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"Diese hohen Ansprüche sind einfach nicht zu erfüllen“

"Family Counselor“ Martina Prantner über die Ursachen mütterliche Überforderung, die Probleme vieler Frauen, sich ihre Überlastung einzugestehen - und mögliche Auswege.

Es ist der "ganz normale Wahnsinn“, den Martina Prantners Klientinnen und Klienten Tag für Tag zu Hause erleben - und der sie irgendwann überfordert. Im FURCHE-Interview spricht die Expertin und 36-jährige, dreifache Mutter über ihre Arbeit mit Familien in Krisensituationen.

Die Furche: Frau Prantner, was setzt Mütter heute am meisten unter Druck?

Martina Prantner: Es ist eine Kombination aus vielem. Häufig ist es so, dass die Ansprüche, die die Mütter an sich selbst stellen, zu hoch und einfach nicht zu erfüllen sind. Das Bild der Gesellschaft, wie eine Mutter zu funktionieren hat, macht zusätzlich Druck. Alles zusammen führt dazu, dass Mütter zusammenbrechen - oder psychosomatische Symptome wie Schlaflosigkeit oder Magenbeschwerden entwickeln. Da ist von zusätzlichen Belastungen wie einem kranken Elternteil oder behinderten Kindern noch gar nicht die Rede.

Die Furche: Inwiefern haben sich die gesellschaftlichen Anforderungen an Mütter verschärft?

Prantner: Insofern, als es heute nicht mehr genügt, Mutter und Hausfrau zu sein, sondern dass Mütter zusätzlich arbeiten gehen und wenn möglich Karriere machen sollen. Wenn man in alldem perfekt und nebstbei noch eine gute Partnerin sein will, dann wird es schwierig. Dazu kommt, dass viele Frauen heute kaum familiäre Unterstützung und soziale Netzwerke haben. Gerade Mütter von kleinen Kindern sind oft isoliert und schlittern leicht in ein Erschöpfungssyndrom.

Die Furche: Welche Auswege bieten Sie den Frauen und ihren Familien an?

Prantner: Ich arbeite prinzipiell mit der gesamten Familie, nicht nur mit der überlasteten Mutter. Die erste Frage lautet: Wird die Belastung überhaupt erkannt? Oft kommen die Mütter ja nur zu mir, weil das Kind in einem Bereich nicht mehr "funktioniert“. Doch dann wird schnell deutlich, dass die Mutter völlig überlastet ist. Man muss sich aber genau überlegen, wie man diesen Umstand anspricht, ohne dass sich die Frau in ihrem Selbstwert angegriffen fühlt. Viele Frauen werden ja ohnehin längst kritisiert, weil sie vieles nicht mehr schaffen. In einem zweiten Schritt schaue ich mir an, wie schlimm die Situation schon ist. Bei manchen Müttern ist sie so akut, dass man sofort Entlastung schaffen und das verbliebene Netzwerk aktivieren muss: Kann sich der Vater Urlaub nehmen, damit sich die Mutter eine Auszeit nehmen kann? Gibt es Großeltern, Tanten, Onkeln? Kann das Kind zu einer Tagesmutter? Mittelfristig geht es für die Mutter aber darum, an den eigenen hohen Ansprüchen zu arbeiten. Ich versuche, die Kompetenz der Frauen zu stärken, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. Viele Frauen sind so sozialisiert, dass sie nur auf ihre Familie schauen. Doch ebenso wichtig ist, sich zu fragen: Was will ich eigentlich? Was tut mir gut?

Die Furche: Inwiefern kann eine künstliche Befruchtung im Vorfeld zu einer zusätzlichen Belastung werden?

Prantner: Insofern, als es Frauen, die sich so sehr ein Kind gewünscht haben, noch schwerer fällt, sich ihre Belastung oder ihre möglichen negativen Gefühle gegenüber ihrem Kind einzugestehen. Auch bei traumatischen Geburten ist es oft so, dass die betroffenen Mütter eine derartige Symbiose mit ihren Kindern eingehen, dass die ganze Verantwortung auf ihnen lastet. Das ist ein massives Thema in unseren Beratungen.

Die Furche: Was können generell die Väter tun, um ihre Partnerinnen zu entlasten?

Prantner: Die Väter können nicht alles übernehmen, schließlich befinden sie sich selbst oft am Rande des Burn-outs. Aber sie sollten sich bestmöglich einbringen und zu erkennen versuchen, ob die Familie Hilfe braucht. Für die Frauen selbst ist es oft schwer, sich einzugestehen, dass sie an ihre Grenzen gestoßen sind. Wenn da jemand sieht, dass es nicht mehr geht, dann ist schon viel getan.

Die Furche: Was müsste sich gesellschaftlich ändern, damit Mütter und Väter weniger unter Druck geraten?

Prantner: Es müsste mehr Zusammenhalt geben. Der Spruch "Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen“ kommt nicht von ungefähr. Ich würde mir wünschen, dass es in den Gemeinden mehr Nachbarschaftshilfe gibt, Babysitterdienste, Gesprächs- und Spielgruppen, wo Mütter und Väter Netzwerke bilden und sich austauschen können.

Die Furche: Sie selbst haben drei Kinder zwischen acht und drei Jahren und arbeiten nebenbei. Wie geht das ohne Überlastung?

Prantner: Jede Mutter würde lügen, wenn sie behaupten würde, sie sei noch nie am Rande des Zusammenbruchs gewesen. Aber ich bin Gott sei Dank so erzogen worden, dass ich gut auf mich aufpassen kann. Und wenn ich an meine Grenzen gekommen bin, habe ich einen Mann gehabt, der mir gesagt hat: Mach wieder etwas für dich! Ich habe auch in meinen Alltag immer wieder Zeiten für mich eingeplant. Und schließlich gibt es da noch die Hoffnung aller Eltern kleiner Kinder, dass es jeden Tag ein bisschen leichter wird!

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