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"Der Kaffeeverkauf ist unser Lebensatem"

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Kaffee ist nach Erdöl die zweitwichtigste Handelsware der Welt. Doch der Weltmarktpreis für die schwarzen Bohnen befindet sich seit Jahrzehnten im Sinkflug und ist derzeit auf einem historischen Tiefststand angelangt. Nur der Faire Handel bietet den kleinen Kaffeeproduzenten noch Überlebenschancen. Die FURCHE hat Handelspartner Österreichs in Guatemala besucht.

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Kaffee ist nach Erdöl die zweitwichtigste Handelsware der Welt. Doch der Weltmarktpreis für die schwarzen Bohnen befindet sich seit Jahrzehnten im Sinkflug und ist derzeit auf einem historischen Tiefststand angelangt. Nur der Faire Handel bietet den kleinen Kaffeeproduzenten noch Überlebenschancen. Die FURCHE hat Handelspartner Österreichs in Guatemala besucht.

Jetzt helfen selbst Gebete nichts mehr. Früher konnten die kleinen Kaffeebauern in Guatemala noch um Frostnächte in Brasilien beten. Sie vernichteten gelegentlich Teile der Ernte im größten Erzeugerland der Welt und trieben den Kaffeepreis in die Höhe. Doch seit die Weltbank mit ihren Krediten Vietnam zum zweitgrößten Kaffeeproduzenten der Welt gemacht hat, hilft selbst das Beten nichts mehr.

Der Kaffeepreis für 45,4 Kilogramm Rohkaffee liegt derzeit bei 60 Dollar. Zeitweise wurden 270 Dollar dafür bezahlt. Die Produktionskosten belaufen sich auf etwa 90 Dollar. Das heißt, die Bauern in Mittelamerika, die den hochwertigen Arabica-Kaffee anbieten, können nicht einmal ihre Unkosten decken. Doch Kaffeebauern, die sich nicht zu einer Organisation zusammenschließen, sind praktisch gezwungen, an die Zwischenhändler zu verkaufen, die hier "Kojoten" genannt werden. Sie zahlen in der Regel nur die Hälfte des Weltmarktpreises. Hinzu kommt, dass auch sie es sind, die den Bauern einen Vorschuss gewähren, damit sie zum Beispiel Erntehelfer bezahlen können. Meistens verlangen sie dafür Wucherzinsen. Für Millionen von Kleinbauern bedeuten diese Umstände ein Leben in Abhängigkeit, Armut und Elend.

Im Fairen Handel sind beide Probleme gelöst. Die Abnehmer in Europa garantieren den Bauern einen Mindestpreis von 131 Dollar, derzeit also mehr als das Doppelte des Weltmarktpreises. Auch wenn der Weltmarktpreis über diesen Wert steigen sollte, garantieren die Abnehmer einen Preis, der um zehn Dollar über dem Weltmarktpreis liegt.

Kein Wucherzins Außerdem gewähren die Käufer im fairen Handel den Produzenten bis zu 60 Prozent der vereinbarten Liefervolumens als Vorschuss. Darauf wird nur ein Zinssatz von fünf Prozent im Jahr erhoben, wodurch die Bauern unabhängig von den Wucherzinsen der "Kojoten" werden.

Pedro Ramos profitiert von diesen fairen Bedingungen. Er lebt in Oratorio, einem kleinen Dorf im Osten Guatemalas, nahe der Grenze zu Honduras. Auf den steilen Berghängen rund um das Dorf gedeiht in 800 bis 1.300 Meter Seehöhe Hochlandkaffee der Sorte Arabica in Spitzenqualität.

Der 62-jährige Pedro Ramos ist Mitglied der Kaffeeproduzenten-Vereinigung CECAPRO die seit über zehn Jahren Handelspartner der österreichischen Importorganisation für Fairen Handel EZA.

