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Der doppelgesichtige Terror

Das Schulmassaker von Erfurt und die Selbstmordattentate in Israel: Gewalttaten mit ähnlichen strukturellen Wurzeln?

Erfurt, 26. April 2002: Ein 19-Jähriger wird wegen Schulschwänzens und einiger gefälschter Arztbesuchsbestätigungen von der Schule verwiesen und verliert seine letzte Chance, das Abitur zu bestehen. In einem Rachefeldzug kehrt er an seine ehemalige Schule zurück und richtet seine ehemaligen Lehrer hin. Fazit: 17 Tote.

Schon wenige Stunden nach der Tat in Erfurt lief die Erklärungsmaschinerie auf Hochtouren: Von "unerklärlicher Heimsuchung" sprach der Ministerpräsident Thüringens, der Polizeipsychologe von einem "außerordentlichen psychopathologischen Phänomen", das nicht mit "gewöhnlicher" Gewaltbereitschaft verglichen werden könne - und die Bildzeitung suchte nach dem "Killer-Gen". Diesen Erklärungen ist eines gemeinsam: Indem das Faktum, dass ein "ganz normaler" Jugendlicher zum Massenmörder wird, ins Reich des gänzlich A-Normalen abgeschoben wird, hat man das Phänomen isoliert, sich selbst in Sicherheit gebracht und das eigene Weltbild wieder stabilisiert. Am überzeugendsten waren noch diejenigen, die die Erklärung verweigerten, so wie der deutsche Bundespräsident Johannes Rau.

Zum Monster erklärt

Johannes Rau war es auch, der bei der Trauerfeierlichkeit am Erfurter Domplatz mit den sicherlich für viele provokativen und ärgerniserregenden Sätzen überraschte: "Meine Gedanken gehen auch zur Familie des Täters. Niemand kann ihren Schmerz, ihre Trauer und ihre Scham ermessen. Ich möchte ihnen sagen: Was immer ein Mensch getan hat, er bleibt ein Mensch." Dieser scheinbar selbstverständliche Satz war auf einmal nicht mehr selbstverständlich, wenn man bedenkt, wie viele diesen jungen Mann zum abstrusen Monster erklärten.

Der Amoklauf des jungen Mannes in Erfurt lässt den Bielefelder Sozialwissenschafter Wilhelm Heitmeyer eine Reihe von Fragen stellen: Was bringt denn solche Gewalt hervor? Warum wertet ein Mensch das Leben - auch das eigene - so radikal ab und setzt so extrem auf die Demonstration von Macht? (Die Zeit vom 2. Mai 2002, Seite 4) Er vermutet als Wurzel des Problems das verweigerte Bedürfnis nach Anerkennung: "Wer braucht mich? Fühle ich mich gerecht behandelt? Bin ich gleichwertig? Werden meine Gefühle akzeptiert?" Und das von der Polizei erstellte Täterprofil gibt dem Sozialwissenschafter recht, wenn es das Leben des Robert Steinhäuser als "Kette von Niederlagen und Enttäuschungen" beschreibt. Wo das Bedürfnis nach Anerkennung auf Dauer frustriert wird, da kommt langsam aber unaufhaltsam ein Persönlichkeitszerfall in Gang. Hass wird aufgestaut, der schließlich dazu führt, dass es diesem Menschen nichts mehr ausmacht, sich selbst und andere zu vernichten - und sich in diesem letzten Akt die Anerkennung zu verschaffen, nach der er so sehr hungert. Wenn die Medien von einer "historischen, nie dagewesenen Gewalttat" sprechen, so attestieren sie ihm posthum, dass ihm dies auch gelungen ist.

Hohles Doppelspiel

Von "der Jugend, die keine Frustrationen mehr erträgt" wird gesprochen, "die von egoistischer Selbstdurchsetzung bestimmt ist" und "die keine Schranken für ihr Handeln mehr anerkennt". Politiker beschwören demgegenüber die "Werte", wie Menschlichkeit und Solidarität. Bei nur etwas genauerem Hinsehen ist die gesellschaftliche Realität allerdings von ganz anderen Werten bestimmt: von der Absolutierung der Selbstbehauptung, vom Aufstieg um jeden Preis. Wie sollten Jugendliche das hohle Doppelspiel nicht durchschauen, wenn dieselbe Öffentlichkeit, die moralisches Entsetzen demonstriert und ein sattes Plädoyer für die "Humanität" ablegt, etwa den aktuellen UNO-Bericht, dass Millionen Afrikaner vom Hungertod bedroht sind, kaum zur Kenntnis nimmt? Oder wenn ein paar tausend zivile Tote in Afghanistan als das bedauerliche, aber unausweichliche Nebenprodukt des angeblich unausweichlichen Krieges gegen den Terror bagatellisiert werden?

