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Die Jagd nach dem Glück

Dem Thema Glück widmet sich heuer das Philosophicum Lech (21.-25. September). Über die "Perspektiven und Grenzen guten Lebens“ referieren und diskutieren Philosophen, Mathematiker, Ärzte, Ökonomen.

"Das Glück erweist sich als etwas, das abschließend und autark ist; es ist das Ziel all dessen, was wir tun.“ Diesen Satz hat Aristoteles ganz zentral in seine sogenannte "Nikomachische Ethik“ gestellt, eine der ältesten philosophischen Abhandlungen über das Thema Ethik und über das Glück des Menschen. Das Glück als Ziel des menschlichen Handelns hat spätestens seit Aristoteles das Denken nicht mehr losgelassen. Das heurige Philosophicum in Lech am Arlberg, welches nunmehr seine 15. Auflage erlebt, wird sich fünf Tage lang in Vorträgen und Diskussionen mit Themen rund um das Glück des Menschen auseinandersetzen. "Die Jagd nach dem Glück. Perspektiven und Grenzen guten Lebens.“ lautet der offizielle Tagungstitel 2011.

Wie viel Glück braucht der Mensch?

Im letzten Jahr wurde in Lech beim 14. Philosophicum über den Staat diskutiert rund um die Frage: "Wie viel Herrschaft braucht der Mensch?“ (siehe FURCHE 40/10). Der wissenschaftliche Leiter des Philosophicums Konrad Paul Liessmann sieht zwischen den Themen "Glück“ und "Staat“ durchaus Anknüpfungspunkte und formuliert dabei erste Themenschwerpunkte für dieses Jahr: "Besteht ein Zusammenhang zwischen Staat und Glück? Gibt es eine Verpflichtung zur Bereitstellung von Glücksbedingungen durch die öffentliche Hand? Kann man Glück lernen?“, fragt Liessmann. Bemühungen vor allem bei dem zuletzt angesprochenen Punkt wurden in den letzten Jahren deutlich erkennbar. In manchen Schulen in Österreich und in Deutschland gibt es im Stundenplan das Unterrichtsfach "Glück“. So z. B. in der Willy-Hellpach-Schule Heidelberg im deutschen Bundesland Baden-Württemberg. Auf dem Lehrplan stehen nach eigenen Angaben der Schule Themen wie Selbstachtung, Selbstsicherheit, Selbstverantwortung und vieles andere mehr. In knapp 50 Schulen (auch bereits in Volksschulen) in der Steiermark steht das Fach "Glück“ ebenso auf dem Stundenplan.

Doch bevor in Lech diese und andere Fragen diskutiert werden können, sieht Konrad Paul Liessmann vorab noch andere Arbeiten als wichtig an: "Ich erwarte mir auf der einen Seite vom heurigen Philosophicum natürlich - wie jedes Jahr - philosophische Diskussionen zum Thema und viele unterschiedliche Perspektiven. Jedoch auf der anderen Seite vor allem eine Klärung des doch sehr schwammigen Glücksbegriffs“, meint der österreichische Wissenschafter des Jahres 2006 und führt erste Fragestellungen zu den erwarteten Begriffsdefinitionen aus: "Was heißt Glück überhaupt? Ist Glück und Glückseligkeit dasselbe? Wie viel Glück braucht der Mensch, um tatsächlich glücklich zu sein?“ Liessmann ist davon überzeugt, dass das Glück nicht isoliert betrachtet werden kann: "Viele Menschen kommen erst gar nicht in die Lage, Glück tatsächlich anzustreben“, führt Liessmann aus und ergänzt: "Man kann nicht über das Glück sprechen, ohne nicht auch über das Unglück zu sprechen. Das geht Hand in Hand.“ Daran schließt sich nahtlos auch das für Liessmann "global betrachtet heißeste Eisen“ in Bezug auf das Tagungsthema an: "Der Zusammenhang von Glück und Gerechtigkeit.“

