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Gesellschaft

Der Tag der Unsichtbaren

1945 1960 1980 2000 2020
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Wenn es wahr ist, wird die Französin Mélanie Ségard am kommenden Dienstag, dem 21. März, im französischen Fernsehsender France 2 das Wetter ansagen. Das wäre keine Meldung wert und würde auch nicht seit Tagen viral durch die sozialen Medien kursieren, wäre die dunkelhaarige 21-Jährige nicht eine ganz besondere Frau: Sie hat Down-Syndrom - eine Chromosomenstörung, deretwegen nach allgemeinen Schätzungen mittlerweile 95 Prozent aller betroffenen Babys abgetrieben werden.

Dass Mélanie Ségard ihren Traum am Welt-Down-Syndrom-Tag der Vereinten Nationen wahr machen darf, ist ein Signal, das Mut macht. Zuletzt gingen die Zeichen freilich in die entgegengesetzte Richtung: In Frankreich hat der nationale Fernsehrat den Kurzfilm "Dear Future Mom" verboten, der den Zuschauern in Werbepausen vermitteln will, dass Menschen mit Down-Syndrom ein glückliches Leben führen, in die Schule gehen und arbeiten können. Begründet wurde dies damit, dass der Spot "kein Anliegen öffentlichen Interesses" beinhalte und die Gefühle von Frauen verletzen könnte, die einen Schwangerschaftsabbruch hinter sich haben. (Der Fall ist beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte anhängig.) Ähnlich Absurdes geschah jüngst in Wien, wo die rot-grüne Stadtregierung einen Antrag der ÖVP-Gemeinderätinnen Gudrun Kugler und Sabine Schwarz (diskussionslos) ablehnte, der lediglich anregte, die Informations- und Unterstützungsangebote für Eltern von Kindern mit Down-Syndrom auszubauen sowie eine Bewusstseinskampagne über die Lebensqualität solcher Kinder zu lancieren.

Dass so etwas möglich ist in einer Stadt, die vom Hundekot über den U-Bahn-Geruch fast alles kampagnisiert, ist ein Skandal; und dass landauf, landab der Inklusionsgedanke beschworen wird (oft genug gegen die Wünsche der Eltern), während nichts dafür getan wird, Müttern und Vätern pränatal Mut zu ihrem behinderten Kind zu machen, ist unerträglich.

Mélanie Ségard durfte leben. Ihr Auftritt wird Menschen mit Down-Syndrom endlich wieder sichtbar machen -und sei es nur für wenige Minuten auf France 2.