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Die Frühpension als Fluchtweg

Wegen der hohen Anzahl an Frühpensionierungen aufgrund psychischer | Erkrankungen ließ das Sozialministerium Experten Lösungen beraten.

Jeder dritte Frühpensionist räumt aufgrund psychischer Erkrankung das Feld der Arbeit. Lauter Simulanten, Tachinierer? Bedenkt man, dass jeder zehnte Österreicher einmal pro Jahr wegen einer psychischen Erkrankung behandelt wird, so relativiert sich diese enorm hoch erscheinende Zahl. Bedenkt man weiters, dass epidemiologischen Untersuchungen zufolge über ein Drittel der europäischen Bevölkerung unerkannt unter psychischen Erkrankungen leidet, so scheint die hohe Zahl von Frühpensionen in Österreich aufgrund psychischer Erkrankungen plausibel.

Dennoch denken Politiker über Maßnahmen nach, die Zugangsmöglichkeit zur Frühpension einzuschränken. ÖVP-Klubobmann Karlheinz Kopf tritt für eine Meldepflicht beim Amtsarzt für all jene ein, die Frühpensionierung aufgrund einer psychischen Erkrankung beantragen: "Die Frage ist, ob von solchen Leuten nicht der Führerschein, der Jagdschein oder der Waffenschein überprüft werden sollte.“

"Mir geht es nicht darum, auf diese Menschen hinzuhauen“, unterstreicht Sozialminister Rudolf Hundstorfer: "Ich glaube nicht, dass diese Menschen aus dem Erwerbsleben flüchten. Eine Pension von durchschnittlich 590 Euro bis zum Lebensende ist nicht erstrebenswert.“ Dennoch möchte der Minister, dass Österreich den "Weltmeistertitel“ in Sachen Frühpension aufgrund psychischer Erkrankungen verliert. Doch auf einem anderen Weg: durch Konzepte, um Menschen länger gesund und arbeitsfähig zu halten. Bei einer Enquete im Sozialministerium wurden Lösungen gesucht, wie psychisch Kranke beziehungsweise Genesene auf dem Arbeitsmarkt gehalten werden, sodass die Frühpension nicht zum einzigen Fluchtweg wird.

Neue Modelle für Krankenstand

Eine Lösung könnten neue Modelle wie Teil-Krankenstand oder Teil-Pensionierung darstellen. "Nach einer schweren Depression kann man nicht gleich am ersten Tag wieder volle Pulle arbeiten“, sagt der Psychiater Karl Dantendorfer, Psychiatriekoordinator für das Burgenland und Konsulent des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger.

In einer Übergangs- oder Wiedergewöhnungsphase solle eine Teilzeitbeschäftigung möglich sein. Dies müsse für den Dienstnehmer einkommensneutral und kostenneutral für den Betrieb sein, betont Dantendorfer: "Sonst wird das niemand machen.“

Es ginge ja überhaupt auch anders: Das Projekt "Freibrief“ zeigt, wie Menschen aus der Frühpension wieder in das Arbeitsleben zurückkehren. Der in Wien und Burgenland laufende Pilotversuch ermöglicht Menschen, die sich in der Pension von ihrer Krise erholt haben und sich wieder eine Arbeit zutrauen, einen Versuch genau damit. Misslingt der Versuch, ist die bereits erhaltene Pensionszusage dennoch nicht verloren. Ein Viertel der bisherigen Teilnehmer sind auf diese Weise auf den Arbeitsmarkt zurückgekehrt.

"Das widerlegt die Ansicht, die Leute gingen in Frühpension, weil sie faul sind“, bekräftigt Dantendorfer: "Die Menschen suchen die Frühpension, weil sie krank sind und keine Arbeit finden und Arbeit keinen ausreichend finanziellen Anreiz bietet und Arbeit die materielle Unsicherheit erhöht.“

Dantendorfer scheint klar zu sein, dass Vorschläge wie Teil-Krankenstand oder Teil-Pensionierung aufgrund der Vielfalt an Zuständigkeiten im Arbeits- und im Sozialrecht schwierig umzusetzen sind. Dennoch will man sich im Sozialministerium mit solchen Ideen anfreunden: "Wir sollten das, Alles oder Nichts-Prinzip‘ überwinden“, erklärt der zuständige Sektionschef Walter Pöltner.

Rendite auf Investment in Vorsorge

Für mehr Flexibilität im Umgang mit jenen Mitarbeitern, die eine psychische Erkrankung durchmachen oder durchgemacht haben, plädiert Eva Höltl, Leiterin des Gesundheitszentrums der Erste Bank AG: "Zwischen - wieder - gesund und leistungsfähig bestehen Welten., Alles oder Nichts‘ ist keine Lösung.“

Die Arbeitsmedizinerin ist für die - äußerst innovative - betriebliche Gesundheitsvorsorge in ihrem Unternehmen verantwortlich. Die Erste Bank bietet ihren Mitarbeitern psychologische Beratungen durch das arbeitsmedizinische Team an, für Psychotherapie wird ein Kostenzuschuss geboten. Die Möglichkeiten der Teilzeitarbeit wurden für jene Personen erweitert, die etwa nach einer Depression an den Arbeitsplatz zurückkommen, jedoch nicht in bisheriger Form weiterarbeiten können. Im Fall akuter Lebenskrisen (Tod eines Angehörigen, Scheidungen) bietet das Unternehmen seinen Mitarbeitern die Möglichkeit umgehender Kurzsabbaticals. "Diese Maßnahmen sind auch auf kleinere Unternehmen - mit 30 bis 150 Mitarbeitern - übertragbar“ ist Höltl überzeugt.

Maßnahmen wie diese machen sich für ein Unternehmen durchaus bezahlt. "Ein Investment von einem Euro in betriebliche Gesundheitsvorsorge schlägt sich, konservativ geschätzt, in der Bilanz mit 2,5 Euro positiv zu Buche“, erklärt Wolfgang Dür, Direktor des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Health Promotion Research. Weniger konservativ geschätzt, seien es sogar bis zu sechs Euro.

Vorerst jedoch scheinen Verantwortungsträger bei der Eindämmung der Frühpensionierungen nicht auf neue Konzepte, sondern auf Ablehnung von Anträgen und auf Restriktion zu bauen.

Vertreter verschiedener sozialer Einrichtungen berichten, in jüngster Zeit würden auffällig viele Anträge auf Invaliditätspension unter ihrer Ansicht nach teilweise fadenscheinigen Vorwänden abgeschmettert. Hedi Schnitzer, Bundesgeschäftsführerin des Österreichischen Zivil-Invalidenverbandes (ÖZIV) formuliert es vorsichtig: "Es geht das Gerücht um, dass die Gutachter seit Neuestem angewiesen sind, möglichst viele Anträge in erster Instanz abzulehnen. Wenn ich mir diese Gutachten ansehe, bekomme ich den Eindruck, dass dieses Gerücht der Realität entspricht.“

Herbert Pichler, Leiter des Referates für Gesundheitspolitik des Österreichischen Gewerkschaftsbundes ÖGB, kennt persönlich zwei Sachverständige, die seit heuer keine Gutachten mehr erstellen: "Sie haben die Anweisung bekommen, möglichst restriktiv mit den Anträgen umzugehen. Das können sie nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren.“ Für Einar Sladecek, Präsident des Wiener Arbeits- und Sozialgerichts, ist das eine "wahnwitzige Unterstellung“. "Bei uns wird kein Einfluss auf Gutachter genommen“, behauptet Rudolf Müller, Chefarzt der Pensionsversicherungsanstalt PVA.

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