Der Preis des ungelebten Lebens

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"Bloß nicht auffallen!" Viele lernen diesen "wohlgemeinten" Ratschlag in ihrer Kindheit kennen und behalten ihn ihr Leben lang bei.

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"Bloß nicht auffallen!" Viele lernen diesen "wohlgemeinten" Ratschlag in ihrer Kindheit kennen und behalten ihn ihr Leben lang bei.

Woran läßt sich erkennen, ob wir eine innere Berufung richtig erkennen - oder ob wir nur momentanen Impulsen oder einem Wunschdenken folgen? Der Mythosforscher Joseph Campbell nennt als wichtigstes Kriterium, an dem wir ablesen können, ob wir einen Ruf richtig verstanden haben, das plötzliche Gefühl von Lebendigkeit. Wer "seinen" Weg erkennt, wird von einem Schub von Vitalität und Energie beflügelt. Für James Hillman ist es entscheidend, ob wir ergriffen und gepackt werden: Das Ganze steht auf dem Spiel. Eine Berufung zielt nicht auf Details und Nebenaspekte des Lebens, sondern auf den gesamten Lebensentwurf. Die Leidenschaften und Begabungen eines Menschen sind aufgerufen, er muß seine "Mission" erkennen.

Was sagt uns der Dämon? Er kann uns zu sehr konkreten Zielen drängen: Man kann sich berufen fühlen, eine künstlerische, wissenschaftliche oder handwerkliche Begabung auszuleben, für andere Leute zu sorgen oder sie zum Lachen zu bringen oder eine Familie zu gründen. Der Ruf kann uns befehlen, in einer bestimmten Gegend zu leben oder eine bestimmte Lebensart zu pflegen. Er unterscheidet nicht zwischen banal und hochfliegend und kann uns zu einem Ehrenamt oder einem Hobby ziehen.

Manchmal sind wir auch zur Verwirklichung von eher abstrakten Werten und Idealen ("Meta-Leidenschaften") berufen: Unser "Ding" ist Freiheit, Sicherheit, Zugehörigkeit, Macht. Gelegentlich wird das Gefühl, eine Mission zu haben, so aufgebläht, daß sie in übersteigertem Sendungsbewußtsein oder gar Größenwahn endet. Die Selbsterforschung nach einer Berufung sollte deshalb nie die Fähigkeit zur Selbstkritik und zur ironischen Selbstdistanz außer Kraft setzen.

Die Aufforderungen, die unser Schicksal an uns richtet, kommen häufig sehr ungelegen. Zwar erkennen die meisten Menschen an irgendeinem Zeitpunkt des Lebens ihre Berufung. Jeder hängt seinen Träumen nach und bedauert, daß er (noch) nicht dazu gekommen ist, der zu sein, der er "eigentlich" ist. Es gibt ja auch so viele Gründe, der Botschaft des Dämons nicht zu folgen.

Das Nichtbeachten der Berufung kommt einer psychischen Selbstverstümmelung gleich. Bewußtes Zurückbleiben hinter den eigenen Möglichkeiten, falsche Bescheidenheit, faule Kompromisse und Rücksichtnahmen, das Zurückschrauben der eigenen Ansprüche an sich selbst, Pseudodummheit - all das sind Formen der Selbstverleugnung, die Abraham Maslow, der Begründer der Selbstverwirklichungspsychologie, in dem Begriff "Jonaskomplex" zusammenfaßte. Der biblische Jonas weigerte sich, dem göttlichen Ruf Folge zu leisten und die Stadt Ninive zu missionieren. Er schützte mangelnde Begabung zum Prediger vor und begab sich statt dessen auf eine Schiffsreise. Das Schiff geriet in einen Sturm, und wieder verkroch sich Jonas vor der Herausforderung.

Schließlich warfen ihn die Seeleute über Bord. Ein großer Fisch verschlang ihn - und spuckte ihn drei Tage später wieder aus, am Ufer seines "Bestimmungsortes" Ninive. - Der Jonaskomplex entspricht unserem natürlichen Instinkt, auf Herausforderungen erst einmal vorsichtig zu reagieren. Wir sehen vor allem die Risiken und Anstrengungen, die ein Ruf mit sich bringt, und suchen Deckung. Dort verharren wir dann allzuoft.

