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Die Kunst des ERGRÜNDENS

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Die Verwissenschaftlichung der Welt schreitet voran: Trotz so mancher Auswüchse ist dies das Beste, das uns passieren kann.

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Die Verwissenschaftlichung der Welt schreitet voran: Trotz so mancher Auswüchse ist dies das Beste, das uns passieren kann.

Wissen war schon immer eine Form von Macht. Heute gilt es auch als eine Form von Kapital, als Säule der Produktion. Mit der Ambition, die EU zum "wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraum" zu machen, schuf die Europäische Kommission mit dem anbrechenden 21. Jahrhundert einen neuen Leitbegriff: die Wissensgesellschaft - inzwischen begleitet vom Konzept einer neuen, vierten industriellen Revolution. Was aber bedeutet die Wissensgesellschaft für die Bürger, die in ihr leben sollen?

Hier lässt sich mit dem Ethnologen Timo Heimerdinger Dreierlei konstatieren: Erstens können wir viel wissen -dank der neuen Medien ist die Menge und Verfügbarkeit des Wissens ins schier Unermessliche gewachsen. Zweitens müssen wir viel wissen und unser Wissen aufgrund seiner abnehmenden Halbwertszeit auch ständig aktualisieren, sofern wir beruflich nur halbwegs erfolgreich sein wollen. Nebenbei bemerkt sollten wir in der Informationsflut erkennen können, was wir gar nicht zu wissen brauchen: In der Wissensgesellschaft erscheint das Nicht-Wissen somit als die "avancierteste Gestalt des Wissens"(H. Kocyba). Dennoch macht sich, drittens, der Eindruck breit, dass wir eigentlich stets zu wenig wissen. Denn die Tugend des wissenschaftlichen Zweifels ist im Zuge der Verwissenschaftlichung unseres Alltags alltäglich geworden. Alles wird nunmehr hinterfragt, also ist nichts mehr selbstverständlich.

Wen wundert es, dass uns eine wachsende Zahl an Hilfestellungen dargeboten wird, um allein die simplen Fragen des Alltags zu bewältigen: Die Ratgeber-Literatur steht in voller Blüte, und in der Medienwelt werden wir auf Schritt und Tritt von Ratschlägen begleitet -für das Essen und Trinken, Wohnen und Schlafen, Arbeiten und Entspannen. Sie alle basieren, mehr oder weniger, auf Wissenschaft. Damit aber auch auf dem, was im öffentlichen Diskurs meist ausgespart bleibt: der Bewertung der Evidenzen, dem Kampf um Interpretationen und Deutungshoheit. Gerade die Ernährung ist ein gutes Beispiel dafür, dass der Prozess der Verwissenschaftlichung ein bisschen anstrengend werden kann. Denn nie zuvor wusste man mehr über die Qualitäten der Lebensmittel -und noch nie waren die Diskussionen um die "richtige Ernährungsweise" so kontrovers wie heute. Immer neue Trends und Empfehlungen kommen hinzu, immer mehr Zielgruppen erscheinen am Horizont, und viele bislang ungefragte Fragen tauchen auf: Soll man Äpfel am Abend noch essen?

Wie soll das Frühstücksmüsli zusammengestellt sein? Stören Desserts die gesunde Verdauung? Die um sich greifende Verwissenschaftlichung reicht in gewisser Weise vom Banalsten bis zum Höchsten, denn sie macht auch vor der Religion keinen Halt. In der Biologie etwa stellt sich die Frage nach der evolutionären Funktion von Religion. Und mit der Neurotheologie ist ein Spross der Hirnforschung entstanden, der religiöse Rituale und Praktiken anhand der Aktivität im Nervensystem zu erforschen versucht. Hier gilt es primär, "unsaubere" Grenzüberschreitungen zu vermeiden, wie sie etwa von missionarischen Atheisten gern vorgenommen werden. Denn tatsächlich sind Erregungsmuster im Gehirn mittels moderner Bildgebung gut greifbar geworden. Für Aussagen, die das Reich der Naturwissenschaft überschreiten, empfiehlt sich jedoch die Orientierung an einer strahlenden Sentenz von Ludwig Wittgenstein: "Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen."

