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Den Lebensraum gezielt gestalten

1945 1960 1980 2000 2020

Eine Berufsgruppe feiert ihren 30. Geburtstag: Österreichs Raumplaner. Sie verstehen sich als Gewissen ihrer Gemeinden, als Mediatoren bei umstrittenen Projekten und als visionäre Funktionalisten. Porträt eines Berufsstandes.

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Eine Berufsgruppe feiert ihren 30. Geburtstag: Österreichs Raumplaner. Sie verstehen sich als Gewissen ihrer Gemeinden, als Mediatoren bei umstrittenen Projekten und als visionäre Funktionalisten. Porträt eines Berufsstandes.

Bernd Hala war 1970 einer der Pioniere der Raumplanung. Er studierte im ersten Jahrgang der damals brandneuen Berufsgruppe. Davor hatten sich Architekten und Geografen die Raumplanung und Raumordnung geteilt. "Spezifisch raumplanerische Kenntnisse kamen zu kurz, vor allem bei Raumordnungskonzepten. Die Daten der Geografen liefern unsere Basis. Sie zeigen den Ist-Zustand, wir formulieren Ziele für den Soll-Zustand," so Hala.

Raumplaner und Raumordner ordnen Flächen großräumig Nutzungen zu, legen den Verlauf von Verkehrslinien fest, gruppieren Industrie, Grünland, Wohngebiete darum herum. Höhen und Bebauungsdichten werden genauso bestimmt wie Standort und Anzahl von Schulen, Kirchen, Supermärkten oder anderer Infrastruktur. Auch Reserveflächen werden festgelegt. Wissen um Land- und Forstwirtschaft, Finanzmathematik, Statistik, Sozialwissenschaft, Volkswirtschaftslehre, Raumordnungsgesetze ermöglicht, sehr langfristige Entscheidungen auf mehreren Ebenen zu treffen. Die dichte österreichische Gesetzesflut ist mit dem EU-Beitritt angewachsen, Planungen oder Zielvorgaben können seitdem Ländergrenzen überschreiten.

EU-Projekte erfordern Koordination und Kommunikation mit ausländischen Partnern. "Vor 30 Jahren konnte man autonomer planen. Jetzt bezieht man überregionale und internationale Aspekte mit ein. Wer für eine Gemeinde ein Konzept erstellt, muss an die Region und über die Grenzen denken", bestätigt Seiss.

Weit über die Landesgrenzen hinaus reicht eine Studie für Niederösterreich, die Raumplaner Richard Resch erarbeitet. Im Rahmen eines internationalen EU-Projektes entdeckte er die uralte Bernsteinstraße wieder, die von der Ostsee bis nach Aquileia an der Adria führte, und dabei Niederösterreich querte. "Carnuntum war eine zentrale Drehscheibe des Bernsteinhandels."

Überregionale Projekte Planer Resch wird das ändern. Ende 1998 wurde ein Projekt ausgeschrieben, das kulturtouristische Angebote im Weinviertel schaffen und wichtige Schrittmacher- und Leitfunktion für die Kooperation in Zentraleuropa übernehmen soll. Übergeordnetes Motiv ist die Bernsteinstraße, Austausch mit den Partnerländern Italien, Kroatien, Slowenien, Ungarn, der Slowakei und Polen genauso wichtig wie die Nutzung neuer Medien. Wie jede Vision beginnt auch diese mit den Mühen der Ebene: schrittweise Erhebung und Bewertung der Kultur im Weinviertel. "Museen und Sammlungen haben kein ausreichendes Angebot und Marketing, sie sind nicht untereinander vernetzt. Es gibt zu wenig Unterstützung und zu wenig Geld," beurteilt Resch. Verpflegung, Erreichbarkeit, öffentliche Verkehrsanbindung, Landschaftsplanung: Viel liegt noch im Argen, die ersten Schritte werden aber gesetzt.

Ein Haus ist in zwei, drei Jahren gebaut, ein Flächenwidmungs-und Bebauungsplan wird stückweise in Jahrzehnten verwirklicht, bis ein Konsens zwischen allen Beteiligten gefunden ist. "Die Kriterien soziale Gerechtigkeit, Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit sind ganz wesentlich. Die Politik denkt linear, wir vernetzt. Schon 1984 empfahl der Stadtentwicklungsplan der Stadt Wien, Öffis und Fahrräder zu fördern, seit 1994 gibt es das Bekenntnis dazu. Trotzdem wächst der motorisierte Verkehr, weil der Mut der Politiker fehlt", zeigt der Raumplaner Reinhard Seiss die Grenzen der Planer auf.

Als positives Beispiel fällt ihm Graz ein: dort wurde in einem mutigen Verkehrskonzept die Straßenbahn beschleunigt und mit Grünschaltungen bevorzugt. "In Wien hat man die Bim am Westbahnhof abgekappt und eine teure U-Bahn gebaut, was die Bauwirtschaft freut, anstatt die Straße autofrei zu machen und die Bim, das beste Einkaufsstraßenverkehrsmittel, das es gibt, auszubauen. Da wären keine Ebenen zu überwinden und keine unterirdischen Gänge", übt er Kritik.

Konsens finden Raumplanung ist langwierige Konsensfindung. Bis ein politischer Beschluss gefasst oder im Verwaltungsbereich ein Verfahren exekutiert ist, kann es Jahre dauern. "Wenn wir nicht auf unterschiedliche Interessen eingehen, landet ein Plan in der Schublade und wird nicht realisiert", sagt Hala. "Hainburg hat die Planerwelt verändert. Seitdem weiß jeder, dass gegen massiven Bürgerwiderstand nichts geht."

