"Die Klassenlage ist die wichtigste Determinante der Lebenschancen“

Wenngleich in unserer Gesellschaft kein echtes Proletariat mehr existiert, geben die sozialen Wurzeln vor, wie weit es das Individuum bringt, erklärt Max Haller von der Universität Graz.

Wissenschaftlich sei der Begriff des Mittelstands unbrauchbar, sagt der Grazer Soziologe Max Haller. Und geht mit seinem Definitionsversuch zurück bis zur Feudalgesellschaft.

DIE FURCHE: Wie stellt sich der Mittelstand in der soziologischen Terminologie dar?

Max Haller: Der Begriff ist eher als umgangssprachlich einzustufen. Er wird vor allem von besser gestellten Wirtschaftstreibenden gerne verwendet, wenn es um die Abwendung von Steuern und ähnlichen Belastungen geht. Man sagt dann, da leidet der Mittelstand darunter, und will damit suggerieren, dass die Wirtschaft und die Gesellschaft als Gesamtes leiden.

DIE FURCHE: Sie geben sich aber mit dieser Definition nicht zufrieden?

Haller: Ich sage nur, dass der Begriff wissenschaftlich so nicht brauchbar ist. Er enthält das Element "Stand“, womit die historischen Stände der Feudalgesellschaft - Adel, Klerus, Bürger, Bauern - gemeint sind, die rechtlich und sozioökonomisch klar voneinander abgegrenzt waren. Die einen hatten Privilegien, die anderen waren in vielerlei Hinsicht benachteiligt. Das gibt es heute nicht mehr, und das wird auch nicht wieder kommen. Obwohl etwa der Europäische Gerichtshof vor kurzer Zeit wieder mit der Frage beschäftigt war, ob ein in Deutschland geltender Adelstitel auch in Österreich anerkannt werden muss.

DIE FURCHE: Welche Begrifflichkeit erscheint Ihnen als Soziologen sinnvoll?

Haller: Was es noch gibt, sind "soziale Klassen“, aber nicht im Sinn des Marx’schen Klassenkampfs, sondern in der Tradition Max Webers und der angelsächsischen Soziologie. Darunter verstehen wir große, in ihrer sozialen Lage relativ homogene Gruppen, die grundsätzlich ökonomisch voneinander abgrenzbar sind. Also z.B. Bauern, (manuelle) Arbeiter, die alte Mittelklasse der Selbständigen sowie die neue Mittelklasse der Angestellten und Beamten. Dann gibt es noch die privilegierten Klassen. Und da könnte man eventuell von "herrschenden Klassen“ sprechen, denen Manager, Eigentümer von Großunternehmen, führende Politiker und Professionen angehören.

DIE FURCHE: Das erinnert aber schon noch etwas an die feudalen Stände. Unterscheidet sich die Mittelklasse von der Mittelschicht?

Haller: Die Abgrenzung zwischen sozialer Klasse und Schicht ist nicht scharf, und außerdem weist die heutige Gesellschaft - besonders in Österreich - durchaus noch Elemente der Ständegesellschaft auf. Wenn man von Schichten spricht, hat man zuerst den Aspekt des sozialen Ansehens oder der Prestige im Auge. Damit entspricht die Sozialstruktur weitgehend den oben angedeuteten sozialen Klassen. Objektive Schichtkriterien sind vor allem das Bildungsniveau, die Berufsposition und das Einkommen.

DIE FURCHE: Kriterien, nach denen sich vor allem eine Unterschicht abgrenzen lässt ...

Haller: Die Unterscheidung zwischen Unterschicht, Mittelschicht und Oberschicht ist auch unscharf. Ganz unten lassen sich prekär Beschäftigte und Arbeitende in manuellen und Dienstleistungsberufen ohne Qualifikation einordnen. Darüber eventuell Facharbeiter und einfache bis mittlere Angestellte sowie kleine Selbständige. Auch Besitz, z. B. einer Wohnung oder eines Eigenheims, spielt eine Rolle. Ganz oben hätten wir die Akademiker bzw. die gehobenen Berufe. Tatsächlich ordnen sich bei Befragungen bis zu 80 Prozent in die "Mittelschicht“ ein. Grund ist erstens, dass sich die Lebensbedingungen für alle verbessert haben und ein "Proletariat“ nicht mehr existiert. Zweitens vergleicht sich jeder mit anderen Menschen, und da gibt es unten wie oben andere, die noch tiefer oder höher stehen als man selbst. Schließlich gibt es, trotz der vielbeschworenen "Individualisierung“, bei vielen Menschen die Tendenz, möglichst nicht aufzufallen und einer allgemein "akzeptablen“ Kategorie anzugehören.

DIE FURCHE: Niemand will "unten“ sein?

Haller: Genau. Das sind die Armen, und die sind teils stigmatisiert. Ihnen wird selbst die Schuld an ihrem Los gegeben. Mitunter werden ihnen sogar mindere moralische Qualitäten zugeschrieben, auf jeden Fall aber weniger gute Sitten. Die Oberschicht ist dagegen Objekt des Neides, und dem will man ebenfalls ausweichen. Interessant ist der internationale Vergleich: In Deutschland und tendenziell auch in Österreich ist der Begriff der "Klasse“ verpönt, man spricht fast nur mehr von vielfältigen Lebensstilen usw., die zur Herausbildung von "sozialen Milieus“ führen, deren Angehörige in mancher Hinsicht benachteiligt, in anderer bevorzugt sind - z. B. alte Städter, Yuppies, Karrieremenschen, Alternative etc. Das finde ich wissenschaftlich und politisch irreführend.

DIE FURCHE: Warum das?

Haller: Erstens wird übersehen, dass die Klassenlage im obigen Sinn immer noch die mit Abstand wichtigste Determinante aller Lebenschancen ist, weit wichtiger z. B. als das Geschlecht. In Frankreich und England wird der Begriff weiterhin zentral verwendet, wie z. B. bei Pierre Bourdieu nachzulesen ist. Der Grund ist nicht nur, dass die Klassendifferenzen in den beiden Ländern sichtbarer sind, sondern auch historisch-politisch: In Deutschland war der Marxismus und die daraus teils abgeleitete Klassentheorie spätestens seit den 1920er-Jahren verpönt. In Frankreich und Italien gab es noch nach 1945 starke kommunistische Parteien. Zum Zweiten wird auch die ökonomisch und soziologisch zentrale Frage der Ungleichheit verkannt. Diese ist aktueller denn je, wie die in den letzten Jahrzehnten gestiegene Einkommensungleichheit zeigt. An die Stelle kritischer und politisch relevanter Sozialstrukturanalyse tritt mit der Beschränkung auf Lebensstile und soziale Milieus aber eine inhaltlich zum Teil beliebige deskriptive Beschreibung, die wenig erklärt.

* Das Gespräch führte Bernhard Madlener

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