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Refugees - © Foto: Pixabay
Gesellschaft

Die prekäre Gefühlswelt der Flüchtlinge

1945 1960 1980 2000 2020

Kulturwissenschaftlerin Miriam Stock erforscht die Emotionen junger männlicher Syrer, die nach Europa geflüchtet sind. Im Interview spricht sie über europäische Pauschalisierungen, die syrische "Bedarfsgemeinschaft" und männliche Überforderung.

1945 1960 1980 2000 2020

Kulturwissenschaftlerin Miriam Stock erforscht die Emotionen junger männlicher Syrer, die nach Europa geflüchtet sind. Im Interview spricht sie über europäische Pauschalisierungen, die syrische "Bedarfsgemeinschaft" und männliche Überforderung.

Gefahrenpotenzial und patriarchale Gegenspieler westlicher Gesellschaften -von geflüchteten Männern und Migranten wird oft ein starres Bild gezeichnet. Kulturwissenschaftlerin Miriam Stock von der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd erforscht eine andere Seite: Die Gefühlswelt junger Syrer in Familien zwischen Nahost und Europa.

DIE FURCHE: Frau Dr. Stock, Sie beschäftigen sich mit Migration und Männlichkeit - angesichts von Terroranschlägen wie jüngst in London ein umstrittenes Thema...
Miriam Stock: Ich finde das Interesse gut. Nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch unter Sozialarbeitern. Gleichzeitig merkt man, wie wenig es wissenschaftlich zu Männlichkeit und Migration gibt. Das ist ein recht neues Forschungsfeld. Im deutschsprachigen Raum ist man in der Migrationsund Genderforschung auf Frauen und LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender) beschränkt. Gendersensible Studien zu Männern gibt es kaum.

DIE FURCHE: Woran liegt das?
Stock: Das ist eine schwierige Frage. Die Wissenschaft ist nur ein Spiegel der Gesellschaft. In dieser herrscht ein starres Bild vor, das Männer mit Macht oder Nicht-Macht in Verbindung bringt. Für ihre prekäre Gefühlswelt gibt es wenig Sensibilität. Das gilt noch stärker für Migranten aus dem Nahen Osten und Muslime. Männer werden auch weniger im Kontext von Familien betrachtet, obwohl alle wissen, dass sie als Väter, Brüder und Söhne ihre Rollen leben.

DIE FURCHE: In Ihrer aktuellen Studie über geflüchtete Syrer in transnationalen Familiennetzwerken stehen diese familiären Strukturen im Vordergrund. Wie kam es dazu?
Stock: Ich habe vor dem großen Flüchtlingszuzug in Beirut gelebt. Dabei habe ich im Alltag bemerkt, wie sich transnationale Strukturen auf familiäre Beziehungen auswirken. Das heißt, wenn Familien auf verschiedene Länder verstreut sind. Zurück in Deutschland habe ich festgestellt, wie wenig das Thema erforscht ist. Mich interessiert, welche Anforderungen und teilweise Überforderungen in dieser Situation auf syrische Männer zwischen 18 und 35 Jahren zukommen. Heute mehr denn je: Zwar gab es schon vor dem Krieg viele, die zum Beispiel in den Golfstaaten lebten und arbeiten. Aber mit dem Krieg ist das Ausmaß ein Anderes geworden. Familien wurden sehr abrupt auseinander gerissen und leben nun über mehrere Länder und Orte verteilt. Das hat Auswirkungen -auf Frauen wie Männer. Letztere scheinen besonders darunter zu leiden, weil sie sich unter Druck sehen, schnell ein neues Leben und Einkommen aufzubauen und sich gleichzeitig ihrer Familie verpflichtet fühlen.

DIE FURCHE: Sie sprechen von "verbindlicher Männlichkeit" ...
Stock: Ja, ich habe diesen Begriff für die Studie geformt. In Syrien wird Männlichkeit nicht individualisiert betrachtet, sondern Männer werden auch in ihren Beziehungen zur Familie wahrgenommen. Dabei stütze ich mich auf Studien der libanesischamerikanischen Anthropologin Suad Joseph, die meint, dass arabische Gesellschaften konnektive Gesellschaften sind, die auf Familienbeziehungen basieren. Das haben mir übrigens meine Interviewpartner bestätigt: Mit 18 Jahren findet nicht der Schritt in die Selbstständigkeit statt, sondern man fühlt sich sein Leben lang als Teil der Familie und für diese verantwortlich. Im Übrigen hat das auch ökonomische Gründe. So sind die Kinder oft für die Altersvorsorge der Eltern zuständig.

