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Den Opfern ein Gesicht geben

Die Ausstellung "Wert des Lebens" in Schloss Hartheim dokumentiert nicht nur die Ermordung 30.000 behinderter Menschen in der Nazi-Zeit. Sie sensibilisiert auch für den Umgang mit Behinderung heute. Dazu Hubertus Trauttenberg, Obmann des Vereins Schloss Hartheim, im Interview.

Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da", wurde Sophokles bei der Eröffnung der Ausstellung Wert des Lebens in Schloss Hartheim, unweit von Linz, zitiert. Und das ist auch eine ihrer Grundbotschaften. Obwohl sie zentral die Geschichte der Aussonderung behinderter Menschen von der Aufklärung bis zu ihrer Ermordung während der NS-Zeit behandelt, ist sie nie anklagend oder polarisierend. "Jeder Besucher soll sich sein eigenes Urteil bilden können", stellt Ausstellungsleiter Hartmut Reese klar.

Schloss Hartheim wird als eines der schönsten Renaissanceschlösser Österreichs bezeichnet. Um 1600 von Jakob Aspan von Hag erbaut, stand es Ende des 19. Jahrhunderts im Eigentum der Familie Starhemberg, die es schließlich dem Oberösterreichischen Landeswohltätigkeitsverein überantwortete, um darin ein "Asyl" für Menschen mit Behinderung zu schaffen. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde der Verein enteignet und Schloss Hartheim zu einem der sechs Euthanasieanstalten für so genanntes "lebensunwertes Leben" umfunktioniert. Auch Menschen aus Konzentrationslagern wurden in Schloss Hartheim vergast.

Sühne und Gedenken

Ende der vierziger Jahre neu gegründet, erhielt der Landeswohltätigkeitsverein sein Eigentum zurück. Unter seiner Trägerschaft wurde das Institut Hartheim errichtet - als Sühneeinrichtung für die im Schloss ermordeten Menschen. Heute stellt das Institut Hartheim eines der Kompetenzzentren für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung in Oberösterreich dar. Parallel dazu wurde eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die hier ermordeten Menschen errichtet.

Das Schloss bot zudem mehr als 20 Familien Wohnraum, wodurch Konflikte vorprogrammiert waren: Das Nebeneinander von Gedenken und Alltagsleben wurde bald zu einer Belastung für alle Beteiligten. Darüber hinaus entsprachen die beiden kleinen Gedenkräume in den von den Nazis als Aufnahmeraum und Gaskammer genützten Teilen des Schlosses nicht den Vorstellungen einer würdigen Gedenkstätte.

So wurde 1995 der Verein Schloss Hartheim gegründet, an dessen Spitze der pensionierte General Hubertus Trauttenberg steht (siehe Interview rechts). Ein knappes Jahr später beschloss das Land Oberösterreich, das denkmalgeschützte Schlossensemble zu restaurieren, die Gedenkstätte zu erneuern und die Ausstellung Wert des Lebens zu implementieren.

15.000 Namen

Fast täglich kommen Menschen hierher, um sich auf die Suche nach Verwandten und Familienmitgliedern zu machen, die sie hier verloren haben, meint Hartmut Reese im Furche-Gespräch. Durch Gedenktafeln im Arkadenhof des Schlosses wollen viele ihrer Trauer- und Erinnerungsarbeit bleibenden Ausdruck verleihen. Darüber hinaus ist einer der Gedenkräume mit Glasplatten ausgekleidet, auf denen die Namen aller bekannten Opfer aufgelistet sind. 15.000 Namen, die den Opfern ihre Identität zurückgeben. Aber ebenso viele Opfer sind noch namenlos.

Besonders eindrucksvoll wird die Ausstellung, wenn sie auf die Biografien von Opfern hinweist. In einem Raum prangt das Bild einer Mutter mit ihrem kleinen behinderten Sohn im Arm. Auf Grund ihres Engagements wurde ihr Kind nicht nach Hartheim gebracht. Retten konnte sie es dennoch nicht: Alfred W. wurde 1941 am Wiener Spiegelgrund getötet.

Welche Bedingungen mussten aber herrschen, dass behinderte Menschen als "lebensunwertes Leben" klassifiziert und ermordet werden konnten? Wann werden Menschen zu Tätern und sind bereit, an einer Maschinerie mitzuwirken, deren Ziel es ist, Tausende zu töten? Fragen, denen man auf Schloss Hartheim nachspüren will. Die Fotos in der Ausstellung zeigen Personen, denen man nicht ansieht, wozu sie fähig sind. Sie zeigen vielmehr Menschen "wie du und ich". Ganz bewusst verzichtet man auf die Dämonisierung der Täter, zeigt sie vielmehr in ihrer Ambivalenz und Vielschichtigkeit und erzeugt daher eine besondere Form der Betroffenheit. Die Ausstellung fordert zur Reflexion auf und konfrontiert den Besucher unausgesprochen mit den Fragen von Schuld und Verhängnis, von Werthaltungen und Wertverlust.

Wert des Lebens behandelt aber nicht nur historische Aspekte. Eine zentrale Rolle spielt die Thematik der Biotechnologie und Gentechnik mit ihren Chancen und Gefahren, etwa durch Präimplantationsdiagnostik oder pränatale Diagnostik. Auch in diesem Bereich verzichtet man auf vorgefertigte Antworten. Die Besucher werden vielmehr aufgefordert, zu reflektieren und sich eine eigene Meinung zu bilden.

