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"Die Österreicher sind Betonierer"

1945 1960 1980 2000 2020

Im Zuge des Wirtschaftens werden dem natürlichen Umfeld Stoffe entzogen, verarbeitet, verwendet und dorthin auch wieder zurückgegeben. Eine Untersuchung in fünf Ländern, darunter Österreich, hat diese Materialflüsse zahlenmäßig erfaßt und in ihrer zeitlichen Entwicklung beschrieben. Die wichtigsten Ergebnisse schildert im folgenden die Leiterin der österreichischen Arbeitsgruppe.

1945 1960 1980 2000 2020

Im Zuge des Wirtschaftens werden dem natürlichen Umfeld Stoffe entzogen, verarbeitet, verwendet und dorthin auch wieder zurückgegeben. Eine Untersuchung in fünf Ländern, darunter Österreich, hat diese Materialflüsse zahlenmäßig erfaßt und in ihrer zeitlichen Entwicklung beschrieben. Die wichtigsten Ergebnisse schildert im folgenden die Leiterin der österreichischen Arbeitsgruppe.

Die Furche: In einer internationalen Studie wurden in fünf Ländern die Materialströme durch die Wirtschaft untersucht. Was war die Intention der Studie?

Marina Fischer-Kowalski: Es handelt sich um eine zweite Studie des World Resources Institute (WRI) in Washington. Die erste Studie des WRI von 1997 verglich die Ressourcenintensität von Nationalökonomien in einem Zeitraum von 20 Jahren. Sie war eine Pionierleistung, hatte aber noch einige methodische Schwächen. Die nun fertiggestellte zweite Studie hat zwei Kerninnovationen zu bieten: Erstens ist sie methodisch schon viel solider, und zweitens schauen wir uns auch das hintere Ende der Ökonomien an: die Emissionen und Abfälle und das, was Volkswirtschaften in ihrem Inneren stapeln: die materiellen Bestände. Insgesamt liefert die Studie zum ersten Mal eine klare Systemvorstellung: Was geht rein, was geht raus, was bleibt drinnen.

Die Furche: Die untersuchten Länder (USA, Japan, Deutschland, die Niederlande, Österreich) machen zusammen die Hälfte des Weltbruttosozialprodukts aus. Welche Materialien spielen mengenmäßig die größte Rolle?

Fischer-Kowalski: Die Luft- und Wasserströme. Sie waren und bleiben aber ausgeklammert, weil sie alle anderen Zahlen sonst ertränken. Aber es gibt Teilflüsse, die eingerechnet werden müssen, damit die Input-Output-Rechnung stimmt: zum Beispiel vermarktetes Mineralwasser oder der Sauerstoff, den Kühe mit ihrer Nahrung zu Kohlendioxid verarbeiten.

Die Furche: Welchen Anteil haben die unberücksichtigten Luft- und Wasserflüsse?

Fischer-Kowalski: Rund 95 Prozent. Der größte Teil ist Wasser mit 85 bis 88 Prozent. Das hängt ganz eng mit unserer Nutzung von Fossilenergie zusammen: 80 Prozent davon sind Kühlwasser für industrielle Prozesse und Stromerzeugung. Aus diesem Grund können die Länder in trockeneren Klimazonen kaum industrielle Produktionsstrukturen der üblichen Art entwickeln, weil ihnen ganz einfach das Wasser dazu fehlt. Nicht Trinkwasser, sondern diese Mengen von Oberflächenwasser, die England als industrielles Pionierland in die Basistechnologien eingebaut hat. Flüsse, die das ganze Jahr über dafür genügend Wasser führen, gibt es eben in vielen Regionen dieser Welt nicht.

Die Furche: Ergänzt sich hier das Bild der "globalen Brandstifterei" in Form der Fossilwirtschaft durch den intensiven Einsatz von "Löschwasser"?

