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"Die Weltreise für alle“

Was bedeutet den Menschen der Urlaub, wie hat sich das Reiseverhalten verändert, und wie werden wir in Zukunft reisen? Peter Zellmann, Leiter des Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung, im FURCHE-Interview.

Das Gespräch führte Sylvia Einöder

Über die Schizophrenie der heimischen Tourismusbranche, das Comeback der Badeorte an der oberen Adria und den Tod der Sommerfrische berichtet der Urlaubsforscher Peter Zellmann.

Die Furche: Die Menschen waren immer schon mobil. Seit wann können wir von einem bewussten "Verreisen“ sprechen?

Peter Zellmann: In der Monarchie war das ein Privileg des Adels und der Großbürger: Meist sind Frau und Kinder in die Sommerfrische geschickt worden. Die Männer sind am Wochenende zu Besuch gekommen. Aber den Gebührenurlaub hat es ja erst nach dem Ersten Weltkrieg gegeben. Das viel gelästerte 13. und 14. Urlaubsgehalt ist erst in der Zwischen- und Nachkriegszeit gekommen. Der Urlaub hat sich von einer Woche zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf mittlerweile sechs Wochen ausgedehnt. Er ist zum klassischen Wohlstandsphänomen geworden, quasi ein Indikator, wieviel Sozialstaat wir uns leisten. Parallel dazu entstand vor 60 Jahren der Massentourismus.

Die Furche: Gibt es in allen Kulturen, auch in den indigenen, eine Form des Reisens?

Zellmann: Der Entdecker- und Forscherdrang und die damit verbundene Mobilität sind archetypisch in uns angelegt. Seinen Ursprung hat das Reisen im Jagen und Sammeln: Ich muss mobil sein, um zu überleben. Reisen setzt aber einen Entdeckerdrang jenseits der Existenzabsicherung voraus. Derzeit erleben wir ja das Gegenteil: Die Warnung vor dem Massentourismus und den ökologischen Gefahren. "Fliegt nicht! Lasst uns unsere Natur!“ Erst nach zwei Generationen des Tourismus werden uns die Risiken bewusst und wir müssen einen Ausgleich zwischen Ökonomie und Ökologie finden. Die Furche: Wie könnte die Reisekultur gegen Ende des 21. Jahrhunderts aussehen?

Zellmann: Ein Ziel des nächsten Jahrhunderts ist sicher die Weltreise für alle. So wie jeder Europäer einmal Wien sehen will, wird jeder Weltbürger einmal um die Welt reisen. Ob das mit umweltfreundlichen Verkehrsmitteln passieren wird und wie lange man dafür brauchen wird, ob es die Wirtschaft zulässt, ob dazwischen nicht ein Terroranschlag oder Atomkrieg alles in Frage stellt, wissen wir nicht. Der Tourismus ist ungemein abhängig von der globalen Gesamtlage, Klima oder Naturkatastrophen. Politische Unruhen zerstören eine Destination für zehn Jahre, wie etwa in Ägypten.

Die Furche: Was bedeutet uns das Reisen?

Zellmann: Auf die Frage, "Wenn du mehr Geld hättest, wofür würdest du es ausgeben?“, antworten die meisten mit "reisen“. Wenn man fragt, "Wo würdest du als erstes sparen?“, kommt wieder dieselbe Antwort. Den Flug etwa absolvieren die Leute immer widerwilliger: Die unangenehmen Sicherheitskontrollen, etc. Kaum taucht eine Alternative wie der Railjet auf, steigen die Leute um. Der erholsame Badeurlaub ist für Frauen wie Männer die wichtigste Urlaubsmotivation. Kinder haben eine viel individuellere Erwartungshaltung. Sie brauchen Freiräume im Urlaub, die nicht so machbar und kaufbar sind wie für Erwachsene.

Die Furche: Machen die Österreicher besonders gerne Urlaub im eigenen Land?

Zellmann: Ja. Insgesamt verreisen die Österreicher weniger, denn wir haben auch im Inland attraktive Freizeitmöglichkeiten. 40 Prozent der Österreicher machen Urlaub auf Balkonien. Davon kann sich nur die Hälfte das Verreisen nicht leisten, die andere Hälfte bleibt bewusst einmal zu Hause. Die Leute empfinden es zunehmend als Lebensqualität, sich den Reisestress zu ersparen und den Freizeitwert ihrer Region zu genießen. Die zweitgrößte Reisegruppe ist der Inlandsurlauber mit etwa 15 Prozent.

Die Furche: Der heimische Tourismus hat sich in den letzten 20 Jahren stark verändert. In vielen Kärntner Tourismusorten gab es vor 20 Jahren viel mehr Sommergäste.

