Der Krieg aus dem Boden

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Die Saat des Krieges geht im Frieden auf: Anti-Personen-Minen sollen nicht töten, sondern verstümmeln. Was Caritas und Rotes Kreuz im ehemaligen Jugoslawien für die Opfer dieser feigen Waffen tun. Ein Lokalaugenschein.

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Die Saat des Krieges geht im Frieden auf: Anti-Personen-Minen sollen nicht töten, sondern verstümmeln. Was Caritas und Rotes Kreuz im ehemaligen Jugoslawien für die Opfer dieser feigen Waffen tun. Ein Lokalaugenschein.

Ich konnte es einfach nicht glauben", erzählt Nada Knezevic, 42, "aber der Arzt im Spital hat es mir auch gesagt: Mein Mann war auf der Stelle tot." Eine Panzermine hat ihn im Jänner zerfetzt, als er Reisig für Kränze suchen ging. Kränze für ein paar Dinars, ein paar Dinars für ein paar Ziegeln, ein paar Ziegeln für die Einschußlöcher in ihrem fenster- und türlosen Haus. Eine Parte am Eingang erinnert an den Zerrissenen.

"Polizisten mußten die ganze Nacht draußen an der Save bleiben, um ihn mit Lampen gegen herumstreunende Köter zu schützen", erzählt Frau Knezevic unter Tränen und stützt sich an die verkohlten Fliesen ihres ehemaligen Badezimmers. Am nächsten Tag kam eine Spezialeinheit, um die Überreste ihres Mannes aus dem Minenfeld zu klauben. Ein Todesstreifen ohne Absperrung, ohne Warnschilder. Die gelben Bänder, die nach dem Krieg an vielen Orten Bosniens und Kroatiens um bekannte und kartierte Minenfelder gespannt wurden, sind verblaßt oder wurden verblasen. In den Wirren des Kommens und Fliehens gerieten die verseuchten Orte in Vergessenheit. Vor allem Vertriebene, die irgendwo eine Bleibe fanden, und Rückkehrer, die jahrelang von der Entwicklung ihres Heimatortes abgeschnitten waren, geraten leicht ahnungslos an eine der Sprengfallen.

Im Frieden sind sie die neue Zielgruppe dieser feigen Waffen, die meist die Form flacher Konservendosen haben: Frauen beim Schwammerlbrocken im Wald, Männer bei der Feldarbeit, Kinder beim Spielen auf der Wiese. Wieviele Minen noch im balkanischen Boden schlummern, weiß niemand genau. Nur eins ist gewiß: Die Zahl geht in die Millionen. Jedes Monat kommen mehrere Dutzend Opfer hinzu. Geschätzte 7.000 Menschen haben allein in Bosnien eine oder mehrere Amputationen hinter sich.

Und bei den Minenopfern setzt die Hilfe der Nachbar-in-Not-Partner Caritas und Rotes Kreuz an: Während die katholische Hilfsorganisation kriegsgeschädigten Kindern aus dem Caritas-Kinderheim Brezovica nahe Zagreb mit spezieller Berufsausbildung auf die eigenen Beine helfen will, unterstützt das Rote Kreuz Minenopfer wie Frau Knezevic, denen in Bosnien sonst niemand beim Wiederaufbau hilft.

Für die neue Spendenkampagne hat sich die Gemeinschaftsaktion mit dem ORF selbst prominente Unterstützung geholt: Friedensnobelpreisträgerin Jody Williams von der Internationalen Kampagne für ein Landminenverbot. "Ohne Österreichs Einsatz", lobte Williams Anfang Mai bei einem Besuch in Wien zunächst ihre Gastgeber, "wäre der Vertrag von Ottawa über ein Totalverbot von Antipersonenminen nicht zustandegekommen." Um schließlich "alle Österreicherinnen und Österreicher" zum finanziellen Engagement für die "schuldlosen Opfer" aufzurufen.

Schwere Hypothek Tatsächlich werden seit Kriegsende fast nur Zivilisten von Minen in die Luft gejagt, während bis 1995 über 80 Prozent der Opfer in Bosnien-Herzegowina Militärs waren. Die Saat des Krieges geht im Frieden auf und lastet als schwere Hypothek auf dem Wiederaufbau eines Landes. Viele Häuser sind potentiell vermint - zum Schutz vor Eindringlingen oder als Falle für Feinde. Fähige Arbeitskräfte binden nach einem Minenunfall oft andere (familiäre) Arbeitskräfte. Kein Wunder, daß im Raum Banja Luka unter Minenopfern eine Arbeitslosenrate von 90 Prozent herrscht.

Selbst wenn sie körperlich arbeiten könnten, können sie oft wegen ungeräumter Minen nicht so wie früher. Mita Tesanovic etwa, Bauer im Raum Brod an der kroatisch-bosnischen Grenze, bewirtschaftete 20 Hektar Ackerland und einen Gemüsegarten vor dem Krieg. Mit einer jährlichen Produktion von 1.200 Schweinen und 120 Kühen war Tesanovic ein wichtiger Lieferant des örtlichen Schlachthofs. Damit ist es auf längere Sicht vorbei. Zwei Hektar hat ihm 1994 die bosnisch-serbische Armee geräumt, einen weiteren Hektar gewann er durch Abbrennen. Eine verbreitete, aber unsichere Methode, die die Sprengfallen sichtbar machen soll, um sie mit einem Draht fernzuzünden. Mit dem gewonnenen Land kann der Landwirt gerade seine Familie ernähren.

