Die gute Seite am Kapitalmarkt

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Das Finanzvolumen auf Kapitalmärkten stieg in den letzten drei Jahrzehnten um das Dreißigfache, während sich das Bruttoinlandsprodukt der führenden Industrienationen nur etwas mehr als verdoppelte. Ein Grund zur Sorge?

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Das Finanzvolumen auf Kapitalmärkten stieg in den letzten drei Jahrzehnten um das Dreißigfache, während sich das Bruttoinlandsprodukt der führenden Industrienationen nur etwas mehr als verdoppelte. Ein Grund zur Sorge?

Bei allem Respekt vor mahnenden Stimmen angesichts dieser Entwicklung ist die volkswirtschaftliche Bedeutung des Kapitalmarktes, außer Frage zu stellen. Auch dort wo Kritik berechtigt ist, soll man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Nachstehend führe ich häufige Mißinterpretationen und Trugschlüsse in der gegenwärtigen Diskussion an: * Der Einfluß der Finanzmärkte auf die (Wirtschafts-)Politik ist kein neues Phänomen. Schon die Bankiers der Fugger wurden für ihre Finanzdienste um das Haus Habsburg durch Kaiser Maximilian I. in den Reichsgrafenstand erhoben. Sein Enkel Karl V. belohnte die Financiers mit Schürfrechten, damit sie ihre knappen Mittel nicht dem französischen Herrscherhaus anbieten. Franz Joseph I. wiederum setzte auf den Rat seiner englischen Finanzberater hin, Schritte in Richtung einer konstitutionellen Monarchie. Er benötigte den Reichsrat als qualifizierte und kontrollierende Öffentlichkeit für die Veröffentlichung seines Staatsbudgets. Denn im Falle geheimbleibender Staatsfinanzen hätte er für seine Kredite ähnlich hohe Zinsen zahlen müssen, wie es bei intransparenten Autokratien a la Marokko die Regel war.

* Die Realwirtschaft würde zugunsten der Finanzwirtschaft an Bedeutung verlieren. Dem ist zum einen entgegenzuhalten, daß die Finanzwirtschaft als Teil des tertiären Sektors ebenso zum realen Kuchen des Bruttoinlandprodukts (BIP) an produzierten Gütern und Dienstleistungen beiträgt. Zum anderen hat die der Realwirtschaft dienende Finanzwirtschaft vier Aufgaben der Transformation: 1. Transformation von Spar- in Anlagekapital: Die gesparten Beträge werden in eine produktive Investition geleitet. 2. Transformation der Beträge: Kleine Sparbeträge werden zur Finanzierung großer Investitionsprojekte zusammengefaßt. 3. Transformation der Fristen: Die kurzfristige Verfügbarkeit ihres Geldes bevorzugende Anleger stehen langfristige Investionsprojekte gegenüber. Darum ist für die Gewährleistung der Fristentransformation ein Sekundärmarkt mit verfügbarem Kapital notwendig. 4. Transformation der Risken: Durch die Kombination zahlreicher Wertpapiere in einem Portfolio, die Verteilung des Vermögens auf mehrere Anlageobjekte kann der Investor sein Risiko verringern.

* Versuche, Spekulation als unmoralisch zu stigmatisieren, sind unangebracht. Jede zukunftsgerichtete Entscheidung ist Spekulation. Das Verhalten, aus zeitlichen Preisunterschieden Gewinne zu machen, verbessert die Handelbarkeit der Titel. Spekulation wirkt marktregulierend, preis- und risikoausgleichend.

* Die Behauptung, derivative Instrumente - im wesentlichen sind das Verträge über zukünftigen Kauf oder Verkauf zu bereits am Tag des Vertragsschlusses festgelegtem Preis - würden vorwiegend der Spekulation (im Sinne von gewagten Geschäften) dienen und hätten eine destabilisierende Wirkung auf das Finanzsystem ist nicht richtig. Dem Nachweis destabilisierender Wirkung mangelt es an empirischen Grundlagen. Daß Derivative vorwiegend der Eröffnung neuer Risikopositionen dienen würden, ist schon aus historischer Perspektive falsch. Die Einrichtung von Warenterminbörsen Mitte des vorigen Jahrhunderts in den USA sollte helfen, Erntepreise abzusichern. Finanzderivative werden heute gezielt in der Risikosteuerung eingesetzt und verbilligen Finanzierungen. Ohne Kenntnis aller Positionen eines Investors kann nicht gesagt werden, ob er mit einer Transaktion sein Risiko erhöht, ob er also zu spekulieren beginnt, oder ob er nur die Absicherung einer bereits bestehenden Position vornimmt und sein individuelles Gesamtrisiko damit reduziert.

Bankenaufsicht fehlt * Es heißt weniger Politikversagen, sondern vor allem Systemversagen wäre der Grund für die Finanzkrisen jüngster Vergangenheit wie Mexiko, Asien, Rußland und Brasilien gewesen. Finanz- und Bankenkrisen gab es aber schon im 19. Jhdt. (New York 1857, Wien 1873). Im nachhinein liegt die Erklärung für die jüngsten Finanzdebakel auf der Hand. Die fixe Wechselkursbindung an den US-Dollar führte aufgrund beträchtlicher Inflationsunterschieden zu realen Währungsaufwertungen und Leistungsbilanzdefiziten. Die Illusion der Wechselkurssicherheit begünstigte ausländischen Kapitalzufluß. Daraus wiederum resultierte die hohe Fremdwährungsverschuldung lokaler Banken und Unternehmen. Auslandskapital wurde nicht produktiven Investitionsprojekten zugeleitet, sondern der Finanzierung eines temporären Immobilien- und auch Aktienbooms. Die vollständige Liberalisierung insbesondere des kurzfristigen Kapitalverkehrs bei Ländern mit unterentwickelten Finanzsystemen gilt hinterfragt zu werden. Es mangelte an einer effizienten Bankenaufsicht.