Die Lebensbedingungen von Pedro Ramos haben sich durch die Handelspartnerschaft mit Österreich deutlich verbessert. "Früher hatte ich nur eine Holzhütte mit einem Strohdach, durch das der Wind gepfiffen hat," erzählt er bei einem Rundgang über seinen Hof. Heute lebt Pedro Ramos in einem kleinen, aber stabilen Ziegelhaus mit Wellblechdach. Seit drei Jahren verfügt er über einen Stromanschluss, auch Trinkwasser wird in Schläuchen direkt zu seinem Hof geleitet.

Der Kaffeeverkauf nach Österreich ermöglicht ein menschenwürdiges Leben. Auch die Kinder profitierten davon. "Wir haben acht Kinder. Es war unmöglich, allen eine weiterführende Ausbildung zu finanzieren. Doch mit der Hilfe von CECAPRO, die mir einen Kredit gewährten, konnten zumindest der älteste eine Ausbildung als Kaufmann abschließen."

Pedro Ramos gehört zu den privilegierten Kaffeebauern in Guatemala. Doch es wäre zu früh, von einem kleinen Wohlstand zu sprechen. Er hat keinen Kühlschrank, weder Fernseher noch Telefon. Und die medizinische Versorgung hängt davon ab, ob sich gerade Geld in der Haushaltskasse findet. "Wenn wir Geld haben, bringen wir unsere Kinder zum Arzt, wenn nicht, müssen wir sie dem Willen Gottes anheim stellen und sie mit Heilpflanzen pflegen. Meistens werden sie gesund. Aber manchmal kommt es auch vor, dass sie sterben. Drei unserer Kinder sind gestorben als sie noch klein waren."

Pedros Frau steht in der Küche, einem windigen Schuppen, und backt Tortillas, Maisfladen. Pedro bedauert, dass seine Frau immer noch damit vorlieb nehmen muss und während der Regenzeit nicht selten nass wird. Er hat einen einfachen Vorschlag, wie Frau Ramos nicht mehr länger im Regen stehen müsste: "Wenn wir weiterhin einen gerechten Preis für unseren Kaffee bekommen, dann kann ich eine neue Küche bauen und mein Haus weiter verbessern. Wenn ihr Österreicher mehr von unserem Kaffee trinkt, geht es mit uns weiter aufwärts!"

So einfach wäre die Sache also. Durch den Kauf fair gehandelter Waren könnten sich die Lebenschancen von Millionen von Menschen verbessern. Dennoch sind nur wenige Menschen zu dieser einfachen, aber sehr wirkungsvollen Hilfe bereit. Weltweit wird nur ein Viertel Prozent der bisher dafür in Frage kommenden Produkte zum fairen Preis gehandelt.

Ein Erbe der 68er Die Pioniere des fairen Handels waren die Weltläden, die in den siebziger Jahren ihre Türen öffneten. Sie gewannen im Laufe der Jahre einen festen Kundenstamm, doch die Absatzzahlen stiegen in dieser Marktnische nur langsam. Die Produzenten drängten auf Ausweitung des Handels, gleichzeitig wollten sie die fairen Handelsbedingungen beibehalten.

Die Lösung lag in einem Siegel, mit dem Produkte des fairen Handels gekennzeichnet werden sollten. Damit gelingt der Sprung aus dem Alternativhandel, denn nun kann jede konventionelle Rösterei und jeder Teeimporteur FairTrade-Produkte in sein Sortiment aufnehmen. FairTrade-Kaffees und Tees halten damit Einzug in die Regale vieler Lebensmittelgeschäfte.

Seit 1993 vergibt TransFair das FairTrade-Siegel in Österreich. TransFair ist kein Handelsunternehmen, sondern ein Verein, der Lizenzen für die Nutzung des TransFairSiegels vergibt. Die Lizenznehmer bezahlen dafür eine Gebühr, mit der die Kontrolle der Vertragspartner und die Öffentlichkeitsarbeit finanziert wird. "Die Lizenznehmer müssen den mit TransFair vereinbarten gerechten Preis für die Produkte bezahlen, auf Wunsch der Produzenten eine Vorfinanzierung leisten, langfristige Abnahmegarantien bieten und direkt von den Produzenten einkaufen, d.h. ohne Zwischenhändler." erklärt TransFair Geschäftsführer Helmuth Adam die Voraussetzung für die Vergabe des Siegels.

