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Der Schulabschluss als das große Ziel nach der Flucht

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Die neu angekommenen Flüchtlingskinder an den Schulen erfolgreich zu integrieren, ist eine Herausforderung für alle Beteiligten. Wie das Miteinander gelingt, zeigt ein Besuch an der Wiener NMS Koppstraße.

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Die neu angekommenen Flüchtlingskinder an den Schulen erfolgreich zu integrieren, ist eine Herausforderung für alle Beteiligten. Wie das Miteinander gelingt, zeigt ein Besuch an der Wiener NMS Koppstraße.

Es ist außergewöhnlich ruhig im Deutschkurs-Raum. Willkommensplakate und Flaggen diverser Nationen hängen an der Wand. Eine kleine Gruppe Jugendlicher holt ihre Vokabelboxen heraus. Die Mädchen mit den bunten Kopftüchern sitzen den Burschen gegenüber. Noch etwas zaghaft sprechen die Neuankömmlinge aus Afghanistan, Syrien und Somalia der Deutschlehrerin nach: "Ich schreibe, du schreibst, er, sie schreibt." Was denn "schreiben" überhaupt bedeute, fragt die bemühte Pädagogin. "Writing", antwortet Ahmed.

Der 14-Jährige mit dem Kapuzenpulli und den gegelten Haaren besucht seit September die Neue Mittelschule (NMS) Koppstraße im 16. Wiener Bezirk. Er ist einer von rund 350 neuen Flüchtlingskindern an Wiens Schulen. Ahmed hat ohne seine Familie die lange Flucht von Afghanistan nach Wien angetreten. "Daheim war es oft zu gefährlich, in die Schule zu gehen, oder der Unterricht dauerte nur kurz. Es gab nicht genügend Tische und Sessel für alle", erzählt er. Hier kann er neben seinem Freund Mohammed sitzen. "Die anderen Schüler helfen mir oder wir unterhalten uns in verschiedenen Sprachen", sagt er und lächelt schüchtern. Noch tut er sich schwer mit der Sprache, aber er hofft, dass sich das Lernen lohnt. Ahmed will in Wien bleiben und Taxifahrer werden, so wie sein Vater in Afghanistan.

Noch neu, aber wertgeschätzt

Dass Kinder mit fremden Muttersprachen an die Schule kommen, ist für Direktor Wilhelm Wunderer nichts Neues. "Als bilinguale Schule mit Zweitsprache Englisch machen wir das seit gut zwanzig Jahren", erklärt er in entspanntem Ton. Diesmal war die Herausforderung allerdings noch größer: Die Neuankömmlinge sind unbegleitete Minderjährige, sprechen kein Wort Deutsch und sind in relativ großer Zahl gleichzeitig gekommen. Also eröffnete Wunderer kurzerhand eine neue Klasse, in der auch neun Flüchtlinge untergekommen sind. Die restlichen Schüler dieser 4e-Klasse leben ebenfalls erst das zweite Jahr in Österreich und werden noch nicht benotet. "Auch sie wissen, wie es ist, wenn man als Jugendlicher nach Österreich kommt und in eine neue Klasse hineingestoßen wird", so Wunderer. In der Schule funktioniere das Miteinander sehr wohl: "Die gegenseitige Wertschätzung ist da, bei sicher 95 Prozent aller Schüler."

Für die Neuzugänge gibt es einen Seiteneinsteiger-Kurs: Zehn Stunden wöchentlich werden sie aus der Klasse genommen, um Deutsch zu lernen. Weiters wird ein Alphabetisierungs-Kurs für jene vier von ihnen angeboten, die nicht lesen und schreiben können. Die restlichen Schulstunden verbringen die Flüchtlingskinder gemeinsam im Klassenverband und können am Unterricht teilnehmen oder selbstständig Deutsch lernen. Für diese Klasse hat die Schule zusätzliche Ressourcen zur Verfügung gestellt, damit möglichst immer zwei Lehrkräfte in der Klasse sind. Inzwischen stößt die flüchtlingsfreundliche Schule aber an ihre Grenzen. "Wir sind mit den 17 Flüchtlingskindern am Limit unserer Kapazitäten", räumt der Direktor ein.

Im Deutschkurs scheinen sich die Mädchen und Burschen inzwischen wohlzufühlen. Vor sechs Wochen haben sie kein Wort verstanden, inzwischen können sie dem Unterricht folgen. Viele kannten nur arabische Schriftzeichen, waren es gewohnt, von rechts nach links zu schreiben. "Wir haben zum Glück einige Kinder an der Schule, die Arabisch, Dari oder Farsi sprechen und Türkisch verstehen", sagt Wunderer. Der Anteil der Schüler mit nicht deutscher Muttersprache an der Schule beträgt 90 Prozent.