Profitgierige Anleger * Das Finanzvermögen dürfe nicht schneller wachsen als das BIP. Diese Forderung nach einer Plafondierung des Finanzvermögens steht in Konflikt mit individuellen Präferenzen von Haushalten und Unternehmen. Im Laufe des menschlichen Lebenszyklus ändert sich das Sparverhalten. Da die Einnahmenüberschüsse der einen die Ausgabenüberschüsse der anderen in Form von Kreditbeziehungen finanzieren, existiert als Folge der Kreditgewährung zu jedem Zeitpunkt ein umfangreiches Finanzvermögen, das einerseits aus den Forderungen, andererseits aus den Verbindlichkeiten der Wirtschaftssubjekte besteht. In einer geschlossenen Wirtschaft ohne Außenbeziehungen wäre die Summe aller einzelwirtschafltichen Finanzvermögen gleich Null (vorausgesetzt es liegen keine Bewertungsunterschiede vor). Angesichts der Finanzierungsnöte unserer umlagebasierten Pensionssysteme wird der Übergang zu einem Kapitaldeckungsverfahren mit einer Ausweitung der Nachfrage nach Finanzvermögen einhergehen.

* Eine Tobin-Steuer auf Finanztransaktionen hätte stabilisierende Wirkung. Abgesehen davon, daß eine derartige Steuer weltweit eingeführt werden müßte, um eine Verlagerung der Transaktionen zu vermeiden, würde sie die Liquidität am Sekundärmarkt beeinträchtigen und damit auch die Mittelaufnahme am Primärmarkt verteuern, denn ein liquider Sekundärmarkt verbilligt die Kapitalaufnahme am Primärmarkt. Außerdem ist es fraglich, ob durch eine Transaktionssteuer von etwa einem Prozent bei Krisensituationen oder ausgesprochenen Preisrallyes - wo es um hohe zweistellige prozentuelle Verluste oder Gewinne geht - spekulative Finanzkapitalumschichtungen unterbunden oder reduziert werden könnten.

* Ablehnende Voreingenommenheit gegenüber sogenannten profitgierigen institutionellen Anlegern ist unpassend. Denn institutionelle Investoren wie Investmentfonds sind ihren Kunden verpflichtet, die bestmögliche Ergebnisse zu erzielen, und bei ihren Kunden handelt es sich nicht bloß um ein paar Superreiche, sondern angesichts der Infragestellung einer hinreichenden Altersvorsorge durch die öffentliche Hand und der niedrigen Sparbuchzinsen zunehmend auch um "kleine Leute".

* Die Konsequenzen des Vorschlages, von einer monetär organisierten zu einer lebensweltlich organisierten Gesellschaft überzugehen, scheinen nicht sorgfältig genug bedacht zu sein. Beinhaltet ein derartiger Vorschlag nicht auch eine Rückführung der Arbeitsteilung, was zweifellos negative Wohlstandseffekte hätte? Wie schon der Vater der Nationalökonomie Adam Smith dargelegt hat, verdanken wir der Arbeitsteilung steigende Arbeitsproduktivität und höhere Reallöhne. Spezialisierung im Zuge von Arbeitsteilung führt notwendigerweise zu Tauschvorgängen. Gerade dieser über Märkte sich abwickelnde, dezentralisierte Güteraustausch ist ohne die Tauschmittelfunktion von Geld kaum vorstellbar.

Alles ist business * Die mancherorts höhere Rentabilität von Finanzveranlagungen im Vergleich zu Realkapitalinvestitionen gereicht nicht der Finanzwirtschaft zum Vorwurf. Es ist vielmehr Signal eines unattraktiven Standorts für Realkapitalinvestitionen aufgrund hoher Lohn- und Lohnnebenkosten, einer hohen Steuer- und Abgabenquote, unflexibler Arbeitsmärkte, einer teuren Bürokratie, mangelnder Infrastruktur etc. Hier wären Strukturreformen gefragt.

Während die Scholastik von einem pessimistischen Bild des sündigen Menschen ausgeht, der durch ethische Ansprüche gebändigt und von zu großer Habgier abgehalten werden soll, hat die im 18. Jhdt. sich entwickelnde Nationalökonomie ein optimistisches Bild des menschlichen Zusammenwirkens: Das Miteinander vieler Egoismen trage in Summe doch zum Gemeinwohl bei. Aufgrund der Annahme dieser Harmonie kann die Volkswirtschaftslehre von ethischen Fragestellungen abstrahieren und sich auf die von Nobelpreisträger Milton Friedman gestiftete Formel zurückziehen: "The business of business is business."

Der Autor ist Fondsmanager bei einer österreichischen Kapitalanlagegesellschaft.

Zum Thema Kritik an der Kritik Eine von den Realitäten losgelöste und sich in den Kapitalhimmel träumende Finanzwirtschaft kritisierte Helmut Ornauer in Furche Nr. 24/99. Ornauer stellte in seinem Beitrag die jüngste Publikation des "Föhrenbergkreises" vor, in dem sich eine Gruppe politisch engagierter Führungskräfte sehr mißbilligend mit gegenwärtigen Tendenzen auf den Kapitalmärkten auseinandersetzt und einige Korrekturen verlangt.

In dieser Furche verteidigt der Finanzanalyst Roman Swaton die Bedeutung des Kapitalmarktes. Er betont die volkswirtschaftliche Relevanz von Finanzmärkten und zeigt auf, wie diese durch verschiedene Geldtransformationen der Realwirtschaft dienen. Nur die Politik hat es bislang verabsäumt, eine kapitalmarktfreundliche Kultur zu schaffen. W. M.

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