Der Kommissar auf Spurensuche im Gen-Labor

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Es ist fast unmöglich, einen Tatort zu verlassen, ohne Mikrospuren zurückzulassen. Dort beginnt die Arbeit der High-Tech-Kommissare.

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Es ist fast unmöglich, einen Tatort zu verlassen, ohne Mikrospuren zurückzulassen. Dort beginnt die Arbeit der High-Tech-Kommissare.

Die Lupe hat fast ausgedient, das zweite Ich der Kommissare steht heutzutage im Labor. Und dort machen exotisch anmutende Geräte und Verfahren wie Massenspektrometer oder Elektronenmikroskop die unsichtbaren Spuren von Verbrechern und Verbrechen sichtbar. Ermittlungsarbeit ist ohne Wissenschaft heute nicht mehr denkbar. Zu den jüngsten Hoffnungsgebieten der Kriminaltechniker zählt das DNA-Profiling. Das heißt, fast jeder Verbrecher hinterläßt am Tatort biologische Spuren, in denen sich auch seine Gene finden, zum Beispiel im Speichel oder an einem Haar. Und unser Genom ist ebenso unverwechselbar wie der Fingerabdruck. Mit Hilfe der DNA-Analyse wurde kürzlich auch ein Verdächtiger für den sogenannten "Bleistift-Mord" in Wiener Neustadt festgenommen. Das besondere: der Mord an einem Mädchen passierte bereits im Jahr 1973.

Ludwig Heinz, Kriminaltechniker im Fortbildungsinstitut der Bayrischen Polizei in Ainring, erklärt, wonach die Kriminalisten suchen: "Der Täter hinterläßt in jedem Fall Spuren, er kann das eigentlich gar nicht vermeiden. Wenn er nur an einem Glas nippt, oder eine sogenannte feuchte Aussprache hat, dann genügt das bereits, um eine DNA-Analyse durchführen zu können. Wenn er seine Brille vergißt, ist auch an der Brille genug Material für eine DNA-Analyse. Oder er verliert ein Haar. Es wird immer Material hinterlassen - das ist der Ansatzpunkt, glaube ich, für die Zukunft."

Edith Tutsch-Bauer ist Professorin für gerichtliche Medizin in Salzburg. Sie hat bereits längere Erfahrungen mit der DNA-Analyse: "Die DNA findet sich in allen kernhaltigen Zellen, das heißt, in kernhaltigen Blutzellen, in Schleimhautzellen, in Spermien, im Speichel ... Man muß diese DNA durch chemische Vorgänge isolieren. Dann werden spezielle Abschnitte untersucht, von denen man weiß, daß sie von Mensch zu Mensch unterschiedlich sind, sodaß man für jeden Menschen ein unterschiedliches Profil erstellen kann.

So ein DNA-Profil ist wie ein Strichcode. Wir können nicht daraus entnehmen, ob dieser Mensch groß, blond und möglicherweise übergewichtig ist, denn es werden in der DNA-Analytik nur die Abschnitte untersucht, die nicht codierend sind. Das sind diejenigen, die keine menschlichen Eigenschaften hervorrufen. Abschnitte, von denen man heute eigentlich noch nicht weiß, wofür sie überhaupt im Körper verantwortlich sind."

Für eine DNA-Untersuchung reicht schon eine intakte Haarwurzel des Täters aus. Professor Tutsch-Bauer ist noch immer mit einem Verbrechen beschäftigt, bei dem nur eines fehlt: die Leiche. Mehr als ein Jahr nach dem Verschwinden eines Menschen fanden die Kriminalisten an den Vorhängen der Wohnung noch Mikrospuren von Blut. Mit Hilfe von Genresten in der Zahnbürste stellten sie fest, daß das Blut tatsächlich vom Opfer stammte. Sie entdeckten sogar den Leihwagen, mit dem das Opfer abtransportiert worden war und fanden - trotz mehrerer Reinigungen - in dessen Kofferraum noch immer unsichtbare Blutspuren.

