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Der Krieg auf den Körpern der Frauen

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Meldungen von Vergewaltigungen kosovo-albanischer Frauen durch die Serben sind eine weitere, entsetzliche Facette im Kriegsgeschehen am Balkan.

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Meldungen von Vergewaltigungen kosovo-albanischer Frauen durch die Serben sind eine weitere, entsetzliche Facette im Kriegsgeschehen am Balkan.

Wer über Vergewaltigung von Frauen schreibt, läuft Gefahr, Handlanger(in) ökonomischer Interessen am Medienmarkt zu werden. Denn dort wird der weibliche Körper gedankenlos als Mittel zur Umsatzsteigerung benutzt, und so prägen sich dem adressierten Konsumenten Bilder von der "Ware Frau", die zur Selbstbedienung auffordert, ein. "Bei Vergewaltigung geht es um Brecheisen, Fausthiebe und ein Messer an der Kehle, um Lebensangst, Demütigung und aufgezwungene Schwangerschaft", schrieb Karin Howard 1977 in ihrem Vorwort zur deutschen Ausgabe von Susan Brownmillers Grundsatzwerk "Gegen unseren Willen". "Nur in den Sexualphantasien geht es um leidenschaftliches Liebesspiel." Diese Verwechslung von Phantasie und Wirklichkeit ist zwar angesichts der dramatischen Umstände von organisierten Kriegsvergewaltigungen kaum aufrechtzuerhalten. Es besteht aber die Gefahr verzerrter Sensationsberichterstattung, sei es zwecks Auflagensteigerung, sei es zwecks Anheizung der Kriegsatmosphäre; kaum jemand sorgt sich um das Leid und die Probleme der zerstörten Frauen.

Dennoch steht, wer über Vergewaltigung im Krieg schreibt, mehr noch im Konflikt, Phantasien - oder die Abwehr realistischer Vorstellungen - auszulösen und damit kontraproduktiv zu wirken: denn jetzt kann sich der Voyeurismus ein Mäntelchen gerechtfertigter Entrüstung umhängen. Andererseits kann oberflächliche Entrüstung kritisches Denken und die Suche nach Problemlösungen verhindern.

Kriegsvergewaltigungen haben hohen propagandistischen Wert: die jeweils vergewaltigende Gruppe kann * ihren Selbstwert als "harte Krieger" glorifizieren, * ihre eigene Aggressivität jenseits nationaler Strafbarkeit in der sadistischsten Form von Männermacht bestätigen, * die Frauen der Gegner, wofür auch immer ihnen eingeredet wurde, "bestrafen", sondern auch zwangsschwängern und damit ihr Volkstum fortpflanzen, * die gegnerischen Männer "entehren", demoralisieren und * womöglich zu Reaktionen herausfordern, die als Rechtfertigung neuerlicher Vergeltungsaktionen dienen können.

Aber auch alle Gegner können dieses Brutalphänomen für ihre Zwecke nutzen: weil die Alliierten geschickter agierten als die Deutschen, wurden deren Vergewaltigungsaktionen bei ihrem Einmarsch in Belgien 1914 als "typisch deutsches Verbrechen" der Weltöffentlichkeit präsentiert, schreibt die Sozialwissenschafterin Hilde Schmölzer: wesentlich war die Schmach, die der jeweiligen Gesamtbevölkerung zugefügt wurde. Die Leiden der konkret betroffenen Frauen finden sich weder in offiziellen noch in den Berichten von Zeitzeugen erwähnt, egal, ob es sich um die soeben zitierten oder die Vergewaltigungen während des japanisch-chinesischen Kriegs 1937 in Nanking handelt, den Einmarsch pakistanischer Truppen in Bangladesh 1971 oder die Massenvergewaltigungen, von denen die ersten Flüchtlinge, die aus Bosnien-Herzegowina nach Kroatien flohen, bereits im Juni 1992 berichteten. Schmölzer klagt an: "Aber erst Mitte Dezember begannen sich das UNO-Flüchtlings-Kommissariat ebenso wie das Internationale Rote Kreuz und die UNO-Menschenrechtskommission damit zu befassen, obwohl die Tatsache der Vergewaltigungen auch dort schon längst bekannt gewesen ist."

Mit Hilfe von Entrüstung kann der Gedanke an den eigenen inneren Vergewaltiger beiseite geschoben werden. Ich doch nicht!" Dabei hat das zwischenzeitlich mehrfach wiederholte (unter anderem von der ehemaligen Grazer Frauenbeauftragten Grete Schurz, dokumentiert in ihrem Buch "Unterwerfung. Über den destruktiven Gehorsam") Milgram-Experiment deutlich gezeigt, zu welchen Grausamkeiten - nämlich Folterungen mittels lebensgefährdender Stromstöße - ganz harmlose Normalbürger fähig sind, wenn nur eine resolut auftretende Autorität mit plausibler Begründung anschafft. Autorität kann auch eine Horde sein - denn kollektive Gewalt beseitigt die direkte, persönliche Verantwortlichkeit.

Der Auftraggeber oder Anführer wird so zum "externalisierten Gewissen" (Udo Rauchfleisch in "Allgegenwart von Gewalt") und dadurch wird das sonst kritisch prüfende Über-Ich eines Menschen außer Kraft gesetzt. "Besonders verhängnisvoll wird die Situation, wenn die angeordnete Gewalt wie im Falle von Folter, Tötung und politischer Verfolgung noch ideologisch aufgewertet und geradezu idealisiert wird."

