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Der Weg ins Abseits

Für Jugendliche wird es am Arbeitsmarkt immer enger. Wer keine gute Ausbildung und kein unterstützendes Umfeld hat, fällt schnell aus dem System.

"In meinem Leben hat sich in letzter Zeit ganz viel getan“, erzählt Goran. Der 26-jährige Grazer mit serbischen Wurzeln hatte in der Vergangenheit mit vielen Problemen zu kämpfen: Von den Eltern erhält er keine Unterstützung, stattdessen werden sie bei schlechten Schulnoten "handgreiflich“. Goran entwickelt Schulangst, geht nicht mehr in den Unterricht. "Nicht beurteilt“ steht in seinem Abschlusszeugnis. Mit 18 Jahren erhält er eine Arbeitsbewilligung für Ausländer. Das Praktikum bei einer Elektroinstallations-Firma interessiert ihn, doch er fühlt sich von seinem Vorarbeiter gemobbt. Es folgen Jahre des Nichtstuns, Goran wird schwer depressiv. Als Lösung werden ihm Psychopharmaka vorgeschlagen, aber keine Therapie.

Träume und Hürden

Vor knapp einem Jahr wurde Goran Teil des Theaterprojekts "Jung, pleite, abgestempelt. Sucht: Das gute Leben!“. Im Zuge dieser Initiative der steirischen Soziokultur-Werkstatt "Interact“ konnte er konkrete Zukunftspläne entwickeln. Nun möchte Goran eine Ausbildung zum Lagerlogistiker bei Ikea machen oder in den Bereich Unterhaltungselektronik wechseln. Sobald wie möglich plant er von zu Hause ausziehen. "Ich habe eine ganz neue Konfliktlösungskultur erlernt“, sagt der Grazer.

Zwölf junge Erwachsene mit Armuts- und Ausgrenzungserfahrung haben sich im Rahmen des von der EU-geförderten Theaterprojekts mit ihren Erlebnissen in Familie, Schule und Arbeitswelt auseinandergesetzt. Die im Stück dargestellten Szenen am Schulhof, beim AMS oder im Elternhaus sollen zeigen, auf welche Hürden Jugendliche bei der Verfolgung ihrer Wünsche und Träume stoßen.

Gorans Schulabbruch ist kein Einzelfall. Denn nicht alle, die es in Österreich an eine Schule der Sekundarstufe II geschafft haben, absolvieren diese auch bis zum Schluss. Über ein Drittel bricht die Ausbildung vorzeitig ab, Burschen öfter als Mädchen. "Es ist ein Skandal, dass Jugendliche ohne Hauptschulabschluss die Schule verlassen“, so Gabriele Schmid, Leiterin der Abteilung Bildungspolitik der Arbeiterkammer Wien. Jedes Jahr kommen etwa 10.000 Bildungsabbrecher hinzu. Und das, obwohl sich Österreich im Jahr 2000 auf EU-Ebene dazu verpflichtet hat, diese Zahl zu halbieren. "Die Hälfte von ihnen beginnt gar keine weiterführende Ausbildung, die andere Hälfte bricht diese ab“, sagt Susanne Schöberl, Bildungsexpertin der Arbeiterkammer.

Besonders oft brechen Jugendliche mit Migrationshintergrund die Schule ab. In der Volksschule sind ihre Leistungsdefizite noch minimal, steigen aber an den Hauptschulen und höheren Schulen an. Ab der neunten Schulstufe sinkt der Anteil migrantischer Jugendlicher "drastisch“, heißt es in der Studie "Lehrlingsausbildung im Überblick 2012“ des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (IBW). "Da fallen Jugendliche, die wegen des geringen Familieneinkommens einen Beitrag leisten müssen, schnell aus dem Bildungssystem raus“, sagt Wirtschaftsforscherin Gudrun Biffl.

Viele erfüllen die Schulpflicht - oft durch das Wiederholen von Klassen - schon vor Erreichen der neunten Schulstufe. Dadurch wird "diese für die Berufswahl so wichtige Klasse“ gar nicht besucht. Eine Lehre machen Jugendliche mit Migrationshintergrund besonders selten. Nur 9,4 Prozent der Berufsschüler sind Migranten.