Ob das Philosophicum mit dem heurigen Generalthema am Puls der Zeit liegt, ist eine Frage, welche der Vizedekan der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft der Universität Wien gelassen sieht: "Mit dem Glück verhält es sich wie mit den meisten Themen des Philosophicums. Es sind Themen, die immer wieder kommen und im philosophischen Diskurs permanente Relevanz haben“, meint Liessmann. Dabei verweist er ebenso auf die antike Philosophie: "Aristoteles baut auf dem Glücksbegriff seine ganze Ethik auf.“ Aktualität und Brisanz hat das Thema nach Liessmann immer gehabt, bis in die heutige Zeit hinein: "In der Moderne und auch in unserer heutigen, hedonistischen Gesellschaft ist das Glück ein enorm wichtiger Bereich, den kaum jemand missen möchte“, führt er aus: "Viele Menschen nehmen fast ausschließlich Orientierung am Glück. Manchmal scheint es das Einzige im Leben zu sein. Auch das kennen wir aber schon im Grunde seit Aristoteles: Alle Teilziele des Lebens wie z. B. Kinder, Erziehung, Bildung, Beruf etc. sind nach Aristoteles einem Gesamtziel untergeordnet, das gemeinhin Glück genannt wird“, meint Liessmann - und bringt die Aktualität der gegenwärtigen "Jagd nach dem Glück“ auf den Punkt: "Das Glück ist modern seit der Antike.“

Liessmann ergänzt: "Die unmittelbare Aktualität des Themas erkennen wir auch in der europäischen Politik. Gerade wird der Versuch unternommen, Glücksindikatoren zu definieren, um das Leben des Menschen und dessen Qualität nicht ausschließlich nach ökonomischen Standards und Perspektiven zu bewerten. Auch das unmittelbare, subjektive Zufriedenheitsempfinden soll dabei berücksichtigt werden, und nicht nur ökonomische Standards“, erklärt Liessmann die politischen Bestrebungen und beruft sich dabei auf internationale Studien. Diese haben ergeben, dass "ab einem gewissen Geldeinkommen auch ein Glücksgefühl entsteht. Dieses Gefühl ist aber durch weitere Einkommenserhöhungen nicht mehr steigerbar. Es besteht also ab einer gewissen Höhe kein unmittelbarer, linearer Zusammenhang zwischen Geld und Glück“, so Liessmann.

Zufall - Schicksal - Glück

Das Referentenfeld des heurigen Philosophicums ist international und auch fachlich breit aufgestellt. Philosophen - darunter Peter Sloterdijk, der den Eröffnungsvortrag hält -, Ärzte, Schriftsteller, Kulturhistoriker, Ökonomen und Mathematiker werden ihre Gedanken zur "Jagd nach dem Glück“ formulieren. So wie z. B. der österreichische Professor für Mathematik an der Technischen Universität Wien Rudolf Taschner. Er spricht beim Philosophicum zum Thema "Die Berechnung des Zufalls und die Entdeckung des Glücks“, natürlich aus der Sicht des Mathematikers. "Glück ist ein schillernder Begriff. Das Glücksspiel hat nur indirekt mit Glück selbst zu tun“, führt Taschner seine Gedanken aus: "Was in meinem Vortrag im Vordergrund stehen wird, ist einerseits die klare Trennung der Begriffe Zufall, Schicksal und Glück und andererseits die Differenz zwischen dem ‚kleinen Glück‘, von dem auch Camus sprach, und dem ‚großen Glück‘, das in die Glückseligkeit münden kann.“

Gelassenheit und Achtsamkeit

Sabine Meck, Professorin für Finanzpsychologie, Finanzethik und Persönlichkeitsforschung an der Steinbeis-Hochschule in Berlin, wird über "Achtsamkeit und Gelassenheit als Wege zu einem gelungenen Leben und Sterben“ sprechen. Zur ihrem Vorhaben erklärt Meck: "Ich werde die These vertreten, dass längerfristiges Glücklichsein nur über innere Ruhe und Gelassenheit zu erreichen ist. Ich werde dabei sowohl auf den Ursprung des Wortes Gelassenheit in der christlichen Mystik (Meister Eckhart) eingehen als auch auf die Achtsamkeitspraxis des Buddhismus sowie auf Quellen der antiken Philosophie.“

Das Glück, wie immer nun eine konkrete Definition des Begriffes aussehen mag, scheint also für den Menschen wichtig und für viele eine Art Leitmotiv des Lebens zu sein. Ist das Glück also vielleicht das, wozu der Mensch "bestimmt“ ist? Konrad Paul Liessmann antwortet auf diese Frage: "Ich schwanke. Auf der einen Seite ist das Glück natürlich in einer säkular-hedonistischen Gesellschaft etwas Wichtiges und wird in vielen unterschiedlichen Bereichen angestrebt. Auf der anderen Seite habe ich aber noch genug Kant in mir um zu sagen, dass es nicht immer die Aufgabe des Menschen ist oder sein kann, permanent glücklich zu sein oder nach Glück zu streben. Es gibt noch andere Dinge zu tun.“

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