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Der Lockruf der Sinnanbieter

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Die Psychotherapie sieht sich heute von allerlei Konkurrenz provoziert.

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Die Psychotherapie sieht sich heute von allerlei Konkurrenz provoziert.

Eigentlich sollte es beim 2. Weltkongreß für Psychotherapie, kürzlich in Wien, um das Thema "Mythos, Traum, Realität" gehen, zum 100. Geburtstag der "Traumdeutung" Sigmund Freuds.

Aber die Realitätsprüfung galt diesmal der Psychotherapie selbst, die sich am Ende des psychologischen Jahrhunderts von allerlei Konkurrenten provoziert sieht. Was tun, wenn der Klient plötzlich zum Schamanen gehen will, weil er sich dort schnellere Erfolge verspricht. Wie ärgerlich, wenn der Therapeut mühsam ein kassenwürdiges Gutachten erstellt hat, damit der Klient die Therapie nicht selbst zahlen muß, und der gibt dann locker das Geld für esoterische Erlebnisse aus.

Kann das nur mit "Ich-Schwäche" erklärt werden? Mit Verschmelzungsbedürfnissen? Wie kann die Sinnfrage, die Klienten, aber auch Therapeuten neuerdings vermehrt zu stellen scheinen, im therapeutischen Setting abgehandelt werden, so daß die Abwanderung zu den Sinnanbietern des grauen Marktes der Esoterik verhindert werden kann?

Man versucht, mit Viktor Frankl, zunächst einmal einen "Sinn im Leben" von einem "Sinn des Lebens" zu unterscheiden. Man versucht, die ganz großen, die letzten Fragen auszuklammern. Dafür sei dann doch eher der Seelsorger zuständig. Nur - die Menschen gehen heute eben nicht mehr zum Seelsorger, der ihnen dann womöglich zum Psychotherapeuten rät, sondern eben lieber zu einem Guru, von dem sie sich im Wesen erkannt fühlen, der sie geheimnisvoll zu verstehen scheint, jenseits einer doch immer eher banalen, wenn auch oft sehr schmerzlichen Lebensgeschichte. Mühsam ist der therapeutische Weg zwischen Depression und Allmachtswünschen. Gibt es den Sinn des Lebens denn nun wirklich, oder ist alles Fragen danach nur Wahn? Will der Mensch zurück ins Paradies oder vorwärts in den Himmel? Und stecken da nur Regressionen oder Projektionen dahinter? Gibt es für uns Menschen wirklich ein Happy-End? Diese Frage wurde auf dem Kongreß überraschend von einem Bischof beantwortet, der als Seelsorger und als Theologe die menschlichen Probleme und die "letzten Dinge" im Blick hat.

Die "letzten Dinge" Der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn sprach in seinem Beitrag "vom Mythos zur Realität" zwar auch vom mythenkritischen Potential der Vernunft und der Notwendigkeit der Unterscheidung der Geister - es gäbe auch menschenverachtende Mythen, aber er stellte den Mythos mit dem Literaturwissenschaftler und Schriftsteller C. C. Lewis ( 1963) vor allem als Brücke der Hoffnung vor, als Entwurf möglicher Wirklichkeit und letztlich als höchste Wirklichkeit und warnte davor, sich des mythischen Glanzes des Christentums zu schämen. Er stellte für die gemeinsamen Problembereiche in Seelsorge und Psychotherapie fest: Beim Umgang mit Schuld, in der Frage der Gottesbeziehung, und der von Hoffnung und Zukunft, könne man die heilende Kraft von Mythos als Wirklichkeit erfahren: Der Umgang mit individueller Schuld und die anthropologisch-theologische Deutung des Menschen in der sogenannten Erbsündenlehre gäben gerade den Blick aus der tragischen Verstrickung von unausweichlichem Fatum und individueller Schuld frei auf die frei gewährte Vergebung. Der Mythos der Liebesbeziehung zwischen Göttern und Menschen als höchster Mythos, sei einmal, mit der Geburt Jesu aus Maria, der Jungfrau, für immer Wirklichkeit geworden: Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott werde - Vergöttlichung in der Gemeinschaft mit diesem Gottmenschen Jesus, der unser sterbliches Ende durchlitten hat und in geheimnisvoller Weise zu einer unsterblichen Lebensweise verwandelt hat. Und das bedeutet, daß unsere menschliche Existenz auf diese Perspektive hin ausgerichtet werden kann! Hoffnung und Zukunft in der Zusage, daß in dieser Perspektive alles wirklich gut werden wird, wie es einzelne auch immer wieder als wirkliche Zusage von Christus gehört haben, wie die mittelalterliche englische Mystikerin, Lady Juliana Norwich: "And Thou shalt see that all matter of things shall be well."

Die bekannte Tiefenpsychologin und Autorin Verena Kast hatte in ihrem Eröffnungsvortrag Mythos und Traum in der Differenz zur heutigen posttraditionalen Wirklichkeit beleuchtet und befunden, daß christliche Mythen heute bei vielen Menschen nicht mehr tragen. Ist der Mythos nun "Offenbarung Gottes an seine Kinder?", wie die Kirche sagt, oder "Arsenal allegorischer Unterweisung, die das Individuum der Gruppe gefügig machen soll (Dürkheim)" oder "Ausdruck und Antwort des kollektiven Unbewußten und seiner archetypischen Struktur auf Menschheitsprobleme (C. G. Jung)"?

Warum ist heute ein vergleichsweise banaler Schöpfungsmythos , wo die Welt aus einem Ei entsteht oder von vier Schildkröten geschaffen wird, attraktiver als der feingegliederte Bericht der Bibel?, drängt sich mir da als Frage auf.

Der Mythos sei jedenfalls eher sinnstiftend als problemlösend, konstatiert Kast. Der Triumph des Mythos heute zeigt also vor allem das große Bedürfnis nach Sinnstiftung in einer immer komplexer werdenden Welt. Trotz aller Bemühungen gibt es immer noch Hunger, verheerende Kriege mit grausamstem Gemetzel, Verbrechen usw. Das einzige, was jetzt noch zu helfen scheint ist, im Blick nach vorn eine Einstellungsänderung zu wagen, dem Leiden, sofern es unvermeidlich ist, als Einstellungswert einen Sinn zu geben, wie Viktor Frankl meinte.

Wer alles, was ihm im Leben widerfährt, als sinnstiftendes Ereignis für seine Vergöttlichung, d. h. Verähnlichung mit Christus, erleben kann, erfährt die Wirklichkeit des Happy-End als Wahrheit, das wäre - etwas salopp ausgedrückt - die Lehre der Kirche zur Sinnfrage. Anstatt nun panisch zu meinen, sie müßten ihre Ausbildung auch auf dem Esoterik-Markt vervollständigen, (Frau Professor Eva Jaeggi, Berlin hatte die Leitbilder der therapeutischen Identität abgehandelt und Ergebnisse einer Studie vorgetragen) sollten sich die Therapeuten eigentlich mit ihren eigenen religiösen Traditionen auseinandersetzen. Die christliche Anthropologie bietet überraschende Möglichkeiten, das Mysterium des menschlichen Lebens ohne falsche Mystifikationen zu verstehen.

Die Autorin ist Psychologin in Wien.

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