Migrantinnen stark benachteiligt

Auffällig sind die verschiedenen Wege von Mädchen mit und ohne Migrationshintergrund nach der Pflichtschule: Während nur drei Prozent der Schülerinnen ohne Migrationshintergrund danach aus dem Bildungs- und Erwerbssystem fallen, betrifft das etwa ein Drittel der Migrantinnen aus dem türkisch-muslimischen Kulturkreis. Dieser Anteil hat sich seit den Achtzigerjahren stark erhöht. Junge Männer hingegen bleiben am Arbeitsmarkt, auch wenn sie arbeitslos sind, oder besuchen weiterführende Schulen.

Dabei gäbe es erfolgsversprechende Gegenmaßnahmen, wie ein Blick in die USA zeigt: Dort wurde 2001 der "No child left behind Act“ beschlossen. Das Gesetz legt fest, dass kein Kind dem amerikanischen Bildungssystem frühzeitig verloren gehen darf. Schulen erhalten Fördergelder, um die Rahmenbedingungen an den Standorten zu verbessern. Die Förderungen investieren sie in die Lehrerfortbildung und in die Schulorganisation. Sozialarbeiter, Psychologen, Frühförderinnen und Sprachförderlehrer arbeiten sehr erfolgreich mit den Schulen und Elternhäusern zusammen. "Auf so etwas müsste man sich auch in Österreich einigen, über alle Parteigrenzen hinweg“, sagt Arbeitsmarktexpertin Biffl.

Österreich hat mit 8,8 Prozent die zweitniedrigste Jugend-Arbeitslosenrate in der EU nach Deutschland, wenngleich die Tendenz auch hierzulande steigend ist. Junge Österreicher stehen noch verhältnismäßig gut da, während Millionen junger Menschen vor allem in Südeuropa mit wachsender Verzweiflung einen Job suchen: In Griechenland und Spanien hat sich die Jugendarbeitslosigkeit seit 2008 verdoppelt. Inzwischen sind in Griechenland 55 Prozent der unter 24-Jährigen ohne Job, bei den Spaniern sind es rund 53 Prozent.

Düstere Prognosen

Eine Besserung ist für die nächsten Jahre kaum in Sicht, warnt die Internationale Arbeitsorganisation (ILO). Es drohe eine "verlorene Generation“. "Das größte Problem dieser Generation ist es, die richtige Ausbildung und Arbeit zu finden“, sagt der Jugendforscher Manfred Zentner. Mit dieser Hürde kämpfen nicht nur mangelhaft Ausgebildete: "Es gibt zunehmend Leute, die nach der Matura längere Zeit nichts machen. Mit dem falschen Studium haben es selbst Akademiker extrem schwer am Arbeitsmarkt“, betont Zentner.

Trotz Wirtschaftskrise gibt es auch boomende Sektoren, etwa den Gesundheits- und Sozialbereich. Pflegepersonal wird dringend gebraucht, die Verdienstmöglichkeiten sind jedoch schlecht. "Nach der Pflichtschule sollte es die Möglichkeit geben, eine Ausbildung im Gesundheits- und Sozialbereich mit der Matura zu kombinieren“, meint Ökonomin Biffl. Auf Hochschul-Ebene gibt es dazu bereits Angebote. Die Lehre bietet in diesem Bereich nicht viele Optionen. "Dabei ist der Gesundheits- und Sozialsektor ein sehr gefragter und zukunftsträchtiger. Hier verlieren wir viele junge Leute, vor allem Männer“, so Biffl.

Der raue Wind, der den Jugendlichen in der Arbeitswelt entgegenweht, hinterlässt Spuren: Werte wie Solidarität und soziale Gerechtigkeit gehen zunehmend verloren, berichtet das Institut für Jugendkulturforschung in der Studie "Jugend und Zeitgeist“. "Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner“, lautet eine häufige Aussage Jugendlicher. Sie fühlen sich von den Institutionen alleinegelassen und vertrauen lieber auf eigene Fähigkeiten und die Hilfe ihrer Familie.

"Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“, lautet ein weiteres Credo der Jugendlichen. Mehr als ein Drittel glaubt, dass "Faulheit und Mangel an Willenskraft“ die Auslöser für Armut seien. Lediglich 21 Prozent nennen "Ungerechtigkeit in der Gesellschaft“ als Hauptgrund. Auch die Jobwahl sehen viele Jugendliche pragmatisch: Fast 40 Prozent meinen, dass "gute Bezahlung wichtiger ist als berufliche Selbstverwirklichung“.

Ein großer Teil der Betroffenen kann mit den bestehenden Instrumentarien der Arbeitsmarktpolitik nicht erreicht werden. Notwendig wären Interventionen, die gezielt auf deren Bedürfnisse eingehen. "Vor allem für junge Migrantinnen sollte es Förderangebote geben “, so der Linzer Soziologie-Professor Johann Bacher. Gefragt wären etwa Kurse zum Nachholen des Hauptschulabschlusses speziell für Jugendliche. Denn eine besonders gefährdete Gruppe sind die 20- bis 24-Jährigen: "Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen dürfen nicht mit der Volljährigkeit enden“, so Bacher.

Wenn die Biografien benachteiligter Jugendlicher auf die Realität von Ausbildungs- und Arbeitswelt prallen, sind Konflikte vorprogrammiert: "AMS-Mitarbeiter verstehen nicht, warum ihre Angebote nicht angenommen werden, weil sie die Lebenswelten der Leute nicht berücksichtigen. Die Jugendlichen wiederum verstehen nicht, warum sie plötzlich keinen AMS-Bezug mehr erhalten“, meint "Interact“-Projektleiter Michael Wrentschur. Den Verantwortlichen müsse klar werden, dass Fördermaßnahmen in einzelnen Bereichen nicht effektiv sind: "Sich nur auf die berufliche Qualifikation zu konzentrieren, genügt nicht. Es gibt zwar viele Förderangebote, aber sie arbeiten zu bürokratisch-isoliert nebeneinander her“, kritisiert Erziehungswissenschaftler Wrentschur. Oft würde eine "Kommunikations-Unkultur“ folgenschwere Blockaden bei Jugendlichen auslösen: "Da reichen zwei entwertende Kommentare eines AMS-Trainers und die Leute gehen zu keinem Kurs mehr.“

Gezieltere Interventionen gefragt

Denn auch das soziale Umfeld spielt für das Vorankommen im Leben eine zentrale Rolle. Viele Familienangehörige der Theaterwerkstatt-Teilnehmer sind nicht zu den Aufführungen gekommen. "Zu Beginn waren die Burschen und Mädchen sehr einsam. Nun sprechen sie von der Theatergruppe als Familie“, erzählt Wrentschur.

Die Frauen und Männer zwischen 18 und 25 Jahren wurden neun Monate lang von Mentoren und Sozialarbeitern begleitet, um neue Lebenspläne zu entwickeln. Eine Teilnehmerin möchte nun Kindergärtnerin werden, ein anderer Tontechniker. "Die Leute tragen ein verschüttetes Potenzial in sich, das sie langsam entdecken konnten“, sagt Wrentschur. Nicht alle haben schon Pläne gefasst.

Die Projektteilnehmer haben nicht nur Theater gespielt, sondern Vorschläge zur Armutsbekämpfung entwickelt. Sie haben diese den Entscheidungsträgern in den Ministerien, beim AMS und den Interessenvertretungen kommuniziert. Eine Forderung hat AMS-Vorstand Johannes Kopf interessiert aufgenommen: "Er war offen dafür, dass es bis zum 18. Lebensjahr die Beihilfe zur Deckung des Lebensunterhalts geben sollte“, freut sich Goran. Der junge Steirer ist froh, dass er im vergangenen Jahr intensiv gefördert wurde und die Angebote für sich nutzen konnte. "Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, sich der Welt zu öffnen und auf die Menschen zuzugehen.“

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