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"Der Körper als Kriegsschauplatz"

Regina Polak, Leiterin des Instituts für Pastoraltheologie der Universität Wien, über Wellness als moderne Form spiritueller Heilsverheißung, die neue Sehnsucht nach Ganzheitlichkeit und die Tabuisierung von Leid.

Die Furche: Frau Polak, unser Gespräch über "Wellness" würde vom Zukunftsforscher Matthias Horx wohl als hoffnungslos veraltet bezeichnet werden - schließlich ist längst "Selfness" angesagt. Wie sympathisch sind Ihnen solche Begriffe?

Regina Polak: Der Begriff "Wellness" ist mir prinzipiell nicht unsympathisch, weil ich glaube, dass hier eine Ursehnsucht des Menschen zum Ausdruck kommt, die ich für durchaus legitim halte - nämlich der Wunsch nach einem guten, ganzheitlichen, gelungenen Leben. Das umfasst die seelische, geistige und körperliche Dimension. Der Begriff "Selfness" weckt in mir aber eher unangenehme Assoziationen. Das klingt einfach verdächtig nach Egoismus.

Die Furche: Sie beschreiben Wellness als "moderne Form spiritueller Heilsverheißung" ...

Polak: Ja, denn ich glaube, dass dieses Wohlfühlen, das die Leute hier anzielen, eine säkularisierte Form dessen ist, was in der christlichen Tradition unter "Heil" verstanden wird. Der Begriff "Heil" meint natürlich in der theologischen Tradition keinesfalls nur das individuelle Gelingen des eigenen Lebens, sondern bezieht sich auch auf politische oder ökonomische Strukturen. Zugleich umfasst es auch die körperliche, leibhaftige Dimension, die in der christlich-kirchlichen Tradition etwas zu kurz gekommen ist. Wiewohl Gesundheit natürlich kein ethisches Gut ist, aber Gesundheit ist die Bedingung der Möglichkeit dafür, sich überhaupt auf eine spirituelle Suchbewegung zu machen.

Die Furche: Wenn Sie sagen, Gesundheit sei kein ethisches Gut: Was wäre, wenn es ein solches wäre?

Polak: Dann würde das implizieren, dass diejenigen, die nicht gesund sind oder sich nicht um ihre Gesundheit kümmern, eine moralische Fehlleistung begehen und deshalb selbst schuld daran sind, wenn sie krank sind. Und das lässt sich mit der christlichen Tradition sicher nicht vereinbaren.

Die Furche: Nun kann man andererseits behaupten, dass etwa Raucher nicht unwesentlich an ihrem hohen Lungenkrebsrisiko schuld sind ...

Polak: Natürlich. Die Sorge um die eigene Gesundheit ist zwar kein ethisches Gut, aber auch kein nichtethisches Gut - in der Moraltheologie spricht man hier von "vorsittlichen Gütern". Das sind Bedingungen dafür, um überhaupt ethisch handeln zu können. Wenn man raucht, übernimmt man natürlich ein Stück Verantwortung - oder besser Nicht-Verantwortung - für die eigene Gesundheit. Aber das macht noch nicht die eigene moralische Qualität aus.

Die Furche: Wie ist dann etwa der gegenwärtige Trend zur Vorsorge-Medizin in Zeichen leerer werdender Krankenkassen einzuschätzen?

Polak: Ich halte Gesundheitsvorsorge mit ethischen Vorstellungen für durchaus kompatibel. Die Sorge um sich selbst war ja auch den alten Griechen bekannt und gehört auch zur katholischen Moraltheologie. Skeptisch macht mich aber, wenn ein solcher Trend verstärkt zu einem Zeitpunkt auftritt, wo angeblich in einem der reichsten Staaten der Welt zu wenig Geld da ist, um staatliche Gesundheitsvorsorge und-fürsorge zu treffen. Hier kann der Eindruck entstehen, dass die Gesellschaft die Verantwortung für die Gesundheit ausschließlich auf das Individuum schiebt. Gesundheit und Krankheit hängen aber eng mit gesellschaftlichen Kontexten zusammen. Es gibt Studien, die nachweisen, dass gesellschaftspolitische Verhältnisse lineare Auswirkungen auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung haben. Wenn ich etwa am Wiener Gürtel wohne, kann ich zwar zum Rauchen aufhören, aber ich werde trotzdem vom Schmutz und Lärm, der nebenan produziert wird, beeinträchtigt. Und das kann ich als Individuum nicht lösen.

Die Furche: Ihre Skepsis geht so weit, dass Sie Wellness als "Spalter der Gesellschaft" bezeichnen ...

Polak: Ich beobachte einfach, wer die Personen sind, die sich Wellness leisten können. Dazu kann man sich eine ganz simple Situation vorstellen: In einem Wellness-Hotel mit einem tollen Massage-Raum liegt ein Unternehmer mit einem Einkommen, das mindestens fünf Mal so hoch ist wie dasjenige der Masseuse. Wir haben also diejenigen, die von dieser Gesundheitspraxis profitieren, und diejenigen, die die ganz konkrete Gesundheitsarbeit leisten müssen und dafür nicht immer gut bezahlt werden. Es ist ja insgesamt ein problematischer Aspekt, dass Wellness eine Ware geworden ist, die man sich leisten können muss. Und schließlich spielt Wellness in einem solchen Konzept natürlich die Rolle eines Opiates - fast schon im Marx' schen, religionskritischen Sinn.

