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Der letzte mögliche Unterschlupf

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Die Mieten steigen - immer mehr Menschen können sich ihre Wohnung nicht mehr leisten. Die Situation wird sich mit der Deckelung der Mindestsicherung in Niederösterreich ab 2017 noch weiter verschärfen. Die FURCHE war beim "Verein Wohnen" in St. Pölten zu Gast.

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Die Mieten steigen - immer mehr Menschen können sich ihre Wohnung nicht mehr leisten. Die Situation wird sich mit der Deckelung der Mindestsicherung in Niederösterreich ab 2017 noch weiter verschärfen. Die FURCHE war beim "Verein Wohnen" in St. Pölten zu Gast.

Weihnachten verbringt René Findenig heuer im Haus des "Vereins Wohnen". Vor einem dreiviertel Jahr ist er in die Männer-WG der Sozialeinrichtung in St. Pölten eingezogen. Nur ein paar Klamotten und seinen Laptop hatte der 24-Jährige bei sich, als er von der Notschlafstelle "Kompass" hierher kam.

17,8 Grad zeigt das Thermostat in seiner WG-Küche an. Auf dem Wäscheständer hinter dem Küchentisch hängen ein paar wenige Stücke. Findenig trägt eine graue Schirmmütze, einen Kapuzenpulli und blaue Sportschuhe. Im Rahmen des Projekts "Wohnchance", das auf 15 Plätze limitiert ist, darf der junge Mann eineinhalb Jahre hier wohnen. Küche und Bad teilt er mit drei Mitbewohnern. Die Privatsphäre in seinem Zimmer ist ihm wichtig, wie er betont. Außerdem erhält er sozialarbeiterische Begleitung. "Meine Betreuerin hilft mir sehr - bei so ziemlich allem. Sie ist einzigartig", sagt er strahlend. Sein Schuldenberg schrumpft langsam, und der gelernte Konditor kann sich endlich besser auf die Jobsuche konzentrieren. Davor hatte er es nicht leicht, wie er selbst sagt. Als Heimkind musste er mit 18 Jahren aus dem Erziehungsheim ausziehen. Sein Bruder, bei dem er danach Unterschlupf fand, setzte ihn vor die Tür, als dessen Freundin einzog.

Wohnungsprobleme junger Leute

René Findenigs Schicksal ist kein Einzelfall. Gerade für junge Erwachsene gibt es laut "Verein Wohnen" zuwenig unterstützende Angebote. Die Betroffenen haben oft keinen Anspruch auf ausreichende Sozialhilfe, weil sie noch nie gearbeitet haben - und haben vielfach nicht gelernt, sich ihr Geld einzuteilen. "Manche gehen vom 1. bis zum 5. des Monats zum McDonald's - und das monatliche Geld ist weg", berichtet "Verein Wohnen"-Geschäftsführerin Ingrid Neuhauser.

Vor allem an günstigen Kleinwohnungen fehle es am Wohnungsmarkt. "Es gibt so viele Singles und Männer, die viel Unterhalt zahlen müssen. Oft rufen uns junge Leute an, die von daheim keine Unterstützung erhalten, oder ältere, die sich nach dem Jobverlust ihre Wohnung nicht mehr leisten können." Vorhandene leistbare Wohnungen seien oft schlecht gedämmt, schimmelig oder plötzlich zu teuer, wenn mit der Jahres-Abrechnung der Heizkosten die böse Überraschung kommt. Wohnzuschüsse sind nur für den geförderten Wohnraum vorgesehen. "Hier gibt es die Einstiegshürde des hohen Baukostenfinanzierungsbeitrags", kritisiert Neuhauser.

Zusätzlich angeheizt wird das Problem der hohen Mieten in den Städten durch die Ausdünnung der Infrastruktur und des öffentlichen Verkehrs am Land. "Unsere Klienten ohne Führerschein wollen alle in die Stadt ziehen, jetzt sind sogar schon die schlechten Wohnungen in St. Pölten teuer." Für 80 Quadratmeter muss man in der 50.000-Einwohner-Stadt mittlerweile 900 bis 1000 Euro hinlegen. Sparen und das monatliche Geld einteilen lernen sollen die Klienten während ihrer Zeit beim "Verein Wohnen". Auch Findenig, der monatlich 697 Euro an Sozialhilfe erhält, musste Miete, Strom und Heizung auf seinen eigenen Namen anmelden. Für sein WG-Zimmer bezahlt er 175 Euro plus 50 Euro Energiekostenpauschale. Bei Soma, dem Sozialmarkt in St. Pölten, kann er seine Lebensmittel besonders günstig einkaufen. Außerdem ist er verpflichtet, sich die Kaution für seine erste eigene Wohnung selbst anzusparen.

