, weiter erhöhen - und das in einer Phase besonderer psychischer Labilität.

Zusammenfassend: Die Abtreibung, ursprünglich als letzter Ausweg aus extremer Notsituation verkauft, dann als Errungenschaft der Frauen propagiert, wird jetzt chemisch perfektioniert und banalisiert. Der französische Genetiker Jerome Lejeune bezeichnete das Präparat einmal als "Menschenpestizid". Sollte ein Land wie Österreich, das sich so viel auf seine Vorreiterrolle in Sachen "Bio" zugute hält, nicht auf ein Menschenvertilgungsmittel verzichten?

Zum Thema: Protestaktionen Die "Aktion Leben" startet eine Unterschriftenaktion gegen die Zulassung von Mifegyne. Näheres: Aktion Leben, 1010 Wien Dorotheerg. 6-8, Tel. 01/5125221 "Jugend für das Leben" ruft zu Gebet und dazu auf, Protestbriefe an die Erzeugerfirma zu schreiben. Näheres: Jugend f. d. Leben, 4020 Linz, Waltherstr. 21, Tel. 0732/788116

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