Die Furche: Inwiefern?

Polak: Die Wellness-Praxis dient dazu, einen für viele Leute unerträglich gewordenen Alltag aushalten zu können - nach dem Motto: Das Leben ist zwar furchtbar anstrengend, aber ich gönne mir wenigstens ab und an solche Oasen, statt zu schauen, dass sich an den Arbeits-und Wirtschaftsbedingungen etwas verändert und die nicht so erschöpfend und zerstörerisch sind, dass man solche Oasen um teures Geld braucht.

Die Furche: Sie sprechen von Wellness als Mittel gegen die "funktionale Zersplitterung der Gesellschaft". Was meinen Sie damit?

Polak: Moderne Gesellschaften bauen auf der Spezialisierung einzelner, gesellschaftlicher Sub-Bereiche auf - auf den politischen, den wirtschaftlichen, den kulturellen, den religiösen Bereich. Das ist an sich ein unglaublicher Fortschritt gewesen. Die Schattenseite dieser Entwicklung ist aber, dass etwa der religiöse und spirituelle Bereich oft reduziert werden als Dienstleistungsfunktionen, um die anderen Systeme mit Sinn aufzufüllen. Auch beim Wellness-Bereich besteht die Gefahr, dass er zu einer solchen Krücke wird, um die anderen Bereiche aufrechtzuerhalten und nichts verändern zu müssen. Die Leute sprechen ja oft davon, dass sie ein "ganzheitliches" Leben führen wollen. Und meine Vermutung ist, dass diese Sehnsucht nach Ganzheitlichkeit nicht nur die unsägliche Spaltung zwischen Geist, Leib und Seele auf einer individuellen Ebene zum Ausdruck bringt, sondern dass das Individuum diese Zersplitterung der Gesellschaft am eigenen Leib erfährt. Und das führt zu einem inneren Gefühl der Zerrissenheit oder zu "Entfremdungsprozessen", wie man in marxistischer Tradition sagen würde.

Die Furche: Kann man diese Sehnsucht nach Ganzheitlichkeit nicht auch als Gegenbewegung auf die christliche Leibfeindlichkeit interpretieren?

Polak: Das höre ich natürlich nicht so gerne, obwohl es nicht zu leugnen ist, dass das Christentum einen schlechten Beitrag zu dieser dualistischen Spaltung von Seele, Körper, Geist geleistet hat. Man muss allerdings dazusagen, dass das bereits eine Zerrform der jüdisch-christlichen Tradition darstellt. In der biblischen Tradition ist es ja so, dass Leib und Seele eine Einheit bilden und zwar unterschieden, aber niemals getrennt gedacht werden können. Der Wellness-Trend steht hingegen oft selbst noch in der Gefahr, diesen Dualismus weiterzuführen. Etwa wenn eine körperliche Beschwerde automatisch immer auf eine psychische Störung hinweisen muss - nach dem Motto: Oh Gott, ich habe ein Wimmerl - welches Problem beschäftigt mich gerade? Ich glaube, dass unsere modernen Kulturen immer noch unter einer subtilen Verachtung des Körperlichen leiden, die sich darin zeigt, dass der Körper als etwas betrachtet wird, das man mit dem eigenen Willen und den entsprechenden Methoden perfektionieren kann.

Die Furche: Hier gibt es noch eine andere, bedenkliche historische Tradition, nämlich die faschistische Überhöhung des starken, gesunden Körpers à la: In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist ...

Polak: Das ist natürlich eine urfaschistische Redewendung, wobei ich auch in unserem Umgang mit Leiblichkeit solche totalisierenden Tendenzen sehe. Ich nehme schon wahr, dass der Körper als eine Art Kriegsschauplatz betrachtet wird. Die Sorge um die eigene Gesundheit wird außerdem dort zum Problem, wo Leid, Endlichkeit, Schmerz als etwas prinzipiell Auszumerzendes betrachtet werden. Das steht in einem diametralen Gegensatz zu dem, was Heilwerden in einer christlichen Tradition bedeutet, weil dazu auch der Umgang mit den Brüchigkeiten des Lebens gehört. Man müsste sich bei jemandem, der Wellness betreibt oder verkauft, also auch anschauen, welche Rolle in seinem Konzept das Leiden spielt: Wird es moralisiert, wird es tabuisiert, wird man schuldig gesprochen, wenn man es nicht schafft, es zu beseitigen?

Die Furche: Wie müsste demnach "christliche Wellness" aussehen?

Polak: Sie müsste erstens um die Zusammengehörigkeit von Geist, Leib und Seele wissen - aber auch um den Bruch zwischen ihnen. Die christliche Anthropologie geht ja davon aus, dass diese drei Dimensionen hoffentlich einmal bei Gott aufgehoben sind, aber unter irdischen Bedingungen immer in einem gewissen Spannungsverhältnis zueinander stehen. Christliche Wellness müsste zudem bedeuten, dass ich mich nicht nur um mein eigenes Wohlergehen und meine Gesundheit, sondern auch um die der anderen kümmere. Und christliche Wellness müsste nicht zuletzt für alle zugänglich und auch kostenlos sein. Hier stehe ich ganz hinter dem Propheten Jesaja, der sagt: Kommt alle zu mir und esst und trinkt - alles ist umsonst!

Das Gespräch führte Doris Helmberger.

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