Das Hinauswachsen über den Durchschnitt und die Mühen der Veränderung machen angst, das Verlassen vertrauter Rollen und Verhältnisse verlangt einen hohen Preis.

Deshalb flüchten wir oft in Ausweichmanöver und Selbstverleugnungsstrategien. Wir wollen Zeit gewinnen, um die Folgen eines Rufes zu bedenken, wir wollen die Angst vor dem "Ja" dämpfen und dem Schuldgefühl eines "Nein" entkommen: * Die Interpretation der eigenen Lebensgeschichte ist häufig die größte Ausrede, um sich einer Berufung zu verweigern. Wir schreiben unserer Biographie - meist zu Unrecht - eine Folgerichtigkeit zu, die alles so und nicht anders gefügt hat. Um Klarheit über unseren Charakter und unser weiteres Leben zu gewinnen, sollten wir als Revisionisten auf unser bisheriges Leben zurückschauen, immer bereit zu Korrekturen: Stimmen die Erinnerungen überhaupt - oder sind es nur Legenden? Wann wurden von wem die Weichen gestellt, was hat uns wirklich zu dem gemacht, was wir heute sind? Viele der mitgeschleppten Geschichten und Urteile stimmen möglicherweise nicht: Haben wir wirklich zwei linke Hände? Sind wir wirklich für Zahlen oder für Sprachen oder für Bewegung unbegabt? Haben wir Studienfächer und Beruf alleine gewählt? Sind wir wirklich der geborene Arzt oder die geborene Lehrerin? Oder sind das Zuschreibungen, die wir - manchmal wider besseres Empfinden - unseren Eltern und Lehrern geglaubt haben?

Wer solchen Fremdbestimmungen, Prägungen und Legenden auf die Spur kommt, kann Kurskorrekturen im Sinne der Berufung einleiten. Er muß sich beispielsweise fragen, ob es zu spät ist, um doch noch auf nicht gewählte Wege zu wechseln, ob es sinnvoll ist, vergessene oder verleugnete Begabungen wiederzubeleben. Manchmal hilft der Director's cut, die ungeschnittene und unzensierte Version des eigenen Lebensfilmes, die neue Richtung herauszufinden.

Allerdings macht vieles von dem, was nicht gelebt werden konnte, auch angst. Kurskorrekturen können erhebliche Turbulenzen nach sich ziehen. Sollen wir wirklich alles wieder aufwühlen? Lohnt es sich, auf den Ruf einer "inneren Stimme" hin sein Leben umzukrempeln? Rechtfertigt die vage Hoffnung auf mehr "Authentizität", daß man Gewohntes verändert, Bequemlichkeiten aufgibt und mühsam getroffene Kompromisse und Arrangements über den Haufen wirft?

* Das Hinauszögern, Aufschieben und Herumtrödeln und die Flucht in Scheinaktivitäten sind weitere typische Erscheinungsformen des Ausweichens. Selbst die Arbeit kann zu einer Zone der Nichtentscheidung werden - viele Workaholics verstecken sich vor ihrer eigentlichen Berufung hinter einer sozial respektierten Form des Kneifens.

* Ein Ruf kann auch zu Tode analysiert werden. Endlos lassen sich Pro und Contra abwägen, alle Konsequenzen müssen bedacht, weitere Informationen eingeholt werden.

* Die Botschaft hör' ich wohl - aber der "richtige Augenblick" muß abgewartet werden: Erst wenn die geeignete Konstellation von Zeit, Gelegenheit, Geld, Freiheit, Energie etc. gegeben ist, legen wir los und folgen dem Ruf.

* Vielleicht gibt es einen risikolosen Parallelweg: Wir folgen dem Ruf und gehen schon in die richtige Richtung, aber nicht mit letzter Konsequenz - wir werden vorsichtshalber Kunstkritiker statt Künstler, sind lieber Vereinsvorsitzender statt Politiker und so weiter.

* Subtile Formen der Selbstsabotage erscheinen als "Pech", das uns vor dem Ruf des Schicksals entschuldigt: den entscheidenden Test, das entscheidende Bewerbungsgespräch vermasseln; "vergessen", einen Antrag oder ein Aufnahmeformular abzuschicken ...

* Lebenslügen sind häufig Rechtfertigungen dafür, daß jemand der Herausforderung seines Rufs ausweicht und seine Möglichkeiten verleugnet: "Ich habe einfach nicht das Talent, die Beziehungen, das Startkapital, die Chancen, ... die ich brauche, um ..."

