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Die Zukunft ist weiblich! Alles bestens?

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Die Zukunft ist bekanntlich weiblich - wenigstens grammatisch. Aber das sagt nichts darüber aus, ob es eine gute oder eine schlechte Zukunft sein wird. Man kann allerdings ein bißchen phantasieren: Wie werden sich aufgrund der gegenwärtigen Fakten und Trends die Dinge für die Frauen entwickeln? Das wird die Furche in dieser und folgenden Nummern versuchen.

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Die Zukunft ist bekanntlich weiblich - wenigstens grammatisch. Aber das sagt nichts darüber aus, ob es eine gute oder eine schlechte Zukunft sein wird. Man kann allerdings ein bißchen phantasieren: Wie werden sich aufgrund der gegenwärtigen Fakten und Trends die Dinge für die Frauen entwickeln? Das wird die Furche in dieser und folgenden Nummern versuchen.

Frauen sind in vielen Lebensbereichen diskriminiert und be-nachteiligt - wie seit 6000 Jahren oder länger. Jedenfalls berichtet schon die Bibel (Buch des Levitikus), daß Arbeiterinnen einen Wert von 30 Silberschekel repräsentierten, männliche Arbeiter hingegen einen von 50 Schekel. Viel hat sich also nicht geändert. Nach wie vor erhalten Frauen für die gleiche Arbeit deutlich geringeren Lohn als Männer. Wie wird es in 6000 weiteren Jahren aussehen?

Legt man das derzeitige Tempo der Aufhebung solcher Ungleichheiten zugrunde und nimmt an, daß sich die Entwicklung linear weiter so wie bisher gestalten wird, dauert es bis ins Jahr 2200, bevor gleiche Arbeit gleich bezahlt wird - und auch das nur in der sogenannten zivilisierten Welt.

So weit in die Zukunft wollen die Autorinnen des Buches "The Futures of Women - Scenarios for the 21st Century", Pamela McCorduck und Nancy Ramsey, gar nicht gehen.

Es genügt schon die Vorschau um nicht einmal 20 Jahre, bis zum Jahr 2015, um vier Szenarien hervorzubringen, die alle auf der Gegenwart beruhen, die alle mit denselben seriösen wissenschaftlichen Methoden erstellt wurden, die aber gegensätzlicher nicht sein könnten.

Die Prognosen schwanken zwischen einer für Frauen und ihre Rechte katastrophalen Zukunft, einem Rückschlag in unwiderruflich vergangen geglaubte krasse männliche Dominanz, und der Vorhersage eines "goldenen Zeitalters", in dem endlich die Vernunft - eine "weibliche" Vernunft - anerkannt werde, eines Zeitalters, in dem es weniger bis gar keine Kriege mehr geben soll, in dem Achtung und Respekt zwischen den Generationen und vor allem zwischen den Geschlechtern den Umgangston prägen würden.

Dazwischen gibt es Abstufungen: Möglicherweise wird es gar keine Entwicklung im Sinn von Verbesserung oder Verschlechterung geben, und die Bedingungen bleiben im Wesentlichen wie sie sind, oder aber es kommt dazu, daß Männer und Frauen in immer mehr Bereichen getrennte Wege gehen.

Nun könnte man meinen, Futurologie auf solcher unsicheren Basis könne nicht seriös sein.

Wenn geradezu gegensätzliche Prognosen gestellt werden, wie kann man derartige Methoden der Zukunftsschau ernst nehmen?

Szenarien aber, so betonen die beiden amerikanischen Sozialwissenschafterinnen, seien nicht dazu da, einen Blick in die Zukunft zu tun! Sie sind vielseitige Annäherungen an das Kommende, die weniger künftige Fakten beleuchten als uns vielmehr auf das Unerwartete vorbereiten.

Es ist naiv zu denken, daß alles besser wird "Je besser Zukunfts-Szenarien sind", so McCorduck und Ramsey, "umso tiefere Einblicke lassen sie uns in die Gegenwart machen!"

