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"Die Politik ist sehr nachlässig"

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Kaum war etwas Ruhe auf der BSE-Front eingetreten, stand Großbritannien im Zeichen der Maul- und Klauenseuche. Über Ursachen der Seuchen und mögliche weitere Epidemien ein Gespräch mit einem englischen Experten für Infektionskrankheiten.

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Kaum war etwas Ruhe auf der BSE-Front eingetreten, stand Großbritannien im Zeichen der Maul- und Klauenseuche. Über Ursachen der Seuchen und mögliche weitere Epidemien ein Gespräch mit einem englischen Experten für Infektionskrankheiten.

die furche: Warum sind die beiden großen Epidemien der jüngsten Zeit ausgerechnet in Großbritannien ausgebrochen? Was ist da in der britischen Landwirtschaft schief gelaufen?

Professor Roy Anderson: Ich glaube, BSE und Kreutzfeldt-Jakob waren ein besonders unglücklicher Vorfall. Mit dem Auftauchen neuer Infektionskrankheiten wie BSE im Zuge der Evolution müssen wir rechnen, obwohl wir den Ursprung von BSE bis heute nicht verstehen und wahrscheinlich nie verstehen werden. Es ist zu einer Mutation gekommen, die zum Entstehen dieses abnormalen Proteins geführt hat. Es war gewissermaßen ein Unfall. Auch bei der Maul- und Klauenseuche handelt es sich im wesentlichen um einen Unfall, um Pech. Wir haben aber ein ganz konkretes Problem in Großbritannien, nämlich eine extrem intensive Landwirtschaft. Das heißt, sobald eine Infektionskrankheit auftaucht, verbreitet sie sich mit hoher Geschwindigkeit.

Aber beginnen wir mit BSE: Sobald diese Entwicklung in der Evolution stattgefunden hatte, wurde die Krankheit durch die Verwendung von bestimmtem Tierfutter wie Tiermehl, das in Großbritannien, aber auch in Europa und den USA für Milchkühe verwendet wurde, weiter verbreitet. Ein kleines Land wie Großbritannien mit einer so intensiven Landwirtschaft und Agroindustrie, in dem an einigen wenigen Orten dieses Tierfutter erzeugt und dann überallhin verkauft wird, ist da natürlich besonders gefährdet.

Heute wird natürlich dringend empfohlen, nie Fleisch und Knochen von einer Tierart zur Fütterung der selben Art oder verwandter Arten weiterzuverwerten. Entsprechende Empfehlungen hatte es in der EU schon in den siebziger Jahren gegeben. Das hatte mehr mit der Sorge vor bakteriellen Infektionen zu tun, insbesondere Salmonellen und Escherichia-Coli. Aber sie wurden nicht befolgt, weil bakterielle Viren auf sehr konventionelle Art, also durch Hitzebehandlung, zerstört werden können. Und alles Tierfutter wird so behandelt. BSE hat nun die Relevanz dieser Empfehlungen untermauert. Denn das neue Protein ist eine neue Art von Infektionsträger und extrem schwer zu zerstören, ob durch UV-Licht oder Höchsttemperaturen oder chemische Behandlung. Es ist äußerst robust, ungewöhnlich und gefährlich und stellt eine gewaltige Herausforderung für die Biologie im 21. Jahrhundert dar.

die furche: Die Entstehung dieses Proteins ausgerechnet in Großbritannien war Ihrer Ansicht nach also Pech. Wie steht es aber um die Maßnahmen, die zur Bekämpfung der Epidemie ergriffen wurden? Es gibt ernstzunehmende Vorwürfe an die Wissenschafter und an die Politiker.

Anderson: Die Wissenschafter haben in folgender Hinsicht versagt: Sehr früh hatten sie erkannt, dass der Erreger von einer Spezies auf eine andere überspringen konnte. Wenn man also das Tiermehl an Mäuse oder kleine Primaten verfütterte, liefen diese Gefahr, infiziert zu werden. Dass dies auch bei Primaten der Fall war, hätte die Alarmglocken läuten lassen müssen: Damit konnten auch Menschen gefährdet sein.

