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Gesellschaft

Die Panik vor der Auslöschung

1945 1960 1980 2000 2020
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Wenn ich einmal sterben muss, wünsche ich mir noch ein letztes Glas Rotwein. Ein bisschen Gras. Ich will in einem Garten sitzen und nur die Grillen hören.

Der Narr sagt: / Angst, ich habe Angst vor dem Tod. / Der Narr sagt: Das Sterben ängstet mich! / Der Narr fragt: Wohin werde ich gehen, wenn ich sterbe? / Der Weise antwortet: Wo warst du, bevor du geboren wurdest?"

Dieses Gedicht schreibt der Vater von Saskia Jungnikl im September 1992. Zwölf Jahre später stirbt Jungnikls Bruder im Schlaf an einem Blutgerinnsel im Kopf. 2008 nimmt sich schließlich ihr Vater das Leben. Der Text, in dem die damalige Standard-Redakteurin dieses traumatische Ereignis beschreibt, sorgt für Aufsehen. "Am 6. Juli 2008 kritzelt mein Vater etwas auf einen mintgrünen Post-it-Zettel", heißt es 2013 im Album. "Er steigt die Wendeltreppe hinunter in die Bibliothek und holt seinen Revolver. Dann geht er durch den schmalen Gang hinaus aus unserem Haus in den Hof. Dort legt er sich unter unseren alten großen Nussbaum. Ich weiß nicht, ob er dabei irgendwann gezögert hat. Ich glaube, er wird noch einmal tief eingeatmet haben, als er da lag. Vielleicht hat er sich noch kurz die Sterne angesehen und der Stille gelauscht. Dann schießt er sich in den Hinterkopf. Sein Tod teilt mein Leben in ein Vorher und ein Nachher."

Der Text wird zum vielbeachteten Buch, das 2014 ebenfalls unter dem Titel "Papa hat sich erschossen" erscheint. Jungnikl hält Lesungen, gibt Interviews und führt für das Monatsmagazin Datum Gespräche "Auf Leben und Tod". Doch die panische Angst vor der Sterblichkeit, dem "größten Kontrollverlust überhaupt", bleibt. Um die dumpfe Furcht vor der eigenen Auslöschung zu besiegen, beschließt sie irgendwann, sich so ausführlich wie möglich damit zu beschäftigen.

Angst vor dem Sterben, Gruseln vor den Toten

Das Ergebnis ist ihr zweites Buch: "Eine Reise ins Leben oder wie ich lernte, die Angst vor dem Tod zu überwinden." Wo immer Sterben und Tod in unserer Gesellschaft Station machen, schaut Jungnikl fortan vorbei: Sie fährt ins Hamburger Leichenschauhaus; sie wundert sich über den eventhaften Vortrag eines Spezialisten für "forensische Entomologie", der einem wohlig gruselnden Publikum erklärt, welche Insekten auf Leichen welche Todesmale hinterlassen; sie geht auf den Friedhof, recherchiert neueste Bestattungstrends oder die weltweit häufigsten Todesursachen (Herzerkrankungen vor Schlaganfall und Lungeninfektionen), lernt von einem Altersforscher, warum der menschliche Körper überhaupt sterben muss, spricht mit Freunden über die Sterblichkeit, denkt über den "gerechten Tod" nach und erfährt als eine, die nicht an ein Jenseits glaubt, vom lutherischen Bischof Michael Bünker, warum ihm das Sterben mehr Sorgen bereitet als der Tod.

Der Tod als Versagen der Medizin

Tatsächlich hat sich das Sterben dramatisch verändert: Weil die medizinische Überversorgung am Lebensende ein Milliardenmarkt wurde, ist die Verlängerung des Sterbens ein lukratives Geschäft geworden. Ein Drittel der Gesundheitskosten entstünden allein im letzten Lebensjahr, so Jungnikl. Und fünfzig Prozent aller Sterbenskranken erhielten nach Ansicht des Palliativmediziners Gian Domenico Borasio Behandlungen, die nichts bringen oder sogar schaden würden. Wenn es gelänge, überflüssige Therapien am Lebensende zu reduzieren, führe das laut Borasio nicht nur zu geringeren Kosten, sondern auch zu höherer Lebensqualität.

