Polt - © Foto:  picturedesk.com  / Sven Hoppe / dpa
Gesellschaft

„Die guade Haut“

1945 1960 1980 2000 2020

Der bayerische Kabarettist Gerhard Polt über das Moralische, den Gutmenschen und seine Bekanntschaft mit einem Vierfachmörder.

1945 1960 1980 2000 2020

Der bayerische Kabarettist Gerhard Polt über das Moralische, den Gutmenschen und seine Bekanntschaft mit einem Vierfachmörder.

Vor seinem Auftritt im Wiener „Globe“ nimmt sich Kult-Bayer Polt eine Stunde Zeit, um mit der FURCHE über das Gute im Menschen zu philosophieren. Eines seiner Aha-Erlebnisse, so sagt er, hätte in einem „Zuchthaus“ stattgefunden ...

DIE FURCHE: Fangen wir ganz allgemein an. Ein guter Mensch, was ist das überhaupt?
Gerhard Polt: Der Mensch. Das ist ein Begriff, mit dem ich mich von Haus aus schwer tue. Wenn man mich fragt, ob die Frau Meier gut ist oder der Herr Schmid, dann kann ich vielleicht eine Antwort geben. Aber der Mensch an sich ist für mich keine Kategorie.

DIE FURCHE: Wann ist denn die Frau Meier gut?
Polt: Dafür muss ich sie natürlich kennen die Frau Meier. Sage ich über sie, sie ist ‚die guade Haut‘ – das ist ein schöner Ausdruck in diesem Zusammenhang –, dann tue ich kund, dass ich sie für einen guten Menschen halte.

DIE FURCHE: „Die guade Haut“: Meint man damit nicht jemanden, der sehr gutmütig, gar gutgläubig ist?
Polt: Es gibt ja den schönen Spruch: A guader Mensch ist fast a Depp. Es gibt eine Form von Gutmütigkeit oder Gutheit, die manche Leute ironisieren. Die reden dann vom ‚Labb‘ , der sich alles gefallen lässt. Aber so pauschal kann man das auch über die Frau Meier oder den Herrn Schmid nicht sagen. Ein Mensch kann ja auch nur partiell gutmütig sein. Was eher geht ist, den Menschen medizinisch zu definieren. Ob er gut beieinand ist. Dass er ein Zweibeiner ist zum Beispiel. Außer er hat im Krieg einen Hax verloren oder durch eine Krankheit. Verstehst.

DIE FURCHE: Einen Menschen richtig einzuschätzen, hat ja auch etwas mit der eigenen Menschenkenntnis zu tun. Wie ist die beinand beim Gerhard Polt?
Polt: Im Laufe des Lebens, da kriegst du natürlich einiges mit und merkst eigentlich nur – also ich rede grad bloß von mir – die eigene Unzulänglichkeit, Menschen wirklich einschätzen zu können.

DIE FURCHE: Gibt es dafür ein Beispiel?
Polt: Die Well (die Musik- und Kabarettgruppe „Wellbrüder aus’m Biermoos“; Anmerkung der Redaktion) und ich haben einmal im ‚Santa Fu‘ in Hamburg gespielt. Das ist ein sehr abgeschirmtes Gefängnis, in dem die Schwerverbrecher drin sind. Zuchthaus hätte man früher gesagt. Die Insassen dort, die waren alle recht heiter, die haben sich wahrscheinlich gefreut über unseren Besuch. Ja, und dann hat sich neben mich einer gehockt. Ein junger Mann. Nettes Gesicht. Freundlich. Angenehm. Und der hat zu mir gesagt, dass ihm das alles sehr gut gefallen hat, was wir da machen. Darauf habe ich gesagt: ‚Wenn du wieder draußen bist, vielleicht kommst einmal vorbei bei uns.‘ Dann hat der geantwortet: ‚Ich komme aber nicht mehr raus.‘ Da bin ich erschrocken.