#Scham

Scham

Kerker - © Bild: Karin Birner
Gesellschaft

Die Unterwerfung

1945 1960 1980 2000 2020

Durch den Ausdruck von Gefühlen werden Geschlechterrollen mitkonstruiert: Über Scham und Zorn bei Frau und Mann.

1945 1960 1980 2000 2020

Durch den Ausdruck von Gefühlen werden Geschlechterrollen mitkonstruiert: Über Scham und Zorn bei Frau und Mann.

Scham spielt eine zentrale Rolle, um Herrschaft abzusichern. Die Suggestion eines Normverstoßes bedeutet, der beschämten Person die Verantwortung zuzuschreiben: „Du musst dich schämen, weil du dich falsch verhalten hast.“ Dies hat ein Vermeidungsverhalten zur Folge, um Handlungen, die erneute Beschämung auslösen könnten, gar nicht erst zu setzen.

Ich gehe nicht von einem unterschiedlichen Ausmaß an Aggression bei Frauen und Männern aus. Sie werden jedoch sozialisiert, ihre Gefühle tendenziell unterschiedlich zu zeigen. In bestimmten Situationen sind von Frauen und Männern unterschiedliche Arten des Gefühlsausdrucks normativ gefordert. Die leiblichen Empfindungen von Scham und Zorn lassen sich folgendermaßen beschreiben: Scham wird als Verengung erlebt, Zorn hingegen als Weitung.

Schrumpfen und versinken

Der Bewegungsimpuls bei der Scham ist ein Sich-Ducken, Schrumpfen und Versinken; im Zorn dagegen richtet sich der Bewegungsimpuls nach oben und außen, er „sprüht“ nach allen Seiten, wie die Metaphern des „Platzens“ und „Aus-der-Haut-Fahrens“ nahelegen. Zorn aktiviert mit Durchsetzungs- und Dominanzanspruch, Scham passiviert mit Beugungs- und Unterwerfungsneigung. Scham ist symbolisch weiblich konnotiert (die weibliche „Scham“ als Körperregion), Zorn als aggressiv nach außen gewendetes Gefühl dagegen eher männlich. Zorn und Scham sind als einander leiblich entgegengesetzte Gefühle potenziell ineinander überführbar. Ob man mit Zorn oder Scham auf eine Situation reagiert, hängt davon ab, ob man sich selbst oder den Anderen im Unrecht glaubt. Das wiederum hängt davon ab, was die je spezifische Geschlechterordnung für Frauen und Männer vorsieht – darf sich eine Frau als verletzungsmächtig und ein Mann als verletzlich zeigen? Welche Sanktionen ziehen Verhaltensweisen nach sich, die nicht den Geschlechterrollen entsprechen?