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Das Unternehmen kann warten - die Schule nicht

Die Idee entstand vor 24 Jahren in den USA - nun ist sie in Österreich angekommen: Die Wirtschaft soll die fähigsten Uni-Absolventen nicht gleich wegschnappen. Zuerst sollen sie für zwei Jahre unterprivilegierte Schüler unterrichten. Im Herbst startete die Schul-Initiative "Teach for Austria“, wie DIE FURCHE (Nummer 32/2012) berichtete. Nach einem strengen Auswahlverfahren und einem Sommer-Crashkurs in Pädagogik sind 25 sogenannte Fellows in Hauptschulen und Neue Mittelschulen in Wien und Salzburg ausgeschwärmt. Die Bilanz lässt sich sehen: Alle bis auf einen haben durchgehalten.

Die größte Herausforderung für "Teach for Austria“-Gründer Walter Emberger? "Dass unsere Fellows vor lauter Idealismus nicht ausbrennen. Es ist eine Gratwanderung, unsere hohen Erwartungen in Einklang zu bringen mit der Realität und mit den niedrigen Erwartungen, die Gesellschaft, Eltern und Schüler selbst haben.“ Emberger möchte das Bild von Schule verändern. Als er 2011 begann, Bildungsveranstaltungen zu besuchen, hatte er das Gefühl: "Die Leute drehen sich mit ihrer Systemanklage im Kreis.“ Mittlerweile sitzt er selbst am Podium. "Teach for Austria“ ist heuer für den Trigos-Preis nominiert, der soziales Unternehmertum auszeichnet. Die Begründung der Jury: "‚Teach for Austria‘ bricht starre Bildungsstrukturen auf und fördert die Chancengleichheit.“

Große Ziele, kleine Schritte

Adib Reyhani ist einer der 24 Neo-Lehrer. Letztes Jahr erzählte er im FURCHE-Gespräch von seinem Wunsch, den bildungsbenachteiligten Schülern neue Möglichkeiten aufzuzeigen. Seit mittlerweile neun Monaten unterrichtet er an einer Kooperativen Mittelschule im 10. Wiener Bezirk Geschichte und Geografie. "Die ersten Wochen waren hart. Ich hatte mit einer Klasse große disziplinäre Probleme, aber da muss man einfach durch“, sagt der 29-jährige Volkswirt rückblickend.

Fast alle seiner 100 Schüler haben einen Migrationshintergrund und kämpfen mit Sprachdefiziten. Dem Quereinsteiger wurde schnell klar, dass Fortschritte nicht von heute auf morgen passieren. "Anfangs hatten die Schüler große Probleme, Texte zu lesen.“ Also hat Reyhani die Lesekompetenz zu einem Schwerpunkt erklärt. Nach einem halben Jahr hat es mit dem Lesen geklappt - was keine Selbstverständlichkeit ist: Laut OECD-Bericht können gegen Ende der Pflichtschulzeit 28 Prozent der 15- bis 16-Jährigen in Österreich nicht sinnerfassend lesen.

Unterschätzen sollte man die intellektuellen Fähigkeiten der Jugendlichen keinesfalls: Mittlerweile diskutiert der Fellow mit ihnen jene Konzepte von Moral und Ethik, die Harvard-Professor Michael J. Sandel in seinen Seminaren erörtert. "Es war verblüffend. Die Antworten meiner Schüler waren ganz ähnliche wie jene der Harvard-Studierenden. 12-Jährige haben einen subtilen Gerechtigkeitssinn“, erzählt Reyhani.

Der gebürtige Steirer mit iranischen Wurzeln setzt bei der Lernhaltung der Kinder an. Anstatt ihnen ins Gewissen zu reden, dass etwas aus ihnen werden soll, sagt er ihnen: "Ihr sollt lernen, damit ihr die Gesellschaft zum Positiven verändern könnt.“ Mittels Berufsworkshops versucht er, den jungen Leuten klar zu machen, dass der Weg zu einem guten Beruf früh beginnt. "Denn diese Kinder müssen es selbst in die Hand nehmen, wenn sie einen höheren Abschluss machen wollen“, weiß Reyhani. Die Ergebnisse des OECD-Bildungsberichts 2009 sprechen eine klare Sprache: 82 Prozent der Kinder mit türkischem Migrationshintergrund besuchen hierzulande nur Pflichtschulen. Kinder aus bildungsfernen Schichten brechen fünfmal häufiger die Schule ab. Die Chance eines Akademikerkindes auf einen universitären Abschluss ist hingegen sechzehn (!) Mal höher.