Fischer-Kowalski: Ein treffendes Bild. Wenn man Industriegesellschaften mit Agrargesellschaften vergleicht, ist das Wasser jener Massenstrom, der am stärksten angeschwollen ist, er hat sich ungefähr verzwanzigfacht, während sich alle anderen Stoffströme "nur" verfünf- oder versechsfacht haben.

Die Furche: Welches generelle Stoffstrombild hat die Studie ergeben?

Fischer-Kowalski: Wir haben zwar jahrzehntelang eine Abfall-, Wasserreinhalte- und Luftreinhaltepolitik mit Riesenaufwand betrieben, aber es fehlte das "große Bild", aus dem man die relativen Gewichte der Materialflüsse ersehen konnte. In der neuen Studie erkennt man zum Beispiel, dass fast die Hälfte aller Inputs in den Bestand fließt. Das ist eine gewaltige Hypothek auf die Zukunft. Denn ein Haus beispielsweise bedarf eines permanenten Zustroms an Material für Instandhaltung und Reparaturen, und schließlich vergrößert dieses Material eines Tages den Abfallstrom. Die Österreicher "stapeln" übrigens besonders viel.

Die Furche: Für Autobahnen?

Fischer-Kowalski: Zum Beispiel für Autobahnen. Mit Unterbau, Brücken und Tunnels haben wir insgesamt eine materiell extrem aufwendige Straßenbauweise. Wenn man das etwa vergleicht mit dem Straßenbau in Holland, dann brauchen wir für einen Straßenkilometer ein Vielfaches an Material.

Die Furche: Sind wir Betonierer?

Fischer-Kowalski: So ist es, Österreicher sind Betonierer, auch verglichen mit den Amerikanern. Einer der wenigen Punkte, wo wir pro Einwohner mehr Materialaufwand treiben als sie ... Nach diesen Daten sind die Österreicher ein Stapel- und Lagervolk.

Die Furche: Sehen Sie diese Tendenz zum Horten psychologisch?

Fischer-Kowalski: Nein. Das hat mit natürlichen Bedingungen (so viele hohe Berge stehen eben nicht überall herum) und vielleicht auch mit dem Reifegrad einer Volkswirtschaft zu tun. Im Zeitvergleich sieht man, dass die frühindustrialisierten Länder ihre Stapel- und Lagerbildungsprozesse bereits hinter sich haben. Straßen und Häuser sind errichtet und werden nur mehr instandgehalten. Oder: Als wir unser Eisenbahnnetz bauten, waren die Engländer schon damit fertig.

Die Furche: Was sagt nun das "große Bild" aus?

Fischer-Kowalski: Zum einen eben, dass wir in den letzten 20 Jahren eine erfolgreiche Wasser- und Luftreinhaltepolitik betrieben haben. Zum Beispiel gingen in allen fünf Ländern die Emissionen wichtiger Luftschadstoffe und die Verschmutzung der Fließgewässer zurück. Auch die deponierten Abfälle sind rückläufig. Dennoch steigt der Gesamtoutput immer noch an. Der Hauptgrund dafür ist das CO2. Man konnte also lokale und regionale Verschmutzungen in ihrer Gesamtmasse reduzieren, aber um den Preis, dass sich ein Großteil in die internationale Atmosphäre verlagert hat.

Die Furche: Wenn die Gesamtemissionsmengen noch ansteigen, dann findet - global gesehen - keine Dematerialisierung statt?

Fischer-Kowalski: Nein, die Materialströme wachsen immer noch schneller als die Bevölkerung. Der Pro-Kopf-Verbrauch steigt immer noch an.

Die Furche: Nun wird in der politisch-ökologischen Debatte aber immer wieder betont, dass die Dematerialisierung der Wirtschaft bereits erfolgreich im Gange sei ...

