Die Wiedergeburt der Dienstbotenklasse

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"Die Zukunft der Arbeitswelt ist weiblich" predigen derzeit wieder die Trendforscher. Ein schwacher Trost für jene Frauen, die "preisgünstig" jobben müssen.

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"Die Zukunft der Arbeitswelt ist weiblich" predigen derzeit wieder die Trendforscher. Ein schwacher Trost für jene Frauen, die "preisgünstig" jobben müssen.

Da sitzt sie nun, das illustrative Beispiel jeder Podiumsdiskussion über "die Globalisierung und ihre Folgen" und fährt wacker weiter mit dem piepsenden Scanner über den großen Warenhaufen. Die Kassierin im Supermarkt, der stets das Mitleid der Diskutierenden gilt. "Es ist nochmal gut gegangen", würde sie vielleicht denken, wenn hätte sie nur Zeit gehabt hätte, die Zeitungen zu lesen. Solche, die sich mehr mit ihren brennenden Problemen als mit jenen von mutmaßlichen "Feuerteufeln" befassen. Oder mehr mit Welthandel als mit Ladendieben.

"Das WTO-Fiasko: Die Globalisierung macht Pause", betitelt die deutsche ZEIT eine Analyse zum Scheitern der Verhandlungen der Welthandelsorganisation in Seattle. Vorerst sei Schluß mit dem Globalisierungsfieber. Eine Atempause, sagt dazu Harvard-Ökonom Dani Rodrik, sei doch auch eine gute Sache. Immerhin sinkt die öffentliche Unterstützung des freien Handels, wie auch die Demonstrationen gegen den ungehemmten freien Markt in Seattle gezeigt haben. Der US-Ökonom Edward Luttwak ("Turbo-Kapitalismus", Europa Verlag, Hamburg) sieht wenig wirksame Maßnahmen, die den negativen Folgen der Globalisierung entgegengesetzt werden. Um Jobs zu schaffen, meint er in einem Interview zum Thema "Der Kapitalismus macht ungleich", gebe es nur den angloamerikanischen Weg. Und der schafft viele Jobs, wenn auch schlecht bezahlte. Typische "McJobs" eben, die im deutschsprachigen Raum, der große Worte liebt, jetzt unter dem Oberbegriff "atypischer Beschäftigung" aufscheinen. "Die Gewinner des Turbokapitalismus stellen Gärtner, Kindermädchen, Köche und Wachmänner ein", analysiert Edward Luttwak das US-amerikanische Jobwunder. Der dortige Beschäftigungsgewinn, meint der Wirtschaftsforscher, resultiert allein aus der Wiedergeburt der Dienstbotenklasse. McJobber arbeiten billig, sind immer zur Stelle, wenn man sie braucht. Und - sie gehen wieder, ohne zu murren. "Mein Sohn in Amerika hat es geschafft", erzählt ein Wiener Arbeitsloser, "Mit viel Fleiß. Er repariert Waschmaschinen. Wenn sie um Mitternacht kaputt sind, repariert er eben um Mitternacht. Wo darf man denn das in Österreich?"

Schlechtes Image In Österreich gibt es den McJobber im Grunde eigentlich gar nicht. (Außer der Böse werkt "schwarz". Aber wer läßt schon um Mitternacht einen, der nicht Deutsch kann, bei der Tür herein?) Es gibt, um in der sozialversicherungstechnischen Diktion zu bleiben, sozusagen echte, McJob-ähnliche Tätigkeiten. Ihr Wesen ist ein wenig diffus, ihr Image schlecht. Meist sind es Arbeiten, die keine besondere Qualifikation erfordern. Preisschilder scannen, putzen oder Bier zapfen kann ja doch fast jeder. Meist werden sie von Frauen ausgeübt. Von den im Februar des Vorjahres gemeldeten 181.611 geringfügig Beschäftigten waren es 131.000. Für manche ist sie der erste Schritt zum Wiedereinstieg, für jüngere und arbeitslose ein Zusatzverdienst neben Kinderbetreuung oder Arbeitssuche. Für 90.000 Frauen in Österreich ist sie die einzige Quelle baren Geldes aus eigenem Erwerb.

