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Den besten Wein nicht im Keller verstecken!

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Angesichts des christlichen Analphabetismus wäre ein enormer Nachholbedarf von katholischen Bildungshäusern zu leisten.

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Angesichts des christlichen Analphabetismus wäre ein enormer Nachholbedarf von katholischen Bildungshäusern zu leisten.

In den letzten Wochen konnte man eine interessante Debatte in einer deutschen Zeitung mitverfolgen: Wie christlich muss eine politische Partei sein, die das "C" in ihrem Namen führt? Hintergrund der "C-Debatte" ist die Sorge, dass Verpackung und Inhalt längst nicht mehr deckungsgleich sind. Wo christlich draufsteht, muss nicht unbedingt christlich drinsein. Wer sich vollmundig zum Christlichen anstatt zum Weltanschauungsbrei bekennt, läuft Gefahr, in die Fundi-Ecke abgeschoben zu werden. Und das heißt, Wählerschichten zu verlieren. Umso mehr ließ es aufhorchen, als CDU/CSU-Bundestagsvorsitzender Friedrich Merz in seinem Beitrag zur Feuilletondebatte betonte, dass es mehr "Leidenschaft für das ,C'" brauche und dass diese die "Leidenschaft für die Verwirklichung dieser Grundwerte" miteinschließe.

Hört, hört! Das Bekenntnis zum christlichen Menschenbild soll aus dem Fußnotentext in die Überschrift zurückgeholt werden - ohne Rücksicht auf Verluste. Irgendwie mutig, nicht?

Vielleicht würde solch ein mutiger Schritt auch jenen Bildungsstätten gut tun, die das Wort "katholisch" im Namen führen oder die sich zumindest als solche verstehen. Wie steht es mit ihrer Leidenschaft für das "K"?

Ein Blick in das Programmangebot - Ausnahmen gibt's natürlich - lässt zunächst wenig Katholisches vermuten. Man bekommt eher das Gefühl, dass man es einmal mit einer psychotherapeutischen Praxis zu tun hat, oder einem Turnverein zur seelischen Entspannung (warme Wollsocken nicht vergessen!), oder einem Kreativitätsclub für Malbegeisterte oder einer bibelbuddhistischen Selbsterfahrungsgruppe, die die Wunderwelt der eigenen Psyche erkundschaftet. Wie gesagt: Ausnahmen gibt es natürlich. Echtes Engagement in Bereichen wie Hospizbewegung, Selbsthilfegruppen, Elternfortbildung, ... Veranstaltungen wie jene mit dem einschlägigen Titel "Glaube und konkretes Leben", bei der am Ende sogar noch zu einer Eucharistiefeier eingeladen wird, sind allerdings rar gesät.

Irgendwie versteht man es ja: die Ankündigung von Zenbuddhismus lockt die Katze eher hinter dem Ofen hervor als ein Seminar über das Geheimnis des Dreifaltigen Gottes oder das Rosenkranzgebet. Aber anstatt Weltanschauungsbrei mit katholischer Verzierung zu verteilen, erwarten die Menschen gerade von der Kirche - und Kirche sind wir alle! - etwas mehr Leidenschaft für die eigene Sache. Begründungen statt mieselsüchtiger Kritik, Hintergrundwissen über den eigenen Glauben statt Nachbeten von Zeitungskommentaren, und vor allem Vorbilder statt Theoretiker. Kierkegaard sagte treffend: "Christus hat nicht Dozenten, sondern Nachfolger eingesetzt. Nicht bloß Bewunderer, sondern Jünger."

Kundenfreundliches und bedürfnisorientiertes Angebot - schön und gut. Aber warum den besten Wein im Keller verstecken? Wo doch viele als religiöse Analphabeten groß werden und vor lauter Vorurteilen nicht wissen, was ihnen am katholischen Glauben entgeht. Wäre da nicht ein großer Nachholbedarf gerade durch katholische Bildungshäuser zu decken? Die Nachfrage macht sich nicht allein aus dem Angebot. Keiner kann den Bildungsinstitutionen zumuten im Alleingang das nachzuholen, was Familie und Gesellschaft verabsäumt haben. Sollte man nicht versuchen, jene mit spannenden Glaubensangeboten wachzurütteln, die nach der Erstkommunion den religiösen Anschluss verpasst haben?

Kardinal Ratzinger sagte einmal, es müsse wieder eine "Neugierde nach dem Christentum" entstehen. Man müsse aus diesem "Gefühl des Abgestandenen, des Schon-Längst-Wissens herausführen", eine "Neugierde auf den Reichtum schaffen, der sich hier verbirgt, und diesen Reichtum nicht als Last von Systemen ansehen, sondern als einen Lebensschatz, den kennenzulernen es sich lohnt". Ein überlegenswerter Ansatz zur Belebung der Leidenschaft zum "K".

Die Autorin ist freie Journalistin und tätig in der Jugend- und Erwachsenenbildung.

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