Hohe Trefferquote In Österreich entsteht derzeit eine Gendatenbank, in der zum Beispiel Sexualstraftäter ihr genetisches Profil hinterlassen müssen. Die Datenbank erleichtert die Arbeit nicht nur für die Gerichtsmediziner, sondern gerade für die Exekutive und die Justiz.

Es gibt zwei Formen der Datenbank: der eine Teil besteht darin, daß jemanden, der ein schwerwiegendes Verbrechen begangen hat, im Rahmen der erkennungsdienstlichen Maßnahmen ein Mundhöhlenabstrich entnommen wird. Diese Mundhöhlenabstriche werden derzeit alle im gerichtsmedizinischen Institut in Innsbruck untersucht: Die Ergebnissse werden von dort nach Wien ans Innenministerium übersandt, und dort wird die tatsächliche Datenbank verwaltet.

Der zweite Teil dieser Datenbank besteht aus Tatortspuren. Spuren, die an Tatorten zurückbleiben, bei Vergewaltigungen sind es Spermaspuren, bei Einbrüchen Blutspuren. Diese Spuren werden seit kurzem nicht mehr nur in Innsbruck typisiert, sondern auch in Salzburg. Das Profil, das DNA-Muster dieser Spuren, wird ebenfalls nach Wien übermittelt. Dort wird in der Folge verglichen, ob ein etwaiger Täter nicht schon abgespeichert ist.

Die Trefferquote, so die Erfahrung aus der letzten Zeit, ist sehr hoch.

Neben der DNA-Analyse hat aber auch der Fingerabdruck noch nicht ausgedient. Auch im Bereich dieser sogenannten "daktyloskopischen" Spuren haben die Kriminaltechniker Mittel und Wege gefunden, um selbst alte Fingerabdrücke noch sichtbar zu machen. Fingerabdrücke bestehen aus Schweiß, Fett und Proteinen - sie werden daher von Bakterien abgebaut oder von Wind und Wetter zersetzt. Eiweißstoffe lassen sich selbst noch nach einem Jahr ans Licht holen.

Scanner, Elektronenmikroskope, Röntgengeräte, Computer - sie machen das Inventar des biologischen Labors in der Zentralen Kriminaltechnik in Wien aus. Dort sucht Hans Ditrich zum Beispiel nach verräterischen, mikroskopisch kleinen Faserspuren, die sich unwillkürlich von der Kleidung lösen und am Tatort zurückbleiben - sei es am Kühlergrill eines Autos, an Fensterkanten nach einem Einbruch oder an einer Leiche: "Ein Beispiel dafür ist die Causa Jack Unterweger. Einige wenige Fasern von einem typischen roten Schal als einem der wesentlichesten Faktoren sind es gewesen, die zu einer Verurteilung geführt haben."

Hat es früher rund 50 Stunden gedauert, um zum Beispiel einen Autositz abzusuchen, erledigt jetzt ein hochauflösender Scanner die Vorarbeit. Wenn man weiß, daß das Opfer ein rotes Kleid getragen hat, kann man die Maschine bereits gezielt nach diesen roten Fasern suchen lassen - zehnmal schneller als früher und bis zu einer Größe von 50 Mykrometer, das sind 0,05 Millimeter. Außerdem ermüden Computer nicht.