Bisher werden Kaffee, Tee, Kakao, Zucker, Schokolade und Orangensaft mit dem Siegel ausgezeichnet. Ab Herbst sollen auch Bananen hinzukommen. Mit extra Prämien fördert der Faire Handel die Umstellung auf Bioprodukte. Enrique Diaz, CECAPRO-Mitglied mit der größten Anbaufläche für Bio-Kaffee, schlägt damit zwei Fliegen auf einer Klappe: "Einerseits schütze ich die Gesundheit des Bodens, meine Gesundheit, weil ich keine chemischen Spritzmittel mehr verwende, und die der Konsumenten, die ein absolut unbelastetes Produkt bekommen. Außerdem verdiene ich mehr damit. Ich brauche weniger Geld für die Produktion und erhalte die Bio-Prämie."

Entscheidend ist auch die Tatsache, dass im Gegensatz konventionellen Kaffee, die gesamte Ernte von der EZA in Österreich abgenommen wird. Denn derzeit übersteigt bei biologisch angebauten Kaffee die Nachfrage deutlich das Angebot.

Bananen kommen Neben den Kursen im Biolandbau hat CECAPRO viele weitere Fortbildungsmaßnahmen für die Mitglieder organisiert. Gesundheits-, Ernährungs-, Koch- und Backkurse standen ebenso auf dem Programm wie der Bau von Solartrocknern für Obst und Gemüse, von Trockentoiletten oder der Ziegelherstellung. "Auch wie man einen Holzspar-Herd baut, haben wir dort gelernt." berichtet Carmelina Diaz "Das sind Dinge, die nicht viel kosten, aber sehr nützlich sind."

Trotz des TransFair-Siegels ist der Marktanteil des Fairen Handels bisher sehr gering. Studien zeigen aber, dass bis zu 30 Prozent der österreichischen Bevölkerung potentielle Käufer sind, und dass sich der Marktanteil des Fairen Handels bei entsprechendem Marketing verzehnfachen ließe. Ein Blick ins Nachbarland Schweiz zeigt, dass dies durchaus realistisch ist. Während das erfolgreichste FairTrade-Produkt in Österreich, der Kaffee, nur einen Marktanteil von knapp einem Prozent behauptet, sind es in der Schweiz sechs Prozent, bei Orangensaft acht Prozent und bei Bananen sogar 17 Prozent.

TransFair plant daher für den Herbst zeitgleich mit der Einführung fair gehandelter Bananen eine große Werbekampagne. Von Seiten des Außenministeriums hat man eine Kofinanzierung in Aussicht gestellt und lässt derzeit prüfen, wie der Faire Handel im öffentlichen Beschaffungswesen gefördert werden kann.

Wenn es gelänge, den Fairen Handel auszuweiten könnte Carmelina Diaz voller Hoffnung in ihre und in die Zukunft ihrer fünf Kinder blicken. Denn angesichts der niedrigen Kaffeepreise macht sie sich Sorgen: "Der Kaffeeverkauf ist unser Lebensatem. Wenn die Österreicher eines Tages aufhören sollten, unseren Kaffee zu kaufen, was soll dann mit uns geschehen?"

Auch Pedro Ramos gibt noch eine Botschaft für die Kaffeetrinker in Österreich mit auf den Weg: "Wir, die kleinen Kaffeebauern, leben vom Kaffeeverkauf und wir versprechen Euch, dass wir Euch weiterhin den besten Kaffee verkaufen, denn man hier produzieren kann!"

Tipp: Weltläden laden ein Die 60 Weltläden in Österreich laden am Samstag, den 19. Mai zum 6. Europäischen Weltladentag ein. Er steht unter dem Motto "Land macht satt". Schwerpunktthema dieses Jahr ist der Kakao. Geboten werden "Fair-kostung" von Bio-Schokolade und Informationen rund um den Kakao.

Information gibt es unter www.eza3welt.at, bei der EZA-Zentrale in Bergheim unter der Tel. Nr. 0662/45 21 78 oder in Wien, in der Lerchenfelderstr. 18-24, Tel. Nr. 408 39 96.

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