* Eines der größten Hindernisse für das Ausleben einer Berufung ist die Angst vor der Meinung anderer. Häufiger, als wir glauben, hindern uns falsch verstandene Rücksichtnahme, Angst vor Scham und schlichter Konformitätsdruck daran, das zu tun, was wir eigentlich für richtig halten. Was werden die anderen denken!

Wir wollen die Erwartungen anderer erfüllen, wir gestatten ihnen, ihre Macht- und Kontrollspielchen mit uns zu spielen, und ertragen ihre Zumutungen, weil wir verinnerlicht haben: "Bloß nicht auffallen! Nimm Rücksicht! Sei nicht unhöflich! Sei nicht egoistisch! Du kriegst keine Extrawurst! Du bist nichts Besonderes!"

Die nüchterne Analyse zeigt, daß wir einer meist kleinen Zahl von Menschen eine schier unglaubliche Macht über uns eingeräumt haben. Sie kontrollieren und manipulieren uns oft auf eine Weise, die uns nicht mehr bewußt ist. Wir sind abhängig von ihrer Zustimmung oder Anerkennung und fürchten ihre Kritik oder ihre Ablehnung. Wir opfern ihnen schließlich unsere Individualität und verharren im Status quo.

Der gesundheitliche Preis für das Nichtbeachten einer Berufung ist oft hoch. Der Psychosomatiker Viktor von Weizsäcker schrieb schon 1950 über das "ungelebte Leben", daß "... die unmöglichen Pläne, die nie getanen Taten wirksamer sind als das, was geschehen ist". Besonders in Krankengeschichten, so meint er, wird Unausgelebtes oft zum Anlaß für Schuldgefühle, für Gram oder Selbstvorwürfe, die sich in der Folge krankmachend auswirken.

Frustration, Depression, Langeweile und unterdrückte Wut, deren Herkunft oft "unverständlich" bleibt, sind typische psychische Symptome, die durch Selbstverleugnung entstehen. Das Erschöpfendste im Leben ist jedoch, auf Dauer gegen die innere Berufung zu leben und nicht das zu tun, was wir tun könnten. Die American Medical Association stellte in einer kürzlich veröffentlichten Statistik fest, daß sich die meisten Herzinfarkte am Montagmorgen zwischen neun und zehn Uhr ereignen. Das ist genau der Zeitpunkt, an dem Millionen nach dem Wochenende wieder dorthin zurückkehren, wo sie sich im Grunde selbst verleugnen müssen - an einen langweiligen, verhaßten, über- oder unterfordernden Arbeitsplatz.

Körperliche Symptome können die Überbringer wichtiger Nachrichten sein, es sind "Soma-Zeichen", wie sie der Physiker David Bohm nennt: Schlaflosigkeit, Rückenschmerzen, Magenbeschwerden und vieles andere sollten auch daraufhin überprüft werden, ob sie ein Protest des Dämons gegen die nicht gelebten Potentiale sind.

Das eigene Schicksal als eine Möglichkeit zu erkennen und zu "lesen" ist ein reflexiver Akt. Eine Berufung, ein dämon-inspiriertes Leben wird allerdings nicht nur durch die Talente und Begabungen eines Menschen definiert. Sein Charakter enthüllt sich nicht allein durch die beruflichen oder künstlerischen Fähigkeiten, die zur Entfaltung kommen. Wichtig ist auch das Wie, das erst den Charakter ausmacht und den unverwechselbaren Stil eines Menschen prägt. Charakter läßt sich so definieren: Du bist das, wie du es bist. Erfolg ist nicht unbedingt das Maß aller Dinge, wenn es um die biographische Bewältigung und Bewertung eines Lebens geht. James Hillman entdeckt große Charaktere gerade bei den "kleinen Leuten", die in ihrem unspektakulären Alltag etwas scheinbar Banales mit Stil und Würde tun. Sie beweisen Mut, Festigkeit, Treue und viele andere Tugenden und folgen ihrem Ruf unbeirrt. Von Heraklit stammt der berühmte Satz: Charakter ist Schicksal. Hillman ergänzt ihn so: Leben ist die fortwährende Arbeit am Charakter.

Auszug aus: Psychologie heute. Mai 1998, Heft 5.

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