Rauchfleisch demaskiert Euphemismen wie sie in "Tätigkeits- und Lagerberichten" der NS-Schergen verwendet wurden, um Tötungen als "harte körperliche Strapaz" oder "seelische Höchstanstrengung" zu larvieren.

Der österreichische Psychoanalytiker Paul Federn beobachtete hingegen als Häftling im KZ-Buchenwald die Veränderung, die in einem etwa 18jährigen SS-Mann "mit einem sympathischen Jungengesicht" vorging, als er entkräftete Häftlinge nach deren Tagesfron zum "Exerzieren" befehligte: "Anfangs gab er seine Befehle nur zögernd, offenbar zum ersten Mal ..." Federn bemerkte, "wie sehr seine Züge denen eines kleinen Jungen ähnlich wurden, der, voller Erstaunen, zum ersten Mal mit Lebendigem spielt. Wie ein kleiner Junge bekam auch unser Peiniger bald mehr Mut. Die Befehle wurden immer schneller und freier gegeben, und jedesmal gefiel es ihm besser, die Gefangenen auf seine Befehle vor sich "herumtanzen" zu sehen. Jeder Soldat weiß, wie unangenehm ein solches Exerzieren ist, denn auch für Rekruten ist es eine der unangenehmsten Strafarten. Unser SS-Mann wußte also sehr gut, was er uns antat, und man konnte geradezu von einem Moment zum anderen beobachten, wie er in den Sadismus hineinglitt, in dem er sich allerdings sehr wohl zu fühlen schien." (Paul Federn, "Versuch einer Psychologie des Terrors".)

Rauchfleisch nennt drei Motivgruppen, die einen Menschen dahin bringen, Gewalt und Folter gegen andere zu richten, die in enger, verstärkender Wechselwirkung zueinander stehen: * das jedem Menschen innewohnende, mehr oder weniger gehemmte Aggressionspotential, * die menschliche Neigung, alles Unangenehme, Verpönte, Böse abzuspalten und zu verleugnen, und * die mehr oder weniger große Unfähigkeit des Menschen, sich starken Außeneinflüssen auf Dauer zu entziehen, vor allem, wenn sie ihm narzißtische Belohnung versprechen.

Auf Massenvergewaltigungen bezogen, nutzen die Drahtzieher der Bewußtseinsbildung * die in militärischen Trainings, durch physische oder psychische Frustration geschürte Aggressivität, * unbewußten Sexualneid und Frauenhaß und * die Aussicht, von der Männerhorde - zur Rechtfertigung oder aus langersehnter Kompensation von Unterlegenheitsgefühlen - als Helden bejubelt zu werden, zur Stimulation einer Regression in die amoralische Welt des Zweijährigen, der seine lebendigen "Puppen" aufmacht, zerlegt und zerstört.

Vergewaltigung im Krieg wird oft als Begleiterscheinung von Kriegsgeschehen verharmlost. "Ein Einwand, der vor allem von militärischer Seite gerne aufrechterhalten wird, lautet: Brutalitäten gegen die Zivilbevölkerung und insbesondere Kriegsgreuel gegen Frauen seien eine bedauerliche Nebenerscheinung von Kriegen", weist die Münchner Militärsoziologin Ruth Seifert im Sammelband "Überall Haß" nach: angesichts der Massenhaftigkeit des Vorkommens und der Wirkungslosigkeit internationaler Vereinbarungen seien Vergewaltigungen und Kriegsbrutalitäten gegen Frauen als integrale Bestandteile von Kriegen zu betrachten. Ihre Funktion und ihr Sinn müssen aufgedeckt werden.

Sexuelle Gewalt gegen Frauen ist geeignet, die Kultur eines Landes zu zerstören: Frauen sind im Kriegsfall diejenigen, die für den Zusammenhalt von Familie und Gemeinschaft sorgen. 1993 stellte eine Untersuchungskommission der Europäischen Gemeinschaft fest, daß Massenvergewaltigungen beziehungsweise sexuelle Folterungen von Frauen in Bosnien-Herzegowina systematische und befohlene Aktionen waren. Nach dem Einfallen in ein Gebiet oder eine Stadt wurde in bestimmten Stufen vorgegangen; erstens Zerstörung der Kulturdenkmäler. Zweitens Verhaftung beziehungsweise Ermordung der Intellektuellen. Drittens Einrichtung von Vergewaltigungslagern für Frauen, wobei Frauen mit einem höheren Status als erste selektiert werden.

Krieg, und damit auch sexuelle Folterungen, "passieren" nicht - sie geschehen "nach Plan". Vielleicht fangen die, die so viel von "Verteidigung" sprechen, endlich an, dagegen - und damit voraus - zu planen!

Die Autorin ist Psychotherapeutin/Psychoanalytikerin, promovierte Juristin, Gastprofessorin für Sexualtherapie am Institut für Psychologie der Universität Klagenfurt, Lehrbeauftragte für Didaktik der Gewaltprävention am Zentrum für das Schulpraktukum der Universität Wien, Allgemein beeidete Gerichtssachverständige, 1. Vorsitzende der Österr. Gesellschaft f. Sexualforschung.

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