Der Trend zur Auseinandersetzung mit dem zukünftigen Projekt zeigt sich in seiner Arbeit. 90 Prozent davon liegt im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Halas Hauptaufgabe besteht darin, durch fundierte, objektive Information Ängste abzubauen: "Man muss komplexe Zusammenhänge verständlich darstellen, damit die Bürger verstehen, worum es geht." Viele Stunden, die Raumplaner als Generalisten und Troubleshooter in zermürbenden Diskussionen verbringen, um Aufklärungsarbeit zwischen bauwilligen Investoren, Bürgermeistern, betroffenen Anrainern, Umweltschützern und anderen Interessensgruppen zu leisten, zeigen Erfolg. Ein neues Tätigkeitsfeld ist entstanden: die Umweltmediation.

Im Optimalfall vermittelt sie schon im Projektentwicklungsstadium zwischen den Konfliktparteien. Der Umweltmediator muss das Projekt ohne Beschönigung erklären und alle dazu bringen, ihre Standpunkte offen darzulegen. Wenn Erwartungen, Ängste und Motivationen geäußert sind, kann ein tragfähiger Konsens gefunden werden. "Der Bürger hat kein Vertrauen mehr in Politiker, Behörden und Investoren. Den Beamten traut er kein Rückgrat zu, von den Politikern erwartet er Wahlversprechen, die nicht eingehalten werden, die Wirtschaft ist seiner Meinung nach nur auf Gewinn aus", schildert Hala die Ausgangslage des Mediators.

"Wir haben viel erreicht", freut sich Raumplaner Hans Emrich. 1997 entwickelte er ein Leitbild für die 5.753 Seelen Gemeinde Waidhofen an der Thaya. 4.600 Hektar Fläche hat sie. Eine Größe, auf die sich die Fachmärkte stürzen, nachdem sie in Städten von 20.000-50.000 Einwohnern Fuß gefasst haben. 40.000 bis 60.000 Artikel, billige Flächen unter 1.000 Schilling pro Quadratmeter auf der grünen Wiese: das bringt Kleinhändler um, die im Stadtzentrum etwa das Doppelte zahlen und die Hälfte anbieten können. Arbeitsplätze gehen verloren, die der neue Fachmarkt nicht bieten kann.

Belebung der Altstadt Die Waidhofner fürchteten das Horrorszenario der "goldenen Meile" in Horn. Sie hat die dortige Innenstadt zerstört. Sie beauftragten Emrich mit einem Stadterneuerungskonzept. "Wir haben keine Betriebsansiedlungen an der Straße gewidmet, sonst wären die Märkte schon dort", verhinderte er das Ärgste.

Die Gemeinde einigte sich auf die Wiederbelebung der Altstadt, drei ortsansässige Banken wollen investieren. Ein Einkaufszentrum mit Wohnungen, 200 Parkplätzen und Bezirkszentrum, die Revitalisierung der Böhmergasse und der Ankauf alter, leerstehender Häuser, die renoviert werden, ist beschlossen. Eine Fußgängerzone und die Einbindung des Schlosses Waidhofen, das gerade verfällt, sollen folgen. Der Tod des Stadtzentrums ist gestoppt.

Der niederösterreichische Raumplaner Herbert Schedlmayer versteht sich als Gewissen seiner Gemeinde: "Man muss sie manchmal davor schützen, sich finanziell auszubluten." Im Wunsch nach Betriebsansiedlungen, Promenaden und ähnlichem überschätzen Bürgermeister oft ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten. "Vor planerischen Totgeburten ohne Aussicht auf Erfolg muss man warnen."

In 22 Jahren Praxis hat er Vertrauen aufgebaut, kennt die meisten Grundbesitzer und kann sehr gut abschätzen, wann der richtige Zeitpunkt zur Investition in eine Betriebsansiedlung gekommen ist. Weil er die Gemeinden unbestechlich und vernünftig betreut hat, hört man auf ihn.

Ein großes Problem ist der Strukturwandel in der Landwirtschaft, mit dem dazugehörigen Pendlerwesen. Immerhin kann Schedlmayer erhaltenswerte Bauernhäuser retten, indem er sie zum Wohnen mit ein bisschen Grün rundherum umwidmet. Wirklich frustrierend ist der zähe Kampf gegen die Zersiedelung durch Einfamilienhäuser. "Da stecken so viele Interessen dahinter. Jeder will sein Minischloss, die Bauindustrie und die Fertighaushersteller verdienen gut daran. Es ist schwer, eine geschlossene Bebauungsweise durchzusetzen. Da muss man erst einige finden, die gemeinsam Wand an Wand bauen wollen und dann mehrere Grundeigentümer an einen Tisch bringen", müht sich Schedlmayer seit Jahren ab, verdichtetes Bauen am Land salonfähig zu machen.

Er tut was er kann, legt Wert auf gute Architektur und hat bisher verhindern können, dass ein Einkaufszentrum auf die grüne Wiese kommt: "Einige Kollegen belächeln mich, aber ich bleibe stur. Man muss die Kirche im Dorf lassen, und den Handel im Stadtkern."

Zum Thema: Festwoche der Raumplanung Vom 2.-6. April findet die Festwoche der Österreichischen Raumplanung an der TU Wien statt. Univ. Prof. Peter Skalicky eröffnet am 2. April um 9.15 im Prechtlsaal. Vorträge zu den Themen "Perspektiven der Raumplanung" und "Zur europäischen Raumordnungspolitik" sowie die Eröffnung der Ausstellung "Marktplatz der Raumplanung" stehen dann auf dem Programm. Im weiteren Verlauf der Woche gibt es Vorträge internationaler Referenten, Diskussionen und täglich die Filmreihe "Im Sog der Stadt" (19 Uhr) im AudiMax der TU Wien.

Näheres: http://www.festwoche-raumplanung.com

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