Die Menschenmacher

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Das Wettrennen um das Klonen von Menschen hat der US-Physiker Richard Seeds eingeläutet. Und viele laufen mit.

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Das Wettrennen um das Klonen von Menschen hat der US-Physiker Richard Seeds eingeläutet. Und viele laufen mit.

Die oberste amerikanische Gesundheitsbehörde will wieder Gelder für die Erforschung menschlicher Embryozellen flüssig machen, nachdem ein Gesetz 1994 solche Arbeiten verboten hatte. Und eine Expertenkommission der britischen Regierung empfahl, das Klonen zu therapeutischen Zwecken zuzulassen. Begründet werden diese Haltungsänderungen durch die großen Fortschritte auf diesem Gebiet - das eigentlich gar nicht Gegenstand der Forschung hätte sein dürfen.

Bezeichnend auch die Haltungsänderung von Ian Wilmut, dem "Vater" des ersten Klon-Schafs "Dolly": Nach seinem aufsehenerregenden Erfolg danach gefragt, ob nun das Klonen von Menschen bevorstünde, war er zurückhaltend. Er könne keinen wirklichen medizinischen Bedarf danach erkennen, war seine Antwort. Nun arbeitet aber derselbe Wilmut seit kurzem mit einer US-Firma zusammen, um menschliche Embryonen durch Klonen zu erzeugen.

Ebenso doppelbödig wie das Verhalten der Wissenschaft, die das Klonen von Menschen nach außenhin immer als undenkbar abtat, im Labor aber dessen Entwicklung heftig vorantrieb, ist die Haltung des Europarats in dieser Frage. Im November 1997 verabschiedete er das Klon-Zusatzprotokoll: Das Klonen von Menschen wird darin strikt untersagt. Nicht verboten wird jedoch das Klonen menschlicher Embryonen. Dieses läuft vielmehr unter wertvolle biomedizinische Technik. Als wären Embryonen nicht Menschen!

Wie ist es möglich, daß etwas, was bisher als absolutes Tabu gegolten hat, plötzlich salonfähig wird?

Um diese Frage zu beantworten, muß man ein Grundproblem der modernen Gesellschaft berücksichtigen. Sie kennt kein allgemein anerkanntes Menschen- und Weltbild und kann daher auch kein Einvernehmen darüber herstellen, ob es Gott überhaupt gibt, beziehungsweise ob ihm eine Rolle zukommt. Wo aber die Bedeutung Gottes ausgeblendet oder vernachlässigt wird, fehlt auch die Einsicht in das Vorhandensein des Heiligen. Dann fehlt auch das Bewußtsein, daß nicht alles dem Zugriff des Menschen offenstehen darf, wenn er in der Schöpfung überleben will.

Dostojewski hat ausgesprochen, was sich aus diesem Absehen von Gott ergibt: Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt. Genau davon geht unsere Zeit aus. Sie hält alles für machbar, setzt dem Tatendrang des Menschen keine wirklichen Grenzen. Tabufrei alles zu analysieren und es auf seine Nützlichkeit hin auszuloten, entspricht dem heutigen Fortschrittskonzept. Die Nützlichkeit wird zur Rechtfertigung des menschlichen Tuns und weist dem Fortschritt die Richtung.

Und nichts ist aus dieser Betrachtung ausgenommen. Daher war es nur eine Frage der Zeit, bis auch der Mensch in dieses Zweckdenken einbezogen werden und als Material herhalten würde. Daß die Patent-Richtlinie der EU auch menschliche Gene für patentfähig erklärt, entspricht genau diesem Denkmuster: Auch der Mensch wird zum Material, das nützlich einzusetzen ist.

Da wundert es einen auch nicht mehr, wenn Forscher Eizellen einer Kuh und die Haut eines Menschen zu Embryozellen "mixen" mit dem Fernziel, menschliche Ersatzorgane zu schaffen; wenn andere intensiv an der Übertragung von Tierorganen auf den Menschen arbeiten. So hofft man, genetisch manipulierte Schweineherzen in Menschen verpflanzen zu können. Ein Riesenmarkt würde sich auftun. Und die meisten denken bei sich: Warum nicht? Kaum jemand kommt auf die Idee zu fragen, ob in dieser Vermischung von Mensch und Tier nicht etwas Frevelhaftes liegt.

Und so eilt die Menschheit mit wachsender Geschwindigkeit von einem Tabubruch zum nächsten. War es bis vor kurzem noch selbstverständlich, zu beteuern, Eingriffe in die Keimbahn stünden fern jeder Diskussion, man dürfe nie und nimmer zukünftige Generationen in ihrer Erbsubstanz gefährden, so liest man es jetzt schon anders: "Wenn wir bessere Menschen herstellen können durch das Hinzufügen von Genen, warum sollten wir das nicht tun?", fragte James Watson, Mitentdecker der Erbinformation DNA, bei einer Konferenz zum Thema "Eingreifen in die menschliche Keimbahn" im Vorjahr.

Und so werden pausenlos die Grenzen verschoben. Die Menschen gewöhnen sich an alles. Die endlosen Debatten in den Medien, in denen die "Errungenschaften" von allen Seiten beleuchtet und die zweifellos auch gegebenen Vorteile immer wieder hervorgestrichen werden, stumpfen das breite Publikum so ab, daß es sich zu guter Letzt mit dem früher Undenkbaren anfreundet.

Was die Ethik anbelangt, so hinkt sie stets hinter den Entwicklungen einher. Sie steuert nicht - wie sie es eigentlich sollte - das Verhalten der Forschung, sondern dient dazu, dem, was ohnedies geschieht, einen annehmbaren Anstrich zu geben.

Bemerkenswert diesbezüglich sind die Worte von Noelle Lenoir, der Präsidentin des EU-Ethik-Komitees, über den Embryo: Es gebe eine Tendenz dazu, "daß man den Embryo nicht mehr in seiner potentiellen Fähigkeit, Individuum zu werden, sieht, sondern als eine Ansammlung von Zellen, wie eine Art Material menschlichen Lebens. Anders gesagt: Er wird nicht mehr als spätere menschliche Person wahrgenommen, sondern wie ein Lebensbestandteil, der lebenden und kranken Menschen nützlich sein kann."

Aus Nützlichkeitsüberlegungen wird der Mensch umdefiniert. So einfach geht das. Nur, die Umdefinition ändert das Wesen der Schöpfung nicht. Da sie das Werk Gottes ist, kann die Menschheit zwar daran einseitig herumpfuschen, den Menschen zum Material degradieren, ihn mit Tieren kreuzen oder duplizieren, kurz unsere Lebensbasis auf eine bisher nicht dagewesene Weise massiv umgestalten, aber überlebensträchtig wird das nicht sein.

Wenn aus der Umweltproblematik irgend etwas zu lernen ist, dann folgendes: Schöpfungswidriges Verhalten rächt sich auf Dauer. Die Unzahl von ökologischen Problemen steht jetzt schon wie ein Menetekel über unserer Zeit. Aber auch die Zauberlehrlinge von heute brauchen offenbar erst die unaufhaltsame Überschwemmung, um nach dem Meister zu rufen.

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