Und daher könne man mit Sicherheit sagen, daß die "offizielle Zukunft" nicht kommen werde: "Offizielle Zukunft", das ist die weitverbreitete, naive Annahme, Frauenrechte und Gleichheit, vernetztes Denken und Handeln sowie überhaupt mehr Gerechtigkeit in der Welt, müßten sich weiterverbreiten, "weil sich die Entwicklung nicht mehr aufhalten läßt", "weil man das Rad nicht zurückdrehen kann", oder, noch naiver, "weil wir es schon längst verdienen, und man es uns nicht länger vorenthalten kann".

Diese "offizielle Zukunft" werde nicht kommen, weil ihre Vorhersage auf linear weitergedachten Bedingungen der Gegenwart beruhen, die sich nicht ad infinitum weiter voraussetzen lassen. Beispiel: 1970 waren von allen Topmanagern in den USA 99 Prozent männlich. Ein Vierteljahrhundert später waren "nur" mehr 95 Prozent Männer unter den Top-Entscheidungsträgern. Auf diese Weise, in diesem Tempo wird es bis 2270 dauern, bevor Gleichheit erreicht sein wird.

Im amerikanischen Kongreß waren 1950 zwei Prozent Frauen unter den gewählten Delegierten. Mitte der neunziger Jahre waren es immerhin schon sechs Prozent - nicht vor dem Jahr 2500 wird das Geschlechterverhältnis gleich sein.

Wird es das? Eine Studie der Inter-Parlamentarischen Union besagt, daß weltweit der Anteil von Frauen unter den gewählten Volksvertretern seit dem Zusammenbruch der kommunistischen Staaten um fast ein Viertel zurückgegangen ist, vor allem dort, wo demokratisch gewählt wird.

Schlimmer noch: In Norwegen beispielsweise wird das Adjektiv "feminisiert", also etwa: "verweiblicht", als abwertendes Schimpfwort verwendet. Wer sich für Gleichberechtigung ausspricht, gilt als "feminisiert" und wird sozial und politisch an den Rand gedrängt.

Abgesehen von den reinen Zahlen: Gleichberechtigung auch auf jenem Gebiet, das für die Geschlechterungleichheit am aussagekräftigsten ist, der Sexualität, ist weltweit nirgendwo auch nur näherungsweise erreicht.

Vor solchem Hintergrund ist es verständlich, wenn Politikerinnen nach "Quoten" rufen. Anliegen gesellschaftlich schwacher Gruppen, wie die Frauen eine sind, können offenbar nur unter dem Druck verbindlicher Quotenregelungen durchgesetzt werden.

Verständlich aber auch, wenn viele (meistens Männer) sich über die Quoten entweder lustig machen oder sich (oder beides zugleich) dadurch bedroht fühlen.

Sigmund Freuds berühmtes Wort: "Die Stimme der Vernunft ist leise" gilt hier in besonderem Maße.

Apropos Vernunft: Gibt es "weibliche Vernunft"? Ist Vernunft an sich nicht eine objektive Größe?

Nein. Auch Vernunft, also die Wertung, welches Verhalten als vernünftig gelten soll, unterliegt gesellschaftlicher Regelung. Gerade die jüngste Debatte über die sogenannte "emotionale Intelligenz" belegt das deutlich. Frauen und Männer haben nicht nur unterschiedliche und oft für ihr Geschlecht typische Ziele, sie denken auch anders. Das gilt hirnphysiologisch ebenso wie seelisch und geistig. Frauen neigen zu stärker vernetztem Denken, sie beziehen viel häufiger als Männer es tun die Beziehungsaspekte in Diskussionen und Gesprächen ein. Was Männern "unlogisch" erscheint, ist oft eine höhere Wertigkeit des Gefühls und der persönlichen Beziehungen.