Wert des Lebens spürt auch der Frage nach, welche Position Menschen mit Behinderung in unserer heutigen Gesellschaft zugestanden wird. Besonderes Interesse bringen die Besuchern gerade dem Teil der Ausstellung entgegen, in dem behinderte Menschen ihre Lebenssituation schildern, so Hartmut Reese. Ein gehörloses Kind weist ebenso wie eine erwachsene blinde Frau unbefangen und eindrücklich auf die Lebenssituation und die Barrieren hin, mit denen behinderte Menschen noch immer zu kämpfen haben. Dazu gehört die nach wie vor fehlende Gleichstellung behinderter Menschen im Alltag. Eine Ergänzung bilden die Kunst.Formen.Hartheim. Dort werden bildnerische Arbeiten von Menschen mit geistiger Behinderung aus dem Institut Hartheim gezeigt.

An interessierten Besuchern mangelt es nicht, so Reese. Vor allem Schülerinnen und Schüler aller Schultypen und -stufen nehmen die pädagogischen Angebote wahr. Eine Möglichkeit, die auch nach dem offiziellen Ende der Ausstellung Wert des Lebens am 3. November bestehen bleibt: Dann wird die Schau modifiziert und als Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim weiter präsentiert.

Wohin steuern wir?

Eines ist jedenfalls sicher: Die Ausstellung in Schloss Hartheim ist kein Event, der vom Besucher leicht zu konsumieren ist. Eine einseitige Solidarisierung mit den Opfern des NS-Regimes ist ebenso unmöglich wie die vorschnelle, unreflektierte Distanzierung von den Tätern. Wert des Lebens ruft vielmehr zum Hinterfragen von Entwicklungen und Positionierungen auf. Und sie vermittelt die Botschaft, dass es vom Beitrag jedes einzelnen abhängt, wohin unsere Gesellschaft steuert.

Petra Fosen-Schlichtinger

Nähere Informationen

zur Ausstellung "Wert des Lebens"

unter www.schloss-hartheim.at

bis 3. November, tägl. 9-18 Uhr

Die Furche: Was verbindet Sie mit Schloss Hartheim?

Hubertus Trauttenberg: In meiner Zeit an der Militär-Akademie habe ich erstmals Hartheim gesehen. Einer der Lehroffiziere wies darauf hin, dies sei eine Euthanasie-Station gewesen. Der nächste Berührungspunkt war das Buch Schattenschweigen oder Hartheim. Mit dem Institut selbst kam ich in Berührung, als unseren Pioniere dort halfen, einen behindertengerechten Garten anzulegen. Damals wurde ich gefragt, ob ich dem Proponenten-Komitee für den Verein Schloss Hartheim beitreten möchte, der aus dem Schloss eine Gedenkstätte machen sollte.

Die Furche: Was ist das wichtigste Anliegen des Vereins?

Trauttenberg: Die Überzeugung, es reiche nicht, nur zurückzuschauen. In Hartheim sollte man auch in die Gegenwart und die Zukunft blicken. Euthanasie, Umgang mit Behinderung sind Themen auch für heute. Da gibt es ja schlimme Tendenzen. Daher spannt die Ausstellung Wert des Lebens den Bogen von der Aufklärung bis in die Jetztzeit.

Die Furche: Was motiviert Sie, sich dieser Aufgabe zu widmen?

Trauttenberg: Das Thema. Und die Widerstände der Umgebung, über das zu sprechen, was in Hartheim passiert ist. Bis in die neunziger Jahre wurde das ja totgeschwiegen. Die Bevölkerung im Nahbereich wollte nicht mit der Thematik konfrontiert werden. In den Leuten steckt teilweise noch Angst: Wir haben eine alte Nonne als Zeitzeugin befragt. Nachdem sie ihre Erlebnisse erzählt hatte, hat sie besorgt gefragt, ob ihr jetzt auch nichts passieren würde.

Die Furche: Haben Sie einen persönlichen Bezug zum Thema Behinderung?

Trauttenberg: Keinen unmittelbaren. Vor kurzem war ich wieder mit einer Kranken-Wallfahrt in Lourdes. Da sind mir oft die Worte Jesu eingefallen: Was ihr einem der geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Ich bin also mit dem Gedanken infiziert, dass man den Schwächsten der Gesellschaft eine besondere Solidarität schuldig ist.

Die Furche: Ist die wesentliche Tätigkeit des Vereins jetzt erledigt?

Trauttenberg: Die Ausstellung geht noch bis November. Ein Teil davon wird vom Verein übernommen und als Dauerausstellung installiert. Die Zielgruppen sind die Schüler und die sozialen Ausbildungsstätten. Diesem Personenkreis muss man die Probleme, die jetzt neu entstehen - ich denke an die Bioethik, die Fragen der Eugenik, der Euthanasie - nahebringen, wenn man gefährlichen Trends unserer Zeit entgegentreten möchte. Weiters wird das Land Oberösterreich eine Dokumentationsstelle zum Thema Euthanasie und Hartheim einrichten. Und schließlich soll im obersten Stockwerk eine Galerie für die Kunst behinderter Menschen entstehen. Dann wäre das Schloss ausgelastet und bekäme eine sinnvolle Gegenwartsfunktion.

Das Gespräch führte Christof Gaspari.

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