Das Wissen über solch abnorme Erreger war bis vor kurzem beschränkt: Da gab es Kuru, eine Erkrankung, die bei einem Stamm in Papua-Neuguinea aufgrund seiner kannibalistischen Praktiken übertragen wird. Noch in den fünfziger und sechziger Jahren verzehrten nach dem Tod einer Person deren Angehörige in einem Festessen deren Gehirn. Man glaubte, dass so das Wissen der Person auf die Familie übergehe. Das verursachte eine Kuru-Epidemie, die der BSE-Epidemie sehr ähnlich ist.

Die Regierung hat vermutlich Ende der achtziger Jahre die Aussagen von Wissenschaftern nicht ernst genug genommen. Umgekehrt hat die Expertenkommission, die damals ernannt wurde, selbst schon die Gefahr allzu sehr heruntergespielt. Ich glaube, da hat sich unter dem jetzigen Kabinett einiges geändert.

die furche: Im Fall der Maul- und Klauenseuche gibt es heftige Debatten über die Frage, ob die Massenschlachtungen von Tieren wirklich nötig waren. Hätten Impfungen nicht gereicht?

Anderson: Sehr früh war klar, dass eine Reihe ungewöhnlicher Dinge passiert waren. Die Infektionsquelle kam vom Ausland - ob von Südostasien, Nord- oder Südafrika ist noch nicht klar. Vermutlich wurde Fleisch illegal importiert, das geriet ins Futter für Schweine, die dann verkauft und in Großbritannien kreuz und quer gehandelt wurden. Bevor die Regierung sich überhaupt des Ausmaßes des Problems bewusst wurde, war praktisch schon ganz Großbritannien betroffen. In so einem Fall sind die Optionen wirklich beschränkt. Die Wissenschafter waren sich wie nur selten einig, dass die Impfung ineffizient sein würde. Wenn man eine Indexfarm identifiziert, sind bereits andere Tiere in der Umgebung betroffen. Wenn man nun in einem gewissen Umkreis alle Tiere impft, hat diese Impfung keinerlei Wirkung bei Tieren, die bereits infiziert sind, aber noch keine Symptome zeigen. Das heißt, sie werden die Krankheit weiter verbreiten. Schlachtungen waren also unumgänglich, um längerfristig die Epidemie unter Kontrolle zu bekommen. Eine Impfkampagne in einem Umkreis von etwa fünf Kilometern hat nur Erfolg, wenn man ganz ganz früh einen Einzelfall der Seuche entdeckt.

die furche: Premier Tony Blair hat Anfang Mai erklärt, die Krise sei praktisch überwunden. Würden Sie dem sofort erhobenen Vorwurf zustimmen, dies sei im Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen und im Interesse der Tourismusindustrie geschehen?

Anderson: Nein. Die Zahl neuer Fälle ist rapide gesunken, von rund 40-50 neuen Fällen pro Tag Ende März auf weniger als zehn Anfang Mai. Längerfristig aber werden die beiden Epidemien in Großbritannien und in Europa zu einer Neubewertung der Landwirtschaft und der Agroindustrie führen müssen. Die Landwirtschaftspolitik der EU wird überarbeitet werden müssen. Die Bürger in Großbritannien zahlen mehr an Steuern für die Stützung der Landwirtschaft als für jeden anderen Bereich, inklusive Gesundheits- und Bildungswesen. Das ist doch eigenartig, wenn es in den meisten Bereichen eine Überproduktion an Landwirtschaftsprodukten in der westlichen Welt gibt.

die furche: An welche Maßnahmen denken Sie konkret? In den Debatten hier wurde von einem verstärkten Umstieg auf biologische Landwirtschaft gesprochen und es wurde eine Reduzierung der Farmgrößen gefordert.