DIE FURCHE: Wie wirkt sich dieser Druck auf junge Geflüchtete aus?
Stock: Viele erleben Scham und Machtlosigkeit, weil sie ihren Familienmitgliedern nicht so helfen können, wie sie es wollen. Sie können nur 150 Euro nach Syrien schicken, weil sie selbst gerade einmal 300 bis 400 Euro Einkommen haben. Das Leben in Syrien ist sehr teuer geworden, die Lebensmittelpreise sind immens gestiegen, es gibt kaum Arbeit. Diese Scham überträgt sich auch auf die Familie in Syrien. Man erzählt bestimmte Dinge nicht, weil sie zu schwierig zu erklären wären. Dazu kommt das schlechte Gewissen: Selbst wenn es einem hier nicht so gut geht, den anderen in Syrien geht es übler. Und wenn sie Berufsanerkennung und Stellung haben, ist das zwar gut, weil sie ihre Familie nachholen können. Gleichzeitig aber leben sie mit großer Schuld, weil sie es geschafft haben. Sie haben etwa ein schlechtes Gewissen, Fotos von ihrem neuen Leben an ihre Familie zu schicken. Eher senden sie Bilder von einem Gericht aus der Heimat, das sie gekocht haben. Viele der Männer mussten außerdem von einem Tag auf dem anderen vorm Militärdienst fliehen. Sie leiden zusätzlich darunter, ihre Familie jahrelang nicht gesehen und keine Chance auf baldige Rückkehr zu haben. Noch dazu fühlen sie sich in Europa Pauschalisierungen und Verdächtigungen ausgesetzt, weswegen sie oft unter Anspannung stehen. Generell sind widersprüchliche Gefühle ständige Begleiter. Ein Interviewpartner hat es so formuliert: "Manchmal ist es für mich zu traurig, wenn wir miteinander sprechen und wenn wir nicht sprechen, ist es auch traurig."

DIE FURCHE: 2016 hat die Hilfsorganisation CARE die Stellung der syrischen Frauen in Migrationsländern untersucht und gesehen, dass es für Männer oft verwirrend ist, ja Aggressionen schüren kann, wenn die Frau plötzlich die Brötchen verdient. Können Sie das bestätigen?
Stock: Ich habe keine Konkurrenz gegenüber Frauen erlebt. Bei den Interviewpartnern war es so, dass zwar die Männer darunter leiden, aber ihre Frauen in Ankommen und Karriere sehr unterstützen. In einem Fall war er etwa Pädagoge, sie Ärztin. Er hat sie gefördert, selbst wenn sie auf Dauer mehr Geld verdient. Die Situation erzeugt keine Aggression, spielt aber natürlich eine Rolle fürs Selbstwertgefühl. Das sind jedoch nur meine qualitativen Beobachtungen.

DIE FURCHE: Das entspricht nicht unserem Bild vom Patriarchen ...
Stock: Natürlich herrschen in Syrien patriarchale Strukturen, das will ich nicht beschönigen. Das Land war schon vor dem Krieg durch Gewalt geprägt. Es gibt das Sprichwort: "Jede Familie hat einen kleinen Hafez al Assad." Einige meiner Gesprächspartner hatten autoritär-patriarchale Väter und sehr unter diesen gelitten. In meinen Interviews zeigt sich aber, dass viele Söhne um die Dreißig darüber reflektieren. Ein Gesprächspartner hat erzählt, dass er in einem autokratischen Haushalt aufgewachsen ist und selbst gewalttätig war. Durchs Studium in einer anderen Stadt und das Lesen gesellschaftskritischer Literatur hat er sich geändert. Ein Anderer, der unter seinem gewalttätigen Vater aufgewachsen ist, behandelt seine eigenen Kinder bewusst anders.

