Therapie - © Foto: iStock / LuffyKun
Gesellschaft

Der Negativspirale entkommen

1945 1960 1980 2000 2020

Rund die Hälfte aller in Österreich lebenden Asylsuchenden leidet unter traumatischen Belastungsstörungen. Mithilfe von Gesprächstherapien lässt sich ihr Leiden mindern.

1945 1960 1980 2000 2020

Rund die Hälfte aller in Österreich lebenden Asylsuchenden leidet unter traumatischen Belastungsstörungen. Mithilfe von Gesprächstherapien lässt sich ihr Leiden mindern.

Abdul (*Name von der Redaktion geändert) hat mit seinen 23 Jahren viel erlebt – zu viel. Der junge Afghane hat seinen Vater, seine Mutter und seinen Bruder verloren. Die Taliban haben seine Familie getötet und seine Schwester entführt, erzählt er. Abdul weiß nicht, ob sie noch lebt. Nachts plagen ihn Albträume von früher. Sie führen ihn zurück an jenen Ort, wo er gefangen war, wo er geschlagen und terrorisiert wurde. Täglich war er gezwungen, mitanzuhören oder mitanzusehen, wie Mitgefangene im Lager von den Taliban gefoltert oder getötet wurden. Abdul war damals 16 Jahre alt.

In den Nächten, im Schlaf, tauchen diese Erinnerungen wieder auf. Dann beginnt sein ganzer Körper zu beben: Schweißausbrüche, Atemnot, Erstarrung. Manchmal, erzählt Abdul, springt er in Panik aus dem Bett und findet sich nach dem Aufwachen am Fenster, um zu fliehen. In diesen Momenten wird ihm bewusst, dass er in Österreich ist, seit sieben Jahren, in relativer Sicherheit. So wie Abdul geht es vielen Flüchtlingen in Österreich. Der Wiener Hilfsverein „Hemayat“, der sich auf die Betreuung traumatisierter Flüchtlinge und Folteropfer spezialisiert hat, verzeichnete 2018 mehr Hilfesuchende denn je. So betreuten die Psychotherapeuten- und -therapeutinnen im vergangenen Jahr 1353 traumatisierte Menschen aus 51 Ländern. 2014 waren es noch rund 800 Betreute gewesen.

Opfer von Gewalt

Neben Hemayat bieten auch die Caritas und die Diakonie Psychotherapie für traumatisierte Asylsuchende an. Laut Schätzungen der Diakonie leiden rund die Hälfte aller in Österreich lebenden Flüchtlinge an traumatischen Belastungen. Obwohl viele Geflüchtete schon länger in Öster­reich leben, dauert es, bis sie sich ihrer traumatischen Symptome bewusst werden und Hilfe aufsuchen, erklären die Mitarbeiter des Vereins Hemayat. So erkläre sich auch die höhere Nachfrage bei gleichzeitig sinkenden Zahlen der ankommenden Flüchtlinge. In Deutschland sieht die Sachlage ähnlich aus. Dort sind, laut einer Befragung des Wissenschaftlichen Instituts der deutschen Gesundheitskasse AOK, Wido, rund drei Viertel der Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan nach erheblichen Gewalterlebnissen traumatisiert. Für die Analyse befragte das AOK-Institut bundesweit 2021 Asylbewerber aus den drei Ländern. In der Befragung gaben 74,7 Prozent der Schutzsuchenden an, Gewalt in unterschiedlichen Formen persönlich erlebt zu haben. Dabei waren Frauen und Männer gleich betroffen.

Mithilfe von Gesprächstherapien können diese Menschen entlastet werden. „In Therapien geht es darum, Ressourcen und erlebte Werte wiederzuentdecken, die oft durch die Einwirkung der traumatischen Erlebnisse wie verschüttet sind“, sagt Helga Ehrmann, Psychotherapeutin des Vereins Hemayat (siehe dazu auch Interview S. 14). Gerade bei jungen Menschen sei es wichtig, Träume und Hoffnungen für die Zukunft zuzulassen, erklärt die Therapeutin. Die lange Warteliste bereitet der Psychotherapeutin jedoch Kopfzerbrechen. Mehr als 600 traumatisierte Flüchtlinge warten derzeit bei Hemayat auf eine Einzeltherapie. Und die Liste wird von Tag zu Tag länger. Rund 50 Therapeuten und 32 speziell geschulte Dolmetscher für 21 Sprachen arbeiten bei Hemayat. Der Verein finanziert sich durch Förderungen der Europäischen Union und anderen Einrichtungen sowie durch private Spender. Dennoch bräuchte es eine Basisfinanzierung, um die Arbeit längerfristig planen zu können, erklärt Ehrmann.
Abdul hat seinen Weg ins Leben mithilfe der Psychotherapie wiedergefunden. Tagsüber arbeitet er als Paketzulieferer, Abends besucht er die Schule, um die Matura abzuschließen. Abdul lebt alleine in Österreich und darf laut Aufenthaltsbescheid zwei weitere Jahre hierbleiben. Wie es danach für ihn weitergeht, weiß er noch nicht. Aber mit dieser Ungewissheit muss er, wie so viele traumatisierte Geflüchtete, weiterhin leben.