Alte Menschen werden nicht gescannt, sondern immer noch gepflegt. Und oft mögen die geringfügig Gepflegten und die Betreuenden einander. "Die alte Dame, zu der ich gehe, ist schon über 90. Es ist ihr kalt daheim. Sie heizt nicht, obwohl sie eine Heizung hat und Geld. Aber sie hört halt schon Stimmen und glaubt, die kommen übers Gasrohr." Die Betreuerin ist auch schon über 40 und würde "liebend gern nur im Sozialdienst sein, statt arbeitslos und ein paar Schilling dazuverdienen dürfen, gnadenhalber." Immerhin: 3.977 Schilling sind es seit erstem Jänner 2000, um 78 Schilling mehr als im abgelaufenen Jahrhundert. "Eine Pfennigfuchserei, eigentlich", meint eine junge Mutter, die aushilfsweise an einer Supermarktkasse sitzt. (Ja, wieso eigentlich nicht 3.999,90?) Zu Spitzenzeiten, meist an den langen Einkaufssamstagen, wird sie telephonisch angefordert.

Sie hat dabei noch Glück, das Betriebsklima ist gut, personelle Engpässe an der Kasse sind vorhersehbar und die Omi ist flexibel. Die paar Stunden pro Woche macht ihr das Scannen sogar Spaß. "Ein bißchen unter die Leut' kommt man und manchmal kommt man sogar ins Reden. Das ist besser als putzen. Und an der Kassa gehört schon Vertrauen auch dazu," sagt sie ein wenig stolz.

Handelsketten bevorzugen dennoch ehemalige Mitarbeiter, etwa pensionierte Filialleiter, für die gehobeneren stundenweisen Aushilfsjobs. "Immerhin kennen sie die Gebräuche des Hauses und man kennt sie", weiß ein Experte der Arbeiterkammer. Es liegt daher nahe, daß verlängerte Einkaufszeiten demnach nicht unbedingt mehr Jobs für mehr Menschen bedeuten.

Geringfügig Beschäftigte sind vor allem im Handel, Dienstleistungsbereich und Gastgewerbe tätig. Sozial- und arbeitsrechtlich gesehen, gibt es den McJob in Österreich aber gar nicht. Wer geringfügig beschäftigt ist, (das erlaubte Einkommensmaximum beträgt 3.977 Schilling monatlich) ist seinen Voll- und Teilzeitkollegen völlig gleichgestellt. Einzige Ausnahme: Auf Arbeitslosenentschädigung besteht kein Anspruch. Würden alle (rechtlichen) Spielregeln eingehalten, so entstünden dem Dienstgeber die gleichen Kosten wie für Vollentgoltene, weiß Tom Schmid, Grundlagenforscher der Gewerkschaft der Privatangestellten, GPA. Sie hätten im Grunde sogar mehr Aufwand, ihre stundenweisen Mitarbeiter zu verwalten. Deren Urlaubskonten etwa, oder Ansprüche aus dem Kollektivvertrag, wie Entgeltfortzahlung oder Mindesteinkommensbestimmungen.

Wenig Sicherheiten Der Unterschied zwischen McJob und geringfügiger Beschäftigung liegt vor allem in der sozialrechtlichen Absicherung. Seit zwei Jahren kann man sich auch freiwillig selbst versichern. 561 Schilling kostet die Kranken- und Pensionsversicherung. Vor allem für Frauen ist diese Möglichkeit, eine große Erleichterung.

Ob es tatsächlich auch ein wirksamer Schritt gegen die Altersarmut ist, bezweifelt eine weißgelockte Dame, Zuhörerin einer Podiumsdiskussion zum Thema "Zukunft der Arbeit": "Wieviel Pension krieg ich da? Ein paar Schilling?" Besser als nichts, sagt die frühere Frauensekretärin des Gewerkschaftsbundes, Elisabeth Rolzhauser. Solange es keine bedarfsorientierte Mindestsicherung gibt, ist auch die geringste Form der Absicherung in prekären Arbeitsverhältnissen ein Fortschritt - um den manche allerdings bereits auch schon wieder wieder fürchten. Wenn allzu viele die preisgünstige Versicherung in Anspruch nehmen, meint ein Experte der Arbeiterkammer, könnte hier wieder der Rotstift angesetzt werden ...

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