DIE FURCHE: Gibt es weitere unerwartete Erkenntnisse?
Stock: Neben den vielen widersprüchlichen Gefühlen finde ich spannend, dass Familien durch die Flucht und das Auseinanderreißen noch wichtiger werden, als sie in Syrien waren. Religion hingegen spielt in meiner Studie nur wegen der Zugehörigkeit zur Familie eine Rolle, aber nicht im übergeordneten Sinn. Das Thema "Islam" wird aus unserer europäischen Perspektive meiner Meinung nach viel zu starr wahrgenommen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die unterschiedlichen gesellschaftlichen Systeme reflektiert werden. In Europa wird als positiv wahrgenommen, dass alles aufs Individuum aufgebaut ist. Man hat das Gefühl, einerseits freier, andererseits aber auch einsamer und gegenüber Institutionen machtloser zu sein. In Syrien herrscht eine Bedarfsgemeinschaft. Eine Geschichte aus einem Interview ist etwa, dass der Vater aus dem Gefängnis gekommen ist, 2.000 Euro zusammengekratzt und diese sofort dem Sohn mit den Worten gegeben hat: "Geh weg, bring dich in Sicherheit!" Hier sparen dann viele selbstverständlich und ungefragt am Essen, nur um Geld in die Heimat zu schicken. Das ist für viele ein schönes Gefühl, überlastet aber auch.

DIE FURCHE: Die Hälfte der Interviews sind geführt. Wann ist die Studie fertig?
Stock: Nach den Interviews mit den Männern möchte ich syrische Frauen als Expertinnen zur Wahrnehmung ihrer männlichen Verwandten befragen. Erste Ergebnisse sollen in diesem Jahr publiziert werden. Ich werde an diesem Thema jedoch sicher zwei, drei Jahre sitzen. Vielleicht kommt eine zweite Studie, auch ein Buch ist geplant. Das kann aber noch dauern.

DIE FURCHE: Wenn Sie in die Zukunft schauen: Was möchten Sie mit Ihrer Arbeit bestenfalls erreicht haben?
Stock:
Zu allererst möchte ich auf die teilweise sehr prekäre Situation aufmerksam machen, in denen sich geflüchtete Männer befinden. Weg von Stereotypen. Weg vom Bild des Homo oeconomicus, der funktionieren muss. Ich möchte, dass es mehr Verständnis dafür gibt, wenn diese Männer unter Depressionen leiden, sie sich überfordert fühlen und es ihnen schwer fällt, jeden Morgen aufzustehen. In der Sozialarbeit herrscht außerdem großer Bedarf daran, gerade mit geflüchteten Männern gendersensibler arbeiten zu können. Da möchte ich Lösungsansätze vermitteln, mit deren Sprachlosigkeit und Scham besser umzugehen. Vielleicht geht es aber auch nur darum zu zeigen, dass wir eigentlich gar nicht so unterschiedlich sind.

Gefahrenpotenzial und patriarchale Gegenspieler westlicher Gesellschaften -von geflüchteten Männern und Migranten wird oft ein starres Bild gezeichnet. Kulturwissenschaftlerin Miriam Stock von der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd erforscht eine andere Seite: Die Gefühlswelt junger Syrer in Familien zwischen Nahost und Europa.

DIE FURCHE: Frau Dr. Stock, Sie beschäftigen sich mit Migration und Männlichkeit - angesichts von Terroranschlägen wie jüngst in London ein umstrittenes Thema...
Miriam Stock: Ich finde das Interesse gut. Nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch unter Sozialarbeitern. Gleichzeitig merkt man, wie wenig es wissenschaftlich zu Männlichkeit und Migration gibt. Das ist ein recht neues Forschungsfeld. Im deutschsprachigen Raum ist man in der Migrationsund Genderforschung auf Frauen und LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender) beschränkt. Gendersensible Studien zu Männern gibt es kaum.

DIE FURCHE: Woran liegt das?
Stock: Das ist eine schwierige Frage. Die Wissenschaft ist nur ein Spiegel der Gesellschaft. In dieser herrscht ein starres Bild vor, das Männer mit Macht oder Nicht-Macht in Verbindung bringt. Für ihre prekäre Gefühlswelt gibt es wenig Sensibilität. Das gilt noch stärker für Migranten aus dem Nahen Osten und Muslime. Männer werden auch weniger im Kontext von Familien betrachtet, obwohl alle wissen, dass sie als Väter, Brüder und Söhne ihre Rollen leben.