Anderson: Beides befürworte ich absolut. Kleine örtliche Märkte mit frischen Produkten, das sollte unterstützt werden. Im gesamten westlichen Europa ist eindeutig ein Trend zu grüneren Produkten zu verzeichnen. Der Konsumentendruck wird da einen wichtigen Einfluss haben. Aber es wird keine leichte Lösung geben. Die Wirtschaftlichkeit diktiert, dass Farmen groß sind und es nur wenige große Viehmärkte gibt.

die furche: Und wie steht es um die weitere Verwendung von Tiermehl?

Anderson: Der Druck ist einfach da, immer mehr Erträge immer schneller zu erzeugen. In der Milchindustrie steigert die Verwendung von Tiermehl das Wachstum der Kühe und die Milcherträge, dazu kommen Antibiotika und Hormone. Hier müssen die Konsumenten mehr Druck ausüben und sagen, wir wollen das alles nicht mehr. Wir wollen biologische Produkte.

die furche: Wie wahrscheinlich sind nun weitere solche Epidemien?

Anderson: Alle evolutionären Entwicklungen sind in gewisser Hinsicht Unfälle. Manchmal werden sie aber von menschlichem Verhalten verursacht. Die goldene Regel lautet, dass ein Organismus sich umso schneller verändern wird, je mehr selektiven Druck man auf ihn ausübt. Daher kommt es zur Resistenz gegen Antibiotika. Aber man kann einem Land nicht die Schuld am Unfall geben. Klar ist indes, dass in den nächsten 50 Jahren größere Epidemien eher noch häufiger ausbrechen werden, sowohl bei Menschen wie auch bei Tieren. Zum einen liegt das daran, dass wir eine Weltgemeinschaft sind. Ein Erreger, der in Bangkogk auftaucht, kann 14 Stunden später in London sein. Dann muss man den Transport von Tieren kreuz und quer über den Globus bedenken. Meine große Sorge bezüglich BSE in den nächsten Jahren sind Frankreich, Deutschland und Portugal, wo die Zahl der diagnostizierten Fälle kontinuierlich steigt. Das ist doch eigenartig. Die Inkubationszeit bei Tieren beträgt ungefähr fünf Jahre. Vor fünf Jahren aber wußte jeder in Europa schon über die Erfahrung Großbritanniens, man sollte also annehmen, dass entsprechende Vorkehrungen getroffen wurden.

die furche: Sie befürchten also, dass eine Regierung so lange nicht handelt, bis es in einem Land zu einer Epidemie kommt?

Anderson: Die Politik ist sehr nachlässig. In den nächsten Jahren könnte die Zahl der BSE-Fälle in Frankreich über das Niveau steigen, das wir in Großbritannien registrieren, wo wir letztes Jahr 1.200 Fälle hatten und dieses Jahr mit ungefähr 500 rechnen. Aber generell werden wir in diesem Jahrhundert infolge der Be-völkerungsdichte, der intensiven Landwirtschaft und unserer globalisierten Welt viele neue Krankheiten haben. Und viele werden sich zu großen Epidemien ausweiten. Die größte Sorge ist natürlich, dass eine Krankheit auftaucht, die über die Atemwege übertragen wird.

Das bedeutet: Kontrollen werden von großer Bedeutung sein. Europa ist da im Vergleich zu den USA oder Australien sehr nachlässig. Die EU muss sicherstellen, dass ausreichend viele Kontrollen durchgeführt werden. Sobald es zu ungewöhlichen Häufungen von Krankheiten kommt, muss man sofort reagieren. Nur wenn man etwas rechtzeitig entdeckt, hat man vernünftige Chancen, auch erfolgreich einzugreifen.

Das Gespräch führte Brigitte Voykowitsch.

Zur Person Professor Roy Anderson ist Leiter eines neuen Zentrums für Infektionskrankheiten und Epidemiologie an der medizinischen Fakultät des zur Universität London gehörenden Imperial College ernannt. Einer seiner Interessenschwerpunkte sind evolutionäre Mutationen. Seine Publikationen umfassen Studien zu HIV, Malaria, Virus- sowie bakteriellen Infektionen, Resistenz gegen Antibiotika. Er ist Mitglied der Königlichen Medizinischen Gesellschaft in Großbritannien sowie der Nationalen Akademie der Wissenschaften in den USA.

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