Mit High-Tech-Methoden läßt sich auch zwischen Drogenkurieren und Konsumenten unterscheiden. In der gerichtsmedizinischen Abteilung von Professor Edith Tutsch-Bauer erledigt diese Arbeit ein "Superstaubsauger": "Dieses neue Verfahren wird gerade in Amerika und Kanada in sehr großem Umfang an Flughäfen miteingesetzt, um die Einschleusung von Drogen in die Staaten zu vermeiden. Es handelt sich dabei um ein mobiles, tragbares Gerät, ein Ionenmobilitätsspektrometer. Das können wir vor Ort einsetzen. Zum Beispiel bei einer Razzia in Wohnungen. Wir können aber auch Autos untersuchen oder Kleidungsstücke. Die Gegenstände werden abgesaugt, das abgesaugte Material wird auf einem Filter gesammelt. Dieser Filter kann vor Ort in diesem Gerät typisiert werden. Dannerfolgt eine Analyse. Wir bekommen dann das Ergebnis, das sich an der Kleidung oder im PKW, oder wo auch immer, befunden hat. Das sind oft Minimengen, ganz geringe Substanzmengen von Kokain, Heroin oder auch anderen Drogen. Dadurch können wir Fahrzeuge, die beispielsweise als Drogenkurier-Fahrzeug eingesetzt wurden, mitidentifizieren. Oder es kann jemanden nachgewiesen werden, daß in seiner Kleidung die entsprechende Droge transportiert wurden."

Brandspuren gesichert Spuren ganz anderer Art versucht Robert Hirz von der zentralen Kriminaltechnik in Wien zu sichern. Auf dem Boden seines chemischen Labors stehen einige Aluminiumsäcke mit Kleidungsstücken, am Tisch ausgebreitet liegt eine zerborstene Bierflasche, die nur mehr vom Etikett zusammengehalten wird. Überbleibsel eines Molotowcocktails: Hirz hat die Kleidungsstücke des Verdächtigen erwärmt, dabei sind Spuren des Brennstoffes verdampft; den angereicherten Dampf hat der Chemiker dann durch einen hochempfindlichen Gaschromatografen geschickt. Spuren des Brandmittels an der Kleidung hat man übrigens deswegen gefunden, weil der Verdächtige die Brandbombe beim Ausholen vor dem Wurf noch einmal an den Körper gedrückt hat.

Blei auf den Händen Mit mikroskopischen Rückständen hat es auch die Schmauchspuranalyse zu tun. Wann immer jemand einen Schuß abfeuert, verteilt sich ein Gemisch aus Antimon, Arsen, Blei oder Silber auf den Händen und der Kleidung des Schützen. Die Zusammensetzung der Mikrospuren variiert je nach Munition. Fünf dieser Partikel reichen laut Hans Ditrich bereits aus, um einen Schützen vor Gericht eindeutig zu identifizieren: "Soweit international bekannt, gibt es keine anderen Partikel, die diese spezielle Elementzusammensetzung aufweisen. Werden solche Partikel an den Händen eines Verdächtigen gefunden, kann man mit sehr hoher Sicherheit sagen, daß er eine Schußwaffe abgefeuert haben muß. In der Regel ist diese Methode für Fälle geeignet, wo nach einer Auseinandersetzung eine Waffe am Boden liegt und keiner will sie vorher gehabt haben."

Wo immer es die Kriminalisten mit Leichen zu tun haben, sind sie auch daran interessiert, den Todeszeitpunkt zu bestimmen - eine Aufgabe für die Gerichtsmediziner. Mit Hilfe des sogenannten Todeszeit-Nomogramms läßt sich dieser Zeitpunkt auch noch nach vier Tagen bis auf drei Stunden genau bestimmen - allerdings nur im Idealfall. Für Edith Tutsch-Bauer gehört die Todeszeitfeststellung daher nach wie vor zu den schwierigsten Arbeiten eines Gerichtsmediziners: "Fernsehkrimis wie ,Quincy' machen uns da große Schwierigkeiten, weil dort heißt es immer: ,Der Tod trat ein um 11.17 Uhr'. Das entspricht aber nicht der Realität. Eine Leiche ist immer sehr individuell zu sehen, vom Körpergewicht, von der Kleidung, dem Wetter und der Umgebung her. Wir können bei der Todeszeitbestimmung oft nur sehr große Bandbreiten angeben. Wir können dann nur sagen: Der Tod trat ein zwischen zwölf und 18 Uhr ..."

Der Autor ist ORF-Mitarbeiter.

Der Beitrag ist ein Auszug aus der Sendung "Dimensionen - Welt der Wissenschaft" vom 24. März 1999. Zusammengefaßt und redigiert von Elfi Thiemer.

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