Andere Schrift, gemeinsames Turnen

Der Schuldirektor rechnet damit, dass die Flüchtlingskinder mehr Probleme äußern werden, wenn sie sich besser ausdrücken können. Wie es mit dem Bedarf nach schulpsychologischer Unterstützung aussieht? "Den haben wir natürlich immer." Aber auch ein engagiertes Lehrerteam könne viele Anliegen abdecken. "Die Flüchtlinge sind froh, jetzt endlich zur Schule gehen zu dürfen. Das ist ein Traum, so sind ja nicht alle unserer Schüler", lacht Wunderer. Zur neuen Sprache kommt auch noch der Kulturschock hinzu. Die muslimischen Schüler müssen sich erst daran gewöhnen, dass Mädchen und Burschen zusammen lernen. Gegen den gemeinsamen Turnunterricht haben sich die Mädchen anfangs vehement gewehrt. "Im separaten Gymnastikraum haben sie dann plötzlich von sich aus den langen Rock oder das Kopftuch abgelegt, weil sie merkten, dass es einfach die Bewegungsfreiheit einschränkt", erzählt Pädagogin Olivia Zehetner. Inzwischen turnen alle gemeinsam im großen Turnsaal.

Zehetner ist Klassenvorstand dieser besonderen 4e-Klasse -"die Mama", wie der Direktor sie spaßhalber nennt. Gerade bei Ausflügen öffnen sich die Kinder langsam, erzählt sie: "Bei einem Wandertag in der Perchtoldsdorfer Heide haben sie auf einmal gesagt, dass sie am Weg durch Ungarn auch durchs Gestrüpp wandern mussten." Auch beim Ausflug in die Wiener City hat ein afghanisches Mädchen im strömenden Regen erzählt, dass sie nur ein Paar Schuhe hat. "Die waren völlig durchnässt, also haben wir günstige Gummistiefel gekauft."

Untergebracht sind die Kinder im Haus Liebhartstal, das vom Arbeiter-Samariter-Bund betreut wird. Ob ein Kind krank ist oder es eine Schulimpfaktion gibt - es herrscht ein steter Austausch zwischen der Wohn-Betreuerin und der Klassenlehrerin. Gerade, wenn die Kinder etwas brauchen, geht der Einsatz von Zehetner und ihren Kollegen über die regulären Schulstunden hinaus: Es werden Spenden gesammelt oder Einkäufe organisiert. Dass die Schule ganztägig geführt wird, ist ein großer Vorteil für die Flüchtlingskinder. Sie sind von den Essens- und Betreuungsbeiträgen befreit und so am Nachmittag nicht sich selbst überlassen. Inzwischen hat die Glocke die Pause eingeläutet, der Deutschkurs ist vorbei. Junglehrer Stefan Steinberger will sich zu den Jugendlichen in die Deutschkurs-Klasse gesellen. Ahmed springt auf, um ihm einen Sessel zu holen. Der afghanische Bursche begrüßt ihn jeden Morgen mit Handschlag, erzählt Steinberger. Er wurde von der Bildungsinitiative "Teach for Austria" speziell an dieser Schule eingesetzt, um unterprivilegierte Schüler zu fördern. Keine einfache Aufgabe, ist er doch in der 4e-Klasse mit vier unterschiedlichen Leistungsniveaus konfrontiert. Die großen Mühen sind für Steinberger wieder vergessen, wenn er auf einem Feedback-Zettel das Wort "Danke" neben einem aufgemalten Smilie findet oder am Gang angelächelt wird. "Für jene, die in diesem Schuljahr den Abschluss machen sollen, haben wir uns als Ziel gesetzt, dass alle eine weiterführende Schule besuchen oder eine Lehrstelle finden", erklärt er. Für die Flüchtlingskinder lautet das Ziel, sie so gut vorzubereiten, dass für manche nächstes Jahr der Schulabschluss realistisch ist.

Integration oder Segregation

Zohra gehört zu denen, die das tatsächlich schaffen könnten. Sie und ihre Feundin Neyla stecken die Köpfe zusammen und lachen viel. Die 14-jährigen Mädchen tragen Jeans und Kopftuch. Von der Deutschlehrerin haben sie Kinderbücher bekommen. "Ich übe daheim und lese deutschsprachige Geschichten", erklärt Zohra. "Sie ist die Intellektuelle, die Ehrgeizige", sagt der Direktor stolz. Die 14-Jährige kennt schon ihren Berufswunsch: Übersetzerin für die Sprachen Farsi, Englisch und Deutsch. In ihrer Freizeit gehen Zohra und Neyla am liebsten in die Stadt auf Erkundungstour. "Hier sind wir endlich sicher und frei", betonen sie. Als es am Wochenende einen wienweiten Sirenentest gab, erlebten sie allerdings eine Schreckenssekunde. "Sirenen bedeuten für sie Bombenalarm", erklärt Wunderer.

Für seine Schule kann er die Streitfrage "Integration oder Segregation?" klar beantworten: "Durch die Sozialkontakte in der Klasse lernen sie viel besser Deutsch als im separaten Deutschkurs." In einer reinen Deutschkurs-Klasse würde man den Schülern sehr viel Bildung vorenthalten, ist er überzeugt. "Das sind ja Laufbahn- und Lebens-Entscheidungen, die für diese Kinder getroffen werden." Gerne erzählt Wunderer das Beispiel von einem Dreizehnjährigen, der ohne ein Wort Deutsch aus Bangladesch an seine Schule kam: "Am Ende der vierten Klasse hatte er einen Vorzug. Er hat die HTL-Matura gemacht und jetzt studiert er in England." Sollten die neuen Flüchtlingskinder in Österreich bleiben dürfen, wird er für sie auf jeden Fall um ein zusätzliches Schuljahr ansuchen. Dann könnte Zohras Bildungslaufbahn weitergehen. Sie könnte vielleicht wirklich Übersetzerin werden.

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