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Depression unter Palmen

Dass viele von uns nach freien Tagen genauso gestresst wieder zur Arbeit zurückkommen, wie sie gegangen sind, liegt nicht nur am Stau auf der Autobahn. Warum uns der Stress in die Freizeit verfolgt und wie man ihn abschütteln kann.

Der Freitag ist geschafft, das Wochenende oder der Urlaub stehen bevor. Bei manch einem sind die Koffer schon seit Tagen gepackt, der andere blättert noch im Veranstaltungsteil der Zeitung. Während der eine in seiner durchorganisierten Urlaubswoche auch noch einen Crashkurs der Landessprache besucht, hetzt der andere von einem In-Lokal zum nächsten, um ja am Montag etwas erzählen zu können. Und dann war er ausgerechnet nicht dort, wo alle angeblich waren. Zwei mögliche Situationen von Freizeitstress, der laut Experten immer mehr Menschen belastet und sich besonders zur Urlaubszeit intensiviert.

"Die jüngere und mittlere Generation ist verstärkt betroffen", sagt Ulrich Reinhardt, Freizeitforscher an der Stiftung für Zukunftsfragen im Hamburg. "Jüngeren Menschen setzt der Erlebnishunger oftmals zu, sie wollen alles gleichzeitig machen. Die Generation mittleren Alters sagt sich wiederum: Ich arbeite viel und will mir in der Freizeit auch was leisten. Je höher das Einkommen, umso höher der Stressfaktor", betont der Experte.

Als eine der Hauptursachen nennt Reinhardt das Identifizierungsproblem. Menschen würden ihre Identität zunehmend über ihre Tätigkeiten in der Freizeit als über die Arbeit definieren. "Das erzeugt einen Druck, der nicht unproblematisch ist."

"Hatte die Freizeitindustrie in den letzten Jahren vorwiegend auf den Faktor Erlebnisurlaub mit vielen Aktivitäten gesetzt, gibt es jetzt einen Gegentrend", so Reinhardt. Es soll auch wieder Platz für Muße sein. Vor allem bei der Generation über 50 Jahren hat sich diese Trendumkehr gezeigt: Für ältere Menschen wurde das Wellness-Wochenende oft zum "Wellstress". "Den so genannten weichen Faktoren wie Service, Entspannung und die Seele baumeln lassen wird daher wieder mehr Beachtung geschenkt als durchgeplanter Aktivität."

Auch Peter Zellmann vom Institut für Freizeit- und Tourismusforschung in Wien (siehe auch Artikel unten) sieht ein Zurückkehren zum ganzheitlichen Lebenstil, in dem die Muße einen besonderen Platz einnimmt. "Der Workaholic ist out", zeigt er sich überzeugt.

Ende des Workaholic?

"Es brauchte drei Generationen, bis wir das Ergebnis von heute erreichten, also dass zwar die Freizeit quantitativ gestiegen ist, aber dennoch immer mehr das Gefühl haben, über zu wenig Zeit zu verfügen", sagt Zellmann und vermisst überdies den Faktor Bildung in der Freizeitorientierung. "Es wird auch wieder drei Generationen brauchen, um zu einem ganzheitlichen Modell zurückzukehren; aber wir sind bereits mitten in der ersten." Er erzählt von Managern, die jetzt um 19 Uhr nachhause gehen, um Zeit mit der Familie zu verbringen. "Das war vor zehn Jahren noch undenkbar. Das Umdenken fängt bei jenen an, die es sich leisten können."

Unter den Stressgefährdeten bilden die Singles eine besondere Gruppe. "Der Stress ist bei ihnen nicht verstärkt als bei Paaren, er ist anders gelagert", erklärt Sabine Wery von Limont, Psychologin und "Single-Choach" bei der Online-Partneragentur "Parship". "Man sagt immer, Singles sind frei, aber oft sind sie weniger frei als Paare, denn ein Single braucht, will er nicht allein etwas unternehmen, immer einen Mitmacher." Doch oft haben die anderen Freunde schon was vor. So kann jedes Wochenende oder der Urlaub zum stressigen Organisationsaufwand werden. Überdies lösten Single-Reisen öfters Frustration aus, warnt Limont: Besser den Mut aufbringen und alleine etwas unternehmen, als sich auf einen "kurzfristigen durchorganisierten Spaß mit Gruppenzwang" einzulassen. Erholung steht hier nicht an erster Stelle, sondern Kontakt, mitunter ein weiterer Stressfaktor. "Single-Männer sind, was Urlaube angeht, etwas stärker stressgefährdet, da sie im Unterschied zu Frauen meist weniger gute Freunde haben und sturer in ihren Ansprüchen sind", so Limont.

"Stress per se ist lebenswichtig für den Menschen", erklärt Anton Tölk, Leiter des Institutes für Psychotherapie und des Zentrums für Psychosomatik an der Nervenklinik Wagner-Jauregg in Linz. "Ohne Stress gibt es keine Entwicklung. Entwicklungsschübe kommen aus der Frustration." Tölk unterscheidet zwischen "Eustress", positive Spannung, und "Disstress", negative Spannung. Während ersteres uns aktiviert, führt zweiteres zu Überforderung und inneren Druck.

"Stress" ist in unserer Gesellschaft mitunter ein inflationär verwendeter, auch positiv eingesetzter Begriff. Stresshaben als Gegenpol zu Langeweile und Unwichtigsein. Dennoch bedeutet das Modewort bei vielen tatsächlich Überdruck.

Liegestuhl-Depression

Tölk verweist besonders auf das Problem Urlaubsstress. "Viele schieben die Lösung von Problemen oder die lang ersehnte Entspannung auf jene drei Wochen im Sommer, anstatt sich das ganze Jahr hindurch Ventile und Pausen zu gönnen." Der Erwartungsdruck ist dann zu groß. Jenes Frusterlebnis erhielt die treffende Bezeichnung "Liegestuhl-Depression."

Experten verweisen auf statistisch nachgewiesene Phänomene, dass etwa Herzinfarkte in der Urlaubszeit überproportional häufig auftreten, nicht nur wegen der Hitze; oder dass jede dritte Scheidung in Deutschland nach dem gemeinsamen Urlaub eingereicht wird. Über diese Indikatoren dringt Urlaubs- und Freizeitstress auch ins statisch Messbare vor.

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