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Die Atombomben des kleinen Mannes

Nach mehreren Fällen von Milzbrand in den USA geht die Angst vor Anschlägen mit Biowaffen um. Umstritten ist, wie berechtigt diese Sorgen sind, unumstritten jedoch, dass Biowaffen billig und relativ leicht herzustellen sind.

Krieg ist eine Worthülse, die Schreckliches verbirgt: Tod, Verwüstung, Gräueltaten, Elend und Abhängigkeit - Erscheinungen, über die man nicht gerne spricht. In unserer heutigen Betrachtungsweise ist ein solches Geschehen meist die wohl durchdachte Aktion einer Partei, die sündteure Waffensysteme einsetzt und ihre Strategen wie im alten Indien Schach spielen lässt: Einer gewinnt!

Wie sieht jedoch das Szenario aus, wenn man den Gegner nicht kennt und seine Waffen erst merkt, wenn es zu spät ist? Solche Waffen sind nämlich einfach zu beschaffen. Außerdem sind sie viel kostengünstiger als hochmoderne Raketensysteme und sie benötigen auch keine Wartung.

Damit sind sie extrem günstig für Aggressoren, die über geringe Mittel verfügen und Anschläge aus dem Hinterhalt planen. Patricia Lewis, Direktorin des UN-Institutes für Abrüstungsforschung, bezeichnet diese Art von Waffen als "die Atombombe des kleinen Mannes". Gemeint sind die bakteriologischen und chemischen Waffen (B- und C-Waffen).

Bei bakteriologischen Waffen handelt es sich um Mikroorganismen, die man entweder gegen den Menschen selbst einsetzt (zum Beispiel Erreger von Milzbrand, siehe Seite 2) oder Krankheitserreger, die zu massiven Schäden in der Landwirtschaft führen (zum Beispiel durch Schwarzrost).

Pestleichen als Waffe

Geschichtlich gesehen war der Mensch immer schon sehr erfindungsreich, wenn es darum ging, seinen Gegner zu schädigen. Ein erster geschichtlicher Beleg für den Einsatz von Biowaffen ist aus dem Jahre 1347 bekannt: Damals schleuderten Tataren Pestleichen über die Festungsmauer von Kaffa (Feodosia auf der Krim). 1763 wurde ein Großteil der kanadischen Indianer dadurch ermordet, dass man ihnen in einer "friedlichen Geste" Decken von Pockenkranken gab.

Die chemischen Waffen unterscheidet man nach der von ihnen bewirkten Schädigung. Man differenziert also nach Augen-, Nasen- und Rachenreizstoffen, Lungen-, Haut- und Nervengiften sowie Psychokampfstoffen. Vorchristliche Quellen berichten bereits vom Einsatz eines arsenigen Rauches durch die Spartaner im Peloponnesischen Krieg. Die heute bekannten Stoffe fügen Verätzungen schlimmster Art zu. Sie sind uns aus dem Gaskrieg, der an der deutsch-französischen Front im Ersten Weltkrieg stattfand, ein Begriff. Auch vom ersten Golfkrieg ist bekannt, dass der Irak gegen den Iran Gifte eingesetzt hat. Der Einsatz dieser Art von Waffen ist jedoch durch die Wind- und Wetterfaktoren besonders unberechenbar.

Durch die Genfer Konvention von 1975 ist der Einsatz und der Besitz von B- und C-Waffen verboten. Was die B-Waffen betrifft, kam es jedoch bis heute nicht zur Ratifizierung durch alle Staaten. Ein Fortschritt der Verhandlungen wird durch Länder wie China, Indien, Russland und allen voran durch die USA blockiert. Das besondere Problem dieser Waffen stellt ihre Kontrolle dar. Es ist fast unmöglich, ein System der Überprüfung einzurichten, da diese Waffen fast in jedem Labor hergestellt werden können. Außerdem ist es sehr schwierig, den Ein- und Verkauf der Grundsubstanzen oder Mikroben zu kontrollieren.

Der heutige Stand der Forschung in der Biotechnologie lässt die Entwicklung noch gefährlicherer B-Waffen - zum Beispiel nur auf eine Menschengruppe oder ein bestimmtes Erntegut ausgerichtete - möglich werden. Dazu kommt, dass ihre Handhabung relativ einfach ist: Einfachstes "Equipment", ein kleiner Raum und ein wenig mikrobiologisches Wissen reichen aus, um Mikroben in großem Maßstab zu züchten und zum Einsatz als B-Waffen fähig zu machen. Bei chemischen Substanzen ist es ähnlich: Man benötigt billige Materialien, die einfach zu bekommen sind, deren Endprodukte aber verheerend wirken. So kostet beispielsweise ein Liter Sarin Nervengas nur 70 Schilling in der Herstellung, die Menge würde aber ausreichen eine Million Menschen zu töten. Aus diesem Grund erscheint es äußerst wichtig, dass trotz aller Schwierigkeiten die Genfer Abkommen endlich ratifiziert und eingehalten werden. Es ist höchste Zeit, den Menschen diese Gefahr bewusst zu machen und an ihre Vernunft zu appellieren.

Die Autorin ist Naturwissenschaftlerin am Institut für Botanik der Universität Wien.

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