Mehr zum Thema lesen Sie hier.

Abdul (*Name von der Redaktion geändert) hat mit seinen 23 Jahren viel erlebt – zu viel. Der junge Afghane hat seinen Vater, seine Mutter und seinen Bruder verloren. Die Taliban haben seine Familie getötet und seine Schwester entführt, erzählt er. Abdul weiß nicht, ob sie noch lebt. Nachts plagen ihn Albträume von früher. Sie führen ihn zurück an jenen Ort, wo er gefangen war, wo er geschlagen und terrorisiert wurde. Täglich war er gezwungen, mitanzuhören oder mitanzusehen, wie Mitgefangene im Lager von den Taliban gefoltert oder getötet wurden. Abdul war damals 16 Jahre alt.

In den Nächten, im Schlaf, tauchen diese Erinnerungen wieder auf. Dann beginnt sein ganzer Körper zu beben: Schweißausbrüche, Atemnot, Erstarrung. Manchmal, erzählt Abdul, springt er in Panik aus dem Bett und findet sich nach dem Aufwachen am Fenster, um zu fliehen. In diesen Momenten wird ihm bewusst, dass er in Österreich ist, seit sieben Jahren, in relativer Sicherheit. So wie Abdul geht es vielen Flüchtlingen in Österreich. Der Wiener Hilfsverein „Hemayat“, der sich auf die Betreuung traumatisierter Flüchtlinge und Folteropfer spezialisiert hat, verzeichnete 2018 mehr Hilfesuchende denn je. So betreuten die Psychotherapeuten- und -therapeutinnen im vergangenen Jahr 1353 traumatisierte Menschen aus 51 Ländern. 2014 waren es noch rund 800 Betreute gewesen.

Opfer von Gewalt

Neben Hemayat bieten auch die Caritas und die Diakonie Psychotherapie für traumatisierte Asylsuchende an. Laut Schätzungen der Diakonie leiden rund die Hälfte aller in Österreich lebenden Flüchtlinge an traumatischen Belastungen. Obwohl viele Geflüchtete schon länger in Öster­reich leben, dauert es, bis sie sich ihrer traumatischen Symptome bewusst werden und Hilfe aufsuchen, erklären die Mitarbeiter des Vereins Hemayat. So erkläre sich auch die höhere Nachfrage bei gleichzeitig sinkenden Zahlen der ankommenden Flüchtlinge. In Deutschland sieht die Sachlage ähnlich aus. Dort sind, laut einer Befragung des Wissenschaftlichen Instituts der deutschen Gesundheitskasse AOK, Wido, rund drei Viertel der Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan nach erheblichen Gewalterlebnissen traumatisiert. Für die Analyse befragte das AOK-Institut bundesweit 2021 Asylbewerber aus den drei Ländern. In der Befragung gaben 74,7 Prozent der Schutzsuchenden an, Gewalt in unterschiedlichen Formen persönlich erlebt zu haben. Dabei waren Frauen und Männer gleich betroffen.

Mithilfe von Gesprächstherapien können diese Menschen entlastet werden. „In Therapien geht es darum, Ressourcen und erlebte Werte wiederzuentdecken, die oft durch die Einwirkung der traumatischen Erlebnisse wie verschüttet sind“, sagt Helga Ehrmann, Psychotherapeutin des Vereins Hemayat (siehe dazu auch Interview S. 14). Gerade bei jungen Menschen sei es wichtig, Träume und Hoffnungen für die Zukunft zuzulassen, erklärt die Therapeutin. Die lange Warteliste bereitet der Psychotherapeutin jedoch Kopfzerbrechen. Mehr als 600 traumatisierte Flüchtlinge warten derzeit bei Hemayat auf eine Einzeltherapie. Und die Liste wird von Tag zu Tag länger. Rund 50 Therapeuten und 32 speziell geschulte Dolmetscher für 21 Sprachen arbeiten bei Hemayat. Der Verein finanziert sich durch Förderungen der Europäischen Union und anderen Einrichtungen sowie durch private Spender. Dennoch bräuchte es eine Basisfinanzierung, um die Arbeit längerfristig planen zu können, erklärt Ehrmann.
Abdul hat seinen Weg ins Leben mithilfe der Psychotherapie wiedergefunden. Tagsüber arbeitet er als Paketzulieferer, Abends besucht er die Schule, um die Matura abzuschließen. Abdul lebt alleine in Österreich und darf laut Aufenthaltsbescheid zwei weitere Jahre hierbleiben. Wie es danach für ihn weitergeht, weiß er noch nicht. Aber mit dieser Ungewissheit muss er, wie so viele traumatisierte Geflüchtete, weiterhin leben.

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