DIE FURCHE: In Ihrer aktuellen Studie über geflüchtete Syrer in transnationalen Familiennetzwerken stehen diese familiären Strukturen im Vordergrund. Wie kam es dazu?
Stock: Ich habe vor dem großen Flüchtlingszuzug in Beirut gelebt. Dabei habe ich im Alltag bemerkt, wie sich transnationale Strukturen auf familiäre Beziehungen auswirken. Das heißt, wenn Familien auf verschiedene Länder verstreut sind. Zurück in Deutschland habe ich festgestellt, wie wenig das Thema erforscht ist. Mich interessiert, welche Anforderungen und teilweise Überforderungen in dieser Situation auf syrische Männer zwischen 18 und 35 Jahren zukommen. Heute mehr denn je: Zwar gab es schon vor dem Krieg viele, die zum Beispiel in den Golfstaaten lebten und arbeiten. Aber mit dem Krieg ist das Ausmaß ein Anderes geworden. Familien wurden sehr abrupt auseinander gerissen und leben nun über mehrere Länder und Orte verteilt. Das hat Auswirkungen -auf Frauen wie Männer. Letztere scheinen besonders darunter zu leiden, weil sie sich unter Druck sehen, schnell ein neues Leben und Einkommen aufzubauen und sich gleichzeitig ihrer Familie verpflichtet fühlen.

DIE FURCHE: Sie sprechen von "verbindlicher Männlichkeit" ...
Stock: Ja, ich habe diesen Begriff für die Studie geformt. In Syrien wird Männlichkeit nicht individualisiert betrachtet, sondern Männer werden auch in ihren Beziehungen zur Familie wahrgenommen. Dabei stütze ich mich auf Studien der libanesischamerikanischen Anthropologin Suad Joseph, die meint, dass arabische Gesellschaften konnektive Gesellschaften sind, die auf Familienbeziehungen basieren. Das haben mir übrigens meine Interviewpartner bestätigt: Mit 18 Jahren findet nicht der Schritt in die Selbstständigkeit statt, sondern man fühlt sich sein Leben lang als Teil der Familie und für diese verantwortlich. Im Übrigen hat das auch ökonomische Gründe. So sind die Kinder oft für die Altersvorsorge der Eltern zuständig.

DIE FURCHE: Wie wirkt sich dieser Druck auf junge Geflüchtete aus?
Stock: Viele erleben Scham und Machtlosigkeit, weil sie ihren Familienmitgliedern nicht so helfen können, wie sie es wollen. Sie können nur 150 Euro nach Syrien schicken, weil sie selbst gerade einmal 300 bis 400 Euro Einkommen haben. Das Leben in Syrien ist sehr teuer geworden, die Lebensmittelpreise sind immens gestiegen, es gibt kaum Arbeit. Diese Scham überträgt sich auch auf die Familie in Syrien. Man erzählt bestimmte Dinge nicht, weil sie zu schwierig zu erklären wären. Dazu kommt das schlechte Gewissen: Selbst wenn es einem hier nicht so gut geht, den anderen in Syrien geht es übler. Und wenn sie Berufsanerkennung und Stellung haben, ist das zwar gut, weil sie ihre Familie nachholen können. Gleichzeitig aber leben sie mit großer Schuld, weil sie es geschafft haben. Sie haben etwa ein schlechtes Gewissen, Fotos von ihrem neuen Leben an ihre Familie zu schicken. Eher senden sie Bilder von einem Gericht aus der Heimat, das sie gekocht haben. Viele der Männer mussten außerdem von einem Tag auf dem anderen vorm Militärdienst fliehen. Sie leiden zusätzlich darunter, ihre Familie jahrelang nicht gesehen und keine Chance auf baldige Rückkehr zu haben. Noch dazu fühlen sie sich in Europa Pauschalisierungen und Verdächtigungen ausgesetzt, weswegen sie oft unter Anspannung stehen. Generell sind widersprüchliche Gefühle ständige Begleiter. Ein Interviewpartner hat es so formuliert: "Manchmal ist es für mich zu traurig, wenn wir miteinander sprechen und wenn wir nicht sprechen, ist es auch traurig."

