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Der tägliche Krampf

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Dicke Luft im trauten Heim: Papa ist unpünktlich, Opa nervt, die Kinder trödeln schon wieder. Ein neues Buch von Jan-Uwe Rogge gibt "13 Überlebenstips für Familien".

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Dicke Luft im trauten Heim: Papa ist unpünktlich, Opa nervt, die Kinder trödeln schon wieder. Ein neues Buch von Jan-Uwe Rogge gibt "13 Überlebenstips für Familien".

Meist ist Jan-Uwe Rogge mit seinen Appellen dem Zeitgeist eine pädagogische Meile voraus. "Kinder dürfen Fernsehen" schrieb der Familientherapeut und Medienpädagoge zu einer Zeit, als das Fernsehen noch als "böse" galt. "Kinder brauchen Grenzen" erschien, als die Eltern mit ihren Sprößlingen über Erziehung diskutierten und dabei schon Zeichen leichter Versklavung aufwiesen. Nun ist ein neuer Rogge auf dem Markt: "Ohne Chaos geht es nicht. 13 Überlebenstips für Familien" (siehe nebenstehenden Beitrag). Zur Österreichpräsentation dieses mehr über 500 Mütter und Väter ins Bildungshaus St. Virgil/Salzburg. Rogge war in Höchstform: er referierte, spielte Erziehungs-Kabarett und vermittelte dabei seinen Zuhörern, daß Erziehen ungeheuer freudvoll sein kann. Und er sprach mit der Furche über die pädagogische Leichtigkeit des Erziehens.

dieFurche: Herr Rogge, Sie sind drei Stunden vor dem Salzburger Publikum gestanden, haben referiert, auf Fragen geantwortet - wie fühlt man sich nach so einem Marathon?

Jan-Uwe Rogge: Ich bin zufrieden. Vor mir saßen ernsthafte Eltern, die auch ihre Aufgabe sehr ernst nahmen, sonst würden sie ja nicht in meinen Vortrag kommen und meine Bücher lesen. Ich nehme diese Eltern auch sehr ernst.

Doch ich will nicht versäumen, mit meinem Publikum zu lachen: über manche Alltagssituationen, über manche Übertriebenheit in der Erziehung, über die Schlitzohrigkeit der Kinder. Gerade weil das Erziehen eine ernste Aufgabe ist, sollten die Beteiligten möglichst oft dabei lachen. Es braucht die pädadagogische Leichtigkeit; das Zusammenleben in der Familie soll doch kein streng reglementierter, starrer Ablauf sein; es soll doch Spaß machen, Eltern zu sein, Kinder zu haben.

dieFurche: In "Kinder brauchen Grenzen" forderten Sie die Erziehenden auf, sich zu deklarieren, ein "Nein" zu setzen und die gezogenen Grenzen gut zu wahren. Jetzt taucht der Begriff "Chaos" im Titel des neuen Buches auf. Heißt das, daß Eltern keine Grenzen mehr ziehen müssen?

Rogge: In meinem neuen Buch stelle ich die Bedeutung der Gelassenheit in der Erziehung dar. Nein, die Grenzen müssen weiter gezogen sein und gewahrt bleiben. Nach dem Zusammenziehen braucht es das Loslassen, wie beim Ein- und Ausatmen. Eltern setzen Grenzen, kommunizieren diese in der Familie und lassen dann auch in bestimmten Situationen los, damit die Erziehung kein Krampf wird.

Ich ermuntere dazu, auch das Scheitern zu akzeptieren, sich und dem Kind Zeit zu lassen. Kinder lassen sich nun einmal nicht reparieren und hinbiegen; es muß neben den klaren Regeln auch das Spontane von der Seite der Kinder geben. Die Freizeit der Kinder ist heutzutage enorm reglementiert, der Kinderalltag ist versportlicht, die Kleinen tanzen, flöten und turnen - wann haben die noch Zeit, ganz normale Kinder zu sein? Mit Chaos meine ich das Nicht-Eingeteilte, den Freiraum, das Experimentierfeld fernab aller pädagogischen Höchstleistung und Erfolgsquote.

dieFurche: Ihre Bücher bekommen durch die unzähligen Fallbeispiele Leben. Wie gestalten Sie diese Beispiele, konstruieren Sie sie, geben Sie einfach die Wirklichkeit wieder?

Rogge: Die besten Beispiele kommen aus der Realität. In meinen Workshops erzählen die Mütter und Väter aus ihrem Alltag; bei manchen Szenen frage ich dann auch, ob ich sie in einem meiner Bücher verwenden darf. Die Leute sind dann immer erstaunt, sie erleben ihre Darstellung als nicht so faszinierend, wie es die Zuhörer und Zuhörerinnen in den Seminaren tun. Die Kinder und Eltern die vorkommen, die gibt es in aller Buntheit wirklich, die sind kein Rogge-Konstrukt.

dieFurche: Sie haben zwei Kapitel "neuen" Lebensformen mit Kindern - den Alleinerziehenden und den Stieffamilien - gewidmet. Was war der Anlaß dazu?

Rogge: Alleinerziehende werden in unserer Gesellschaft ungeheuer diskriminiert. In einer österreichischen Zeitung las ich zum Fall des jugendlichen Brandstifters in St. Georgen folgenden Satz: "Die alleinerziehende Mutter des Täters ..." Aus dieser öffentlich-gesellschaftlichen Diskriminierung wächst auch das schlechte Gewissen, das diese Frauen mit sich tragen. Alleinerziehende und Stieffamilien leben mit anderen Vorzeichen als Papa-Mama-Kind in der Erstauflage: das gilt es zu erkennen und zu würdigen.

dieFurche: Sie kennen aus Ihrer Praxis und aus Ihren Vorträgen die Familiensituationen in Deutschland und Situation in Österreich. Gibt es Unterschiede?

Rogge: Zuerst einmal ein Lob an die Erwachsenenbildung in Österreich, besonders auch an die der Kirche. Im Bereich der Erwachsenenbildung ist Österreich mit seinen flächendeckenden Angeboten Deutschland voraus; seit über zehn Jahren investiert man in Österreich in Elternbildung, in Form von Eltern-Kind-Treffs, in Form von Workshops und in Form von Vorträgen. Diese Vorträge und sonstigen Angebote sind preislich so gestaltet, daß sich junge Eltern den Eintritt leisten können. Inhaltlich spüre ich die Verschiedenheit eher in Nuancen; der Generationenkonflikt wird in Österreich stärker konfrontiert und als Problem benannt.

Das Gespräch führte Christina Gastager-Repolust.

ZUR PERSON Jan-Uwe Rogge Der Familientherapeut und Medienpädagoge, Jahrgang 1947, ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt in der Nähe von Hamburg. Er arbeitet freiberuflich als Familien- und Kommunikationsberater und in der Medienforschung. Seine wichtigsten Bücher: (Rowohlt-Verlag): "Pubertät", "Eltern setzen Grenzen", "Kinder brauchen Grenzen", "Kinder können fernsehen", "Ängste machen Kinder stark", "Die besten Hörkassetten für mein Kind", "Die besten Videos für mein Kind" und "Zuhören macht Spaß".

BUCHTIP Ohne Chaos geht es nicht. 13 Überlebenstips für Familien, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 2000, 206 S., geb. öS 218.-/e 15,8415

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