#Ursehnsucht

Die Ursehnsucht

Kinder - © Foto: iStock / FatCamera
Gesellschaft

Die Illusion der Chancengleichheit

1945 1960 1980 2000 2020

Längst fordern Wissenschaftler die Einbeziehung von Slang, Dialekt und Mehrsprachigkeit in den Unterricht. Wie Sprache über den persönlichen Erfolg entscheidet.

1945 1960 1980 2000 2020

Längst fordern Wissenschaftler die Einbeziehung von Slang, Dialekt und Mehrsprachigkeit in den Unterricht. Wie Sprache über den persönlichen Erfolg entscheidet.

Nicht nur im Elternhaus sollten sich Kinder geborgen fühlen – auch in der Schule. Ob das der Fall ist, hängt vor allem davon ab, in welcher Weise sich ihr Sprechen demjenigen angleicht, das in der Schule etabliert ist. Nur Deutsch zu sprechen und zu verstehen, ist zu wenig. Es geht darum, wie sich Schülerinnen und Schüler artikulieren. Sprechen sie im Slang, im Dialekt oder sind sie der hochdeutschen Sprache mächtig? Und: Können sie die gesellschaftlichen Codes zwischen den Zeilen deuten?

In „Die Illusion der Chancengleichheit“ machen Pierre Bourdieu und Jean-Claude Passeron bereits 1971 darauf aufmerksam, dass die (höhere) Bildung immer schon das voraussetzt, was sie zu vermitteln vorgibt: Das Beherrschen der Bildungssprache, ein bestimmter Habitus und die Vertrautheit mit den kulturellen Normen von bildungsnahen Schichten. „Wenn ein Kind in einem akademischen Kontext groß geworden ist, mit bestimmten Ausdrucksweisen vertraut ist und in dessen Elternhaus Themen wie Geschichte oder Politik verhandelt werden, dann wird es sich in der Schule ungezwungener bewegen, als Kinder aus bildungsfernen Schichten“, erklärt die Soziologin Barbara Rothmüller von der Universität Wien. Der Verhaltenskodex in der Schule: Für die einen ist er im wahrsten Wortsinn ein Heimspiel, andere betreten unsicheres Terrain. Aus dieser soziologischen Tatsache ergibt sich, dass eine Gruppe von Anfang an bessergestellt ist. Nicht nur in puncto emotionaler Sicherheit, sondern auch im Hinblick auf die Leistung.

„Studienerfolge hängen eng mit der Fähigkeit der Studierenden zusammen, die dem Bildungswesen zugewiesene Sprache zu beherrschen“, heißt es auch bei Bourdieu und Passeron. In der Fachsprache nennt man diese a priori erzeugte Ungleichheit „monolingualer Habitus der Schule“, der sich laut Forscherin Rothmüller vor allem in Österreich und Deutschland etabliert hätte. Die Wissenschaftlerin steht dieser Praxis kritisch gegenüber: „Damit wird Ausgrenzung befeuert. Viel besser wäre eine kulturelle Aufwertung der Mehrsprachigkeit. Unterschiedliche sprachliche Ressourcen wie Slang, Dialekt oder Zweitsprachen müssten mehr Wertschätzung erfahren.“

Nicht nur im Elternhaus sollten sich Kinder geborgen fühlen – auch in der Schule. Ob das der Fall ist, hängt vor allem davon ab, in welcher Weise sich ihr Sprechen demjenigen angleicht, das in der Schule etabliert ist. Nur Deutsch zu sprechen und zu verstehen, ist zu wenig. Es geht darum, wie sich Schülerinnen und Schüler artikulieren. Sprechen sie im Slang, im Dialekt oder sind sie der hochdeutschen Sprache mächtig? Und: Können sie die gesellschaftlichen Codes zwischen den Zeilen deuten?