Vordenker in Wien

Die wissenschaftliche Weltsicht ist eine hart umkämpfte Errungenschaft; also keineswegs so selbstverständlich, wie sie uns heute erscheint. Dies verdeutlicht schon ein Blick in die Zwischenkriegszeit, als sich in einem Hörsaal der Wiener Boltzmanngasse ein intellektueller Zirkel formierte, der als Wiener Kreis weltbekannt wurde. Als sich seine Vordenker die Verbreitung einer "wissenschaftlichen Weltauffassung" auf die Fahnen schrieben, war dies eine ungewöhnliche Kampfansage an ideologische Vorgaben und philosophische "Scheinprobleme". Und ein Bekenntnis zu gesellschaftspolitischem oder, wie man heute sagen könnte, transdisziplinärem Engagement, denn "die wissenschaftliche Auffassung dient dem Leben und das Leben nimmt sie auf"(Manifest von 1929). Wittgenstein, der mit dem Wiener Kreis in Verbindung stand, formulierte es noch pointierter: "Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind." In einem reaktionären Umfeld wurde der Wiener Kreis rasch zum Feindbild. Sein Ende wurde 1936 mit der Ermordung des Philosophen Moritz Schlick an der Uni Wien eingeläutet. Es folgten Vertreibung und Verfolgung -und die wahnhafte Ideologisierung der Wissenschaft durch das NS-Regime.

Nach 1945 hat die wissenschaftliche Weltsicht einen umso heftigeren Siegeszug angetreten. Dass alle Positionen der Wissenschaft einem Wandel unterworfen sind, der teils auch drastisch erfolgen kann, sollte uns heute in Fleisch und Blut übergegangen sein. Theorien entstehen im besten Fall durch intensive Forschung, sorgfältige Testung und feinsinnige Konzeptbildung. Aber auch Albert Einstein war sich bewusst, dass seine Relativitätstheorie eines Tages einem umfassenderen Modell weichen wird müssen (siehe auch S. 40). Irrungen sind ein unverzichtbarer Teil der Erkenntnisproduktion. Oder in den Worten des Biologen Jakob Johann von Uexküll: "Die Erkenntnisse von heute sind nicht selten die Irrtümer von morgen." Dies beruht darauf, dass die Wissenschaft durch transparente Prüfung und immanente Kritikfähigkeit über eine selbstreinigende Kraft verfügt. Und idealerweise eine Tugend verkörpert, die man manchem Zeitgenossen gerne wünschen würde: Sie ist selbstreflexiv. Gerade deshalb, so der Wissenschaftshistoriker Michael Hagner, ist sie das beste System, das die Menschheit bislang erfunden hat.

DIE FURCHE

29. Mär. 1975 Nr. 13

Der Organismus: das ungelöste Problem

Von Johannes Messner

Zu Beginn unseres Jahrhunderts konnte noch von ernsten Forschern bezweifelt werden, daß es wirklich Atome gebe. Mit der Relativitätstheorie, der Quantentheorie, der Atomtheorie, der Erforschung der Elektronen und sonstigen Elementarteilchen sind Physik und Chemie zu einer großen Einheitswissenschaft von der Materie geworden, die neue ungeahnte Erkenntnisse der Astronomie, der Geologie, der Biologie, der Genetik erschlossen hat. Da es nach der Quantenphysik echte Indeterminiertheit im Naturgeschehen gibt, ist es jetzt logisch möglich geworden, sagt [...] Pascual Jordan, mit der Entdeckung nicht determinierender Naturgesetzlichkeit "alles Geschehen von göttlichem Wirken durchwaltet zu sehen". Gewiß, es handelt sich nicht darum, daß uns jetzt Gottes Wirken im Naturgeschehen naturwissenschaftlich sichtbar oder beweisbar würde. Nichts ist uns sichtbar geworden außer der mathematischen Gesetzlichkeit der Wahrscheinlichkeit von Quantensprüngen. Das ist eine Gesetzlichkeit von hoher mathematischer Schönheit und Harmonie -man kann in ihr, wie Kepler, einen Ausdruck göttlichen Schöpferwillens sehen, aber man muß es nicht -jedenfalls nicht im Sinne eines Müssens aus logischer Notwendigkeit.

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