Die Palliativschwester Ingrid Marth vom CS Hospiz Rennweg in Wien erzählt Jungnikl ganz konkret, wie wichtig es sei, Menschen auch in ihrer letzten Phase als Ganzes mit ihrem Familiensystem und ihrer sozialen sowie psychischen Lebenssituation wahrzunehmen. Auch für Jungnikl selbst gehört das zu einem "guten Sterben" dazu, wie sie schreibt: "Wenn ich einmal sterben muss, wünsche ich mir vielleicht noch ein letztes Glas Rotwein. Ein bisschen Gras. Ich will vielleicht in einem Garten sitzen und nur die Grillen um mich herum hören, ich will zum Himmel sehen und meinen Mann und meine Lieben neben mir haben." Im Vierbettzimmer sterben will sie nicht, und auch nicht künstlich beatmet dahinvegetieren.

Die Angst vor diesem Moment und dem Danach sei noch da, schreibt Saskia Jungnikl am Ende ihres beeindruckenden Buches. Aber die Panik sei weg. "Ich werde einmal sterben, schon klar, aber bis dahin lebe ich." Dabei gehe es vor allem um dreierlei: Hab weniger Angst. Kümmere dich um deine Freunde und deine Beziehung (Einsamkeit kann töten). Und: Sei nett zu dir. Ansonsten gelte: "Lebe, lebe, lebe! Da sind so viele Jahre, und so viele Jahre sind zu füllen."

Saskia Jungnikl (geb. 1981) ist Autorin und Kolumnistin des Monatsmagazins Datum. Sie schreibt regelmäßig für die Zeit.

Eine Reise ins Leben oder wie ich lernte, die Angst vor dem Tod zu überwinden Von Saskia Jungnikl. Fischer 2017.250 Seiten karton., € 15,50

Wenn ich einmal sterben muss, wünsche ich mir noch ein letztes Glas Rotwein. Ein bisschen Gras. Ich will in einem Garten sitzen und nur die Grillen hören.

Der Narr sagt: / Angst, ich habe Angst vor dem Tod. / Der Narr sagt: Das Sterben ängstet mich! / Der Narr fragt: Wohin werde ich gehen, wenn ich sterbe? / Der Weise antwortet: Wo warst du, bevor du geboren wurdest?"

Dieses Gedicht schreibt der Vater von Saskia Jungnikl im September 1992. Zwölf Jahre später stirbt Jungnikls Bruder im Schlaf an einem Blutgerinnsel im Kopf. 2008 nimmt sich schließlich ihr Vater das Leben. Der Text, in dem die damalige Standard-Redakteurin dieses traumatische Ereignis beschreibt, sorgt für Aufsehen. "Am 6. Juli 2008 kritzelt mein Vater etwas auf einen mintgrünen Post-it-Zettel", heißt es 2013 im Album. "Er steigt die Wendeltreppe hinunter in die Bibliothek und holt seinen Revolver. Dann geht er durch den schmalen Gang hinaus aus unserem Haus in den Hof. Dort legt er sich unter unseren alten großen Nussbaum. Ich weiß nicht, ob er dabei irgendwann gezögert hat. Ich glaube, er wird noch einmal tief eingeatmet haben, als er da lag. Vielleicht hat er sich noch kurz die Sterne angesehen und der Stille gelauscht. Dann schießt er sich in den Hinterkopf. Sein Tod teilt mein Leben in ein Vorher und ein Nachher."

Der Text wird zum vielbeachteten Buch, das 2014 ebenfalls unter dem Titel "Papa hat sich erschossen" erscheint. Jungnikl hält Lesungen, gibt Interviews und führt für das Monatsmagazin Datum Gespräche "Auf Leben und Tod". Doch die panische Angst vor der Sterblichkeit, dem "größten Kontrollverlust überhaupt", bleibt. Um die dumpfe Furcht vor der eigenen Auslöschung zu besiegen, beschließt sie irgendwann, sich so ausführlich wie möglich damit zu beschäftigen.