In „Die Illusion der Chancengleichheit“ machen Pierre Bourdieu und Jean-Claude Passeron bereits 1971 darauf aufmerksam, dass die (höhere) Bildung immer schon das voraussetzt, was sie zu vermitteln vorgibt: Das Beherrschen der Bildungssprache, ein bestimmter Habitus und die Vertrautheit mit den kulturellen Normen von bildungsnahen Schichten. „Wenn ein Kind in einem akademischen Kontext groß geworden ist, mit bestimmten Ausdrucksweisen vertraut ist und in dessen Elternhaus Themen wie Geschichte oder Politik verhandelt werden, dann wird es sich in der Schule ungezwungener bewegen, als Kinder aus bildungsfernen Schichten“, erklärt die Soziologin Barbara Rothmüller von der Universität Wien. Der Verhaltenskodex in der Schule: Für die einen ist er im wahrsten Wortsinn ein Heimspiel, andere betreten unsicheres Terrain. Aus dieser soziologischen Tatsache ergibt sich, dass eine Gruppe von Anfang an bessergestellt ist. Nicht nur in puncto emotionaler Sicherheit, sondern auch im Hinblick auf die Leistung.

„Studienerfolge hängen eng mit der Fähigkeit der Studierenden zusammen, die dem Bildungswesen zugewiesene Sprache zu beherrschen“, heißt es auch bei Bourdieu und Passeron. In der Fachsprache nennt man diese a priori erzeugte Ungleichheit „monolingualer Habitus der Schule“, der sich laut Forscherin Rothmüller vor allem in Österreich und Deutschland etabliert hätte. Die Wissenschaftlerin steht dieser Praxis kritisch gegenüber: „Damit wird Ausgrenzung befeuert. Viel besser wäre eine kulturelle Aufwertung der Mehrsprachigkeit. Unterschiedliche sprachliche Ressourcen wie Slang, Dialekt oder Zweitsprachen müssten mehr Wertschätzung erfahren.“

Sprachliche Ressourcen wie Dialekt, Slang oder Mehrsprachigkeit müssten mehr Wertschätzung erfahren.

Die Salzburger Erziehungswissenschaftlerin Andrea Bramberger spricht in diesem Zusammenhang von der „Sicherheit in sozialen Räumen“. Gemeint ist damit, dass alle Personen dieselben Bedingungen vorfinden sollen, um Wissen zu erwerben und gestalten zu können. „Bezogen auf die jeweiligen Fähigkeiten, ihren Intellekt und ihre Würde.“ Brambergers Ansicht nach ließe sich diese Sicherheit mit Hilfe einer Bildungsinitiative realisieren: „Ich spreche mich für deliberativ-demokratische Räume aus. Dort könnten alle Bildungsbeteiligten zu Wort kommen und die Angelegenheiten, die sie betreffen, aushandeln. In diesen Prozessen würde dauerhaft reflektiert werden, was unter Bildung zu verstehen ist – stets mit Blick auf die sozialen Ungleichheiten, die in Bildungssettings eingelagert sind“, sagt die Forscherin.

Schauplätze, in denen Argumente ausgetauscht und gemeinsam Lösungen gefunden werden, so lautet die Grundidee der „Deliberativen Demokratie“, die Bramberger etablieren will. Handelt es sich dabei um eine Utopie? Oder gibt es eine Chance, künftig alle Schichten der Gesellschaft in Bildungsbelange zu integrieren? „Das ist keine fiktive Vorstellung, sondern muss und wird aktiv angegangen werden. Die Herausforderung liegt darin, entsprechende theoretische Positionen für die Pädagogik zu schärfen und praktisch umzusetzen. Das kann so weit gehen, dass ein neues Vokabular oder Begriffe entstehen können.“ „Multilingualer Habitus“, „Sicherheit in sozialen Räumen“, „Diskurs auf der Basis einer deliberativen Demokratie“ – innerhalb der Sozialwissenschaften werden viele Lösungsansätze diskutiert, die einen gleichwertigen Zugang zur Bildung ermöglichen sollen. In einer Sache sind sich viele Denkschulen einig: Nur wenn der Sozialisationshintergrund eines Kindes berücksichtigt wird – und zwar wertfrei –, kann Schule ein Ort werden, an dem es sich geborgen fühlen kann.