Vielen gelingt nicht einmal das. Blagoje Sremac, einst stolzer Besitzer mehrerer Pferde und Schweine im Raum Brod, fuhr mit seinem Fuhrwerk im Schnee auf eine Panzermine. Bei dem Unglück kam neben dem letzten noch nicht gestohlenen Tier ein Freund ums Leben. Sremac selbst verbrachte seither dreieinhalb Jahre im Bett und mußte sogar aufs WC begleitet werden. Sein schwer verwundetes rechtes Bein mußte 19 Tage im von Soldaten überfüllten Spital auf eine Operation warten, entging dann knapp einer Amputation und blutet bisweilen bis heute. "Heute fühle ich mich schon viel besser", begrüßt der ehemalige Nachtwächter eines nahen Betriebes den österreichischen Rot-Kreuz-Delegierten Klaus Kapper bei dessen Besuch. Der Grund des Wohlbefindens: "Ich kann endlich wieder ein bißchen Holzhacken und kleine Strecken gehen", deutet Sremac mit einer Krücke auf einen Berg Brennholz. Im Mai hat der 61jährige seit Jahren das erste Einkommen erhalten: 30 D-Mark Pension. Davon können er und seine Frau nicht leben. "Ich möchte schon bald mit einer Baufirma kommen", springt Nachbar-in-Not-Mann Kapper in die Bresche. Von Banja Luka aus will er sich um die Sanierung des Stalles und den dringenden Küchenboden kümmern. "Wir werden auch versuchen, für euch eine Kuh zu bekommen", eine Wertanlage, die über den Verkauf von Kälbern ein zusätzliches Einkommen schaffen könnte.

Das braucht das Ehepaar dringend. Denn das Gesundheitssystem liegt noch darnieder, und beide benötigen regelmäßig Medikamente. Wie die 11jährige Dragana Vasic, die nach der Explosion eines "unidentifizierten explosiven Objekts" (UXO) mit geschienten Unterschenkeln wieder gehen kann. Das verdankt sie den Medikamenten, die sie vom Roten Kreuz für ihren angeschlagenen Gleichgewichtssinn erhält. Und dem Engagement ihrer Mutter, die ihr nach dem Unfall zunächst wieder das Sitzen, dann das Gehen auf Knien beigebracht hat. Heute macht sie täglich Koordinationsübungen mit Dragana und regelmäßig Besuche beim Orthopäden.

Logik der Minen Auch dahinter steckt die Logik der Minen. Der Krieg gibt keinen Frieden, am allerwenigsten der Gesundheitsversorgung. Allein die Prothesen für die bislang 7.000 Amputationsfälle kosten, wenn sie alle vier Jahre ersetzt werden (müssen), zwischen 1,8 und 3,2 Millionen US-Dollar pro Jahr. Dazu kommt, daß Minenverletzungen meist komplizierter sind als Schußwunden. Ihre Behandlung braucht längere Spitalsaufenthalte, doppelt so viel Strom und Wasser sowie sechsmal so viel Blut wie andere Kriegsverletzungen. Ein Gesundheitssystem kommt nicht und nicht auf die Beine.

Zudem benötigen Opfer von Sprengstoffen - wie Kriegsopfer überhaupt - zusätzlich psychologische Betreuung. Die Weltbank hat unter Experten erhoben, daß 15 Prozent der gesamten bosnischen Bevölkerung wegen der psychologischen Kriegsfolgen effektive Behandlung braucht. Andere Studien belegen, daß nach einer Amputation jeden zweiten Patienten eine undefinierbare Angst befällt. Bei einer in Bosnien-Herzegowina durchgeführten Befragung gab 1995 jede fünfte Familie eines Minenopfers an, dieses leide an Einsamkeit. Satte zwei Drittel stürzen demnach in Depressionen.

Besonders gefährdet sind natürlich Kinder. Daher bemüht man sich am Caritas-Kinderzentrum Brezovica in der Nähe von Zagreb um unauffällige psychologische Betreuung der Kleinen. Sonja Ristic, die Psychologin des Kinderdorfs, etwa bittet ihre Schützlinge gelegentlich um eine Zeichnung. Jerkan Stuc hat mit seinen vier Geschwistern mitansehen müssen, wie sein Vater, aus dem Krieg zurückgekehrt, ansatzlos die Mutter erschoß. Jerkan zeichnet seither mit Vorliebe LKWs und Motorräder mit klaren, etwas martialischen Konturen. "Daß er gerne schwarze Stifte verwendet", bringt Ristic ihre Analyse auf den Punkt, "zeigt, daß er noch viel Angst in der Seele trägt."

Nachbar in Not PSK 76 00 111

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