DIE FURCHE: 2016 hat die Hilfsorganisation CARE die Stellung der syrischen Frauen in Migrationsländern untersucht und gesehen, dass es für Männer oft verwirrend ist, ja Aggressionen schüren kann, wenn die Frau plötzlich die Brötchen verdient. Können Sie das bestätigen?
Stock: Ich habe keine Konkurrenz gegenüber Frauen erlebt. Bei den Interviewpartnern war es so, dass zwar die Männer darunter leiden, aber ihre Frauen in Ankommen und Karriere sehr unterstützen. In einem Fall war er etwa Pädagoge, sie Ärztin. Er hat sie gefördert, selbst wenn sie auf Dauer mehr Geld verdient. Die Situation erzeugt keine Aggression, spielt aber natürlich eine Rolle fürs Selbstwertgefühl. Das sind jedoch nur meine qualitativen Beobachtungen.

DIE FURCHE: Das entspricht nicht unserem Bild vom Patriarchen ...
Stock: Natürlich herrschen in Syrien patriarchale Strukturen, das will ich nicht beschönigen. Das Land war schon vor dem Krieg durch Gewalt geprägt. Es gibt das Sprichwort: "Jede Familie hat einen kleinen Hafez al Assad." Einige meiner Gesprächspartner hatten autoritär-patriarchale Väter und sehr unter diesen gelitten. In meinen Interviews zeigt sich aber, dass viele Söhne um die Dreißig darüber reflektieren. Ein Gesprächspartner hat erzählt, dass er in einem autokratischen Haushalt aufgewachsen ist und selbst gewalttätig war. Durchs Studium in einer anderen Stadt und das Lesen gesellschaftskritischer Literatur hat er sich geändert. Ein Anderer, der unter seinem gewalttätigen Vater aufgewachsen ist, behandelt seine eigenen Kinder bewusst anders.

DIE FURCHE: Gibt es weitere unerwartete Erkenntnisse?
Stock: Neben den vielen widersprüchlichen Gefühlen finde ich spannend, dass Familien durch die Flucht und das Auseinanderreißen noch wichtiger werden, als sie in Syrien waren. Religion hingegen spielt in meiner Studie nur wegen der Zugehörigkeit zur Familie eine Rolle, aber nicht im übergeordneten Sinn. Das Thema "Islam" wird aus unserer europäischen Perspektive meiner Meinung nach viel zu starr wahrgenommen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die unterschiedlichen gesellschaftlichen Systeme reflektiert werden. In Europa wird als positiv wahrgenommen, dass alles aufs Individuum aufgebaut ist. Man hat das Gefühl, einerseits freier, andererseits aber auch einsamer und gegenüber Institutionen machtloser zu sein. In Syrien herrscht eine Bedarfsgemeinschaft. Eine Geschichte aus einem Interview ist etwa, dass der Vater aus dem Gefängnis gekommen ist, 2.000 Euro zusammengekratzt und diese sofort dem Sohn mit den Worten gegeben hat: "Geh weg, bring dich in Sicherheit!" Hier sparen dann viele selbstverständlich und ungefragt am Essen, nur um Geld in die Heimat zu schicken. Das ist für viele ein schönes Gefühl, überlastet aber auch.

DIE FURCHE: Die Hälfte der Interviews sind geführt. Wann ist die Studie fertig?
Stock: Nach den Interviews mit den Männern möchte ich syrische Frauen als Expertinnen zur Wahrnehmung ihrer männlichen Verwandten befragen. Erste Ergebnisse sollen in diesem Jahr publiziert werden. Ich werde an diesem Thema jedoch sicher zwei, drei Jahre sitzen. Vielleicht kommt eine zweite Studie, auch ein Buch ist geplant. Das kann aber noch dauern.

DIE FURCHE: Wenn Sie in die Zukunft schauen: Was möchten Sie mit Ihrer Arbeit bestenfalls erreicht haben?
Stock:
Zu allererst möchte ich auf die teilweise sehr prekäre Situation aufmerksam machen, in denen sich geflüchtete Männer befinden. Weg von Stereotypen. Weg vom Bild des Homo oeconomicus, der funktionieren muss. Ich möchte, dass es mehr Verständnis dafür gibt, wenn diese Männer unter Depressionen leiden, sie sich überfordert fühlen und es ihnen schwer fällt, jeden Morgen aufzustehen. In der Sozialarbeit herrscht außerdem großer Bedarf daran, gerade mit geflüchteten Männern gendersensibler arbeiten zu können. Da möchte ich Lösungsansätze vermitteln, mit deren Sprachlosigkeit und Scham besser umzugehen. Vielleicht geht es aber auch nur darum zu zeigen, dass wir eigentlich gar nicht so unterschiedlich sind.