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Die Angst als genetischer Vorteil

dieFurche: Haben Sie das Gefühl, daß die Angst in der Bevölkerung zunimmt oder redet man einfach nur mehr darüber als früher?

Georg Schönbeck: Ich glaube nicht, daß das Phänomen Angst, insbesondere Angsterkrankungen, zugenommen hat. Es ist nur so, daß sich die Angst von ängstlichen Menschen an Ereignissen wie etwa die Jahrtausendwende oder Aids kristallisiert. Apokalyptische Vorstellungen, Angst vor Weltkatastrophen, hat es zu jeder Zeit gegeben. Angst ist eine Grundreaktion des Menschen, vergleichbar mit der Schmerzempfindung. Angst ist ein sinnvolles Gefühl, weil es ein Alarmsignal ist. Das hat sich im Laufe der menschlichen Entwicklung vermutlich als Vorteil erwiesen.

Angst kann sich aber in verschiedenen Formen und Färbungen zeigen, sie ist wie ein Chamäleon. Sie hat in jeder Epoche ein anderes Gesicht und wird in jeder Kultur unterschiedlich verarbeitet. Wir gehen in der westlichen Industriegesellschaft auch bewußter als früher mit Angst um, vor allem nach den Erkenntnissen von Sigmund Freud. Auch wenn ich beispielsweise an den Begriff Panikerkrankung denke: Als ich Medizin studiert habe, hat es diesen Begriff noch gar nicht gegeben. Jetzt gehört Panik-erkrankung zu den etablierten Formen der Angststörungen.

dieFurche: Angst ist also auch ein biologischer Vorteil?

Schönbeck: Wir Menschen sind so "programmiert", daß wir eher auf der ängstlichen Seite stehen, und das ist ein genetischer Vorteil. Deswegen sind wir Menschen überhaupt so erfolgreich. Unsere ganze Kultur hat sich wahrscheinlich mit Hilfe des Motors Angst entwickelt. Die Angst mobilisiert unsere Vorstellungskraft und führt uns vor Augen, was alles passieren könnte. Um dieser Angst vorzubeugen, tragen wir zum Beispiel Vorräte für den Winter zusammen. Das ist eindeutig eine Kulturleistung. Wir versuchen auch, den Tod so lange wie möglich hinauszuschieben. Das ist ein ganz wichtiger Faktor für unsere ganze Entwicklung. Alles was wir bauen, ist im weitesten Sinne ein Produkt unserer Ängste.

Jeder Fortschritt in unserer Entwicklung hat aber meist auch einen Nachteil. Die Vorstellung, daß wir dieses unangenehme Gefühl der Angst haben könnten führt dazu, daß wir Angst vor der Angst bekommen. Bei manchen Angsterkrankungen spielt das eine ganz große Rolle, etwa bei Panikpatienten. Panikattacken sind so unangenehm, daß der Patient davor Angst hat. Er lebt zwischen Panikanfall und Angst vor einem Panikanfall. Tiere kennen vermutlich diese Angst vor der Angst nicht. Das ist ein typisch menschliches Phänomen.

dieFurche: Bei welchen Menschen kann diese "gesunde" Angst zur Krankheit werden?

Schönbeck: Jeder Mensch ist angst-, psychose-, und panikfähig, das gehört zu unserem Repertoire. Jeder Mensch kann eine Phobie entwickeln, und die meisten kennen dieses Potential in irgendeiner Weise in sich selbst, etwa Angst in der Öffentlichkeit aufzutreten, oder Prüfungsangst. Auch ich habe diese Erfahrungen gemacht. Ich sehe als Ursache von Angst, wenn sich ein Mensch als Individuum existentiell gefährdet fühlt. Ein Beispiel dafür ist, wenn sich jemand mit seinem Beruf überidentifiziert und kurz vor der Pensionierung steht. Nicht das Ereignis selbst macht Angst, sondern das Gefühl, damit seine Identität zu verlieren. Dann fühlt er sich in seiner vermeintlichen Ganzheit bedroht. Oder wenn Kinder von zu Hause weggehen. Eine Mutter wird sehr große Schwierigkeiten bekommen, wenn die Kinder zum einzigen Lebensinhalt geworden sind. Die Angsterkrankung ist in unserer Bevölkerung etwas sehr Häufiges. Wird nicht adäquat reagiert, können Folgeerkrankungen auftreten, etwa Depressionen und psychosomatische Erkrankungen wie Bluthochdruck, Asthma, Sucht oder chronische Muskelverspannungen im Rückenbereich.

dieFurche: Wie kommt es zu einer Angsterkrankung?

Schönbeck: Die Angst selber ist, wie gesagt, etwas Gutes, ein Alarmsignal. Sie ist zwar sehr unspezifisch, aber sie sagt: halt, schau auf dich, irgend etwas stimmt nicht! Nur wenn wir auf diesen Alarm nicht entsprechend reagieren, wird die Angst stärker. Die Erkrankung entsteht dadurch, daß wir das Problem zum Beispiel mit Hilfe von Alkohol wegschieben. Auch Beruhigungspillen sind ein sehr oft verwendetes Mittel, um die Angst abzudrehen. Benzodiazepinen beispielsweise sind zwar ausgezeichnete Medikamente, die während einer Therapie eingesetzt werden können, aber leider werden sie auch häufig dazu verwendet, damit die Angst unter den Teppich zu kehren.

Ich kritisiere in diesem Sinne die Definition der Weltgesundheitsorganisation. Sie besagt, daß Gesundheit ein vollkommenes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden sei. Das halte ich für gefährlich. Denn nur Wohlbefinden kann nicht Gesundheit sein. Es gehören auch Schmerz, Angst und depressive Gefühle dazu. Nur wenn man Angst und Schmerzen empfinden kann, kann man adäquat reagieren und Konsequenzen ziehen. Eine solche Definition ist in meinen Augen ein Produkt der westlichen Industriegesellschaft mit ihrem Konsumverhalten. Diese Utopie von Schmerzfreiheit, die bei dieser Definition zwischen den Zeilen zu lesen ist, ist eine Wegbereiter-Definition für die Suchtgesellschaft. Eine Gesellschaft, die Schmerz- und Angstfreiheit zu ihrer Vision macht, fördert damit unbewußt das Suchtverhalten.

Wenn wir Menschen den Angstmechanismus verlieren, dann haben wir eine Gesellschaft, der ein wichtiger Motor für kulturelle und persönliche Entwicklungen verlorengeht.

Das Gespräch führte Monika Kunit.

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