Fischer-Kowalski: Das stimmt auch für die Industrieländer. Die Materialströme wachsen zwar schneller als die Bevölkerung, aber langsamer als die Wirtschaft. Das allerdings vor allem deshalb, weil die materiell sehr aufwendige Rohstoffgewinnung und Teile der Grundstoffindustrien - von der Metallgewinnung über die chemische Industrie bis zur Futtermittelproduktion - in die Dritte Welt ausgelagert wurden. Diese Auslagerung führt zu einer Aufbesserung der Materialbilanzen in den Industrieländern, ist aber nicht auf alle Länder übertragbar und daher nicht nachhaltig.

Die Furche: Wie könnte man Nachhaltigkeitsgrenzen festlegen?

Fischer-Kowalski: Man könnte zum Beispiel im Energiebereich fragen, wie viel Energie das Land braucht und wie viel es auf seinem Territorium durch Sonneneinstrahlung und deren pflanzliche Umsetzung bereitstellen kann. Wenn man diesen Maßstab anlegt, dann kann man sagen, dass Österreich seine Eigenproduktionskapazität Mitte der Siebzigerjahre überschritten hat. Seither verbraucht es mehr Energie, als seinem laufenden "Energieeinkommen" seitens der Sonne entspricht.

Die Furche: Welche politischen Schlussfolgerungen liefert die Studie?

Fischer-Kowalski: Die Herausforderung hat sich gewandelt von der Kontrolle der lokalen, toxischen Stoffflüsse hin zur Kontrolle der globalen, nichttoxischen. Das Kernproblem ist, dass die Industrieländer ihre Massenströme nicht bewusst steuern. Das lässt sich mit unserer Methode schön zeigen. Und dass die Massenströme selbst in den reichsten Industrieländern noch immer wachsen, ist sicher ein Nachhaltigkeitsproblem ersten Ranges. Man kann aber auch eine optimistische Botschaft aus der Studie herauslesen, nämlich dass Umweltpolitik, sobald sie gezielt gemacht wird, auch zu Erfolgen führt.

Die Furche: Soll man die Massenströme mit Steuern steuern?

Fischer-Kowalski: Im vorigen Jahrhundert galten die Geldströme als chaotisch. Dennoch hat man Instrumente entwickelt, diese zu steuern. Analog dazu sind heute die Materialströme chaotisch. Es könnte uns aber gelingen, sie zu steuern. Das setzt Instrumente voraus, die die physische Dimension der Volkswirtschaft erst einmal abbilden, und zwar bis hinunter auf die betriebliche Ebene. Betriebe sind ohnehin daran interessiert, mit wenig Material auszukommen. Allerdings ist das eine Kostenfrage: Man kann nicht erwarten, dass sie teure Arbeit aufwenden, um billige Rohstoffe zu sparen. Daher nehmen fiskalische Maßnahmen wie eine Verschiebung der Steuerlast von der Arbeit hin zu den Ressourcen eine Schlüsselstellung ein. Eine ökologische Steuerreform wäre gerade in den von uns untersuchten Ländern angebracht, weil sie zu den größten Energieverbrauchern zählen und zugleich sehr hohe Arbeitskosten haben.

Das Gespräch führte Christian Felber ZUR PERSON Expertin für "gesellschaftlichen Stoffwechsel" Marina Fischer-Kowalski ist 1946 geboren. An der Universität Wien hat sie studiert und promoviert. Ihre Habilitation fand jedoch an der Universität Graz für Soziologie statt. Tätig war sie zunächst am Institut für Höhere Studien in Wien in der Postgraduiertenausbildung und in der Forschung sowie bei der OECD in Paris.

Ihre Lehrtätigkeit führte sie an die Universitäten Innsbruck, Klagenfurt und Wien sowie an die Technische Universität Graz. Sie ist Universitätsprofessorin für Soziale Ökologie am Institut für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) der Universitäten Klagenfurt, Graz, Innsbruck undWien und am Institut für Soziologie der Universität Wien.

Sie hat sich von Anfang an für interdisziplinäre Fragestellungen interessiert und an entsprechenden Forschungsprojekten gearbeitet. Zuletzt standen Fragen des gesellschaftlichen Stoffwechsels im Vordergrund ihrer Aktivitäten.

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