Angst vor dem Sterben, Gruseln vor den Toten

Das Ergebnis ist ihr zweites Buch: "Eine Reise ins Leben oder wie ich lernte, die Angst vor dem Tod zu überwinden." Wo immer Sterben und Tod in unserer Gesellschaft Station machen, schaut Jungnikl fortan vorbei: Sie fährt ins Hamburger Leichenschauhaus; sie wundert sich über den eventhaften Vortrag eines Spezialisten für "forensische Entomologie", der einem wohlig gruselnden Publikum erklärt, welche Insekten auf Leichen welche Todesmale hinterlassen; sie geht auf den Friedhof, recherchiert neueste Bestattungstrends oder die weltweit häufigsten Todesursachen (Herzerkrankungen vor Schlaganfall und Lungeninfektionen), lernt von einem Altersforscher, warum der menschliche Körper überhaupt sterben muss, spricht mit Freunden über die Sterblichkeit, denkt über den "gerechten Tod" nach und erfährt als eine, die nicht an ein Jenseits glaubt, vom lutherischen Bischof Michael Bünker, warum ihm das Sterben mehr Sorgen bereitet als der Tod.

Der Tod als Versagen der Medizin

Tatsächlich hat sich das Sterben dramatisch verändert: Weil die medizinische Überversorgung am Lebensende ein Milliardenmarkt wurde, ist die Verlängerung des Sterbens ein lukratives Geschäft geworden. Ein Drittel der Gesundheitskosten entstünden allein im letzten Lebensjahr, so Jungnikl. Und fünfzig Prozent aller Sterbenskranken erhielten nach Ansicht des Palliativmediziners Gian Domenico Borasio Behandlungen, die nichts bringen oder sogar schaden würden. Wenn es gelänge, überflüssige Therapien am Lebensende zu reduzieren, führe das laut Borasio nicht nur zu geringeren Kosten, sondern auch zu höherer Lebensqualität.

Die Palliativschwester Ingrid Marth vom CS Hospiz Rennweg in Wien erzählt Jungnikl ganz konkret, wie wichtig es sei, Menschen auch in ihrer letzten Phase als Ganzes mit ihrem Familiensystem und ihrer sozialen sowie psychischen Lebenssituation wahrzunehmen. Auch für Jungnikl selbst gehört das zu einem "guten Sterben" dazu, wie sie schreibt: "Wenn ich einmal sterben muss, wünsche ich mir vielleicht noch ein letztes Glas Rotwein. Ein bisschen Gras. Ich will vielleicht in einem Garten sitzen und nur die Grillen um mich herum hören, ich will zum Himmel sehen und meinen Mann und meine Lieben neben mir haben." Im Vierbettzimmer sterben will sie nicht, und auch nicht künstlich beatmet dahinvegetieren.

Die Angst vor diesem Moment und dem Danach sei noch da, schreibt Saskia Jungnikl am Ende ihres beeindruckenden Buches. Aber die Panik sei weg. "Ich werde einmal sterben, schon klar, aber bis dahin lebe ich." Dabei gehe es vor allem um dreierlei: Hab weniger Angst. Kümmere dich um deine Freunde und deine Beziehung (Einsamkeit kann töten). Und: Sei nett zu dir. Ansonsten gelte: "Lebe, lebe, lebe! Da sind so viele Jahre, und so viele Jahre sind zu füllen."

Saskia Jungnikl (geb. 1981) ist Autorin und Kolumnistin des Monatsmagazins Datum. Sie schreibt regelmäßig für die Zeit.

Eine Reise ins Leben oder wie ich lernte, die Angst vor dem Tod zu überwinden Von Saskia Jungnikl. Fischer 2017.250 Seiten karton., € 15,50