Rishon Le Zion, 7. Mai 2002: Ein palästinensischer Selbstmordattentäter sprengt sich mit einer mit Nägeln gespickten Bombe in einer Spielhalle in der Nähe Tel Avivs in die Luft. Fazit: 16 Tote, 50 Verletzte und Sharon kündigt eine neuerliche Offensive im Gaza-Streifen an.

Ist es wirklich nur eine gänzlich unstatthafte Vereinfachung, in diesem Verbrechen eine strukturelle Parallele zum Geschehen in Erfurt zu entdecken? Ist nicht dieser junge Mensch - und sind nicht die vielen anderen, die die "zivilisierte Welt" zunehmend in ihre Geiselhaft zu nehmen scheinen - Repräsentanten einer zutiefst in ihrem Bedürfnis nach Anerkennung frustrierten Welt? Die Überheblichkeit des Westens, die im Tonfall westlicher Politiker gewöhnlich etwas verhaltener mitschwingt, hat Silvio Berlusconi markig so ins Wort gebracht: "Wir müssen uns der Überlegenheit unserer Zivilisation bewusst sein. Ein System, das Wohlstand garantiert, die Wahrung der Menschenrechte und im Gegensatz zu islamischen Ländern die Respektierung religiöser und politischer Rechte." George W. Bush bedient sich in seinen Reden neuerdings des Stilmittels einer "neuen Zeitrechnung": "2002 nach Christi Geburt, 225 Jahre nach der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und X Tage nach dem 11. September 2001". Die je eigene Geschichte wird zum einzigen Deutungshorizont der globalen Ereignisse und die Perspektive der anderen für bedeutungslos erklärt.

Legt sich jedoch nicht der Verdacht nahe, dass die Deutungen eher einem Vexierbild gleichen, als dass sie Realität erschließen würden? Betrachtet man ein solches Bild aus einem bestimmten Blickwinkel, so sieht man etwa ein junges hübsches Mädchen, verändert man diesen nur ein wenig, ist das Mädchen verschwunden und es zeigt sich eine alte hässliche Frau. Der Westen nimmt sich selbst als Hort der Humanität und der Menschenrechte wahr, der sich angesichts der Bedrohung durch die islamische Welt zur Notwehr gezwungen sieht.

Für die Mehrheit der Menschen in islamischen Ländern erscheint dies genau spiegelverkehrt. Sie sehen im Islam die einzige Hoffnung für ein solidarisches und gerechtes Gemeinschaftsprojekt und im "neoliberalistischen Imperialismus" des Westens die drohende Vernichtung dieser Hoffnung. Der Angst vor der kämpferischen Ausbreitung des Islam steht der mindestens ebenso große Schrecken vor der Aggression des westlichen Kapitalismus gegenüber, der keine Menschenopfer scheut, um seine Interessen durchzusetzen.

Zweigeteilte Welt

Des einen Terrorist, der rücksichtslos Menschenleben zerstört, ist jeweils des anderen Märtyrer, der Kämpfer für die gerechte Sache, der Kämpfer für die Werte, die in dieser inhumanen Welt keine andere Chance mehr haben. Auch die Beteuerung der Vertreter westlicher Systeme, dass von ihrer Seite Gewalt schließlich nur in ihrer staatlich monopolisierten Form ausgeübt würde, vermag die Ambivalenz nicht glaubwürdig aufzuheben.

Zumindest zu einem kann die Erkenntnis der Doppelgesichtigkeit führen: An der nicht auflösbaren Spannung zwischen den Perspektiven zerbrechen die Ansprüche auf ein Monopol der Welterklärung - und damit auch die Versuche, den Globus in die Welt der Schurken und der moralisch Anständigen einzuteilen.

Die Autorin ist Professorin für Fundamentaltheologie an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Passau

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