Als Findenig einzog, haben die Sozialarbeiter sofort abgeklärt: Welche sozialen Ansprüche hat er? Welche unnötig teuren Bank-oder Handyverträge hat er sich aufschwatzen lassen?"Es ist unglaublich, was die Banken den Leuten für Produkte andrehen, obwohl sie die Raten offensichtlich niemals bezahlen können und sich dafür weiter verschulden müssen", schüttelt Neuhauser den Kopf.

Lage spitzt sich weiter zu

Beim "Verein Wohnen" melden sich die Leute meist erst, wenn der Hut brennt. "Sie ignorieren gelbe Briefe, holden die Post nicht ab, bis die Delogierung ansteht." Oft wüssten nicht einmal Familienmitglieder Bescheid. Dabei ist die Wohnung als persönlicher Rückzugsraum die Basis für alles weitere: Die Gesundheit, die psychische Stabilität, die Jobsuche.

Noch sind zwar die genauen Auswirkungen der kürzlich beschlossenen Deckelung der Mindestsicherung bei 1500 Euro in Niederösterreich vielen Betroffenen nicht klar, doch beim "Verein Wohnen" rechnet man mit einer noch größeren Nachfrage im neuen Jahr. Denn die beschlossenen Kürzungen betreffen nicht nur Familien, sondern auch Wohngemeinschaften - und die Einschnitte sind massiv: Bei einer Vierer-WG hatten die Mindestsicherungs-Bezieher bisher jeder 628,32 Euro zur Verfügung. "Durch die Deckelung erhält jetzt jede Person nur mehr 375 Euro. Jetzt ist das WG-Zimmer auch nicht mehr leistbar", berichtet Neuhauser.

Dabei geht die Schere zwischen Einkommen und Mietkosten schon seit 2009 immer weiter auf: Allein heuer sind die Wohnungsmieten um 3,9 Prozent teurer geworden, während die allgemeine Teuerung nur bei 1,3 Prozent lag. Gerade für Menschen mit durchschnittlichem oder niedrigem Einkommen macht das Wohnen einen Großteil der monatlichen Aufwendungen aus - verzichtet werden kann darauf nicht. Dass die Mietkosten hierzulande besonders schnell steigen, hat laut Statistik Austria-Chef Konrad Pesendorfer damit zu tun, dass die - anders als in den meisten anderen Ländern - automatisch an die Inflation angepasst werden. Obendrein leben in Österreich besonders viele Menschen in Mietverhältnissen: 2015 waren es 41 Prozent der Haushalte.

Mietrechtsreform steht längst aus

Von einer Reform des Mietrechts war zwar schon im Koalitionsvertrag von Dezember 2013 die Rede. Die Arbeiterkammer fordert nach wie vor ein "einfaches, einheitliches Mietrecht mit gesetzlichen Obergrenzen", doch derartige Vorschläge von der SPÖ waren im Sommer auf heftigen Widerstand bei ÖVP, Opposition und den Immobilienverbänden gestoßen. Kritik an der heimischen Politik will man beim Verein Wohnen, der vom Land Niederösterreich finanziert wird, nur leise formulieren. Nur soviel: "Wir wollen der Politik schon kommunizieren, dass am sozialen Gleichgewicht gearbeitet werden muss. Gehört werden wir nicht immer." Auf offene Ohren würde man eher bei den Beamten als bei den Politikern stoßen.

René Findenig würde am liebsten immer in der Unterkunft des "Vereins Wohnen" bleiben, doch das Wohnprojekt ist für jeden, der das Glück hatte, hier unterzukommen, zeitlich begrenzt. Ab Februar könnte Findenig vielleicht eine günstige Wohnung in St. Pölten für sich alleine finden. Ihm reiche etwas ganz kleines. Würde Geld keine Rolle spielen, dann hätte sich der junge Mann schon nach Japan aufgemacht. Die heimische Politik und das Leben hier gehen ihm auf die Nerven, sagt er. Die japanische Kultur, die so ganz anders ist, fasziniert ihn. Doch was ihm in Tokio oder Osaka wohl noch mehr zusetzen würde als in St. Pölten, sind die astronomischen Mietpreise.

Vorerst heißt es also für Findenig, sich in Österreich zu arrangieren -und Weihnachten über die Bühne zu bringen. Im Vorjahr war er bei der Familie seiner Ex-Freundin eingeladen, im Jahr zuvor bei seinem Bruder. Mit beiden besteht zur Zeit kein Kontakt. Einen kleinen Weihnachtsbaum, den der "Verein Wohnen" jeder WG zur Verfügung stellt, wollen er und seine Mitbewohner nicht aufstellen. Wie alle Klienten erhält Findenig kurz vor Weihnachten einen Einkaufsgutschein im Wert von 20 Euro und ein Duschgel. Am 24. Dezember wird dann nur eine Betreuerin im Dienst sein. Es wird ein stiller Abend im Haus des "Vereins Wohnen".

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