Die Schicksale der Schüler beschäftigen Reyhani auch privat. "Das Abschalten ist mir in der Wirtschaft leichter gefallen“, räumt er ein. Die "Teach for Austria“-Community ist sein Sicherheitsnetz. "Ich habe 23 Mitleidende und Mitstreiter.“ Zwei Trainerinnen haben für jeden Fellow einen maßgeschneiderten Fahrplan entwickelt. Auch vom Austausch an der Schule profitieren alle Beteiligten: "Ich lerne von den Lehrerkollegen viel über Kommunikation. Umgekehrt kann ich ihnen mein Wissen über Führungsqualitäten vermitteln und sie mitreißen.“

Warum er sich das alles antut? "Weil wir große Ziele erreichen, die anfangs unrealistisch erschienen.“ Reyhani berichtet von einer Schülerin, die mit ihren Deutschkenntnissen kämpfte und gerne aufs Gymnasium gehen will. Er hat ihr eine Serie von Jugendbüchern als Lektüre empfohlen. "Binnen drei Monaten hat sie sieben Bücher gelesen.“ Seither haben sich nicht nur ihre Deutsch-Noten verbessert: "Sie ist viel lernfreudiger“, so Reyhani.

Die beste Bildung - für alle Kinder

Für das kommende Schuljahr werden zwischen 30 und 40 Fellows aufgenommen. Sie sollen von den Erfahrungen des ersten Jahrganges profitieren. Reyhani wird einen von ihnen als Mentor unterstützen. Nach seinem zweiten Schuljahr will er sich im Bildungssektor selbstständig machen. "An der Schnittstelle zwischen Technologie und Schulbildung.“

"Teach for Austria“-Personalchef Toni Kronke arbeitet gerade am Aufbau eines Absolventen-Netzwerkes. Er ist auch derjenige, der die geeigneten Fellows auswählt. In einem viermonatigen Bewerbungsprozess testet er, ob die Top-Absolventen pädagogisch geeignet sind. Neben Eigeninitiative und Durchhaltevermögen ist ihm wichtig, dass sie sich mit dem Ziel von "Teach for Austria“ identifizieren können: Allen Kindern - unabhängig von ihrer Herkunft - die beste Bildung zu ermöglichen.

Kronke betont, welche Verantwortung Lehrkräfte tragen: "In keinem anderen Job ist man vom ersten Tag an für 100 Leute verantwortlich.“ Er sucht Allround-Talente: "Lehrer müssen über Führungsqualitäten und hohe Sozialkompetenzen verfügen, organisieren können und natürlich fachlich wie methodisch gut sein - das ganze Programm.“

Nicht das System ist für Schüler relevant, sondern die Person, die vor ihnen steht, ist Kronke überzeugt: "Sie muss klar machen können: Warum sitze ich überhaupt hier? Welche Ziele habe ich? Und wie komme ich dort hin? Egal, ob sich das System Neue Mittelschule, Gesamtschule, Gymnasium oder Hauptschule nennt.“

Der Kulturwissenschaftler war selbst Fellow von "Teach first Deutschland“ an einer Kölner Hauptschule. "Das sind Restschulen. Die Schüler wissen, dass sie aussortiert wurden. Sie haben gelernt, zu scheitern.“ Um die desillusionierten Jugendlichen wieder hochzuziehen, hat er sie bei einem Geschichts-Wettbewerb der Rheinischen Post angemeldet. Seine Schüler recherchierten in Archiven, befragten Zeitzeugen, produzierten Radiobeiträge, präsentierten ihr Projekt der Presse."Wir haben vereinbart: Wir bereiten uns exzellent vor, ziehen uns gut an und gehen dort selbstbewusst hin.“ Letztlich errang die Kölner Hauptschulklasse Platz zwei auf Bundesebene. Da hat sich bei den Schülern ein Schalter umgelegt. "Sie haben gemerkt: Wir können das auch. Wir gehören dazu.“

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