Doch zurück zu den Szenarien der Zukunft der Frau.

Sündenböcke für die Wirtschaftskrise Szenario Eins: "Rückschlag" (auf englisch backlash) nennen die Autorinnen diese Vision. Eine weltweite Wirtschaftskrise führt dazu, daß Frauen gesellschaftlich zu Sündenböcken erklärt werden. Ihre "Ansprüchlichkeiten" hätten zu dieser Krise geführt. Frauen sind die letzten gewesen, die adäquate Arbeitsplätze gefunden haben, jetzt sind sie die ersten, die sie wieder verlieren. Immigrantenwellen überschwemmen die industrialisierten Länder. In Ländern wie Indien und China nehmen die seriellen Morde an weiblichen Neugeborenen stark zu, sofern sie nicht schon im Frühstadium der Schwangerschaft abgetrieben werden. Politiker und Fundamentalisten aller Glaubensrichtungen beschuldigen Frauen, die geregelten gesellschaftlichen Institutionen mit ihren Forderungen nach Selbständigkeit zu gefährden. Westliche Frauen, die sich daran erinnern, wie sie einst Gleichheit für Frauen forderten, empfinden das Geschehen wie einen Traum, der mit dem Erwachen endet.

Goldenes Zeitalter der Gleichwertigkeit Szenario Zwei: "Ein goldenes Zeitalter der Gleichwertigkeit". Das paradiesische Gegenstück zu Nummer Eins. Warum es zu einem gänzlichen Umdenken kommen soll, können die Autorinnen nicht begründen. Sie verweisen aber auf das Modell des "Sandhügels".

Wenn man auf einen Sandhügel, der fest geformt und stabil erscheint, immer mehr Sand häuft, bricht er plötzlich und unerwartet ein. Die Frage, was das letzte, für den Umsturz verantwortliche Sandkorn war, beschäftigt viele Analytiker. Jedenfalls bildet sich eine globale stabile Wirtschaft aus, an der alle prosperieren. Kulturelle Individualität wird geschätzt und gefördert. Ressourcen werden sorgsam und schonend verwendet. Konflikte werden mehr und mehr nicht konfrontativ, sondern "sanft", im Gespräch und unter gegenseitiger Respektierung gelöst. Die Gleichwertigkeit am Arbeitsplatz ist erreicht, und sie hat unter anderem dazu geführt, daß von den Männern viel an Druck genommen werden konnte, die alleinigen "Familienerhalter" zu sein.

Zwei Schritt vorwärts und zwei zurück Szenarien Nummer Drei und Vier: ("Zwei Schritte vorwärts und zwei zurück" sowie "Getrennt - es geht gut, danke!" sind die Fortführung der gegebenen Situation, beziehungsweise die Wegentwicklung der Frauen von der Männerwelt, bei zunehmender Selbständigkeit aus eigenen Gnaden: Sogenannte "Femmunen" bilden sich in allen Bereichen des Globus (abgeleitet vom Begriff "Kommunen"), die ihre eigenen Angelegenheiten selbst regeln - ein politisch in dieser Zahl nie dagewesener Schritt.

Welche Variante ist die wahrscheinlichste? Bilden Sie sich Ihr eigenes Urteil. Wir haben das auch getan. Welche Zukunft könnte ein heute geborenes Mädchen vor sich haben? Aber vergessen Sie nicht: Szenarien lassen tiefe Einsichten in die Gegenwart zu, nicht in die Zukunft!

Die weiteren Artikel in unserer Serie über die Zukunftsaussichten einer Frau malen Bilder, die verschiedene Aspekte der erwähnten Szenarien zum Hintergrund haben - am stärksten wohl die des "Golden Age".

Ob es angebracht ist, so optimistisch zu sein?

The Futures of Women Pamela McCorduck und Nancy Ramsey, Warner Books, 1996, New York. ISBN 0-446-67337-4

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