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Gesellschaft

Das weibliche Gesicht der Armut

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Nennen wir sie Anna K. Vielleicht ist sie alleinerziehend, vielleicht auf Mindestsicherung angewiesen, vielleicht sogar vorübergehend wohnungslos. In Hochglanzillustrierten ist sie jedenfalls selten zu finden, eine Lobby hat sie ebensowenig wie Tausende Follower auf Twitter. Und doch ist sie nicht allein: Knapp 500.000 Frauen über 20 Jahren gelten in Österreich als armutsgefährdet, sie müssen also von weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Medianeinkommens leben und dadurch in zentralen Lebensbereichen erhebliche Einschränkungen hinnehmen. Auch (zu viele) Männer kommen in solch prekäre Situationen, das Risiko von Frauen ist freilich leicht erhöht. Insbesondere alleinlebende Frauen sind betroffen, jede fünfte von ihnen gilt als armutsgefährdet. Das Problem von Frauen beginnt mit einem um 38 Prozent geringeren mittleren Bruttojahreseinkommen - und endet damit, dass sie mit rund 970 Euro nur etwa 63 Prozent der Durchschnittspension von Männern verdienen. Dass gerade "kleine Frauen"(und Männer) von der neuen Bundesregierung noch weniger Unterstützung als bisher erfahren, hat nun bei den neun österreichischen Caritas-Direktorinnen und -direktoren scharfen Protest ausgelöst. Sie warnen vor einer "schrittweisen Demontage des Sozialstaates". Die von ÖVP und FPÖ angekündigten Sparmaßnahmen im Sozialbereich sowie Millionenkürzungen beim Arbeitsmarktservice (AMS) seien "menschlich bedenklich, gesellschaftlich gefährlich und ökonomisch widersinnig", heißt es. Kritisiert wird auch, dass beim geplanten "Familienbonus" Alleinerziehende mit einem geringen Einkommen nur einen Kindermehrbetrag von 250 Euro erhalten sollen - und Familien bei ganzjähriger Arbeitslosigkeit, Notstandshilfe oder Mindestsicherung gar nichts. Um auf Frauen in akuten Notsituationen aufmerksam zu machen, hat indes die Caritas der Erzdiözese Wien - anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. März - die Aktion #wirtun (www.wir-tun.at) lanciert. Unter der Schirmherrschaft von Doris Schmidauer, der Ehefrau des Bundespräsidenten, wurde ein Spenden-Fonds eingerichtet, der ausschließlich Frauen in Krisensituationen zugute kommt: Frauen, die obdachlos sind; Frauen, die Übergriffe erlitten haben und dringend ein Notquartier brauchen; Frauen, die Gewalt aushalten aus Angst davor, mit ihrem Kind auf der Straße zu stehen. Mehr als 15.000 dieser Frauen hat die Caritas im Vorjahr österreichweit in ihren Sozialberatungsstellen unterstützt. Anna K. war vielleicht eine von ihnen.