Zellmann: Der Kärnten Tourismus hat den Übergang verschlafen weg von den langen Urlauben und hin zum Zweiturlaubsland. Österreich hat sich zum Zweiturlaubsland entwickelt. Das Tourismusangebot für so einen drei- bis fünftägigen Urlaub muss ganz anders aufgestellt sein, mit Events, Kultur etc. Kurzurlauber wollen in der halben Zeit dasselbe erleben. Den Pyramidenkogel schaut man sich einmal an, aber deshalb kommt man nicht wieder. Die Österreich-Werbung ist zwar perfekt im Anpreisen, aber die Versprechungen werden vor Ort oft nicht eingelöst.

Die Furche: Kärnten wirbt ja mit "Urlaub bei Freunden“:

Zellmann: Das ist ein klassisches Beispiel für eine emotionale Überschrift, die im Alltag nicht gelebt wird. Diese Schizophrenie findet sich in einigen Urlaubsregionen. Wenn in einem Ausflugs-lokal nur Pensionsgäste bedient werden, nicht stattfindende Events angekündigt werden, Wegmarkierungen fehlen, werden diese Mankos in der Erzählung daheim transportiert. Das Tourismusangebot müsste von möglichst vielen Einheimischen gestaltet werden, um gemeinsam Gastgeber zu werden.

Die Furche: Wer macht noch den klassischen Italien-Urlaub an der oberen Adria? Werden diese Destinationen weitervererbt?

Zellmann: Ja. Nach der Krise 2008 entspricht die obere Adria auch dem Trend "näher und billiger“ und erlebt eine Renaissance. Die Kinder der Lignano-Urlauber fahren jetzt wieder dort hin mit ihren Kindern, nachdem sie die Welt gesehen haben.

Die Furche: Was ist von der traditionellen Sommerfrische übrig geblieben?

Zellmann: Nicht viel. Nur in der Wiese liegen und die Seele baumeln lassen ist nicht mehr gefragt. Für Kinder war die Sommerfrische immer langweilig. Den Inlandsurlaub gibt es heute als naturnahen Erlebnisurlaub in der Kombination von Berge und Seen.

Die Furche: Heute können sich mehr Menschen Langstrecken-Flüge leisten als früher. Was gilt denn überhaupt noch als Luxus?

Zellmann: Genauso wie vor 30 Jahren sagen auch heute nur zehn Prozent der Bevölkerung: "Geld spielt im Urlaub keine Rolle.“ Weil fliegen billiger geworden ist, kommen die Menschen weiter. Doch drei Viertel der Gäste buchen Drei Sterne und haben individuelle Vorstellungen von Qualität. Es sind die kleinen Erlebnisse, die man mit heim nimmt, etwa eine besondere Aussicht.

Die Furche: Gibt es geschlechterspezifische Auffälligkeiten im Reiseverhalten? Zellmann: Ein Drittel der Studentinnen verwendet die letzte Studienzeit zum Reisen. Sie sind mindestens ein halbes Jahr in der Welt unterwegs, jobben vor Ort, um die Weiterreise finanzieren zu können. Junge Männer sind viel weniger mobil als sie vorgeben, eher beim Darüber-Reden und beim Zuschauen der Formel 1.

Die Furche: Wie hat das Online-Buchen die Reisebranche verändert?

Zellmann: Touristen haben online die Möglichkeit, alles zu überprüfen, sich auszutauschen. Viele suchen online die Destination, buchen den Flug selbst, aber das Hotel doch im Reisebüro. Die Reisebüros positionieren sich nun mehr mit der Beratung und besonderen Angeboten wie etwa der Bildungs-, Erlebnis- oder Kreuzreise.

Die Furche: Wie wirkt sich die wachsende soziale Schere auf das Reiseverhalten aus?

Zellmann: Vorerst nicht, weil die obersten fünf Prozent, die immer mehr haben, nicht entscheidend sind für den Tourismus, und die unteren 15 Prozent sowieso nie verreisen. Der prognostizierte Einbruch im Zuge der Wirtschaftskrise ist nicht passiert. Kaum jemand, der verreisen will, verzichtet darauf. Urlaub ist die populärste Form von Glück, nach Weihnachten die emotional aufgeladenste Zeit des Jahres.

Bin dann mal weg

Die Sommerferien haben begonnen - Zeit, die Koffer zu packen! Doch nicht für jede Familie ist ein Urlaub leistbar. Für sie gibt es die Charity Ressorts der Initiative "Global Family“. Reiselustige, die einmal anders verreisen möchten, erzählen von ihren Erfahrungen mit Häusertausch oder der Plattform "Couchsurfing“. Und so mancher bleibt sogar freiwillig daheim.

Redaktion: Sylvia Einöder

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