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Die späte Erfüllung

Zum Schluß noch einige Bemerkungen über Lebenskunst im Alter. Entscheidend hiefür ist die Einsicht: Das Alter ist mein Alter. Wir wissen aus der Forschung, daß sich die Menschen, je älter sie werden, desto stärker als unwiederbringliche, unwiederholbare Persönlichkeiten entwickeln. Es gibt nicht ein, es gibt viele Alter. Es gibt mein Alter, dein Alter und nur beschränkt "unser Alter". Es ist zum Beispiel für die Familien schwierig zu ertragen, daß jeder anders altert. Doch ist es ein großes Zeichen menschlicher Freiheit und eine Art von Explosion von Direktheit in dieser Welt. "Aus deinem innersten Grunde", schrieb Meister Eckehart im 14. Jahrhundert, "sollst du alle deine Werke wirken ohne Warum." Denn Gott "begehrt nicht mehr von dir, als daß du von dir selbst ausgehest, deiner kreatürlichen Seinsweise nach" (6. Predigt). Im dritten Kapitel des Johannesevangeliums wird das Neugeboren-Werden als Chance verkündet, mich zu erneuern, als "meine" Chance. Auch - und gerade - das Alter ist mein Alter. So wie auch der Tod mein Tod sein wird.

Erstens: Ich empfehle für jeden Tag, an dem es möglich ist, die Abenddämmerung wahrzunehmen, den Satz des Vergil zu sprechen: "Fugit inreparabile tempus." (Georgica III, 284) Das heißt: "Es flieht die nicht mehr zurückholbare Zeit." Schöner ist noch der Klang des "inreparabile". Am Vergangenen kann nichts mehr repariert werden ...

Heute abend ist die Zeit des heutigen Tages vergangen. Das Alter bietet Entwicklungschancen, wenn auch mit jedem Tag unsere Lebenszeit geringer wird.

Dieses Bewußtsein ist dem heutigen Menschen unerhört schwer zu vermitteln, weil ihm ja eine falsche Kontinuität und Zeitlosigkeit vorgespiegelt wird. Bei aller Notwendigkeit, sich im Zeitalter der Globalisierung mit den außereuropäischen Weltreligionen zu befassen und den großen Wert östlich-meditativen Denkens zu erkennen, werden doch, im Hinblick auf das Altern, jüdisch-christliche Elemente lebenspraktisch hilfreich, wenn wir einige ihrer Wurzeln, so die Erneuerungsforderung, hin betrachten.

Das Christentum wies Altersprivilegien und Sippengeist zurück. Es überwand eine Parteinahme für eine bestimmte Altersgruppe, wenn die Predigt Jesu auch die Kinder besonders hervorhebt. Das Christentum schärfte auf jeden Fall die Aufmerksamkeit dafür, daß das Leben, das uns als einzelnen geschenkt ist, und das wir nun viel länger zu leben vermögen, das einzige ist, über das wir verfügen.

Zweitens: Einmal in der Woche sich in der Natur zu vergegenwärtigen, was mich überlebt - den Baum, den Berg zu sehen. Man muß sich in Gedanken nahe bringen, daß das eigene Leben kurz und begrenzt ist, und daß sich vieles in der Natur in einem Weiterführungsprozeß von oft unvorstellbarer Dauer zu erstrecken vermag. Man kann durch das Gestein inne werden, wie lange schon die Geschichte der Erde währt und wie kurz demgegenüber unser eigenes Leben ist.

Drittens: Einmal in der Woche jemandem durch einen Anruf oder eine Aufmerksamkeit Zuwendung zu geben, einen Alten oder Jungen bewußt einzubeziehen.

Viertens: Über das Gewohnteste nachdenken, ob es so sein muß, wie es ist, im Verhältnis zum eigenen Mann, zur Schwiegertochter, zu den Enkeln, zur Schwester oder zum Bruder. Muß es so sein, oder könnte es auch anders sein?

Das wäre ein Versuch, von der Fähigkeit Gebrauch zu machen, sich neu "gebären" zu lassen. Hiezu gibt es einen geistigen Führer, nämlich Meister Eckhart, der sagt: "Wer alle Dinge empfangen will, der muß auch alle Dinge hergeben." Muß man alles behalten? Kann der Älter-Gewordene, der sich mit seiner Endlichkeit befreundet, von dem was er hat, etwas hergeben?

In Soziologie und Psychiatrie spricht man von der Haltung der "Generativität". Damit meint man, daß man sich verpflichtet fühlen sollte, den neuen Generationen etwas zu geben, offen zu sein, Anlaufpunkt zu sein. Wir gewannen 1999 in Österreich empirische Daten, wonach gerade die bis 30jährigen sich zu zwei Drittel beklagen, daß sie mit den Älteren und mit den Alten nicht genug Aussprachemöglichkeiten haben. Nachdenken könnte sich entfalten über das, was unsere alltägliche Praxis ist.

Fünftens: Wir bleiben uns selber eine Aufgabe, bis zum letzten Augenblick. Achte darauf, welche Herausforderung du dir zumuten kannst und welche du zurückweisen mußt. Der altgewordene Bergsteiger muß sich fragen: auf welche Herausforderung einer Leistung er sich mit welchen Menschen unter welchen Bedingungen und mit welchem Vortraining einlassen kann? Verzichten ist eine ebenso wichtige Voraussetzung für die Gesundheit wie die bejahte Selbstherausforderung.

Im Alter muß man unterscheiden lernen, welche Herausforderung man annehmen kann und welche man zurückweisen sollte, was man behalten und was man wegschenken soll.

Im Alter kann der Mensch, sollte er, solange er seinen Geist und seine Gefühle zu lenken und das Leben zu führen vermag, radikaler werden als je zuvor. Verzichten kann ebenso befreiend sein wie etwas zu erbitten. Selbstbejahung, "Amor sui", ist ein großartiger Weg. Selbstliebe hielt der Heilige Thomas von Aquin für den Ausgangspunkt der Gottesliebe und der Nächstenliebe. Darauf kann man spät im Leben noch eingehen, vielleicht besser als zuvor.

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